Dänischer Gesamtstaat

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Dänischer Gesamtstaat Ende des 18. Jhs.
Dänischer Grenzstein aus dem Jahr 1827 im heutigen Kreis Pinneberg

Der dänische Gesamtstaat (dänisch helstaten) bestand etwa von 1773 bis zur Niederlage Dänemarks im Zweiten Schleswigschen Krieg am 30. Oktober 1864. Der Name „Gesamtstaat“ verweist auf den Charakter einer durch Personalunion sowie durch Elemente eines durch eine gemeinsame, institutionalisierte Regierung zusammengefassten Herrschaftsgebiets, das in der Regel eine kulturell, sprachlich und/oder konfessionell unterschiedliche Bevölkerung umfasst. Im dänischen Gesamtstaat lebten zwischen 1773 und 1864 Dänen, Norweger, Sami, Isländer, Färinger, Deutsche, Nordfriesen und Inuit (Grönländer). Es handelte sich somit um einen Vielvölkerstaat.

Gebiete[Bearbeiten]

Der dänische Gesamtstaat umfasste − zum Teil nur zeitweilig − neben dem Königreich Dänemark als eigentlichem Kernland die folgenden Gebiete:

Norwegen war bereits seit 1380 mit Dänemark in einer Personalunion verbunden. Durch den Kieler Frieden verlor Norwegen seinen Besitz der Färöer-Inseln, von Island sowie von Grönland an Dänemark. Dadurch gehörten diese Gebiete weiterhin zum dänischen Gesamtstaat.

Die Herzogtümer waren staatsrechtlich keine Teile des Königreiches Dänemark, sondern sie wurden vom dänischen König jeweils als Herzog regiert; sie waren mit dem Königreich lediglich in einer Personalunion verbunden. Das Herzogtum Holstein gehörte als deutsches Lehen nach wie vor zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, während das Herzogtum Schleswig ein königlich-dänisches Lehen blieb. Nach der Auflösung des Reiches im Jahre 1806 erließ der dänische König ein Inkorporationspatent, das Holstein de jure an das Königreich Dänemark anschloss. Aber ebenso wie ein 1713/21 ausgesprochenes Inkorporationspatent für das Herzogtum Schleswig, blieben beide Einverleibungen faktisch wirkungslos, weil man Schleswig und Holstein stets getrennt vom Königreich verwaltete und der König auf seine Titulaturen als Herzog von Schleswig und Holstein nicht verzichtete. Als 1815 der Deutsche Bund als Nachfolgeorganisation des Reiches gegründet wurde, bildeten die Herzogtümer Holstein und Lauenburg Bestandteile desselben. Schleswig blieb in einer Zwischenstellung, die seine gemischte kulturelle Zusammensetzung aus dänisch-, friesisch- und deutschsprachiger Bevölkerung widerspiegelte: Das Herzogtum gehörte weder zum Deutschen Bund noch zum eigentlichen Königreich Dänemark. Der dänische König war in seiner Eigenschaft als Herzog von Holstein und Lauenburg ein deutscher Bundesfürst. In Schleswig dagegen war er als König und Herzog Lehnsherr und Vasall in einer Person. Versuche von deutscher Seite, das Herzogtum Schleswig trotz der dänischen Lehenshochheit mit Holstein zu einem gemeinsamen Staat innerhalb des Deutschen Bundes zu verbinden, scheiterten ebenso wie Versuche von dänischer Seite, Schleswig trotz der im Vertrag von Ripen forumulierten Unteilbarkeit der beiden Herzogtümer verfassungsrechtlich näher an Dänemark zu binden. Nach dem Schleswig-Holsteinischen Krieg (auch 1. Schleswigscher Krieg) untersagte das von den Alliierten unterzeichnete Londoner Protokoll von 1852 sowohl den unmittelbaren Anschluss Schleswigs an Dänemark als auch die Bildung eines deutschen schleswig-holsteinischen Staates. Die Integrität des dänischen Gesamtstaates wurde als „europäische Notwendigkeit und ständiges Prinzip“ festgehalten.

Die Herzogtümer Schleswig (als dänisches Reichslehen) sowie Holstein und Lauenburg (als deutsche Reichslehen bzw. ab 1815 Mitgliedsstaaten des Dt. Bundes).

Dennoch wurde das Londoner Protokoll mit der Annahme der sogenannten Novemberverfassung aus dem Jahr 1863, die Schleswig verfassungsrechtlich stärker an Dänemark band als Holstein, gebrochen. Bereits 1858 hatte der Deutsche Bundestag in Frankfurt die zuvorige Gesamtstaatsverfassung für das Gebiet des Herzogtums Holstein außer Kraft setzen lassen. Den Bruch des Londoner Protokolls nahm schließlich der Deutsche Bund zum Anlass einer Bundesexekution gegen das Herzogtum Holstein im Dezember 1863, auf die im Februar 1864 schließlich der Deutsch-Dänische Krieg zwischen Preußen und Österreich auf der einen und Dänemark auf der anderen Seite folgte, infolge dessen der dänische Gesamtstaat sein Ende fand.

Der kleine und über drei Kontinente verstreute Kolonialbesitz wurde im Wesentlichen im späten 17. Jahrhundert erworben. Zumeist erschlossen private oder halbstaatliche Kolonialgesellschaften die Gebiete, die dann im Laufe des 18. Jahrhunderts der Krone direkt unterstellt wurden und damit Teil des Gesamtstaates wurden. Die afrikanischen und indischen Kolonien wurden 1845/50 an Großbritannien verkauft, die karibischen Inseln gingen 1917 an die USA und bilden heute die Amerikanischen Jungferninseln.

Verwaltung[Bearbeiten]

Die Verwaltung der Reichsteile erfolgte zentral in Kopenhagen: zum einen durch die Dänische Kanzlei in dänischer Sprache für das Königreich Dänemark und Norwegen, zum anderen durch die Deutsche bzw. Schleswig-Holstein-Lauenburgische Kanzlei in deutscher Sprache für die Herzogtümer. In Norwegen selbst gab es – von einer Bergbauverwaltung und provisorischen Behörden während des Krieges von 1807–1814 abgesehen – keine eigenständige Verwaltung auf höherer Ebene. In Schleswig und Holstein hingegen gab es in Gestalt des Gottorfischen Obergerichts für Schleswig und der Kanzlei in Glückstadt für Holstein eigene Regionalverwaltungen, die 1832/34 mit einem gemeinsamen Oberappellationsgericht sogar eine gemeinsame „schleswig-holsteinische“ Oberbehörde bekamen.

Geschichte der territorialen Entwicklung[Bearbeiten]

Siehe auch: Dänemark-Norwegen

Das Königreich Dänemark[Bearbeiten]

Hauptartikel: Geschichte Dänemarks

Das Königreich Norwegen und die Beilande (Island, Grönland, Färöer)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Geschichte Norwegens

Die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg[Bearbeiten]

Die Herzogtümer Schleswig und Holstein sind um 1650 in zahlreiche Anteile aufgespalten, die größten Anteile sind die königlichen und herzoglichen (Gottorfer) Anteile.

Schon im Vertrag von Ripen aus dem Jahr 1460 war festgeschrieben, dass der dänische König zugleich Herzog von Schleswig und Holstein sein sollte. Das dänische Lehen Schleswig regierte der König hierbei sowohl als Lehnsherr als auch als Vasall. Im deutschen Lehen Holstein unterstand er als Vasall jedoch dem römisch-deutschen Kaiser. Weil es jedoch 1490 und 1544 innerhalb der beiden Herzogtümer mehrmals zu Landesteilungen (genannt sei vor allem die Entstehung des Gottorfer Herzogshauses mit Anteilen in beiden Herzogtümern) kam, war die Arrondierung des Gesamtstaats eines der größten politischen Ziele des dänischen Reichs während des 18. Jahrhunderts. Solange dies nicht gelungen war, spricht man von der dänischen Gesamtmonarchie auch als „Konglomeratstaat“, der im Gegensatz zum Gesamtstaat weder über ein weitgehend zusammenhängendes Territorium noch über eine ungeteilte Landesherrschaft und eine moderne Verwaltung verfügte.

Um diesem Ziel näherzukommen, wurden die zahlreichen schleswig-holsteinischen Zwergherzogtümer der Sonderburger Linien im Falle eines ausbleibenden männlichen Erben nicht mehr als neues Lehen vergeben oder durch Erbverträge eingezogen. Das nördliche Gebiet des Fürstentums Schleswig-Holstein-Gottorf, die Besitzungen im Herzogtum Schleswigs, wurden infolge des Großen Nordischen Krieges bereits 1720 dem Reich angegliedert, faktisch aber weiterhin als eigenständiges Territorium im gesamtdänischen Staatsverband verwaltet. Die südlichen Besitzungen Gottorfs in Holstein kamen durch den Vertrag von Zarskoje Selo 1773 hinzu. Eine wesentliche konstruktive Rolle in der Gründung des Gesamtstaates hatte Andreas Peter von Bernstorff übernommen.

Auch die Grafschaft Rantzau wurde nach einem dortigen Familienstreit besetzt und dann ab 1726 durch Dänemark verwaltet.

Das Herzogtum Sachsen-Lauenburg kam 1814 an den Gesamtstaat. Bis dahin hatte es während der napoleonischen Kriege mehrmals den Besitzer gewechselt: Ursprünglich (seit 1689) gehörte es zu Kurhannover, war dann aber zeitweilig preußisch und sogar kaiserlich-französisch gewesen. Der Wiener Kongress sprach das Gebiet Preußen zu, das es 1814/15 im Tausch für das ehemalige Schwedisch-Vorpommern an den dänischen Gesamtstaat übergab.

Historische Einordnung[Bearbeiten]

Historisch kann der dänische Gesamtstaat in die Epoche des aufgeklärten Absolutismus und des Merkantilismus eingeordnet werden. Bereits 1660/65 war es dem dänischen König gelungen, den Absolutismus durch die sogenannte lex regia („Königsgesetz“) gesetzlich zu verankern. Im späten 18. Jahrhundert entwickelte sich das System hin zu einem „meinungsgesteuerten Absolutismus“ wie der norwegische Historiker Jens Aarup Seip es beschrieb: Der König verließ sich dabei stark auf einen engen Kreis von Beratern, die ihrerseits über persönliche Kontakte und informelle Verflechtungen durch Clubs, Lesegesellschaften und Vereine das Meinungsbild des politisch wichtigen Bürgertums in die Regierung miteinbrachten. Bis etwa 1800 wurden so viele Reformen im Gesamtstaat umgesetzt, wie 1788/1805 die Abschaffung der Schollenbindung (Leibeigenschaft) im Königreich bzw. den Herzogtümern. Die Zeit zwischen 1800 und 1815, in der der Gesamtstaat in die napoleonischen Kriege involviert war, führten zu vielfachen politischen und wirtschaftlichen Krisen. Antworten darauf erhofften sich danach viele politische Akteure zunehmend von der Gründung eines Nationalstaates. Die beginnenden Nationalitätenkonflikte zwischen Deutschen und Dänen in Schleswig oder Südjütland im frühen 19. Jahrhundert und letztlich der Verlust Schleswigs und Holsteins 1863/64 markieren dann das Ende des Gesamtstaates und den Beginn des modernen Nationalstaates Dänemark sowie nach 1864/71 eines deutschen „Schleswig-Holstein“ im Verband des preußisch-deutschen Kaiserreiches.

In der Zeit des Gesamtstaates wurden in den Herzogtümern Schleswig und Holstein der Eiderkanal (1777 bis 1784), die Altona-Kieler Chaussee (1830-32) sowie die Eisenbahnlinie Kiel-Altona (1843/44) gebaut. Diese infrastrukturellen Projekte sowie zahlreiche Anstöße zur Entwicklung frühindustrieller Strukturen kennzeichnen den dänischen Gesamtstaat zugleich als Prototypen eines europäischen Staatswesens auf dem Weg in die Moderne.

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert Bohn: Geschichte Schleswig-Holsteins. (= Beck'sche Reihe. C.-H.-Beck-Wissen 2615). Beck, München 2006, ISBN 3-406-50891-X.
  • Eva Heinzelmann, Stefanie Robl, Thomas Riis (Hrsg.): Der dänische Gesamtstaat. Ein unterschätztes Weltreich? (= The Oldenbourg Monarchy). Ludwig, Kiel 2006, ISBN 3-937719-01-6.
  • Ulrich Lange (Hrsg.): Geschichte Schleswig-Holsteins. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wachholtz, Neumünster 1996, ISBN 3-529-02440-6.
  • Jan Schlürmann: 1864 und das Ende des Gesamtstaates. Überlegungen zur Bedeutung struktureller und ideologischer Transformationsprozesse im späten dänisch-deutschen Gesamtstaat 1848–1864. In: Carsten Jahnke, Jes Fabricius Møller (Hrsg.): 1864 – og historiens lange skygger. Den dansk-østrigsk-preussiske krig i 1864 og dens betydning i dag. (= 1864 – und der lange Schatten der Geschichte). Ihleo-Verlag, Husum 2011, ISBN 978-3-940926-18-0, S. 209–226.
  • Jan Schlürmann: Eider und Eiderkanal im Wirtschaftsnetz des dänischen Gesamtstaates, 1784-1863. In: 1200 Jahre deutsch-dänische Grenze. Tagungsband. Hrsg. von Steen Bo Frandsen, Martin Krieger u. Frank Lubowitz. Neumünster 2013. ISBN 978-3-529-02865-6, S. 197-207.
  • Jan Schlürmann: Schleswig-Holstein und Norwegen. Zu Gemeinsamkeiten der beiden äußersten Ränder des dänischen Gesamtstaates zwischen 1772 und 1814. In: Der Kieler Frieden 1814, hrsg. von Sonja Kinzler, Neumünster: 2013. ISBN 978-3-529-02998-1, S.100-106.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]