Sonderauftrag Linz

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Der Sonderauftrag Linz war eine von Adolf Hitler persönlich eingesetzte und ihm direkt unterstellte informelle Organisation, die den Auftrag hatte, Kunstwerke für ein von Hitler in Linz an der Donau geplantes Museum, das Führermuseum zusammenzutragen. Kunstwerke, die für das Führermuseum nicht gebraucht wurden, wurden auch an andere Galerien des Deutschen Reichs abgegeben.

Erster Leiter und prägende Gestalt war der langjährige Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, Hans Posse, weshalb der Sonderauftrag Linz organisatorisch an die Gemäldegalerie in Dresden angebunden war und auch dort seinen Verwaltungssitz hatte. Nach Posses Tod im Dezember 1942 übernahm der Gemäldeexperte Hermann Voss (1884-1969) dessen Aufgaben als Galerieleiter in Dresden und als Sonderbeauftragter für das Führermuseum. Feste Mitarbeiter des Sonderauftrages Linz waren unter anderem die Kunsthistoriker Gottfried Reimer, Robert Oertel und Erhard Göpel. Ein großer Teil der gesammelten Kunstgüter wurde ihren Eigentümern gewaltsam geraubt: Nach dem Anschluss Österreichs (März 1938) wurden sie beschlagnahmt. Für Kunstwerke in jüdischem Besitz wurde die Regelung erlassen, dass sie nur bis zu einem Preis von 1000 Mark frei verkauft werden durften; dadurch verfielen die Preise und von freien Verkäufen konnte nicht mehr die Rede sein.[1] Viele Juden tätigten Notverkäufe.

Aufbau der Sammlung[Bearbeiten]

Hitlers Auftrag an seinen Sonderbeauftragten bestand darin, in einem ersten Schritt aus einer von ihm persönlich zusammengetragenen Gemäldesammlung eine Auswahl für Linz zu treffen, um diese dann in einem zweiten Schritt durch beschlagnahmte Gemälde auszubauen und in der Folge durch Ankäufe auf dem europäischen Kunstmarkt zu einer Museumssammlung mit systematischem Anspruch zu ergänzen. Posse trat seine Aufgabe zum 1. Juli 1939 an. Als er im Dezember 1942 starb, hatte er 1200 Gemälde für das Führermuseum zusammengetragen. Da die Gemälde in verschiedenen Depots lagerten, wurde der geplante Linzer Galeriebestand in einem vielbändigen Fotokatalog (Titel Gemäldegalerie Linz) für Hitler dokumentiert. Diese Fotoalben sind bis zum Tod von Posse die maßgebliche Bildquelle zum Bestand der Gemäldegalerie.[2][3] Die Linzer Gemäldesammlung sollte einen Überblick über die europäische Malereigeschichte mit einem Schwerpunkt in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts geben, so wie Hitler diese definierte und es seinem persönlichen Interesse entsprochen hat.

Im Juli 1939 inspizierte Posse die nach dem Anschluss Österreichs in Österreich beschlagnahmten Kunstwerke aus jüdischem Eigentum im Zentraldepot in der Wiener Hofburg. Im selben Monat wurde er mit der Verteilung der gesamten Raubkunst auf die Landes- bzw. Gaumuseen des ehemaligen Österreich beauftragt. Über die Raubkunstbestände hatte sich Hitler mit dem sogenannten Führervorbehalt vom 18. Juni 1938 die alleinige Verfügungsgewalt eingeräumt. Er wollte mit den Kunstwerken zunächst die öffentlichen Museen des Deutschen Reichs und später geplante Museen in den okkupierten Ostgebieten bestücken. Dieses Kunstverteilungsprogramm führte man in Österreich durch; für die übrigen Teile des Deutschen Reichs verschob man die Maßnahmen auf die Nachkriegszeit. Dennoch prägte es die Arbeit des Sonderauftrags mehr und mehr: Posse kaufte ganze Kunstsammlungen an, zum Beispiel die Sammlung Lanz oder die Sammlung Fritz Mannheimer. Zu den niederländischen Kunsthändlern, die mehrere Werke an den Sonderauftrag Linz verkauften, zählten die Kunsthändler Frederic Müller & Co., Gustav Cramer und M.H.H. Franssen sowie der jüdische Kunsthändler Kurt Walter Bachstitz[4] und die Kunsthändler Nathan und Benjamin Katz.[5]

Dabei war Posse selten vor Ort, sondern er bediente sich verschiedener Kunsthändler. Der Haupthändler für Posse war Karl Haberstock. Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) beschlagnahmte ab 1941 Kunstsammlungen von jüdischen Eigentümern in Frankreich, die sodann Hitlers und auch Goerings Verfügung unterlagen und im Verlauf des Krieges teilweise in den Bestand des Sonderauftrags eingingen.

Der Entwurf des Gebäudekomplexes zur Unterbringung der Sammlung wurde unter der Leitung von Albert Speer geliefert. Dazu zählten neben dem Museumsbau als „Führermuseum“ auch ein Theater, ein Paradeplatz, eine Bibliothek und ein eigenes „Führerhotel“ umgeben von riesigen Boulevards.[6]

Im Dezember 1942 starb Posse an einer Krankheit. Zu seinem Nachfolger als Galerieleiter in Dresden und Sonderbeauftragter wurde auf Empfehlung Posses durch Entscheid Hitlers der Direktor der Gemäldegalerie des Nassauischen Landesmuseums Hermann Voss ernannt, der seinen Dienst offiziell Anfang März 1943 antrat. Da Voss sich nicht so gut mit Haberstock verstand, wurde unter seiner Ägide Hildebrand Gurlitt der Hauptkunsthändler für den Sonderauftrag Linz. Dessen Arbeitsgebiet war hauptsächlich Paris, wo es auf Grund der Beraubung von Juden, die verfolgt und deportiert wurden, mannigfache Gelegenheit gab, Raubkunst für den Sonderauftrag Linz zu beschaffen.

Deponierung[Bearbeiten]

Ursprünglich sollte der Führerbau in München als Depot für die Kunstwerke dienen. Dahinter stand die Absicht, Hitler eine bequeme Besichtigung und Kontrolle zu ermöglichen. Angesichts der schnell wachsenden Bestandszahlen mussten jedoch ab 1940 zusätzliche Depots eingerichtet werden, und zwar vornehmlich im Gau Oberdonau, der als der „Luftschutzkeller des Deutschen Reiches“ galt. Man fand sie in den von den Nationalsozialisten enteigneten Stiften Kremsmünster und Hohenfurth/Vyšší Brod. Mit der Eskalation des Bombenkrieges wurden Luftschutzmaßnahmen für die Kunstdepots nötig, gleichzeitig intensivierte sich die Suche nach einem bombensicheren Zentraldepot, das man Ende 1943 im Bergungsort Salzbergwerk Altaussee fand.

Das Kunstdepot wurde im Mai 1945 von der U.S. Army beschlagnahmt, die Kunstwerke in den folgenden Monaten nach München in den Central Collecting Point gebracht. Hier setzte der schwierige Prozess der Rückgabe ein, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Von den etwa 4700 Werken sind 567 nachweislich beschlagnahmtes jüdisches Eigentum aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Tschechien, Polen und Russland. Weitere etwa 1000 Gemälde stammen aus Zwangsverkäufen oder wurden von NS-Dienststellen eingeliefert. Etwa 3200 Objekte wurden über den Kunsthandel oder über Privatkäufe erworben, auch diese stammen zu einem unbekannten Teil aus Sammlungen, die unrechtmäßig entzogen oder als sogenanntes „Fluchtgut“ unter Zwang verkauft werden mussten.[7]

Online-Datenbank[Bearbeiten]

Das Deutsche Historische Museum (DHM) erstellte in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen eine Bild-Datenbank mit 4731 Bildern, Skulpturen, Möbeln, Porzellanarbeiten und Tapisserien. Diese Zusammenführung von Fotos der Gegenstände und dem Karteikartenbestand des DHM ist seit August 2008 vollständig im Internet verfügbar.[8]

Sonstiges[Bearbeiten]

Jener Raupenschlepper Ost, der die Kunstschätze des Kunsthistorischen Museums, die für das Führermuseum bereitgestellt worden waren, ins Salzbergwerk Altaussee transportierte, ist heute im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum (in der projektierten Gebirgsausführung) ausgestellt.[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Kubin: Sonderauftrag Linz. Die Kunstsammlung Adolf Hitler. Aufbau, Vernichtungsplan, Rettung. Ein Thriller der Kulturgeschichte. ORAC Buch- und Zeitschriftenverlag, Wien 1989, ISBN 3-7015-0168-8
  • Birgit Schwarz: Hitlers Museum. Die Fotoalben Gemäldegalerie Linz – Dokumente zum „Führermuseum“. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 2004, ISBN 3-205-77054-4
  • Hanns Christian Löhr: Das Braune Haus der Kunst, Hitler und der „Sonderauftrag Linz“. Visionen, Verbrechen, Verluste. Akademie-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-05-004156-0
  • Birgit Schwarz: Sonderauftrag Linz und „Führermuseum“. In: Inka Bertz; Michael Dorrmann (Hg.): Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Wallstein Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0361-4
  • Birgit Kirchmayr: „Kulturhauptstadt des Führers“? Anmerkungen zu Kunst, Kultur und Nationalsozialismus in Oberösterreich und Linz. In: Birgit Kirchmayr (Hg.): „Kulturhauptstadt des Führers“ Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. (Ausstellungskatalog der Oberösterreichischen Landesmuseen), Verlag für Literatur, Kunst und Musikalien, Linz 2008, S. 33–58, ISBN 978-3-85252-967-7
  • Birgit Schwarz: Geniewahn: Hitler und die Kunst, Böhlau Verlag, Wien 2009 ISBN 978-3-205-78307-7
  • Kathrin Iselt: Sonderbeauftragter des Führers. Der Kunsthistoriker und Museumsmann Hermann Voss (1884-1969), Böhlau Verlag Köln 2010 ISBN 978-3-412-20572-0[10]
  • Hanns Christian Löhr: Hitlers Linz, Der „Heimatgau des Führers“, Links Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86153-736-6

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sonderauftrag Linz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Theodor Brückler (Hrsg.): Kunstraub, Kunstbergung und Restitution in Österreich 1938 bis heute. Böhlau Wien 1999, ISBN 978-3205989264, S. 19 (Seite 15, Fußnote 13)
  2.  Birgit Schwarz: Hitlers Museum. Die Fotoalben Gemäldegalerie Linz. Dokumente zum „Führermuseum“. Böhlau, Wien 2004, ISBN 3-205-77054-4, S. 27ff.
  3.  Birgit Schwarz: Hitlers Galerie zwischen Buchdeckeln: Die Fotoalben „Gemäldegalerie Linz“. In: Recollecting. Raub und Restitution. Begleitbuch zur Ausstellung im MAK Wien 2008/2009. Passagen Verlag, Wien 2009, S. 151.
  4. Hanns Christian Löhr, Das Braune Haus der Kunst: Hitler und der "Sonderauftrag Linz" : Visionen, Verbrechen, Verluste. Akademie-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-05-004156-0
  5. Niederländische Restitutie Commissie RC 1.90 B[1], abgerufen am 8. August 2014
  6. Das „Führermuseum“
  7. Deutsches Historisches Museum: Linzer Sammlung, Datenbank, abgerufen am 11. August 2011
  8. DHM-Pressemitteilung vom 31. Juli 2008: Die Datenbank „Sammlung des Sonderauftrages Linz“ ist online.
  9. Manfried Rauchensteiner, Manfred Litscher (Hg.): Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien. Graz, Wien 2000 S. 82.
  10. FAZ vom 9. Dezember 2010, Seite 34: Ein Kenner für die Sammlung des Führers