Sprachtod

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Der Sprachtod, (auch Linguizid, englisch Linguicide) bezeichnet den Prozess des Sterbens einer Sprache, bis eine Sprache keine Muttersprachler mehr hat. Bei Linguiziden seit dem 16. Jahrhundert, wurde besonders im kolonialen Zusammenhang ein Sprachtod provoziert, indem den Sprechern das Sprechen ihrer Muttersprache verboten wurde.[1][2] In der Literatur wird Sprachtod als eine Form des Ethnozid betrachtet.[3]

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Einzelheiten[Bearbeiten]

Ab dem Moment des endgültigen Sprachtodes unterliegt die nun tote Sprache nicht mehr den normalen Entwicklungen und Veränderungen, die im Laufe der Zeit innerhalb einer Sprache stattfinden; sie wird unveränderlich und starr.

Wenn eine Sprache als tote Sprache angesehen wird, dann bedeutet das nicht unbedingt, dass es niemanden mehr gibt, der imstande wäre, die Sprache zu verstehen. Eine tote Sprache kann gut dokumentiert sein, als Fremdsprache gelehrt und eventuell sogar noch in bestimmten Zusammenhängen mündlich oder schriftlich gebraucht werden. So ist z. B. Latein eine tote Sprache, da es niemanden gibt, der es als Muttersprache spricht. Gleichwohl gibt es aber viele Menschen, die Latein verstehen, weil sie die Sprache als Fremdsprache gelernt haben. Mit gewissen phonologischen Einschränkungen ist es sogar möglich, eine tote Sprache wiederzubeleben, wie z. B. das Kornische oder das Iwrit (Modernes Hebräisch), das über 2000 Jahre nach dem Aussterben des Hebräischen als gesprochene Sprache zur Staatssprache Israels wurde. Wissenschaftler gehen von 6.909 lebenden Sprachen weltweit aus, von denen in diesem Jahrhundert je nach Schätzung zwischen 50 und 90 Prozent verschwinden werden. Allein in Nordamerika sind in den letzten 30 Jahren 51 Sprachen ausgestorben. Vor allem Dialekte kämpfen mit dem drohenden Sprachtod, weswegen ein Aussterben aller Dialekte in Deutschland (eventuell ohne Niederdeutsch und Bairische Dialekte) bis ins nächste Jahrhundert nicht unwahrscheinlich wäre.

Ursachen[Bearbeiten]

Eine Sprache ist vom Aussterben bedroht, wenn sie nicht mehr von Kindern als Muttersprache gelernt wird. Sprachen können auch durch Sprachdrift zu toten Sprachen werden. Langsame Veränderungen einer Sprache sorgen dafür, dass eine oder mehrere neue Sprachen entstehen und die ursprüngliche Sprache zu einer toten Sprache wird.

Dabei muss man zwischen zwei Arten des Sprachtodes unterscheiden:

  • Das Verschwinden einer gesprochenen Sprache, wobei die aus ihr entstandenen Sprachformen weiter leben, zum Beispiel das Latein, das in den romanischen Sprachen weiterlebt.
  • Das Verschwinden einer gesprochenen Sprache, ohne dass aus ihr entstandene Sprachformen weiter leben, zum Beispiel die Koptische Sprache.

Weiterhin ist zu unterscheiden zwischen

  • einem „natürlichen“ Sprachtod, der meist über einen längeren Zeitraum stattfindet und der ohne Maßnahmen abläuft, die den Sprachtod bewusst fördern. Dies dürfte beim Tod vieler Sprachen im Altertum der Fall gewesen sein, die vom Lateinischen verdrängt wurden, da es in der Antike noch keine bewusste Sprachpolitik gab.
  • einem durch eine Reihe von politischen Maßnahmen geförderten Sprachtod, wobei einige Autoren in Fällen, in denen diese Maßnahmen ausschlaggebend für den Sprachtod sind oder waren, von Linguizid („Sprachmord“) sprechen.

Gibt es für eine Sprache fast nur noch Sprecher, die über 50 Jahre alt sind, sowie über „Halbsprecher“ in der Altersgruppe zwischen 25 und 50 Jahren, jedoch über kaum noch Sprecher in der Altersgruppe unter 25 Jahren, so gilt diese Sprache als „moribund“ (todgeweiht), da die Weitergabe der Sprache von Eltern an ihre Kinder kaum noch möglich ist. Selbst wenn es noch tausende oder gar hunderttausende Sprecher in den höheren Altersgruppen gibt, ist das Aussterben der Sprache nur unter Aufbietung aller Kräfte und bei allgemeiner Unterstützung dieser Anstrengungen zu verhindern.

In vielen Fällen ist es schwer zu entscheiden, inwieweit ein natürlicher Sprachtod oder ein „Linguizid“ vorliegt. Sprachen, bei denen politische Maßnahmen zum drohenden Sprachtod wohl eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben, sind das Hawaiische und das moribunde Bretonische.

Folgen und Maßnahmen[Bearbeiten]

Der Verlust von Sprachen kann weitreichende Folgen haben:

  • Der einzelne Sprecher kann sich in vielen Situationen des privaten und öffentlichen Lebens nicht mehr adäquat in seiner Sprache ausdrücken. Er verliert damit auch einen Teil seiner kulturellen und geschichtlichen Identität.
  • Die in einer Sprache speziell immanenten Konzepte von Bezeichnungen und Sicht auf die Welt können untergehen.
  • Jede Sprache stellt einen eigenen „Klangkörper“ und damit ein kulturelles Erbe dar, das verloren gehen kann.

Mittels der Sprachpolitik (für eine spezielle Sprache) bzw. der Sprachenpolitik (für mehrere Sprachen, z.B. innerhalb eines Staates) wird je nach Ausrichtung entweder versucht, Sprachen lebendig zu erhalten oder Sprecher zu benachteiligen. Der Erfolg solcher Maßnahmen hängt jedoch von der Größe der noch vorhandenen Sprecherzahl, ihres politischen Einflusses, finanzieller Möglichkeiten und dem Stadium des Sprachensterbens ab.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Jürgen Sasse: Theory of Language Death, in: Brenzinger: Language Death, New York/ Berlin: Gruyter 1992. (darin ein durchdachtes Modell zur Abfolge des Sprachtodes)
  • K. David Harrison: When Languages Die: The Extinction of the World's Languages and the Erosion of Human Knowledge. Oxford University Press, 2007. ISBN 0195181921

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Sprachtod – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: tote Sprache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Robert Phillipson: Rights to Language: Equity, Power, and Education. Taylor & Francis. Mahwah, 2010. S. 33ff. ISBN 0805-83346-3.
  2. Beau Grosscup: Strategic Terror: The Politics and Ethics of Aerial Bombardment. Zed Books. London, 2006. S. 33ff. ISBN 978-1842-77543-1.
  3. George J. Andreopoulos: Genocide: Conceptual and Historical Dimensions, 2010. University of Pennsylvania Press. Philadelphia, 1994. S. 85. ISBN 0812-21616-4.