Türkisch-Ägyptischer Sudan

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Der Herrschaftsbereich Ägyptens während der Dynastie des Muhammad Ali.

Türkisch-Ägyptischer Sudan oder Turkiyya bezeichnet den Sudan in der Zeit von 1821 bis 1885. Unter dem ägyptischen Wali Muhammad Ali Pascha wurden zunächst weite Teile des Nordsudans erobert und Ägypten angeschlossen, seine Nachfolger erweiterten das unter ihrer Kontrolle stehende Gebiet bis nach Zentralafrika. Die ägyptische Herrschaft wurde durch die Herrschaft der Mahdisten (Mahdiyya) abgelöst.

Eroberung des Sudans[Bearbeiten]

Nachdem er 1811/12 in Ägypten den Machtkampf gegen die Mamlucken gewonnen hatte, leitete Muhammad Ali Pascha eine expansive Phase ein, um aus den eroberten Gebieten Sklaven für seine Armee rekrutieren zu können. Zwar stand Ägypten im frühen 19. Jahrhundert formal unter osmanischer Herrschaft, doch hatte die Provinz bereits unter den Mamlucken eine relative Autonomie erlangt.

1820 bat der Sultan von Sannar um Hilfe gegen die Mamlucken, die aus Ägypten in den Sudan geflohen waren und dort als Sklavenhändler wieder Macht und Einfluss erlangt hatten. Ismael Kamil Pascha, der Sohn von Muhammad Ali Pascha, marschierte mit 4000 Soldaten ein, vertrieb zunächst die Mamlucken und unterwarf schließlich auch das Sultanat der ägyptischen Herrschaft (Eroberung Sannars am 13. Juni 1821). Die ägyptischen Streitkräfte stießen in der Folge weiter nach Süden vor und eroberten Kurdufan. Das neu gegründete Khartum wurde die Hauptstadt der sudanesischen Provinzen. Entlang des Weißen und Blauen Nils wurden Militärstützpunkte errichtet.

Ägyptische Herrschaft und Kampf gegen die Sklaverei[Bearbeiten]

Unter Abbas I. (1848–1854) wurde die expansive Politik der Ägypter unterbrochen. Aus Misstrauen setzte er in seiner kurzen Herrschaftszeit fünf Gouverneure im Sudan ein. 1871 wurden schließlich die zentralafrikanischen Seen erreicht (Gründung der Provinz Äquatoria) und 1873 das Sultanat Darfur erobert. Nach dem faktischen Staatsbankrott Ägyptens 1875 wurde eine internationale Finanzaufsicht unter britischer Leitung gebildet. Unter diesem Einfluss der europäischen Großmächte schickte die ägyptische Regierung ab den 1870er Jahren verstärkt europäische Beamte in den Sudan. Sie sollten die Verwaltung in den besetzten Gebieten organisieren und dem Sklavenhandel ein Ende setzen. Dadurch gelangten in dieser Zeit Eduard Schnitzer und Rudolf Slatin in den Sudan. 1877 wurde Charles George Gordon (Gordon Pascha) Generalgouverneur. Am 4. August 1877 wurde eine Vereinbarung zwischen Ägypten und dem Vereinigten Königreich abgeschlossen, die den Sklavenhandel schrittweise unterbinden sollte. Im Juni 1878 brach ein Aufstand der Sklavenhändler aus. Initiiert wurde der Aufstand vom mächtigen Sklavenhändler Zobeir, dessen Sohn Suleiman ihn anführte. Gordon und der italienische Gouverneur von Bahr-el-Gazal Gessi konnten den Aufstand niederschlagen, Suleiman wurde im Juli 1880 hingerichtet. Allerdings konnte die Sklaverei im Sudan auch später nicht vollständig überwunden werden.

Mahdi-Aufstand[Bearbeiten]

Hauptartikel: Mahdi-Aufstand

1881 wurde durch Muhammad Ahmad der Mahdi-Aufstand ausgelöst. Die Wirren in Ägypten im Zuge der Besetzung des Landes durch Großbritannien begünstigten die Ausbreitung seiner Idee. Nach der Niederschlagung der Urabi-Bewegung strömten ihm immer neue Anhänger zu und er konnte die Provinzhauptstadt El Obeid nach viermonatiger Belagerung am 19. Januar 1883 einnehmen. Im Frühjahr 1883 wurden alle verfügbaren ägyptischen Truppen entsandt, um die Stadt zurückzuerobern. Das gesamte Heer wurde am 5. November in der Schlacht von El Obeid ausgelöscht. Von März 1884 an belagerten die Mahdisten Khartum. Mit der Eroberung der Stadt am 26. Januar 1885 endete die ägyptischen Herrschaft. Nach der Niederschlagung des Mahdi-Aufstandes durch eine anglo-ägyptische Armee wurde der Sudan nicht an Ägypten zurückgegeben, sondern als anglo-ägyptisches Kondominium konstituiert. Da auch Ägypten unter britischer Kontrolle stand, war der Sudan de facto eine britische Kolonie.

Generalgouverneure[Bearbeiten]

Bis 1825 stand der ägyptisch beherrschte Teil Sudans unter Militärverwaltung. Der erste zivile Generalgouverneur war Mahu Bey Urfali. Von 1857 bis 1862 und von 1871 bis 1875 wurde der Sudan nicht zentral verwaltet.

  • Ismail Pascha Kamil, 1821–1823
  • Muhammad Bey Hüsrev (Defterdar Bey), 1823–1824
  • Uthman Bey Jarkas, 1824–1825
  • Mahu Bey Urfali, 1825–1826
  • Ali Agha Khurschid, 1826–1838
  • Ahmad Pascha Scharkas (Abu Widan Pascha), 1838–1843
  • Ahmad Pascha Kawalili (Al Manakli), 1844–1845
  • Khalid Pascha Hüsrev, 1845–1849
  • Abd al-Latif Pascha Abd Allah, 1849–1852
  • Rustum Pascha Jarkas, 1852
  • Ismail Hakki Pascha (Abu Gebel), 1852–1853
  • Salim Pascha Saib (Al Gazairli), 1853–1854
  • Al Lewa Ali Pascha Sirri Arbud (Al Arnauti), 1854
  • Ali Pascha Jarkas (Koko Pascha), 1854–1855
  • Muhammad Pascha Abd al Halim, 1855–1856
  • Ali Pascha Jarkas (Koko Pascha), 1856–1857 (geschäftsführend)
  • Musa Pascha Hamdi, 1862–1865
  • Jafar Mazhar Pascha, 1866–1871
  • Ismail Pascha Ayub, 1875–1877
  • Charles Gordon Pascha, 1877–1879 (1. Amtszeit)
  • Muhammad Rauf Pascha, 1880–1882
  • Carl Christian Giegler Pascha, 1882 (geschäftsführend)
  • Abd al Qadir Pascha Hilmi, 1882–1883
  • Ali al-Din Pascha, 1883
  • Hussein Pascha Wasif Sirri, 1883–1884
  • Charles Gordon Pascha, 1884–1885 (2. Amtszeit)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Buchta, Richard: Der Sudan unter ägyptischer Herrschaft. Brockhaus, Leipzig 1888.
  •  Dehérain, Henry: Le Soudan Égyptian sous Mehemet Ali. Paris 1898.
  •  Douin, Georges: Histoire du Soudan Ėgyptien. Kairo 1944.
  •  Gray, Richard: A History of the Southern Sudan, 1839-1889. Oxford 1961.
  •  Hill, Richard Leslie: Egypt in the Sudan, 1820-1881. Oxford 1959.
  •  Hill, Richard Leslie (Hg.): On the Frontiers of Islam: Two Manuscripts Concerning the Sudan Under Turco-Egyptian Rule, 1822-45. Oxford 1970.