Tadeusz Borowski

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Tadeusz Borowski

Tadeusz Borowski (* 12. November 1922 in Schytomyr; † 3. Juli 1951 in Warschau) war ein polnischer Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Geboren wurde Borowski in der damals zur Sowjetunion gehörenden Stadt Schytomyr, die eine große polnische Minderheit beherbergte. Borowskis Vater, dessen Buchladen verstaatlicht worden war, wurde 1926 nach Karelien verbannt. Seine Mutter wurde im gleichen Jahr verhaftet und an den sibirischen Fluss Jenissei verbannt. Durch Bemühungen des Roten Kreuzes siedelte Borowski im Alter von zehn Jahren 1932 zusammen mit seinem Bruder nach Polen aus. Der Vater wurde im Rahmen eines Gefangenenaustausches zwischen Polen und der UdSSR nach Polen entlassen. Die Mutter wurde 1934 freigelassen. Die Familie ließ sich in Warschau nieder.

Während des Zweiten Weltkriegs legte er 1940 im deutsch besetzten Warschau an einem geheimen Untergrundgymnasium seine Abiturprüfung ab und begann an der gleichfalls geheimen Warschauer Untergrunduniversität ein Studium der Polonistik. Dort lernte er auch seine spätere Frau Maria kennen, die in seinen literarischen Werken mehr oder weniger getarnt immer wieder auftaucht. Nebenbei arbeitete er in einer privaten Baufirma und veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten in der Monatszeitschrift Droga (Der Weg). In dieser Zeit entstand der Großteil seiner Gedichte, so die Antologie Gdziekolwiek Ziemia (Wo immer die Erde).

1943 wurde Borowski verhaftet und ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht. Als Gefangener und Zwangsarbeiter zog er sich eine Lungenentzündung zu und arbeitete im Folgenden als Sanitäter im Lagerkrankenhaus. Borowski wurde Zeuge, wie Neuankömmlinge aufgefordert wurden ihre Sachen zurückzulassen, um in die Gaskammern geschickt zu werden.

1944 deportierte man ihn gemeinsam mit einer Gruppe anderer Häftlinge in das Konzentrationslager Natzweiler-Dautmergen (bei Balingen) und später nach Dachau. Dort wurde er am 1. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit.

Die nächsten Monate verbrachte er in einem Lager für Displaced Persons und blieb auch anschließend zunächst in Deutschland (München). 1946 kehrte er nach Polen zurück, wo seine 1943 verhaftete Verlobte Maria Rundo ebenfalls die Lagerhaft überlebt hatte. Sie heirateten im Dezember 1946.

Borowski schrieb nun mehr Prosa, so die Sammlung Pożegnanie z Marią (deutsch: Abschied von Maria). Borowski wurde Mitglied der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei, für die er politische Aufsätze schrieb. 1950 erhielt er den polnischen Nationalpreis Zweiter Klasse für Literatur.

Im Juli 1951 nahm er sich in Warschau das Leben.

Wirkung[Bearbeiten]

Seine Werke werden heute als Klassiker eingeschätzt. Seine Beschreibungen aus den Konzentrationslagern und der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind in ihrer rigorosen Lakonie verstörend.

Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész nannte 2002 in Stockholm Borowskis Prosa als Schlüssel für sein Verständnis der Entmenschlichung in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Borowski debütierte während des Krieges im Untergrund mit apokalyptischen Gedichten, die die Verbitterung seiner Generation aufgrund der Erfahrungen von Gewalt und Tod zum Thema hatten. Man begegnet hier auch schon der Frage nach Schuld und Verantwortung des Einzelnen, die sein Werk nach Kriegsende prägen sollte. Er war einer der ersten, der die Erfahrung der Konzentrationslager literarisch zu verarbeiten versuchte. Seine Erzählungen wie Proszę Państwa do gazu (Bitte, die Herrschaften zum Gas) oder Pożegnanie z Marią (Abschied von Maria) schildern die Entfremdung und Entmutigung des Menschen in der Extremsituation des Lagers. Die Grenzen zwischen Gut und Böse beginnen zu verschwimmen, weswegen man ihm mitunter moralischen Nihilismus vorgeworfen hat.

Auf der Suche nach einem Halt begann er sich nach 1948 völlig der Kommunistischen Partei unterzuordnen. Wie viele andere ehemalige Lagerinsassen konnte er seinen Erlebnissen jedoch nicht entfliehen. Borowski zählt wegen der Klarheit seiner Sprache und seinem inhaltlichen Rigorismus zweifellos zu den wichtigsten Vertretern der „Lagerliteratur” weltweit.

Literarische Werke[Bearbeiten]

  • Gedichte:
    • Gdziekolwiek ziemia (1942)
    • Arkusz poetycki nr 2 (1944)
    • Pieśń
  • Erzählbände:
    • Bei uns in Auschwitz. Erzählungen (1946, gemeinsam mit Krystyn Olszewski und Janusz Nel-Siedlecki)[1] (Original polnisch: U nas w Auschwitzu, deutsch 1963, 1970, 1999; 4. Aufl. 2006, Verlag Schöffling, Frankfurt, Übersetzung ins Deutsche: Friedrich Griese, ISBN 3-89561-329-0)
    • Pewien żołnierz. Opowieści szkolne (1947)
    • Pożegnanie z Marią (1947) (deutsch: Abschied von Maria, München 1963)
    • Kamienny świat (1948) (deutsch: Die steinerne Welt. Erzählungen, München 1963)
    • Proszę Państwa do gazu (deutsch: Bitte, die Herrschaften zum Gas).

Literatur[Bearbeiten]

  • Barbara Breysach: Schauplatz und Gedächtnisraum Polen. Die Vernichtung der Juden in der deutschen und polnischen Literatur. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-981-3, S. 244–276.
  • Arno Lustiger: Wer war Tadeusz Borowski? In: Die Welt vom 20. Januar 2007.
  • Andreas Zekorn, Alicia Nitecki:„Wir wollten überleben.“ Literarische Verarbeitung von KZ-Erlebnissen. In: Heimatkundliche Blätter Zollernalb. Jahrgang 56 (2008), S. 1622–1631.

Film[Bearbeiten]

Nach seinen Erzählungen schrieben Andrzej Brzozowski und Andrzej Wajda 1970 das Drehbuch zu Wajdas Film Landschaft nach der Schlacht. Die Hauptrollen spielen Daniel Olbrychski, Stanisława Celińska, Aleksander Bardini und Tadeusz Janczar.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tadeusz Borowski – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Udo Marquardt: Buchbesprechung Radiosender Deutsche Welle