Thorstein Veblen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Thorstein Veblen

Thorstein Bunde Veblen (* 30. Juli 1857 in Cato, Wisconsin; † 3. August 1929 in Menlo Park, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Ökonom und Soziologe norwegischer Abstammung.

Leben[Bearbeiten]

Veblen wurde als das sechste von zwölf Kindern von Thomas Anderson Veblen, eines gelernten Zimmermanns, und Kari Veblen, geb. Bunde, in Wisconsin geboren und wuchs in Minnesota auf.[1] Seine Eltern waren 1848 von Norwegen aus in die USA eingewandert und arbeiteten dort auf ihrer eigenen Farm. Von 1874 bis 1880 besuchte Veblen das evangelische Carleton College. 1881 begann er sein Studium der Philosophie bei Charles Sanders Peirce und Ökonomie bei John Bates Clark an der Johns-Hopkins-Universität, doch bereits 1882 wechselte er zur Yale-Universität, an der er 1884 unter William Graham Sumner seinen Doctor of Philosophy erhielt. Trotz hervorragender Zeugnisse und Empfehlungen blieb er zwischen 1884 und 1891 arbeitslos. In diese Zeit fielen seine erste Heirat 1888 und lange Aufenthalte auf den Farmen seiner Eltern und Schwiegereltern. Gelegentlich arbeitete er als Tutor. Er setzte 1891 sein Studium an der Cornell University fort und lehrte schließlich von 1892 bis 1906 unter J. Laurence Laughlin (1850–1933) als Assistent politische Ökonomie an der University of Chicago. Von 1895 bis 1905 fungierte er als geschäftsführender Herausgeber des neu gegründeten Journal of Political Economy. 1898 erschien sein programmatischer Artikel Why Is Economics Not An Evolutionary Science?[2] und 1899 sein bekanntestes Werk The Theory of the Leisure Class (Die Theorie der feinen Leute).

Unstet wie seine weiteren wissenschaftlichen Anstellungen war auch sein Privatleben. Wegen unklarer außerehelicher Beziehungen musste er 1906 auf Druck seiner Ehefrau Chicago verlassen. Darunter litt sein Ruf nachhaltig. Von Ende 1906 bis 1909 unterrichtete er Ökonomie an der Stanford University und von 1911 bis 1918 an der University of Missouri in Columbia. In diese Zeit fielt die Scheidung von seiner ersten Frau 1914. Seine zweite Frau, die er seit 1904/05 kannte, heiratete er noch 1914. Sie starb bereits 1920.

Zwischen 1918 und 1926 unterrichtete er als einer der Mitbegründer an der New School for Social Research in New York. Zwischen 1918 und 1919 fiel die Periode seiner größten öffentlichen Wirksamkeit als Herausgeber des New Yorker radikalen Literaturmagazins The Dial.

Am 3. August 1929 starb Veblen in Menlo Park, Kalifornien, einsam in einer Holzhütte, in der er seit 1927 lebte, an Herzversagen.

Schriften[Bearbeiten]

In seiner Theory of Business Enterprise (1904) analysierte er als einer der ersten die Herausbildung des US-Monopolkapitalismus, was außerhalb des Marxismus noch niemand so gründlich geleistet hatte.[1] Veblen gebraucht den Begriff "Monopol" in einem unspezifischen Sinne, im Anschluss an R. T. Ely.[3] Die technologische Entwicklung der Großindustrie (The Machine Process[4]) werde dominiert vom Business Enterprise,[5] insbesondere von Industriekapitänen (Beispiel: Eisenbahnwesen, Schwerindustrie), die rein monetäre Profitziele verfolgen (im Sinne einer Kapitalisierungsrechnung, die Kreditfinanzierung und Bewertung von Goodwill einbezieht), die nicht unbedingt auf die bessere Versorgung der Verbrauchermassen oder des schnelleren technologischen Fortschritts, sondern auf die ganz persönlichen Ziele gerichtet seien, den eigenen Macht- und Kontrollbereich zu erweitern. Die moderne Industriegesellschaft sei durch eine technologische Verkettung von Industrieprozessen zu einem Gesamtprozess gekennzeichnet, der damit im selben Maße äußerst störanfällig geworden sei. Es liege aber oft im Interesse einzelner Industriekapitäne, diesen Prozess nicht schnellstmöglich durch technologisch Innovationen weiterzuentwickeln, sondern vielmehr die Macht- und Profitquelle auszubeuten, die in dieser Störanfälligkeit liege, sofern nämlich dadurch Konkurrenten ausgeschaltet werden können.

Veblen vermittelte mit seinen drei Büchern „Theory of the Leisure Class“, „Theory of Business Enterprise“ und „Instinct of Workmanship …“, eine Gesellschaftstheorie, die in der englischsprechenden Welt große Bekanntheit erlangte, insbesondere wegen ihrer beredsamen und scharfen Kritik an der Oberklasse (Geltungskonsum, an Freizeitverhalten und Schmarotzertum, dem demonstrativen Müßiggang oder dem Workmanship).

Als einer der ersten Sozialwissenschaftler analysierte Veblen das komplexe Beziehungsgefüge zwischen Güterverbrauch und gesellschaftlichem Wohlstand. Nationalökonomie könne nur eingebettet in einem institutionellen Rahmen verstanden und beurteilt werden. Die ökonomischen Prozesse von Produktion, Distribution und Konsumption müssten im Kontext der Reproduktion von Institutionen, von Glaubenseinstellungen, Geschlechter- und anderen Verhaltensweisen verortet werden. Nach ihm wurde der Veblen-Effekt benannt.

Auch Patriotismus, Krieg und Frieden waren Gegenstände der Analysen Veblens. Auseinandersetzungen um materielle Ressourcen müssten erst in Streit um spirituelles Kapital (z.B. die nationale Ehre) verwandelt werden, um Massen für gewaltsame Auseinandersetzungen und Kriege erfolgreich zu mobilisieren.

Veblen ist einer der Gründerväter der amerikanischen Institutionenökonomik in der Wirtschaftswissenschaft. Er war ein brillanter, facettenreicher, oft schwieriger Intellektueller, der einen enormen Einfluss auf das nationalökonomische und sozialwissenschaftliche Denken in den USA. hatte, insbesondere in den 1930er Jahren. Rückschauend gilt er als einer der wichtigsten Denker und Kritiker der sogenannten Progressive Era (1900–1917). Lewis Coser zählt ihn heute zu den Klassikern der Soziologie.

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Douglas Dowd: Introduction to the Transactioon Edition. In: Thorstein Veblen: The Theory of Business Enterprise. Transaction Books, New Brunswick. NJ. ISBN 0-87855-699-0. S. V
  2. Geoffrey M. Hodgson: On the evolution of Thorstein Veblen's evolutionary economics (PDF-Datei; 1,15 MB) Cambridge Political Economy Society 1998, Bd. 22, S. 415-431
  3. Thorstein Veblen: The Theory of Business Enterprise. Transaction Books, New Brunswick. NJ. ISBN 0-87855-699-0. S. 54, Anm. 2 / R. T. Ely: Monopolies and Trusts
  4. Thorstein Veblen: The Theory of Business Enterprise. Transaction Books, New Brunswick. NJ. ISBN 0-87855-699-0. S. 5–19
  5. Thorstein Veblen: The Theory of Business Enterprise. Transaction Books, New Brunswick. NJ. ISBN 0-87855-699-0. S. 20–176

Werke[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Truninger, Stephan: Die Amerikanisierung Amerikas. Thorstein Veblens amerikanische Weltgeschichte, Westfälisches Dampfboot, Münster 2010
  • Theodor W. Adorno: "Veblens Angriff auf die Kultur" In: Theodor W. Adorno: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt 1955, S. 82–111 (zuerst 1941).
  • Dowd, Douglas (Hg.): Thorstein Veblen. A Critical Reappraisal, Greenwood, Westport, CT 1958
  • Eugster, Carl: Thorstein Bunde Veblen. Europa-Verlag, Zürich 1952
  • Dorfman, Joseph: Thorstein Veblen and His America., Viking, New York 1934
  • Duffus, R. L: The Innocents at Cedro – A Memoir of Thorstein Veblen (New York: The MacMillan Company, 1944)
  • Jorgensen, Elizabeth W./Henry I. Jorgensen: Thorstein Veblen. Victorian Firebrand, Sharpe, Armonk, N.Y./London 1999
  • Penz, Reinhard, Holger Wilkop (Hgg.): Zeit der Institutionen − Thorstein Veblens evolutorische Ökonomik, Metropolis, 1995 ISBN 3895180270
  • Rausch, Renate: Die Muße in der amerikanischen Soziologie von Thorstein Veblen bis David Riesman, 1959
  • Riesman, David: Thorstein Veblen. A Critical Interpretation, Seabury, New York 1953
  • Tilman, Rick: A Veblen Treasury. From Leisure Class to War, Peace and Capitalism, Sharpe, Armonk, N.Y./London 1993
  • Edgell, Stephen: Veblen in Perspective. His life and thought, Sharpe, New York/London 2001
  • Böhmer, Robert: Der Geist des Kapitalismus und der Aufbau Ost / The Spirit of Capitalism and the Building up of the East, Thelem, Dresden 2005 [aktuelle Anwendung von Veblens „Theory of the Leisure Class“].

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]