David Riesman

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David Riesman (* 22. September 1909 in Philadelphia; † 10. Mai 2002 in Binghamton (New York)), war ein US-amerikanischer Soziologe und Erziehungswissenschaftler.

Leben[Bearbeiten]

David Riesman wurde 1909 als Sohn eines Medizinprofessors geboren. Die Vorfahren beider Eltern waren jüdische Emigranten aus Deutschland, die vor Generationen in die USA ausgewandert waren. Nach Abschluss seines Studiums in Harvard 1931 mit Hauptfach Biochemie promovierte er im Fach Rechtswissenschaften 1934 an derselben Universität. Nebenbei arbeitete er als Redakteur für The Crimson und Harvard Law Review. Nach seinem Referendariat in Boston führte ihn sein Weg nach einer kurzen Tätigkeit am Obersten Gerichtshof (1935–1936) zu einem Intermezzo als Anwalt 1936–1937, worauf er 1937 bis 1941 einen Lehrauftrag an der Buffalo Law School wahrnahm. Daneben fungierte er als Geschäftsführer des American Committee for the Guidance of Professional Personnel, einer Hilfsorganisation für Juristen im amerikanischen Exil.[1]

Als Gastdozent an der Columbia Law School (1941–1942) begegnete er einflussreichen Wissenschaftlern wie etwa der Anthropologin Margaret Mead, dem Soziologen Paul Lazarsfeld, der Philosophin Hannah Arendt und dem Psychoanalytiker Erich Fromm. 1949 wurde Riesman an die sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität von Chicago berufen, wo er zusammen mit Nathan Glazer und Reuel Denney 1950 seinen Bestseller The Lonely Crowd (dt. Die einsame Masse, 1956) verfasste und quasi über Nacht Berühmtheit erlangte. Im selben Jahr wurde Riesman Mitglied des Congress for Cultural Freedom, einer anti-kommunistischen Vereinigung prominenter Intellektueller, die, wie entdeckt wurde, Gelder von der CIA erhielt. Riesman verließ die Gruppe und begann seine Kritik der Strategien McCarthys. Zusammen mit Paul Lazarsfeld arbeitete er an einer Studie über die Nachwirkungen der McCarthy-Ära auf amerikanische Sozialwissenschaftler. Riesman gehört zu den Mitbegründern eines Forschungsfelds, das später unter dem Namen „qualitative Sozialforschung“ zur soziologischen Standardausbildung gehörte.

1958 wurde Riesman an die Harvard University berufen, wo er mehr als 20 Jahre lang unterrichtete, wobei das Seminar American Character and Social Structure Berühmtheit erlangte. In den 60er Jahren konzentrierte sich sein Interesse auf die Veränderungen der akademischen Bildung in den Vereinigten Staaten.

Werk[Bearbeiten]

The Lonely Crowd[Bearbeiten]

Riesmans Hauptwerk, das als der erste soziologische Welt-Bestseller bezeichnet werden kann, stellt ein Entwicklungsmodell sozialer Charaktere auf, die er als verschiedene Typen von Verhaltenskonformität kennzeichnet. Mit Rekurs auf Max Weber kann er drei solche Typen unterscheiden, den traditionsgeleiteten (tradition-directed), den innengeleiteten (inner-directed) und den außengeleiteten (other-directed). Alle diese Typen sind in allen Gesellschaften in gewissem Umfang vorhanden; sie werden jedoch in bestimmten Phasen der Bevölkerungsentwicklung zu einem mehrheitlichen und damit typischen Phänomen. Die Periode des 'hohen Bevölkerungsumsatzes' (vorindustrielle, mittelalterliche Gesellschaften mit hohen Geburten- und Sterbequoten) generiert den traditionsgeleiteten Typus, der sich hauptsächlich über das Gefühl der Scham strukturiert, das entsteht, wenn die Traditionen verletzt werden. Die Periode hohen Bevölkerungswachstums (gleich bleibende Geburten- bei sinkender Sterberate), die industrielle Gesellschaften kennzeichnet, bringt den innengerichteten Typus hervor, der sich „über einen inneren Kreiselkompass“ (Heinz Kluth) an Werten wie etwa Macht, Ruhm, Wahrheit und Schönheit strukturiert; Abweichungen erzeugen dabei ein Gefühl der Schuld. Die wenig dynamischen, 'postindustriellen' Wohlstandsgesellschaften mit sinkender Geburten- und gleich bleibender Sterberate ersetzen diesen Typus durch den der konformistischen Außenlenkung: Das Verhalten der Anderen wird maßgeblich für das eigene Verhalten; von anderen akzeptiert und für voll genommen zu werden, wird zentraler Wert. Abweichungen werden mit Gefühlen von Angst sanktioniert.

Dabei sieht Riesman diesen dritten Typus in den modernen Dienstleistungsgesellschaften auf dem Vormarsch, besonders bei den jüngeren Repräsentanten des Mittelstands. Der überwiegende Teil des Buchs ist diesem Typus gewidmet, dessen Lebenseinstellungen eine minutiöse Analyse erfahren. Zentral ist dabei das Interesse für die Konsum-, Freizeit- und Unterhaltungsgewohnheiten, die laut Riesman diesen Typus stärker charakterisieren als die vorhergehenden beiden, die sich hauptsächlich über ihre Arbeitswelt bestimmten.

Der deutsche Buchtitel „Die einsame Masse“ (der übersetzenden Soziologin Renate Rausch) verschiebt die Wortbedeutung von lonely (alleingelassen) mit der Mitbedeutung von „Furchtsamkeit“ mit ihrer Wortwahl einsam etwas in Richtung „stolzes Alleinstehen“. Inhaltlich (so Helmut Schelsky in einer Vorlesung 1955) wäre die Übersetzung „Die ängstliche Masse“ freier, aber angemessener.

Weitere Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Faces in the Crowd (1952) - Quellen- und Materialband für The Lonely Crowd, wieder mit Nathan Glazer und Reuel Denney
  • Thorstein Veblen: A Critical Interpretation (1953)
  • Constraint and Variety in American Education (1956) - über die Bedeutung von Wirtschaftsfaktoren in der Bildungsindustrie
  • Conversations in Japan: Modernization, Politics, and Culture (1967)
  • The Academic Revolution (1968) - mit Christopher Jencks - über die Politisierung akademischer Bildung und Bildungspolitik im allgemeinen
  • On Competence: A Critical Analysis of Competence Based Reforms in Higher Education (1979) - über die staatliche Lenkung von Bildung und das Bedürfnis der Gesellschaft nach Kompetenz
  • Abundance For What? (dt. Suhrkamp, Frankfurt 1966: Wohlstand wofür? und Suhrkamp, Frankfurt 1973: Wohlstand für wen?) – Essays
  • Freud und die Psychoanalyse, Suhrkamp, Frankfurt 1965

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. die Informationen über diese Einrichtung auf der Website der New York Public Library. Siehe ferner Simone Ladwig-Winters: Ernst Fraenkel als Stipendiat des American Committee in Chicago, in: Hubertus Buchstein, Gerhard Göhler (Hrsg.): Vom Sozialismus zum Pluralismus. Beiträge zu Werk und Leben Ernst Fraenkels. Nomos, Baden-Baden 2000, S. 43–61, ISBN 3-7890-6869-1