Tiroler Volksschauspiele

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Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Theaterfestival, das jährlich im Juli und August in Telfs in Tirol stattfindet. Es gibt keine feste Spielstätte, es werden Spielorte für die jeweiligen Stücke gesucht, die dann für die Inszenierung adaptiert werden. Die Zusammenarbeit von Profis und Laien wird seit Beginn gepflegt.
Der Spielplan ist einerseits der Pflege des Volkstheatererbes verpflichtet, andererseits auf die Entwicklung eines modernen Volkstheaters ausgerichtet.
Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Verein. Der Vorstand setzt sich derzeit zusammen aus: Markus Völlenklee (Obmann), Karl-Heinz Steck (Stellvertreter), Silvia Wechselberger (Geschäftsführerin), Felix Mitterer, Klaus Rohrmoser, Susi Weber, Guntram Brattia und Alfred Konzett.

Geschichte[Bearbeiten]

Kurt Weinzierl hatte die Idee, die im deutschsprachigen Raum arbeitenden Tiroler Profischauspieler, Bühnenbildner, Komponisten etc. nach Tirol zu bringen, um unser heimatliches Volkstheater gemeinsam mit den dortigen Künstlern neu zu beleben. Er fand Mitstreiter in Dietmar Schönherr, Otto Grünmandl und Josef Kuderna.

1981 wurde durch den FS-1-Intendanten Wolf in der Maur die Finanzierung möglich. So fanden die ersten Tiroler Volksschauspiele in der Burg Hasegg in Hall statt. Gespielt wurden „Die sieben Todsünden und ein Totentanz“ von Franz Kranewitter - acht Einakter an zwei Abenden, inszeniert von sieben Regisseuren.
Auf der Bühne waren zu sehen: Julia Gschnitzer, Ruth Drexel, Krista Posch, Hanne Rohrer, Dietmar Schönherr, Hans Brenner, Walter Reyer, Otto Grünmandl, Richard Haller, Franz Mössmer, Klaus Rohrmoser, Markus Völlenklee uva. Die Regisseure waren Ruth Drexel, Kurt Weinzierl, Reinhard Schwabenitzki, Dietmar Schönherr, Josef Kuderna, Gernot Friedl und Alf Brustelin. Weitere Mitwirkende waren Bert Breit (Musik), Peter Lefor (Geige), Felix Mitterer (Moritaten) und Max Keller (Licht).

1982 - die zweite Spielzeit - sollte „Kaiser Josef und die Bahnwärterstochter“ von Fritz von Herzmanovsky-Orlando mit neuer Musik von Werner Pirchner und eine Neuinterpretation des im Nationalsozialismus bewusst umgedeuteten Stücks von Karl Schönherr „Glaube und Heimat“ bringen, sowie die Uraufführung eines Gegenwartsstücks, nämlich Felix Mitterers Passion „Stigma“. Die Stadt Hall lehnte das Stück damals als „Ansammlung von Schweinereien und Religionsverhöhnung“ ab und war nicht mehr bereit, die Spiele zu veranstalten, falls „Stigma“ auf dem Spielplan bliebe.

In dieser Situation bot sich Telfs unter Bürgermeister Helmut Kopp den Volksschauspielern als Veranstaltungsort an. Bis heute finden die Schauspiele in Telfs statt. Eine Vorveröffentlichung von „Stigma“ führte zu landesweiten Empörungsbekundungen, es regnete Protestbriefe, Strafanzeigen gegen die Verantwortlichen und sogar Bombendrohungen gegen den Telfer Bürgermeister. Über 70 Zeitungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schickten Kritiker. Trotz der aufgeheizten Stimmung blieb der Skandal bei der von der Polizei geschützten Uraufführung aus.

In den kommenden Jahren kämpften die Volksschauspiele immer wieder um ihren Fortbestand. Der Rückzug des ORF als Hauptgeldgeber schien das Ende zu bedeuten, aber Hans Brenner und Ruth Drexel erhielten die Spiele mit Notprogrammen aufrecht, bis sich Gemeinde, Land und Bund bereitfanden, die Finanzierung dauerhaft zu gewährleisten.

1985 löste Hans Brenner Dietmar Schönherr als Obmann ab und blieb es bis zu seinem Tod 1998. Unter seiner Ägide wurden er und Ruth Drexel zu den künstlerisch prägenden Persönlichkeiten. Nach Brenners Tod leitete Drexel die Spiele bis 2009. Als ihr künstlerisches Hauptziel nannte sie, Volkstheater als Instrument zur kritischen Auseinandersetzung mit der gelebten Realität zu etablieren – klug, scharf und unterhaltsam, aber unabhängig vom Bildungshintergrund verständlich. Seit 2009 ist Markus Völlenklee Obmann der Tiroler Volksschauspiele.

Programm[Bearbeiten]

Eine Auswahl der gespielten Stücke möge die Bandbreite des intendierten Volkstheaterbegriffs deutlich machen:

  • Franz Kranewitter: Die sieben Todsünden, Andrä Hofer, Um Haus und Hof, Die Teufelsbraut
  • Karl Schönherr: Der Weibsteufel, Frau Suitner, Erde, Maitanz, Der Judas von Tirol
  • Felix Mitterer: Sibirien UA[1], Munde UA, Drachendurst UA, Peter Prosch UA, Abraham, Mein Ungeheuer UA, Gaismair UA, Die Beichte UA, 1809 – Mein bestes Jahr UA
  • Rudolf Brix: Die Räuber vom Glockenhof
  • Aristophanes/Dietmar Schönherr: Job und der Frieden, UA
  • J. W. Goethe: Urfaust
  • F. Schiller: Die Räuber
  • William Shakespeare: Hamlet, Wie es Euch gefällt
  • Georg Büchner: Woyzeck
  • J. M. Synge / F. Mitterer: Der Held aus dem Westen
  • Bert Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti
  • Hermann Essig: Die Glückskuh, ÖE[2]
  • Thomas Hürlimann/Lorenz Gutmann: Franzos in Ötz, ÖE
  • Johann Nestroy: Einen Jux will er sich machen
  • Josef Rieser / Max Neil: Schwarzer Schleim UA / Sündiges Dorf
  • Karl Schönherr: Der Judas von Tirol
  • Joan Littlewood: Oh, what a lovely War
  • Herbert Achternbusch: Ella
  • Roland Schimmelpfennig: Ambrosia
  • Carlo Gozzi: König Hirsch
  • Ferdinand Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind
  • Lorenz Gutmann: Brutto Madonna

Abkürzungen:

  1. Uraufführung
  2. österr. Erstaufführung


Im Rahmen der Volksschauspiele kam es zu Ur- und Erstaufführungen von Werken von Fitzgerald Kusz, Luis Zagler, Hans Haid, Lothar Greger, Herbert Rosendorfer, Lorenz Gutmann, Klaus Händl u. a.

Weblinks[Bearbeiten]

47.30726666666711.0721Koordinaten: 47° 18′ 26″ N, 11° 4′ 20″ O