Transvestitismus

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Mann in Frauenkleidung bei der CSD-Parade in München (2014)

Unter Transvestitismus (Lat.: trans: hinüber; vestire: kleiden) wird das Tragen der Bekleidung eines anderen Geschlechts als Ausdruck der eigenen Geschlechtsidentität verstanden. Transvestitismus ist unabhängig von der sexuellen Orientierung und kommt sowohl unter Heterosexuellen als auch unter Homosexuellen vor.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Transvestitismus ist ein von Magnus Hirschfeld 1910 geprägter Begriff. Er beschrieb damit „alle Menschen, die, gleich aus welchen Gründen, freiwillig Kleidung tragen, die üblicherweise von dem Geschlecht, dem sie körperlich zugeordnet sind, nicht getragen werden; und zwar sowohl Männer als auch Frauen.“ Heute entspricht dieser Begriff am ehesten dem Begriff Transgender.

Eine erste Unterscheidung zwischen Transvestitismus und seelischem Transsexualismus traf Hirschfeld selbst im Jahr 1923 in der letzten Ausgabe seines Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen, um das Begehren einiger Transvestiten nach körperlicher Anpassung an das andere Geschlecht zu beschreiben. 1953 griff Harry Benjamin diese Unterscheidung in seinem Artikel Transvestism and Transsexualism (Intl. Journal of Sexology) auf und etablierte sie 1966 mit seiner Veröffentlichung The Transsexual Phenomenon in der Sexualmedizin. Diese beiden Kategorien sind auch heute noch die bekanntesten aus dem Transgender-Spektrum.

Abgrenzung von anderen Begriffen[Bearbeiten]

Die folgenden Begriffe werden zum Transgender-Spektrum gerechnet, die Abgrenzung zum Transvestitismus ist mangels wissenschaftlicher klarer Definition unscharf, teilweise werden die Begriffe synonym benutzt oder überlappen sich:

Cross-Dressing
Das Tragen von Kleidung eines anderen Geschlechts in der Öffentlichkeit oder privat; üblicherweise nicht in übertriebener Form wie beim Drag. Früher wurde die Bezeichnung Transvestitismus auch für Cross-Dressing verwendet.
DWT (von Damenwäscheträger)
Im Grundsatz wie Cross-Dressing, aber regelmäßig beschränkt auf solche Kleidungsstücke, die unter der „normalen“ Kleidung nicht zu sehen sind. Dies kann eine Form des transvestitischen Fetischismus sein, ebenso kann es sich aber um ein Zugeständnis an die Konformität zur Gesellschaft handeln, da diese Form gewöhnlich für Dritte unsichtbar bleibt.
Drag
Zu unterscheiden ist hier zwischen Dragqueens und Dragkings: Dragqueens sind anatomische Männer, die Frauen in einer extrem überzeichneten Weise darstellen. Die Bezeichnung Dragkings hingegen wird häufig für alle Menschen mit einem weiblichen Körper, die in irgendeiner Form Männlichkeit darstellen, benutzt. Dies schließt das gesamte Spektrum des Transvestitismus und einen großen Teil des Transgender-Spektrums ein.
Travestie
Kunstform des Transvestitismus; Darstellung einer (Bühnen-)Rolle eines Geschlechts durch Personen des anderen Geschlechts. Üblicherweise besteht bei all diesen Formen nicht der Wunsch nach einem vollständigen Wechsel der Geschlechtsrolle,

Die Übergänge dazu, ebenso wie die Übergänge zwischen den obengenannten Formen, sind aber fließend. Insbesondere ist es nicht selten, dass der Wunsch nach einem vollständigen Geschlechtsrollenwechsel durch intensives Cross-Dressing für lange Zeit kompensiert werden kann, ehe dieser durchbricht und nicht mehr kompensiert werden kann, und ein vollständiger Wechsel der Geschlechtsrolle angestrebt wird.

Pathologisierung[Bearbeiten]

Klassifikation nach ICD-10
F64 Störungen der Geschlechtsidentität
F64.1 Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Transvestitismus ist laut ICD-10 eine psychische Störung, und wird dort unter dem Code F64.1 (Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen) geführt. Zur Diagnose dieser Störung werden hauptsächlich drei Kriterien herangezogen:

  • Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung, um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben.
  • Der Kleiderwechsel ist nicht von sexueller Erregung begleitet.
  • Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung oder chirurgischer Korrektur besteht nicht.

Eine abweichende Diagnose ist „Transvestitischer Fetischismus“. Er gilt ebenfalls als psychische Störung und wird den Paraphilien (F65.1) zugerechnet.

Die Diagnosen sind umstritten, da die meisten Betroffenen, bei denen die Diagnose F64.1 (Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen) oder die Diagnose F65.1 (Transvestitischer Fetischismus) gestellt wird, ein ganz normales Leben führen. Die meisten Transvestiten sind verheiratet, gehen einer Arbeit nach und verkleiden sich nur privat. Aus diesem Grund wird ausschließlich dann eine psychische Störung diagnostiziert, wenn die Betroffenen in klinisch bedeutsamer Weise darunter leiden (Davison und Neale, 2002).

Verbreitung und Erforschung[Bearbeiten]

Obwohl es - wissenschaftlich aber nicht abgesicherte - Schätzungen gibt, nach denen zwischen ein und zehn Prozent der Bevölkerung entsprechende Neigungen haben soll, gibt es auffällig wenig Forschung und einschlägige Literatur. Belegbar sind dagegen Webseiten Betroffener und auch passende Angebote im Internet, was den Schluss zulässt, dass eine entsprechende Nachfrage bestehen muss, eine sichere Quantifizierung ist aber auf Basis dieser Daten ebenfalls nicht möglich. Zu finden sind hingegen in jüngster Zeit vermehrt Studienarbeiten an Hochschulen, bei denen Betroffene gesucht werden, meist werden die Ergebnisse aber nicht veröffentlicht.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainer Herrn: Schnittmuster des Geschlechts. Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft, Psychosozial-Verlag, 2005, ISBN 3-89806-463-8
  • Magnus Hirschfeld (1910): Die Transvestiten. Über den erotischen Verkleidungstrieb. Berlin: Med. Verlag Alfred Pulvermacher.
  • J. J. Allen (1996): The Man in the Red Velvet Dress. Inside the World of Cross-Dressing. Ohne Ort. ISBN 1-55972-338-6
  • Hautzinger (Hrsg.): Davison und Neale (2002): Klinische Psychologie. Weinheim: BelzPVU. ISBN 3-621-27458-8

Weitere Quellen[Bearbeiten]

  1. http://www.mediengeschichte.uni-siegen.de/?p=3626

Weblinks[Bearbeiten]