Ultra Low Floor

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Antriebseinheit ULF
Dachausrüstung zweier ULF (Typ B)

Der ULF (Abkürzung für Ultra Low Floor, englisch für „Niedrigstflur“) ist ein Niederflur-Straßenbahnfahrzeug, das von Siemens Rail Systems für die Wiener Linien entwickelt wurde. Der ULF zeichnet sich durch seine achsfreien Fahrwerke und die weltweit niedrigste Einstiegshöhe bei Straßenbahnen aus. Weitere achsfrei konstruierte Straßenbahnfahrzeuge (mit anderer Rad-Anordnung) sind Variobahn, Combino, Cobra-Tram und TMK 2200. Die Wiener Linien erwarben zwei Tranchen , nahmen 2014 jedoch von der Bestellung einer dritten Tranche Abstand.[1]

Fahrzeugtechnik[Bearbeiten]

Beim ULF ist der Boden des Fahrzeuginnenraums so niedrig, dass er in etwa in einer Ebene mit dem Gehweg liegt, sofern dieser eine hohe Bordsteinkante aufweist. Der Einstieg liegt auf 197 mm über der Schienenoberkante, der durchgehende Wagenboden 220 mm über der Schienenoberkante, also jeweils etwa 100 mm niedriger als bei herkömmlichen Niederflurfahrzeugen, was besonders Fahrgästen mit Rollstühlen und Kinderwagen zugutekommt. Bei der vordersten Tür gibt es auch eine Rampe, die händisch ausgeklappt werden muss, zur Erleichterung des Einstiegs für Rollstuhlfahrer bei zu breitem Spalt zwischen Fahrzeug und der Bordsteinkante.

Die niedrige Einstiegshöhe und der über die gesamte Fahrzeuglänge durchgehend niedrige Wagenboden machen den Einsatz von Achsen, die die Räder an beiden Wagenseiten verbinden, unmöglich. Stattdessen wurde ein völlig neu konzipiertes Fahrwerk entwickelt, bei dem die Achsen durch eine elektronische Steuerung der Fahrmotoren ersetzt werden mussten. Die Hilfsaggregate des Triebwagens sind großteils auf dem Wagendach untergebracht. Das gesamte Fahrzeug besteht aus einer Abfolge von sogenannten Modulen (Wagenkastensegmenten) und Portalen, wobei die einzelnen Module gelenkig miteinander verbunden sind.

Die Fahrzeugtype wird für die Wiener Linien auf deren Wunsch hin in zwei Baulängen, dem sogenannten Kurzzug (24,21 Meter lang, Typ A) und dem Langzug (35,47 Meter lang, Typ B) ausgeliefert. Die Antriebsmotoren sind nicht wie bei anderen Schienenfahrzeugen unter dem Wagenkasten in Drehgestellen eingebaut, sondern sind senkrecht stehend an beiden Außenseiten der Portalrahmen (= Gelenkverbindungen zwischen den Wagenkastenelementen) angeordnet. Über Winkelgetriebe werden die einzelnen Räder angetrieben. Der Kurzzug wird von sechs Antriebsmotoren und der Langzug von acht Antriebsmotoren angetrieben.

ULF-Versuchsträger, 1994

Die ULF-Technologie ist seit den frühen 1990er Jahren in Erprobung. Beginnend mit dem Jahr 1995 wurden zwei ULF-Prototypen im Liniennetz eingesetzt. Seit 1998 fahren auf dem Wiener Straßenbahnnetz ULF der ersten Serie im Linienbetrieb, die von einem Konsortium der Unternehmen Simmering-Graz-Pauker (SGP, heute Siemens) und ELIN EBG Traction (Tochterunternehmen von VA Tech, die wiederum ebenfalls von Siemens übernommen wurde), gebaut wurden. Für das Design der Fahrzeuge zeichnet sich die Firma Porsche Design verantwortlich.

Die erste Lieferung umfasste insgesamt 150 Serienfahrzeuge plus die beiden auf Serienstandard gebrachten Prototypen. Eine Bestellung über weitere 150 ULF (und eine Option von 150 Stück) wurde Mitte 2004 erteilt. Die Hersteller hoffen auf Bestellungen auch aus anderen Städten.

Mit der Auslieferung der zweiten Serie an die Wiener Linien ist am 18. Jänner 2007 begonnen worden. Die Wagen wurden äußerlich und innerlich optisch überarbeitet. Der Innenraum wurde an den neuen Standard (graue Wände, gelbe Haltestangen und rote Plastiksitze) angepasst. Damit wird auch eine Annäherung an die Innenausstattung der Wiener U-Bahn-Garnituren der Wagentype V erreicht. Die Wagen der zweiten Serie sind klimatisiert und wurden unter anderem mit neuen Scheinwerfern und besser lesbaren Zielanzeigen ausgestattet. Bis 2014 sollen 300 Fahrzeuge an die Wiener Linien ausgeliefert worden sein.

Im Anschluss an die InnoTrans 2004 fuhr der dort ausgestellte Wagen einige Tage zu Demonstrationszwecken im Berliner Straßenbahnnetz. Außerdem waren 2005 zwei ULF einige Tage in Graz zu Testzwecken unterwegs, sowie 2001 ein Zug in München.

Als erste Stadt neben Wien entschied sich im Jänner 2008 die rumänische Verkehrsgesellschaft Oradea Transport Local für den Erwerb von zunächst zehn ULF-Fahrzeugen für die Straßenbahn Oradea. Die dem Wiener Typ A1 entsprechenden Wagen wurden in den Jahren 2008 und 2009 ausgeliefert. Der Auftrag hatte einen Wert von circa 27,5 Millionen Euro.[2][3]

Kritik und Probleme[Bearbeiten]

Am 27. Juli 2009 brannte das Heck eines ULFs in Wien auf der Linie 67 aus, wobei niemand verletzt wurde. Die Wiener Zeitung zitierte einen namentlich nicht genannten Techniker, der den Vorfall auf einen „grundsätzlichen Konstruktionsfehler“ zurückführt: „Das passiert bei den Ulf permanent. Mal läuft nur Hydrauliköl aus, mal kommt es zu Verrauchungen – und manchmal auch zu richtigen Bränden.“[4]. In der Folge wurde bei allen Fahrzeugen dieser Mangel behoben. In diesem Zusammenhang bemängelte das Verkehrsministerium schon früher die fehlende Fluchtmöglichkeit durch die Fenster.

Als sich die Stadt Wien 1992 für eine Neuentwicklung der Niederflur-Technologie durch die SGP (heute Siemens Österreich) und damit gegen vorhandene Modelle entschied, wurde der Stadtregierung politisches Kalkül vorgeworfen. Auch aufgrund der langen Entwicklungsdauer kam es bei der ersten Serie zu einer Verspätung bei der Lieferung.

Im Sommer klagen Fahrgäste über die Hitze in den Fahrzeugen der ersten Serie, die späteren Fahrzeuge verfügen über eine Temperaturabsenkanlage. Das aerodynamische Fahrzeugdesign hat den Nachteil, dass sich die Zugzielanzeige im Sonnenlicht oft spiegelt und dadurch unlesbar wird. Aufgrund dessen werden die Garnituren der ersten Generation sukzessive mit neuen, gut lesbaren Anzeigen ausgestattet; die zweite Serie erhielt diese ab Werk. Darüber hinaus sorgen pfeifende Motoren und quietschende Gelenke in manchen Betriebssituationen für deutlich wahrnehmbare Geräusche.

Die nachträglich eingebauten „Haifischflossen“(Seitenfenster bei den Fahrgästen) sind ein weiterer Kritikpunkt, da es bei Schlechtwetter zu Wassereintritten in den Fahrgastraum kommt.

Die ULF-Technologie wurde nicht zum erhofften Wiener Export-Schlager. Viele Verkehrsbetriebe (wie etwa Berlin) entschieden sich gegen den ULF, weil er nicht als Zweirichtungsfahrzeug konzipiert wurde. Für den internationalen Markt setzt Siemens mittlerweile auf andere Modelle wie den Combino-Nachfolger Avenio.

Modelle[Bearbeiten]

Im Verkehrsmuseum Remise kann man von Halling hergestellte Modelle des ULFs im Maßstab 1:87 kaufen. Diese werden sowohl als Kurze A1 als auch als Lange B1 angeboten.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: ULF – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Die Höhe überwunden Ein mehrseitiger Artikel (Ulf-Story) und viele Bilder zum Wiener ULF.
  • ULF Ausführliche Erklärung der Entwicklung der Prototypen bis zur Serienreife mit vielen Bildern.
  • Wartung einer ULF Ganitur auf dem YouTube-Kanal der Wiener Linien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wiener Linien: Bombardier erhält Auftrag für neue Bim-Generation, Der Standard, 1. Dezember 2014
  2. Helmut Dité: Wiener Ulf auch in Oradea, Wiener Zeitung, 15. Jänner 2008 (abgerufen am 7. November 2013)
  3. E. Lassbacher: ULF in Rumänien, stadtverkehr, Ausgabe Juni 2008, Seite 51
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatTramway in Vollbrand. Wiener Zeitung, abgerufen am 30. Juli 2009.