Vier Modernisierungen

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Die Vier Modernisierungen (Kurzzeichen: 四个现代化, Langzeichen: 四個現代化, Pinyin: sìge xiàndàihuà) ist ein wirtschaftliches Reformprogramm, welches auf den chinesischen Premierminister Zhou Enlai zurückzuführen ist.

1978, zwei Jahre nach Mao Zedongs Tod, machte sich die Kommunistische Partei Chinas an die Umsetzung der „Vier Modernisierungen“ der Volksrepublik China – die Modernisierung der Landwirtschaft, der Industrie, der Verteidigung sowie der „Wissenschaft und Technik“.

Anfänge der Reformpolitik[Bearbeiten]

Die Anfänge von Chinas Reform- und Öffnungspolitik begann im Dezember 1978, beim 3. Plenum des 11. Zentralkomitees, in welcher Deng Xiaoping eine wichtige Rolle spielte. Zu dieser Zeit war Hua Guofeng der Nachfolger von Mao Zedong und Vorsitzender der Kommunistische Partei Chinas. Dengs Ziel war es, den Nachfolger von Mao Zedong von der Staatsmacht zu verdrängen und um seine Vorstellungen von Wirtschaft und Politik durchzusetzen. Beim 3. Plenum des 11. Zentralkomitees hielt Deng eine Rede, die eine Kontroverse zur maoistischen Führungskultur darstellte. In dieser Rede verurteilte er die Kulturrevolution und setzte den Fokus Chinas auf die ökonomische Entwicklung. Dengs gesellschaftliches Ziel einer starken Wirtschaft mit einer effizienten Verwaltung bei großer Skepsis gegenüber demokratischen Experimenten stellte er in einer späteren Rede folgendermaßen dar:

„Die gesellschaftliche Ordnung Singapurs kann man getrost als hervorragend bezeichnen. Dort existiert ein strenges System der Verwaltung und Kontrolle. Das sind Erfahrungen, die wir übernehmen und verbessern sollten. Historische Erfahrungen haben gezeigt, dass unsere politische Macht nur mit Diktatur zu konsolidieren ist. Eigentlich sollten wir unser Volk Demokratie genießen lassen. Um aber unseren Feinden überlegen zu sein, müssen wir Diktatur praktizieren - die demokratische Diktatur des Volkes.[1]

Durch die Nichtberücksichtigung der Demokratie entstand eine demokratische Bewegung, welche durch die Pekinger Bürger mit Plakaten an der Chang'an-Straße gefördert wurde und Mao verurteilten. Deng unterstütze die Demokratiemauer zunächst, den ihr Hauptdruck richtete sich gegen Hua Guofeng und die konservativen Kräfte der Regierung.

Im Jahre 1979 wurden unter Dengs Federführung reihenweise Ereignisse wie die Tian’anmen-Proteste von 1976, die Kulturrevolution oder die Kampagne gegen die Rechten verurteilt und deren Opfer rehabilitiert; ausgespart blieben lediglich jene Ereignisse, an denen Deng direkt beteiligt war. Durch die Rehabilitierung der Opfer gelang es Deng, mehr Unterstützer der eigenen Linie in hohe Partei- und Regierungspositionen zu bringen, wodurch zahlreiche Mitglieder des Hua-Lagers aus ihren Posten verdrängt wurden. Letztendlich wurde ein Bericht über die Wirtschaftsplanung von Hua Guofeng zum Vorwand genommen, um seine Unfähigkeit der Machtführung aufzuzeigen. Im August 1980 musste er sein Amt als Premierminister an Zhao Ziyang, einen von Dengs potenziellen Nachfolgern, abgeben. Nach und nach wurden ihm auch alle anderen Funktionen abgenommen, und er wurde in den Ruhestand geschickt. Somit war der Weg frei, für Dengs Ziel zur Öffnung Chinas und der Reformpolitik.

Vier Modernisierungen[Bearbeiten]

Landwirtschaft, Industrie[Bearbeiten]

Der wirtschaftliche Aufschwung begann mit dem Umbau der Landwirtschaft. Bisher war das System der Volkskommunen so konstruiert, dass dem Staat Getreidequoten zu festgelegten Preisen geliefert werden, aber den Landarbeiter ohne jeglichen Leistungsanreiz und gerechter Bezahlung ihrer Leistungen vergütet werden. Dieses System führte nicht zum gewollten wirtschaftlichen Erfolg. Also wurden die Volkskommunen im Jahre 1982 abgeschafft und die Gemeinden traten als unterste Verwaltungsebene an ihrer Stelle. Durch Pachtverträge von Land zu 5, 10, 15 Jahren wurden den Bauern die Möglichkeit geboten, eigenverantwortlich und selbstständig Profite zu erzielen mit einer festgelegten Getreideabgabequote an den Staat. Dies war einer der Agrarreformen von Deng mit einem vertragsgebunden Verantwortungssystem welches sich später auch in den Städten vorfinden lässt.

Zwischen 1981 und 1984 stieg die ländliche Produktion um 9 % und China wurde wieder ein Land von Kleinbauern. Diese Reform ermöglichte es den Bauern, sich weiter zu spezialisieren. Es wurde nicht nur Getreide angebaut, sondern auch Baumwolle sowie Holz oder es wurden Fischteiche angelegt. Durch den stetig ansteigenden Wohlstand, stieg die Nachfrage nach Luxusgütern wie z. B. Kleidung, Haushaltsgeräte, Farbfernseher, Kühlschränke, die zu Statussymbolen wurden. Dieser Aufschwung veranlasste unzählige Neugründungen von Privatunternehmen, die den Bedarf deckten. Das Pro-Kopf-Einkommen auf dem Lande vervielfachte sich und ländliche Unternehmen wuchsen in der Zeit um durchschnittliche 28 % pro Jahr und beschäftigten rund über 100 Millionen Menschen.

1984 wurde das vertragsgebundene Verantwortungssystem [2] auf die Städte angewandt. Dort wurden die Staatsbetriebe als Ersatz zu den Volkskommunen auf dem Land umstrukturiert. In den Städten wurden diese zu Industriekonglomeraten, welche zentral gelenkt werden und unbeirrt von ökonomischen Kriterien produzierten. Es war ein System der Absatzgarantie mit festen Löhnen und unkündbaren Arbeitsplätzen. Die Staatsbetriebe mit einer industriellen Produktion von 75 % waren nicht nur Wirtschaftsbetriebe, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der sozialistischen Gesellschaft. Staatsbetriebe standen mit ihrer Planwirtschaft für die Versorgung und Sicherung der Menschen. Wie beim selben Vorgehen auf dem Land wurden jetzt Manager ernannt, die eigenverantwortlich für ihre Produktion zuständig sind und selbstständig Gewinne erzielen können. Es musste selbstverständlich eine festgelegte Planmenge an den Staat abgeben werden.

Ab 1984 wurden städtische Privatunternehmen mit maximal sieben Mitarbeitern zugelassen. 1988 aber wurden alle Einschränkungen aufgehoben. Es bildeten sich in dieser Zeit unzählige Kleinbetriebe. Parallel wurden allmählich die Marktpreise freigegeben und 1983 eine Einkommensteuer eingeführt. So gelang China innerhalb weniger Jahre der Weg zu einer regelrechten Marktwirtschaft.

Öffnung nach außen[Bearbeiten]

Das dritte Element der Reformpolitik beinhaltet die Öffnung nach außen. 1979 nahmen die Volksrepublik China und die USA offizielle diplomatische Kontakte auf. Deng Xiaoping unternahm eine medienwirksame Auslandsreise in die Vereinigten Staaten, was den Außenhandel expandieren ließ.

Eine weitere Maßnahme war die Zulassung ausländischer Investitionen in China. Für ausländische Investoren wurden vier Sonderwirtschaftszonen eingerichtet. Zu diesen gehörten: Shenzhen, Zhuhai, Shantou und Xiamen.

Deng Xiaoping gelang es durch Verhandlungen mit der Britischen Regierung, die Rückgabe von Hongkong und somit eine Wiedereingliederung ins chinesische Mutterland, jedoch nach dem Prinzip: „Ein Land, zwei Systeme“. Zudem wurden 14 Städte zu Freihandelszonen und Technologieparks für ausländische Unternehmen geöffnet.

Nach einer Zeit der Abschottung unter Mao Zedong ist in China eine neue Epoche (新时期,xīnshídài) angebrochen, mit dem Fokus auf die Öffnung nach außen und einer wirtschaftlichen Liberalisierung. Eine neue Kulturrevolution war im Gange und China befand sich im „Kultur-Fieber“. Die „Narbenliteratur“ (chinesisch: 伤痕文学; Pinyin: shānghén wénxué) welche zur Zeiten der Kulturrevolution entstand wurden maßlos kritisiert. Außerdem wurden Filme wie Gelbe Erde 1984 (chinesisch 黃土地Pinyin huáng tǔdì) oder Rotes Kornfeld 1987(chinesisch 红高粱Pinyin Hóng Gāoliang wörtlich „Rote Hirse“) erschienen um den sozialistischen Realismus zu überwinden.

Neben Filmen und Büchern spielte auch das Fernsehen eine wichtige Rolle. 1978 besaßen 2 % der chinesischen Haushalte einen Fernseher, 1988 waren es 30 % und in den Städten bis zu 95 % der Bevölkerung. Die Fernsehserie Flusselegie (chinesisch 河殇Pinyin Héshāng) war ein Dokumentarfilm welche auf CCTV (chinesisch 中国中央电视台Pinyin Zhōngguó Zhōngyāng Diànshìtái, dt. „Chinesisches Zentral-Fernsehen“) ausgestrahlt wurde. In diesem Film handelte es sich um die Geschichte einer Zivilisation im Niedergang welches die Geschichte Chinas widerspiegelte. China hat sich zu Ming-Zeiten selbst abgeschottet und zur Isolation begeben- symbolisch hierfür steht der Gelbe Fluss. Die einzige Möglichkeit sich aus dieser Situation zu befreien, liegt die Zuwendung zum blauen Meer, die Öffnung zur Welt. Eine Öffnung zur Welt fand bereits statt durch den Einzug von westlichen Waren in sogenannten Freundschaftsläden in denen man nur mit „Foreign Exchange Certificates“ bezahlt. Die Gesellschaft Chinas erlebte einen regelrechten Wandel von Autos bis zur Mode änderten sich die Wünsche und Ziele sowie Freiheiten einzelner Personen. China, der „schlafende Drache“ erwachte.

Kritik[Bearbeiten]

1978 forderten chinesische Bürgerrechtler, darunter Wei Jingsheng, an der Mauer der Demokratie eine „fünfte Modernisierung“, die Demokratie. Doch dies verhinderte die chinesische Regierung mit repressiven Maßnahmen. Deng Xiaoping und die Parteispitze ließen Wei und andere Aktivisten wegen Spionage für 15 Jahre verhaften.

Trotz der „Vier Modernisierungen“ verfolgt die kommunistische Partei Chinas ihre Grundprinzipien: 1.die sozialistische Linie, 2.die Diktatur des Proletariats, 3.die Führung der KPCh und 4. den Marxismus-Leninismus.

Literatur[Bearbeiten]

Kai Vogelsang; Geschichte Chinas. Reclam Verlag, Stuttgart 2012, ISBN 9783150108574.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Reform oder Untergang. In: Der Spiegel. Nr. 14, 1992, S. 178–179 (30. März 1992, online).
  2. Deng Xiaoping und Chinas Reform- und Öffnungspolitik auf german.cri.cn