Wehrwissenschaftliches Institut für Schutztechnologien – ABC-Schutz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wehrwissenschaftliches Institut für Schutztechnologien – ABC-Schutz
– WIS –
Wehrwissenschaftliches Institut für Schutztechnologien – ABC-Schutz– WIS –
Emblem
Kategorie: Ressortforschungseinrichtung
Träger: Bundesministerium der Verteidigung
Sitz des Trägers: Bonn, Nordrhein-Westfalen
Standort der Einrichtung: Munster (Örtze)
Art der Forschung: ABC-Abwehr
Fächer: Biologie, Chemie, Physik, Verfahrenstechnik, Elektrotechnik
Fachgebiete: Wirkung biologischer, chemischer oder nuklearer Massenvernichtungswaffen; Wirkung elektromagnetischer Strahlung; Brandschutz
Leitung: Direktor und Professor Dr. Winfried Schuhn,
Mitarbeiter: ca. 220[1]
Anmerkung: 35,4 Mio. € Haushaltsjahr 2005[2]
Homepage: www.baainbw.de

Das Wehrwissenschaftliche Institut für Schutztechnologien – ABC-Schutz (WIS), vormals „Wehrwissenschaftliche Dienststelle der Bundeswehr für ABC-Schutz“, davor „Erprobungsstelle 53 der Bundeswehr“, hat seinen Sitz in Munster (Örtze) in Niedersachsen. Das WIS ist neben dem Wehrwissenschaftlichen Institut für Werk- und Betriebsstoffe (WIWeB) in Erding b. München und der wissenschaftlichen Komponente der Wehrtechnischen Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen, Maritime Technologie und Forschung (WTD 71) eine von drei Forschungseinrichtungen, die dem Geschäftsbereich des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) nachgeordnet sind.

Das Institut ist die einzige größere Einrichtung Deutschlands, die sich mit dem Schutz (von Menschen, Materialien, Geräten und Systemen) vor atomaren, biologischen oder chemischen Massenvernichtungswaffen befasst.

Das Ziel der Tätigkeit des WIS ist: „der wirkungsvolle Schutz der deutschen Streitkräfte vor atomaren, biologischen oder chemischen Gefährdungen durch die Bereitstellung moderner Schutztechnologien einschließlich der Bewertung ihrer Leistungsgrenzen.“ Der ABC-Schutz der Bevölkerung ist nicht Aufgabe des WIS, auch wenn im Rahmen des weltweiten Kampfes gegen den Terrorismus die Kontakte mit den Einrichtungen der Zivilverteidigung immer enger werden.

Geschichte[Bearbeiten]

1916, mit dem Beginn des Einsatzes chemischer Waffen im Ersten Weltkrieg, wurde in Munster auf 6.500 Hektar erstmals eine Erprobungs- und Produktionsstätte für Gasmunition eingerichtet („Gasplatz Breloh“), in der etwa 6000 Menschen tätig waren. Etwa ein Viertel des Giftgasbedarfs sowohl der deutschen als auch verbündeter Armeen wurde dort produziert.

Nach Kriegsende war vorgesehen, noch vorhandene Kampfstoffe und -munition im Meer zu versenken. Im Oktober 1919 explodierte jedoch auf dem Gelände ein beladener Güterzug. Die umherfliegende Kampfstoffmunition zerstörte die Anlage und erhebliche Giftmengen verseuchten das Gelände. Bis 1925 wurde das Gebiet nur oberflächlich geräumt.

Im Dritten Reich wurden ab 1935 das Gelände auf 10.000 Hektar erweitert, neue Produktions- und Versuchsanlagen für chemische Kampfstoffe gebaut und die Heeresversuchsstelle Munster-Nord des Heereswaffenamtes eingerichtet. Die Wehrmacht erprobte dort neue Kampfstoffe.[3]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Anlagen unter der britischen Besatzung demontiert und die meisten Gebäude gesprengt. Bis heute erhalten ist davon jedoch das sogenannte Rote Gebiet, auf dem sich auch heute noch Kampfstoffaltlasten befinden.

Am 1. Februar 1958 wurde auf einem Teil des Gebietes die Erprobungsstelle der Bundeswehr für ABC-Schutz Munster/Lager errichtet. 1962 wurde sie umbenannt in Erprobungsstelle 53 der Bundeswehr und dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung unterstellt. Ihre Aufgaben waren nach eigenen Angaben zunächst Erprobungen und Güteprüfungen, später verschob sich der Schwerpunkt zu anwendungsbezogenen Grundlagenuntersuchungen. Am 1. Juni 1975 wurde daher die Einrichtung erneut umbenannt in Wehrwissenschaftliche Dienststelle der Bundeswehr für ABC-Schutz.

1995 erfolgte eine Neugliederung und Erweiterung des Zuständigkeitsbereiches, Aufgaben aus dem Bundesverteidigungsministerium und dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung wurden zu den Wehrtechnischen und Wehrwissenschaftlichen Dienststellen verlagert. Entsprechend erfolgte eine weitere Umbenennung zur bis heute aktuellen Bezeichnung.

Im WIS arbeiten heute ca. 210 zivile Beschäftigte. Kampfstoffe wurden dort nie produziert. Behauptet wird, dass die ehemalige Erprobungsstelle Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre von der „Chemischen Fabrik Stoltzenberg“ sich beispielsweise Stickstofflost hat liefern lassen.[4]

Fast sämtliche Tätigkeiten des WIS sind offen; nur in den Fällen, wo dies aus Gründen der nationalen Sicherheit unabdingbar ist, unterliegen Arbeitsergebnisse der Geheimhaltung. So ist beispielsweise die Fachinformationsstelle (Bibliothek) des WIS auch über Fernleihe zugänglich. Auch Schüler und Studenten haben Zutritt zur Fachinformationsstelle.

Heutige Struktur und Aufgabenbereiche[Bearbeiten]

Der Leiter des WIS hat die Amtsbezeichnung „Direktor und Professor“.[5] Seit August 2011 ist DirProf Dr. Winfried Schuhn Leiter des WIS. Das WIS gliedert sich in eine Stabsstelle, drei operative Geschäftsbereiche, einen technisch-betrieblichen und einen wirtschaftlich-administrativen Servicebereich.

Das WIS verfügt über zahlreiche biologische, chemische und physikalische Laboratorien, Technikumseinrichtungen und Großversuchsanlagen mit modernster Ausstattung. Das Institut ist nach DIN EN ISO 17025 zertifiziert, das analytische Zentrallabor und die Gefahrstoffmessstelle Nord sind akkreditiert. Das chemische Zentrallabor des WIS ist eines von weltweit 22 anerkannten Prüflaboratorien der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die die Einhaltung der Chemiewaffenkonvention überwacht. Das biologische Zentrallabor ist ein Labor der Sicherheitsstufe 3, das heißt, dort darf auch mit einigen echten biologischen Kampfstoffen umgegangen werden.

Die drei operativen Geschäftsbereiche sind:

Unterstützend wird das WIS tätig bei allen Fragen zu Umweltschutz, Strahlenschutz und Arbeitssicherheit in der Bundeswehr.

Das Spektrum der Untersuchungen umfasst zum Beispiel:

  • analytische Nachweise von Kampfstoffen
  • Rückhalteeigenschaften von Schutzfiltern in Fahrzeugen und Gebäuden
  • das Verhalten kompletter Waffensysteme gegenüber Wirkungskomponenten von Atomwaffen

Dabei wird nach eigenen Angaben mit Partnern, also anderen deutschen Einrichtungen, in- und ausländischen Wehrtechnikfirmen, sowie anderen Staaten (beispielsweise über die Deutsche Verbindungsstelle des Rüstungsbereiches USA/Kanada (DtVStRü USA/Ka) in Reston, Virginia), zusammengearbeitet. Auch Arbeiten für externe Auftraggeber werden durchgeführt.

Entsprechend der „Konzeption der Bundeswehr“ führen die Ressorts der Bundesregierung den in Bereichen, wo anerkannter Bedarf nicht durch Kauf geschlossen werden kann, eigene Forschungsaktivitäten durch; deswegen ist das WIS auch Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Ressortforschungseinrichtungen. Ein entsprechender Anteil der dem WIS zur Verfügung stehenden Budgetmittel wird für Forschung ausgegeben.

Die interdisziplinären bzw. Forschungsprojekte in denen das WIS tätig ist, umfassen nach eigenen Angaben beispielsweise:

  • „Kombiniertes Luft- und Bodenspürsystem für LLR-Aufgaben“,
  • „Aufbau der Zentralen Unterstützungsgruppe des Bundes für gravierende Fälle der nuklearen Nachsorge (ZUB)“
  • „Erkennung von B-Kampfstoffwolken durch das UV-APS (UltraViolet Aerodynamic Particle Sizer)“,
  • „High-Power-Microwave-Simulator“,
  • „Verwendung von reaktiven nano-Partikeln zur Dekontamination“,
  • „Mikroemulsionen als stabile Grundlagen von Dekontaminationsmitteln“.

Technische Projekte umfassen u.a. Entwicklung und Erprobung

  • des „TEP 90“ (Dieses Kürzel steht für „Truppenentstrahlungs-, -entseuchungs, -entgiftungs-Platz 90“; des größten Projektes der ABC-Abwehrtruppe),
  • der ABC-Schutzmaske 2000,
  • des teilweise permeablen ABC-Schutzhandschuhs für den Infanteristen der Zukunft (IdZ),
  • des neuen ABC-Ponchos,
  • der neuen Dekontaminationseinrichtungen für leichte, luftverlegbare Kräfte

In der ersten Jahreshälfte 2006 wurde das WIS auf Bitte des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) vom Wissenschaftsrat, dem wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremium in Deutschland, eingehend begutachtet.[6] In seiner Stellungnahme lobt der Wissenschaftsrat die wissenschaftliche Qualifikation und Arbeitsweise des WIS. Der Wissenschaftsrat hebt aber auch hervor, dass der derzeitige Umfang der Forschung am WIS nicht ausreiche und empfiehlt die Schaffung von Freiräumen für innovative Forschungsprojekte, eine bessere Vernetzung mit ziviler Forschung, eine höhere wissenschaftliche Sichtbarkeit durch Teilnahme an Fachtagungen und Publikationen in anerkannten Fachzeitschriften sowie die Einwerbung von Forschungsdrittmitteln. Weiter wurde die Einrichtung eines wissenschaftlichen Beirates angeregt; diese Anregung ist inzwischen umgesetzt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weitere wehrwissenschaftliche und wehrtechnische Einrichtungen des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr sind

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  1. Homepage des WIS Portrait des WIS. Aufgerufen am 10. März 2012.
  2. Wissenschaftsrat Stellungnahme zum Wehrwissenschaftlichen Institut für Schutztechnologien – ABC-Schutz (WIS), 26. Januar 2007, Drs. 7699-07, S. 6. Aufgerufen am 10. März 2012.
  3. Günther W. Gellermann: Der Krieg, der nicht stattfand. Möglichkeiten, Überlegungen und Entscheidungen der deutschen Obersten Führung zur Verwendung chemischer Kampfstoffe im Zweiten Weltkrieg. Koblenz: Bernard und Graefe 1986, ISBN 3-7637-5804-6
  4. Günter Wallraff: 13 unerwünschte Reportagen, Rowohlt Verlag, Hamburg 1975, ISBN 3-499-16889-8
  5. Anlage I Bundesbesoldungsordnungen A und B, I. Allgemeine Vorbemerkungen Ziff. 2
  6. Wissenschaftsrat: Stellungnahme zum Wehrwissenschaftlichen Institut für Schutztechnologien – ABC-Schutz (WIS), Munster, Januar 2007 (Drs. 7699-07): http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7699-07.pdf

5310.14Koordinaten: 53° 0′ 0″ N, 10° 8′ 24″ O