Werner Scholem

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Werner Scholem (um 1924)

Werner Scholem (* 29. Dezember 1895 in Berlin; † 17. Juli 1940 im KZ Buchenwald) war ein deutscher Politiker der KPD, Abgeordneter im Reichstag und Opfer des Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten]

Bis zum Ausschluss aus der KPD (1926)[Bearbeiten]

Scholem war der Sohn eines Berliner Druckereibesitzers. Einer seiner Brüder war der Religionshistoriker Gershom Scholem. Schon seit seiner Jugend sympathisierte Scholem mit dem Zionismus. Wegen seines frühen politischen Engagements kam es zu heftigen familiären Auseinandersetzungen, weswegen er 1913 zum Schulbesuch an das Gildemeistersche Institut in Hannover wechseln musste (dort war Ernst Jünger sein Mitschüler).

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schloss er sich der sozialistischen Arbeiter-Jugend an. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr war er auch journalistisch tätig. 1917 trat er der USPD bei und wurde wegen des Vorwurfes der Majestätsbeleidigung und wegen Antikriegsaktivitäten zeitweise inhaftiert. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich ab 1919 in Halle/Saale als Redakteur des Volksblattes.

1920 wechselte er zur KPD, wo er zum linken Flügel gehörte. Diese entsandte ihn im darauffolgenden Jahr als Vertreter in den Preußischen Landtag. Im selben Jahr betraute man Scholem auch mit der Redaktion der Parteizeitung Die Rote Fahne.

Während der folgenden Jahre war Scholem als Organisationsleiter der KPD meist in Berlin tätig. 1924 avancierte er zum Reichsorganisationsleiter und somit zum Mitglied des Politbüros der KPD. In den Jahren 1924 bis 1928 gehörte er dem Deutschen Reichstag an. Er stand der mit dem Komintern-Vorsitzenden Sinowjew verbundenen sogenannten Fischer-Maslow-Gruppe nahe, welche die neue „ultralinke“ Parteiführung der KPD bildete, nachdem der „rechte“ Parteiflügel 1923 von der Parteiführung entfernt wurde.

Die neue Parteiführung wurde aber bereits im August 1925 wieder abgesetzt. Aufgrund der Mitorganisation der Erklärung der 700 gegen die Unterdrückung der Vereinigten Linken Opposition in der Sowjetunion wurde Scholem im November 1926 aus der KPD ausgeschlossen; eine Solidarisierung durch die Erklärung der 1000 blieb erfolglos.

Seit 1926 bis zum Tod im KZ Buchenwald (1940)[Bearbeiten]

Stolperstein, Klopstockstraße 18, in Berlin-Hansaviertel

Scholem trat der Gruppe der Linken Kommunisten im Reichstag bei und gehörte im April 1928 zu den Gründern des Leninbundes, der zu einer bedeutenden oppositionellen kommunistischen Organisation in Deutschland heranwuchs. Scholem selbst verließ diesen jedoch noch im gleichen Jahr und blieb parteilos, sympathisierte aber weiterhin mit trotzkistischen Positionen und der Linken Opposition (LO). Den Stalinismus lehnte er dagegen ab. Des Öfteren schrieb er Artikel für die LO-Zeitung Permanente Revolution.

Als Jude und Kommunist wurde Scholem nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten am 28. Februar und erneut am 23. April 1933 verhaftet und in „Schutzhaft“ genommen.[1] Ab Juni 1933 befand er sich in Untersuchungshaft im Gefängnis Moabit. Am 9. März 1935 wurde er vom Volksgerichtshof aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf des „Hochverrats“ freigesprochen. Verfahrensgegenstand war ein Gespräch Scholems mit einem Reichswehrsoldaten im Frühjahr 1932. Nach dem Freispruch kam er erneut in „Schutzhaft“ und wurde ab Februar 1937 im KZ Dachau und ab September 1938 im KZ Buchenwald festgehalten. In Buchenwald wurde er am 17. Juli 1940 erschossen, angeblich „auf der Flucht“.

Gershom Scholem berichtet in einem Brief an Walter Benjamin von Bemühungen der Familie, die Freilassung Werner Scholems zu erreichen. Diese seien gescheitert, da sich Scholem auf einer Liste von Häftlingen befunden habe, die nur mit der Erlaubnis von Joseph Goebbels freigelassen werden durften: „Göbbels braucht ein paar Juden dort, an denen er zeigen kann, daß er den Bolschewismus zertreten hat, und dazu ist anscheinend u.a. mein Bruder ausersehen.“[2] Ein in Dachau aufgenommenes Bild Scholems wurde in antisemitischen Ausstellungen in Berlin und anderen Städten gezeigt. Als aus der Partei ausgeschlossener Kommunist und nichtreligiöser Jude blieb Scholem nach Angaben seiner Tochter in den Konzentrationslagern isoliert, obwohl er sich für zahlreiche Mitgefangene einsetzte.[3]

Erinnerungen an Werner Scholem[Bearbeiten]

Gedenktafeln am Reichstag

Seit 1992 erinnert in Berlin in der Nähe des Reichstags eine der sechsundneunzig Gedenktafeln für von den Nationalsozialisten ermordeten Reichstagsabgeordneten an Scholem. Vor dem Standort seiner ehemaligen Wohnung in der Klopstockstraße im Berliner Hansaviertel erinnert seit 2007 ein Stolperstein an Werner Scholem. Scholem wohnte in der Klopstockstr. 7, das Grundstück trägt heute die Hausnummer 18.

Familie und Privates[Bearbeiten]

Werner Scholem heiratete 1917 seine Jugendliebe Emmy Wiechelt, die er in der sozialistischen Arbeiterjugend kennengelernt hatte. Die beiden waren gemeinsam politisch aktiv und bis zu Scholems Tod verheiratet. Emmy, die 1933 gemeinsam mit Werner verhaftet wurde, gelang 1934 nach einem Hafturlaub gemeinsam mit den beiden Töchtern Edith und Renate die Flucht nach London.[4] Die 1923 geborene Renate Scholem erlangte in den 1950ern unter dem Namen Renee Goddard große Bekanntheit als Schauspielerin.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Buckmiller und Pascal Nafe: Die Naherwartung des Kommunismus – Werner Scholem. In: Judentum und politische Existenz. Hannover 2000, S. 61–82.
  • Ralf Hoffrogge: Utopien am Abgrund. Der Briefwechsel Werner Scholem – Gershom Scholem in den Jahren 1914-1919. In: Schreiben im Krieg – Schreiben vom Krieg. Feldpost im Zeitalter der Weltkriege. Klartext-Verlag Essen 2011, ISBN 978-3-8375-0461-3, S. 429–440.
  • Ralf Hoffrogge: Emmy und Werner Scholem im Kampf zwischen Utopie und Gegenrevolution, in: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge Band 65 (2011), S. 157-176.
  •  Hermann Weber, Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. Zweite, überarbeitete und stark erweiterte Auflage. Karl Dietz Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6 (Online, abgerufen am 2. Januar 2012).
  • Mirjam Zadoff: Familienrevolution im Jahr 1933. Die deutsch-jüdischen Kommunisten Werner und Emmy Scholem im Briefwechsel. In: Auf unsicherem Terrain. Briefeschreiben im Exil, hg. von Sylvia Asmus, Germaine Goetzinger, Hiltrud Häntzschel und Inge Hansen-Schaberg. München: edition text + kritik 2013, ISBN 978-3-86916-272-4, S. 175–187.
  • Mirjam Zadoff,„… der lebendige Beweis für ihre Greuel.“ Arthur Rosenberg an Emmy Scholem am 18. November 1938. In: Münchner Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur 7 (2013) 2, ISSN 1864-385X, S. 33–41.
  • Mirjam Zadoff: Unter Brüdern – Gershom und Werner Scholem. Von den Utopien der Jugend zum jüdischen Alltag zwischen den Kriegen. In: Münchner Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur. Band 1, Heft 2, 2007, ISSN 1864-385X, S. 56–66.
  • Mirjam Zadoff: Der unsichtbare Bruder. In: der Freitag. 25. Juli 2009. (online auf freitag.de)
  • Mirjam Triendl/Noam Zadoff: Ob Mein Bruder Werner gemeint ist? In: Freitag. 18. Juni 2004.
  • Rüdiger Zimmermann: Der Leninbund. Linke Kommunisten in der Weimarer Republik. Düsseldorf 1978, ISBN 3-7700-5096-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Werner Scholem – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Schumacher (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933−1945. Droste-Verlag, Düsseldorf 1991, ISBN 3-7700-5162-9, S. 506ff.
  2. Brief Gershom Scholems an Walter Benjamin vom 19. April 1936, zitiert bei Schumacher, M.d.R., S. 509.
  3. Auskunft der Tochter vom 27. November 1989, siehe Schumacher, M.d.R., S. 509.
  4. Vgl. Buckmiller/Nafe 2000.