York Höller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

York Höller auch in der Schreibweise York Hoeller (* 11. Januar 1944 in Leverkusen) ist ein deutscher Komponist und Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.

Biografie[Bearbeiten]

Zwischen 1963 und 1970 studierte Höller an der Musikhochschule Köln bei Bernd Alois Zimmermann und Herbert Eimert Komposition sowie Klavier (u.a. bei Schmitz-Gohr) und Orchesterleitung. Parallel dazu studierte er Musikwissenschaft und Philosophie an der Universität Köln. Weitere musikalische Studien absolvierte er in den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik bei Pierre Boulez. 1967 legte Höller sein Examen in Schulmusik ab.

Von 1969 bis 1972 war er Mitglied der Gruppe 8 Köln. Am Staatstheater Bonn war Höller kurzzeitig als Solorepetitor tätig. 1971 folgte er einer Einladung Karlheinz Stockhausens, eigene Kompositionen im Studio für elektronische Musik des WDR zu realisieren. Mit seinen Werken erlangte er schnell internationale Bekanntheit. Ab Mitte der 1970er komponierte Höller auch am Pariser Forschungsinstitut IRCAM, wohin ihn Pierre Boulez eingeladen hatte. An der Grand Opéra wurde 1989 seine Oper Der Meister und Margarita nach dem gleichnamigen Roman Michail Bulgakows uraufgeführt.

Zwischen 1986 und 1990 war Höller Dozent für Analyse und Musiktheorie an der Musikhochschule Köln. Danach war er von 1990 bis 1999 künstlerischer Leiter des WDR-Studios für elektronische Musik. 1993 folgte er einem Ruf der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin als Professor für Komposition. Als Nachfolger Hans Werner Henzes wechselte er 1995 in dieser Funktion an die Musikhochschule Köln. Außerdem hält Höller an vielen europäischen und amerikanischen Hochschulen Gastvorträge und Kompositionskurse.

Seit 1991 ist York Höller Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und seit 2006 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg.

Stilistische Merkmale[Bearbeiten]

Höllers Kompositionsstil hat sich seit seinen als "Opus eins" titulierten "Fünf Stücken für Klavier" aus dem Jahr 1964 kontinuierlich entwickelt und gewandelt. Die ersten "Fünf Stücke für Klavier" stehen in der Tradition von und Auseinandersetzung mit Schönberg und Webern. Eine einzige Zwölftonreihe liegt allen fünf Stücken zugrunde. Sein erstes Orchesterwerk "Topic" aus dem Jahr 1967 weist noch starke Einflüsse seines Lehrers Bernd Alois Zimmermann auf, zeigt aber eine virtuose Handschrift in der Beherrschung des großen Orchesterapparates.

Erst mit seiner "Sonate für Klavier" (Sonate informelle) aus dem Jahr 1968 entwickelte Höller einen eigenen Personalstil. Nach der Lektüre von Theodor W. Adornos Essay "vers une musique informelle" wandte sich Höller mit diesem Werk von der seriellen Musik ab und der freien Atonalität zu. Mit "Tangens" (1973) schrieb Höller ein richtungsweisendes Werk zur Verwendung von "Live-Elektronik". Er kombinierte den natürlichen Klang von Instrumenten (Klavier, Violoncello) mit den elektronischen Klängen zweier analoger Synthesizer.

Bei seinem Studienaufenthalt in Paris fand Höller Anregung zu einer eigenen Kompositionstheorie. Fasziniert vom Gregorianischen Choral, den er in der Kathedrale Notre Dame hörte, entwickelte er die Idee der "Klanggestalt". Wie in einem "genetischen Code" ist in Höllers "Klanggestalt" bereits die gesamte Disposition eines Werkes enthalten. "Die 12 Halbtöne der Oktave sind nur noch als Ausgangspunkte für die Bildung komplexer Gestalten zu betrachten. Diese wiederum sollten nicht als starre, geschlossene und unveränderliche, sondern als flexible, offene und transformierbare Gebilde verstanden werden. Um solche handelt es sich bei meinem 'Klanggestalten'" (York Höller in einem Vortrag 1998, veröffentlicht in: York Höller, Klanggestalt - Zeitgestalt, Boosey & Hawkes, Seite 119). In der Folge sind zahlreiche Werke Höllers nach der Idee der "Klanggestalt" entstanden. Typisch für diese lange Schaffensperiode ist das Werk "Mythos" für 13 Instrumente, Schlagzeug und elektronische Klänge (4-Kanal-Tonband). Der Titel bezieht sich nicht auf irgendeine Begebenheit aus dem weiten Feld der überlieferten Mythologien, sondern ist durchaus im ursprünglichen Sinn als "Rede" oder "Erzählung" zu verstehen. Dem Werk liegen teilweise vertraute poetische Bilder und Ausdruckscharaktere zugrunde, wie z. B. Wind, Wasser, die Nymphe Syrinx, Hornruf und Echo, bedrohliche Gesten, eine Art Marche Funèbre, dionysischer Rundtanz, nachtschwarzer Hymnus usw. Die Musik selbst, so der Komponist, soll durchweg aber als absolute Musik gehört werden. Das 4-Kanal-Tonband ist ein mitkomponierter, integraler Teil des Ganzen. Der Klang der Instrumente wird durch die elektronischen Klänge ins sagenhaft Mythische überhöht.

Höller hat fünf Kriterien für sein Schaffen aufgestellt: Echtheit, Unverwechselbarkeit, Klischeefreiheit, Prägnanz und Schlüssigkeit. In den letzten Jahren wendet sich der Komponist, bedingt auch durch den fast vollständigen Verlust seiner Sehkraft, wieder der rein instrumentalen Komposition zu.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

York Höller erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a.

Der französische Kulturminister ernannte ihn 1986 zum Chevalier dans l'Ordre des Arts et des Lettres.[2]

Werkauszug[Bearbeiten]

Kompositionen[Bearbeiten]

1964 Fünf Stücke für Klavier -
1965 (rev. 1974) Diaphonie (Hommage à Béla Bartók) für zwei Klaviere
1966 Drei Fragmente für Streichquartett
Herbsttag nach Rainer Maria Rilke für Sopran und acht Instrumente
1967 Topic für großes Orchester
1968 1. Sonate für Klavier (Sonate informelle)
1968/69 Sonate für Violoncello solo -
1969 Epitaph für Violine und Klavier
1971/72 Horizont elektronische Musik (4-Kanal-Tonband)
1972/74 Chroma für großes Orchester und Live-Elektronik
1973 Tangens für Violoncello, elektrische Gitarre, elektronische Orgel/Klavier und zwei Synthesizer
1975/76 Klanggitter für Violoncello, Klavier, Synthesizer und Tonband
1977 Antiphon (1.Streichquartett) für Streichquartett und elektronisch transformiertes Streichquartett (auf 4-Kanal-Tonband)
1978 Arcus für Instrumente und 4-Kanal-Tonband
1979/80 (rev. 1989/1995/2003) Mythos Klanggedicht für 13 Instrumente, Schlagzeug und elektronische Klänge (4-Kanal-Tonband)
1979 Moments musicaux für Flöte und Klavier
1979/80 (rev. 1983) Umbra für großes Orchester und 4-Kanal-Tonband
1981 Résonance für kleines Orchester und Computerklänge (4-Kanal-Tonband)
1982 Pas de trois für Viola, Violoncello und Kontrabass
1982 Schwarze Halbinseln für großes Orchester, vokale und elektronische Klänge
1983 Traumspiel Klanggedicht für Sopran, großes Orchester, 8-Kanal-Tonband und Live-Elektronik, nach dem gleichnamigen Schauspiel von August Strindberg
1983/84 1. Klavierkonzert in zwei Sätzen für Klavier und Orchester
1984-89 Der Meister und Margarita Oper in zwei Akten nach dem gleichnamigen Roman von Michail Bulgakow
1985 Magische Klanggestalt für großes Orchester
1985 Improvisation sur le nom de Pierre Boulez für 16 Instrumente
1986 2. Sonate für Klavier (Hommage à Franz Liszt) in zwei Sätzen
1989 (rev. 1997) Fanal für Trompete und kleines Orchester
1990-93 Pensées 2. Klavierkonzert als Repuiem für Klavier, großes Orchester und Live-Elektronik
1991 Margaritas Traum Szenen aus der Oper "Der Meister und Margarita" nach Michail Bulgakow für großes Orchester und 4-Kanal-Tonband
1991-93 Aura für großes Orchester
1993 Pas de deux für Violoncello und Klavier
1994/95 Tagträume sieben Klanggedichte für Violine, Violoncello und Klavier
1995-2003 Monogramme 14 Charakterstücke für Klavier
1996 Partita für zwei Klaviere
1996 Double für großes Orchester und zwei MIDI-Harfen
1996 Gegenklänge für 18 Instrumente
1997 2. Streichquartett -
1998/99 Aufbruch für großes Orchester
1998-2000 Der ewige Tag für gemischten Chor und großes Orchester
1999 Widerspiel für zwei Klaviere und Orchester
2000/01 Ex Tempore für neun Instrumente
2001 Trias für Altsaxophon, Klavier und Schlagzeug
2002/03 Klangzeichen für Bläserquintett und Klavier
2003 Scan für Flöte solo
2005 Monogramme für Klavier
2006 Sphären sechs Klangbilder für großes Orchester
2006 Fluchtpunkte für fünf Instrumente
2007 Zwiegestalt für Klavier und Streichquartett

Schriften[Bearbeiten]

  • Gestaltkomposition oder Die Konstruktion des Organischen. in: Neuland II, 1981/82, S. 140-143.
  • Fortschritt oder Sackgasse? Kritische Betrachtungen zum frühen Serialismus- Saarbrücken 1994.
  • Klanggestalt - Zeitgestalt. Texte und Kommentare 1964-2003. Herausgegeben von Reinhold Dusella. Berlin 2004: Boosey und Hawkes (Texte), Bote und Bock (Noten). ISBN 3-7931-1697-2 und ISMN M-2025-2231-8

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ralf Gerhard Ehlert: Die Verwendung elektronischer Klänge in der Musik York Höllers. Magisterarbeit. Köln 1989, 2001: Musikwissenschaftliches Institut der Universität Köln.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. The Associated Press [1]
  2. York Höller Biographie. York Höller, abgerufen am 31. Juli 2010.