Alexandra Michailowna Kollontai

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Alexandra Kollontai

Alexandra Michailowna Kollontai geb. Domontowitsch (russisch Александра Михайловна Коллонтай, wiss. Transliteration Alexandra Michajlovna Kollontaj; * 19. Märzjul./ 31. März 1872greg. in Sankt Petersburg; † 9. März 1952 in Moskau) war eine russische Revolutionärin, Diplomatin und Schriftstellerin. Sie war das einzige Mitglied des ZK der KPdSU des Jahres 1927, das die von Stalin initiierte große Säuberung überlebte.[1]

Leben[Bearbeiten]

Die Tochter eines reichen russischen Generals und einer finnischen Mutter erhielt ihre umfangreiche Schulbildung – dem Stand ihres Vaters entsprechend – durch Hauslehrer. Das Abitur legte sie am Gymnasium in St. Petersburg ab. 1893 heiratete sie entgegen dem Wunsch ihrer Eltern den armen Beamten Wladimir Kollontai. Fünf Jahre später verließ sie ihren Mann und Sohn und engagierte sich politisch. („Ich wollte frei sein“ - kommentierte sie diesen Schritt später.) 1898, im Alter von 26 Jahren, immatrikulierte sie sich an der Universität Zürich für die Fächer Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Bereits als Gymnasiastin hatte sie sich der sozialistischen Bewegung angeschlossen, für die sie auch in Zürich arbeitete. Sie thematisierte in ihren Schriften vor allem die Situation der Frau und forderte von Anfang an die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Da sie in ihren Schriften vehement gegen die Regierung agitierte, wurde sie mehrfach verhaftet und angeklagt. Kollontai ging 1908 ins Exil nach Paris, später in die USA. In diesen Jahren stand sie Lenin sehr kritisch gegenüber, da dieser annahm, eine Revolution werde im Familienleben in der Zeit unmittelbar während und nach der proletarischen Revolution nur eine untergeordnete Rolle spielen können.

Den Beginn des Ersten Weltkriegs erlebte Kollontai in Deutschland. Da die Sicherheit ihres Aufenthaltes nicht mehr zu garantieren war, reiste sie nach Schweden aus. Sie musste aber bald ihrer marxistischen Schriften wegen auch Schweden verlassen und ging nach Norwegen.

Kollontai (vordere Reihe, rechts) 1921 beim III. Weltkongress der Komintern; neben ihr ca. Bildmitte die deutsche KPD-Delegierte Clara Zetkin

Kollontai ging im Februar 1917 zurück nach Russland und schloss sich Lenin an. Sie setzte sich für die Räte ein, agitierte gegen die provisorische Regierung (sie war u. a. die Urheberin der Kronstädter Meuterei im Verlauf des Juliaufstands) und gehörte noch im selben Jahr dem Exekutivkomitee des Petersburger Sowjets an. Im Juli 1917 wurde sie von Alexander Kerenski, dem Ministerpräsidenten der provisorischen Regierung, des Landesverrats bezichtigt und daraufhin verhaftet. Nach dem Sieg der Bolschewiki war sie bis März 1918 im Kommissariat für Volkswohlfahrt tätig. Sie gehörte als erste Frau dem revolutionären sowjetischen Kabinett an und war damit gleichzeitig die erste Ministerin der Welt. 1920 übernahm sie den Vorsitz der Frauenabteilung beim ZK der KPdSU.

Kollontai, alleinerziehende Mutter und Volkskommissarin für soziale Fürsorge, setzte in der jungen Sowjetunion durch, dass das Eherecht gelockert und der Mutterschutz verbessert wurde. Sie erkämpfte das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und schlug Volksküchen und kollektive Kindererziehung vor.

Sie propagierte sogenannte Kommunehäuser sowie freie Liebe (und Sexualität). Diese Ideale versuchte sie in einer Zeit zu verwirklichen, zu der es noch darum ging, die Revolution gegen die Weißen Garden und die Interventionsarmeen zu sichern. Dadurch stieß sie bei Lenin auf Kritik.[2]

Kollontai war zeitlebens überzeugte Feministin und Sozialistin. Bereits 1905 hatte sie sich für autonome Frauenabteilungen innerhalb der Kommunistischen Partei eingesetzt. Sie grenzte sich aber scharf von der bürgerlichen feministischen Bewegung ab, da sie die These vertrat, alleine im Sozialismus könne eine Gleichberechtigung von Frau und Mann verwirklicht werden.

„Nicht die sexuellen Beziehungen bestimmen das moralische Ansehen der Frau, sondern ihr Wert im Arbeitsleben, bei der gesellschaftlich-nützlichen Arbeit.“

In erster Ehe war sie mit ihrem Cousin Wladimir Kollontai, einem Ingenieur, verheiratet. Als sie 1917 während des Juliaufstands auf einem Kreuzer der Roten Flotte in Kronstadt lebte, lernte sie einen Matrosen, Pawel Dybenko, kennen, mit dem sie Kronstadt verließ, um ihn auf der Krim zu heiraten. Während Kollontai Stalin-Anhängerin wurde, wurde ihr Mann, obwohl mittlerweile Admiral, 1938 als Trotzkist erschossen.[3]

Grab von Alexandra Kollontai auf dem Nowodewitschi-Friedhof

Sie geriet mit ihrer Kritik an der Bürokratie auf dem X. Parteitag im März 1921 in den Ruch der parteifeindlichen Opposition, was wohl ebenfalls gefördert hat, dass sie – freiwillig oder weggelobt – Funktionen im Ausland übernahm.

1923 wurde sie Gesandte der Sowjetunion in Norwegen und somit die erste akkreditierte Diplomatin weltweit. Hier war es ihr Verdienst, dass Norwegen nicht nur die Sowjetunion anerkannte, sondern auch 1925 einen sehr wichtigen Wirtschaftsvertrag abschloss. Im November 1926 wechselte sie nach Mexiko und ein Jahr darauf zurück nach Oslo. Von November 1930 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete Kollontai in Stockholm, wo sie 1940 zum Waffenstillstand mit Finnland beitrug und diesem Land so den zeitweisen Ausstieg aus dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte.

In Mexiko, Oslo und Stockholm entfaltete sie nicht nur intensive diplomatische Tätigkeit, sondern auch raffinierten Luxus. Sie trug unverdrossen teure Kostüme, Pelze und Schmuck und erregte damit das Missfallen der Berliner Kommunisten, die in einem Zeitungsartikel in der Roten Fahne Moskau aufforderten, Kollontai nach Sowjetrussland zurückzurufen, damit sie lerne, das bürgerliche Treiben aufzugeben.[3] Den Satiriker Anton Kuh bewog Kollontais Verhalten zu öffentlichem Tadel; er machte ihr in Berlin eine Szene, die sich schnell herumsprach, obwohl die Presse den Vorfall auf Bitten des Auswärtigen Amtes verschwieg.[4]

Als 1935 die Sowjetunion in den Völkerbund aufgenommen wurde, gehörte Kollontai der russischen Delegation in Genf an. Für ihre Rolle bei den russisch-finnischen Friedensverhandlungen verlieh ihr Stalin am 20. September 1942 den Botschaftertitel.

Kollontai zog sich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von allen Ämtern zurück und verabschiedete sich nach Moskau in den Ruhestand, blieb dort aber bis zu ihrem Tode am 9. März 1952 eine wichtige Beraterin des sowjetischen Außenministeriums.

Ihr Grab befindet sich auf dem Moskauer Friedhof des Neujungfrauen-Klosters.

Der Asteroid (2467) Kollontai wurde nach ihr benannt.

Werke[Bearbeiten]

Kollontai 1918 (für die Genossin und Freundin Louise Bryant)
  • Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin. Guhl, Berlin 1989, ISBN 3-88220-015-4
  • Ich habe viele Leben gelebt… Autobiographische Aufzeichnungen. Dietz, Berlin (DDR) 1987, ISBN 3-7609-0523-4 (gegenüber der russ. Ausgaben leicht gekürzt, mit 50 Abb.)
  • Mein Leben in der Diplomatie. Aufzeichnungen aus den Jahren 1922 bis 1945. Dietz, Berlin 2003, ISBN 3-320-02043-9
  • Die neue Moral und die Arbeiterklasse. Verlag Frauenpolitik, Münster 1977, ISBN 3-88175-025-8
  • Die Situation der Frau in der gesellschaftlichen Entwicklung. 14 Vorlesungen. Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1977, ISBN 3-8015-0140-X
  • Wassilissa Malygina. Erzählungen über „Wege der Liebe“ im frühen Sowjet-Russland. Frauen zwischen Ehe und Revolution. Verlag Roter Stern, Frankfurt/M. 1974, ISBN 3-87877-067-7 (Repr. d. Ausg. Berlin 1925)
  • Wege der Liebe. Drei Erzählungen. Der Morgenbuch-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-371-00357-4 (Repr. d. Ausg. Berlin 1925)
  • Der weite Weg. Erzählungen, Aufsätze, Kommentare. Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1979, ISBN 3-8015-0160-4

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Alexandra Kollontai – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder. 15. Taschenbuchaufl., Ullstein, Frankfurt/M 1976, S. 44.
  2. Lenin nannte ihre Sexualmoral abwertend „Glas-Wasser-Theorie“.
  3. a b Hedda Adlon: Hotel Adlon. Wilhelm Heyne, München 1979, ISBN 3-453-00926-6, S. 247
  4. Hedda Adlon: Hotel Adlon. Wilhelm Heyne, München 1979, ISBN 3-453-00926-6, S. 247–251