Alfred Leitgen

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Olympischen Dorf: v. l. n. r. Wolfgang Fürstner, Rudolf Hess, Alfred Leitgen (Phot. Hoffmann).

Alfred Leitgen (* 1. September 1902 in Rixdorf bei Berlin; † 1977 oder 1988[1]) war ein deutscher politischer Funktionär (NSDAP).

Leben und Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früher Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leitgen war der Sohn eines Polizeibeamten. Er besuchte das Kaiser-Friedrich-Gymnasium in Neukölln bis zur Oberprima, ohne das Abitur zu erwerben. 1920 begann er als Volontär bei der liberal-konservativen Zeitung Die Post, dem Schwesterblatt der Deutschen Tageszeitung in Berlin.

Nach dem Eingang der genannten Zeitung 1921 wurde Leitgen Handelsredakteur bei der zum Scherl-Verlag gehörenden Nachtausgabe. Anfang der 1930er Jahre erreichte er den Rang eines stellvertretenden Chefs vom Dienst. Politisch gehörte er in den 1920er Jahren zum Deutschnationalen Jugendbund.

Als Journalist lernte Leitgen zu Beginn der 1930er Jahre eine Reihe prominenter NS-Politiker wie Joseph Goebbels, Ernst Lippert und Walter Funk kennen. Zur selben Zeit veranlassten ihn die Entwicklungen auf seinem eigenen Berufsgebiet, der Publizistik, dazu eine antikommunistische und antisemitische Haltung einzunehmen, während ihn die Zustände der Weltwirtschaftskrise zu einer antibürgerlichen Einstellung in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik führten, so dass die sozialen Züge des NS-Programms und der NS-Propaganda eine starke Anziehungskraft auf ihn ausübten. Nachdem er eigenen Angaben zufolge bereits vor 1930 mit der NSDAP sympathisiert hatte, stellte er 1933 Antrag auf Aufnahme in diese.

Tätigkeit im „Stab des Stellvertreters des Führers“ (1933–1941)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Vermittlung von Walter Funk, zu dieser Zeit Reichspressechef und Staatssekretär im Propagandaministerium, durfte Leitgen im Herbst 1933 ein Interview mit Rudolf Heß für eine in der Nachtausgabe erscheinende Serie mit Porträts über führende Männer der NSDAP und der Regierung durchführen. Diese Begegnung war bestimmend für Leitgens weiteren Lebensweg: Martin Bormann, der Stabsleiter von Heß, nahm kurz darauf Kontakt zu ihm auf und wies ihn darauf hin, dass Heß ihn gerne als Pressereferenten gewinnen würde. Im Anschluss an ein zweites Gespräch mit Heß trat Leitgen daraufhin in Heß neugeschaffene Dienststelle über. Anschließend fungierte er von Herbst 1933 bis zum 12. Mai 1941 als Pressereferent von Heß. Neben Bormann und Gustav Adolf von Wulffen war Leitgen einer der drei ersten Mitarbeiter von Heß, dem Adolf Hitler nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten die zentrale Steuerung und Beaufsichtigung des Parteiapparates der NSDAP übertragen hatte, in dessen neuer Dienststelle, die schließlich mehrere hundert Mitarbeiter umfassen sollte und die später die Bezeichnung Parteikanzlei der NSDAP erhielt.

In den folgenden Jahren bestand Leitgens Hauptaufgabe darin, Heß täglich einen Überblick über die deutsche und internationale Presse (insbesondere die angelsächsische) und über die eingehende Post zu geben, die er in Kurzreferaten zusammenfasste. Besonderes Interesse galt dabei dem Echo, das die nationalsozialistische Politik im Ausland fand.

Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich schließlich ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Heß und Leitgen, das darin mündete, dass Leitgen bald auch zum persönlichen Adjutanten von Heß ernannt wurde. Als Adjutant war Leitgen ständiger Begleiter Heß’ und Zeuge zahlreicher politisch bedeutsamer Ereignisse dieser Jahre. Innerhalb des Führerkorps der NSDAP hatte Leitgen zuletzt den Rang eines Reichsamtsleiters inne.

Als Pressevertreter Heß’ wurde Leitgen in den 1930er Jahren auf Reisen durch ganz Europa geschickt, um durch öffentliche Vorträge in wichtigen Städten wie London, Oslo, Stockholm oder Helsinki die dortige Bevölkerung im Sinne des NS-Regimes zu beeinflussen.

Nachdem Heß im Mai 1941 während des Zweiten Weltkriegs in dem Bestreben, einen Frieden zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Deutschen Reich zu vermitteln, in einer Einzelgänger-Aktion nach Großbritannien geflogen war und dort gefangen genommen wurde, überbrachte Leitgen zusammen mit Heß’ anderem Adjutanten Karl Heinz Pintsch Hitler, der über diesen Plan seines Stellvertreters nicht informiert gewesen war, die Nachricht über Heß’ Flug und die Absichten, die er mit diesem verfolgte. Hitler, der Heß Handlung (zumindest offiziell) als eine Narretei bewertete, ließ Leitgen und Pintsch – die wahrscheinlich die einzigen beiden Personen waren, die vorab von Heß’ Plan gewusst hatte – daraufhin verhaften und in das Konzentrationslager Sachsenhausen einweisen. Ein Brief an Heinrich Himmler, in dem Heß darum gebeten hatte, seine Mitarbeiter nicht für sein Handeln zu bestrafen, blieb unbeachtet. Außerdem wurde Leitgen mit Wirkung vom 12. Mai 1941 durch Bormann aus der NSDAP ausgeschlossen.[2]

Leitgen, der im Konzentrationslager einen Herzschaden erlitt, wurde schließlich 1944 auf freien Fuß gesetzt und gezwungen, mit einem Bewährungsbataillon der Waffen-SS am Krieg teilzunehmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Leitgen bis 1948 in Internierungshaft. An den Nürnberger Prozessen nahm er als Zeuge teil. In den 1950er Jahren wohnte Leitgen in Percha am Starnberger See und war für den Münchner Merkur tätig.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rudolf Heß. Unterhaltung mit dem "Stellvertreter des Führers, in: Adolf Hitler und seine Getreuen bei der Arbeit Berlin o. J. (Broschüre)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich Schlie: Albert Speer: die Kransberg-Protokolle 1945 ; seine ersten Aussagen und Aufzeichnungen, 2003, S. 462.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus: (1933–1945), 1999, S. 114 gibt das Todesjahr 1977 an; John Costello: Ten Days to Destiny: The Secret Story of the Hess Peace Initiative and British Efforts to Strike a Deal with Hitler, 1991, S. 422, nennt demgegenüber 1988 als Todesjahr.
  2. Helmut Heiber (Bearbeiter): Akten der Parteikanzlei der NSDAP. Rekonstruktion eines verloren gegangen Bestandes. Regesten, 1983, S. 926 (Vorgang 27234).