Alice Liddell

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Alice Liddell, 1870

Alice Pleasance Liddell (* 4. Mai 1852 in Westminster; † 16. November 1934 in Westerham) war das Vorbild für die Heldin in Lewis Carrolls Klassiker Alice im Wunderland.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alice Liddell war eine Tochter des Dekans des Christ Church-College in Oxford, Henry George Liddell (1811–1898), und seiner Frau Lorina Hanna, geborene Reeve (1826–1910). Alice war ihr viertes Kind. Sie hatte zwei Brüder und eine Schwester, die älter waren als sie. Ihr zweiter Bruder, Arthur, starb später an Scharlach. Sie hatte sechs jüngere Geschwister, darunter ihre Schwester Edith, zu der sie eine sehr enge Beziehung hatte. Einer ihrer jüngeren Brüder starb schon als Kleinkind.

Edith, Lorina, Alice, 1859

Als Alice geboren wurde, war ihr Vater Direktor der Westminster School, wurde aber bald darauf an die Christ Church in Oxford versetzt. 1856 zog die Familie nach Oxford. Kurz nach diesem Umzug, am 25. April 1856, sah Alice zum ersten Mal Charles Lutwidge Dodgson – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Lewis Carroll, der als Tutor für Mathematik am College lehrte und wohnte. Er begegnete der Familie Liddell, als er die Kathedrale fotografierte.

Alice wuchs hauptsächlich zusammen mit ihren beiden nächsten Schwestern auf: Lorina, die drei Jahre älter war, und Edith, der zwei Jahre jüngeren. Die Schwestern wurden von einer Gouvernante im Haus innerhalb der College-Mauern unterrichtet und erhielten zusätzlichen Unterricht in Fremdsprachen und Musik sowie in Kunst von John Ruskin.[1]

Alice Liddell, 1870. Foto von Julia Margaret Cameron

Als junge Frau unternahm Alice zusammen mit Lorina und Edith eine ausgedehnte Europareise, wie es zu jener Zeit für Familien ihres Standes durchaus üblich war. Zwei Jahre später traf sie ein Schicksalsschlag, als ihre jüngere Schwester Edith kurz vor ihrer Heirat an Masern starb. Zu dieser Zeit zeigte Prinz Leopold, der jüngste Sohn der Königin Victoria und Student am Christ Church-College, ein romantisches Interesse an Alice. Man nimmt an, dass Alices Trauer über den Verlust ihrer Schwester die Beziehung zu Leopold abkühlen ließ. Andere Spekulationen gehen dahin, dass Leopold von seiner Mutter davon abgebracht wurde, eine Beziehung zu einer Bürgerlichen zu pflegen.

Jedenfalls heiratete Alice mit 28 Jahren am 15. September 1880 in der Westminster Abbey Reginald Gervis Hargreaves (1852–1926), der ebenfalls am Christ Church-College studiert hatte, und bezog mit ihm Cuffnells, ein repräsentatives Landgut in Lyndhurst. Sie führte den Haushalt mit zahlreichen Bediensteten, veranstaltete Bälle, zeichnete, malte und fertigte Holzschnitzereien und kümmerte sich um die Kindererziehung.[2] Das Paar hatte drei Söhne: Alan Knyveton Hargreaves, Leopold Reginald „Rex“ Hargreaves (benannt nach seinem Paten Prinz Leopold), die beide im Ersten Weltkrieg fielen, und Caryl Liddell Hargreaves (1887–1955), der überlebte und später mit Madeleine Hanbury-Tracy drei Kinder hatte.

Alice Hargreaves Liddell, 1934

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1926 führte sie weiterhin ein aktives soziales und kulturelles Leben, aber es wurde zunehmend schwieriger, Cuffnells zu erhalten. Der Unterhalt war so teuer, dass Alice es 1928 für nötig erachtete, ihr Exemplar von Alices Abenteuer unter der Erde zu verkaufen. Das Manuskript erzielte beinahe das Vierfache des Mindestgebots, welches das Auktionshaus Sotheby’s festgelegt hatte, und wurde für 15.400 Pfund Sterling verkauft. Es ging in den Besitz von Eldridge R. Johnson über und wurde 1932 zu Carrolls 100. Geburtstag in der Columbia University ausgestellt. Alice, nun 80 Jahre alt, war als Ehrenrednerin bei der Feier in New York eingeladen und wurde mit dem Ehrendoktortitel Doctor of Letters ausgezeichnet.[3] Alice Hargreaves Liddell starb 1934 im Alter von 82 Jahren in Westerham. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof der Pfarrkirche St Michael and All Angels in Lyndhurst.[1]

Nachdem Johnson gestorben war, wurde das Buch von einer Gruppe amerikanischer Bibliophiler gekauft und 1948 dem britischen Volk geschenkt „in Anerkennung des Mutes der Briten, Hitler entgegenzutreten, bevor Amerika in den Krieg eintrat“. Das Manuskript wird heute in der britischen Nationalbibliothek aufbewahrt.

Alices Beziehung zu Lewis Carroll[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alice Liddell, 1858. Foto von Charles Dodgson (Lewis Carroll)

Alice verbrachte einen großen Teil ihrer Kindheit in Gesellschaft ihrer Schwestern und Charles Lutwidge Dodgsons, der bald nach ihrer ersten Begegnung ein häufiger Besucher der Familie wurde. Er nahm die Mädchen oft zu Bootsfahrten und Picknicks in der malerischen Umgebung Oxfords mit und erzählte ihnen zum Zeitvertreib fantastische Geschichten.

Lorina und Alice Liddell, 1858. Foto von Charles Dodgson (Lewis Carroll)

Er brauchte sie auch häufig für sein zweites Hobby, die Fotografie. Fotos aus dieser Zeit zeigen Alice verkleidet als Bettlermädchen in zerlumpter Kleidung oder Alice und Lorina in orientalischer Tracht.[2] In all diesen Jahren war Alice seine klare Favoritin. Sie war die Heldin seiner Geschichten, während Lorina und Edith nur Nebenrollen spielten.

Im Sommer 1863 fand die enge Beziehung zwischen Dodgson und Alice ein abruptes Ende. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, wie es dazu kam, da Dodgsons Erben später die betreffende Seite seines Tagebuchs vernichteten. Dodgson selbst erwähnte Alice in seinem Tagebuch erst im folgenden Dezember erneut, und im darauffolgenden Sommer 1864 waren den Kindern weitere Ausflüge auf dem Fluss verboten.[2] Man weiß aus Äußerungen von Alice im späten Leben, dass ihre Mutter alle Briefe aus der Feder von Dodgson an die junge Alice beseitigt hatte.

Alice im Wunderland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alice's Adventures in Wonderland

Viele der Charaktere und Ereignisse im Buch basierten auf Menschen, Orten und Begebenheiten in Oxford, die Alice vertraut waren, wie etwa der Dodo, den sie aus ihren besonders geschätzten Besuchen im neu eröffneten Universitätsmuseum kannte.[2]

Am 4. Juli 1862, während einer Bootsfahrt auf der Themse von Oxford nach Godstow, wo sie ein Picknick veranstalten wollten, wurde Charles Dodgson von Alice gebeten, ihr und ihren beiden Schwestern eine Geschichte zu erzählen. Während Pfarrer Robinson Duckworth das Boot ruderte, erfreute Dodgson die Kinder mit fantastischen Geschichten über ein Mädchen und ihre Abenteuer, nachdem sie in ein Kaninchenloch gefallen war. Nicht aus Zufall hieß dieses Mädchen Alice. Die Geschichte ähnelte anderen, die er schon vorher für die Schwestern ersonnen hatte, doch diesmal gab es einen so deutlichen Unterschied, dass Alice Mr. Dodgson bat, die Geschichte für sie aufzuschreiben. Sie bat ihn immer wieder darum, und schließlich schrieb er sie auf, illustrierte sie und übergab Alice am 26. November 1864 das Manuskript mit dem Titel Alices Abenteuer unter der Erde.[4]

1865 veröffentlichte er die Geschichte in einer erweiterten gedruckten Version mit Illustrationen von John Tenniel unter dem Titel Alice im Wunderland. Eine Fortsetzung, Alice hinter den Spiegeln, erschien 1871.

Vergleich mit der fiktiven Alice[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alice Liddell, 1860

Alice Liddell diente als Anregung für einige Eigenschaften der Figur „Alice“. Sie war jedoch keinesfalls Modell für die Illustrationen in den Alice-Büchern, da der Zeichner Tenniel ihr niemals begegnet ist. Vielmehr diente eine Fotografie eines kleinen Mädchens namens Mary Hilton Badcock, die Lewis Carroll dem Zeichner geschickt hatte, als Vorlage.[5]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Leben von Alice Liddell wurde 1985 vom Regisseur Gavin Millar unter dem Titel Das wahre Leben der Alice im Wunderland verfilmt. Darin wird die Beziehung zwischen Alice Liddell und Lewis Carroll thematisiert, ebenso die Entstehung der Bücher. Coral Browne spielte die gealterte Alice Liddell und Amelia Shankley spielte die junge Alice. Ian Holm verkörperte in Rückblenden Lewis Carroll.

Alice Liddell gehört zu den Hauptpersonen dreier Science-Fiction-Romane aus dem Flusswelt-Zyklus des US-amerikanischen Autors Philip José Farmer: »Die Flusswelt der Zeit« (Piper 2008, ISBN 978-3-492-26657-4), »Das magische Labyrinth« (Heyne 1981, ISBN 3453307399), »Die Götter der Flusswelt« (Heyne 1986, ISBN 3453312376).

Katie Roiphe hat 2001 den Roman Still She Haunts Me über Alice Liddell und Charles Dodgson geschrieben (deutsch Rätselhafte Alice : die Geschichte von Lewis Carroll und der kleinen Alice, 2002).

In der Pädophilenbewegung wird der 25. April jährlich als Alice Day gefeiert. An diesem Tag im Jahr 1856 sollen sich Liddell und Carroll erstmals getroffen haben.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Katie Roiphe: Rätselhafte Alice : die Geschichte von Lewis Carroll und der kleinen Alice, Hamburg ; Wien : Europa-Verlag 2002, ISBN 978-3-203-81561-9.
  • David R. Slavitt: Alice über alles : die Kinderliebe des genialen Erzählers Lewis Carroll ; Roman, Frankfurt, M. : Eichborn 2010, Reihe Die Andere Bibliothek, ISBN 978-3-8218-6231-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Alice Liddell – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Morton N. Cohen: Hargreaves [née Liddell], Alice Pleasance. In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press, 23. September 2004, doi:10.1093/ref:odnb/55226 (englisch).
  2. a b c d BBC: Local Lives - Alice Liddell. In: co.uk. www.bbc.co.uk, abgerufen am 8. Februar 2019 (britisches Englisch).
  3. Alice Hargreaves | Columbia University Libraries. In: columbia.edu. library.columbia.edu, abgerufen am 8. Februar 2019.
  4. About Alice Liddell | Alice 150 Years. In: umd.edu. www.lib.umd.edu, abgerufen am 8. Februar 2019.
  5. Thomas Kleinspehn: Lewis Carroll. In: Rowohlts Monographien. rororo 50478. Rowohlt, Reinbek 1997, ISBN 3-499-50478-2, S. 77.
  6. Cooper Fleishman: Anonymous is targeting every pedophile hub on the Web, The Daily Dot, 24. April 2013