Andreas de Mare

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Andreas de Mare (* vor 1540; † nach 1599) war ein Orgelbaumeister der Spätrenaissance, der in Groningen sowie später in Verden und in Bremen seinen Sitz hatte. Neun Neubauten und zehn sonstige Tätigkeiten an eigenen oder fremden Orgeln sind bezeugt, aber nur noch einzelne Register oder Orgelteile von de Mare heute erhalten.

Leben[Bearbeiten]

Andreas de Mare („Gandavensis“) stammte aus Gent und übersiedelte – möglicherweise aufgrund seines protestantischen Glaubens – nach Groningen, wo er zwei große Orgelprojekte durchführte.[1] 1560 erwarb er für sich und seine Söhne Christoffer und Marten de Mare in Groningen das sogenannte kleine Bürgerrecht. Ab 1566 war er vor allem in Ostfriesland tätig. Spätestens 1583 zog er nach Verden (Aller) und später nach Bremen, wo sein Sohn Marten seit 1595 als Orgelbauer ansässig war.[2] Nach 1587 war er in Hannover, Loccum und Stadthagen tätig.[1]

Er ist Begründer einer Orgelbaufamilie, die von 1540 bis 1740 in Groningen und Bremen nachweisbar ist.[3] Bekanntheit erlangten sein Sohn Marten († 1612) und ein anderer Angehöriger, der ebenfalls Andreas hieß und im 17. Jahrhundert im Groningerland etliche Orgelneubauten durchführte.

Werk[Bearbeiten]

Andreas de Mare gilt als fortschrittlicher Orgelbauer. So baute er für das in der Regel angehängte Pedal Transmissionen aus dem Hauptwerk.[1]

Er baute 1566/67 eine neue Orgel in der Ludgerikirche Norden als Chororgel mit Flügeltüren, die ein früheres Positiv ersetzte. Als dies Instrument durch Kriegsschäden beeinträchtet wurde, baute Edo Evers 1618 ein neues Werk, wobei er einige alte Register von de Mare verwendete, die heute noch erhalten und von besonderer klanglicher Qualität sind. Andere übrig gebliebene Register und Gehäuseteile der Norder Orgel integrierte Evers in seine Orgel in Osteel (1619), die ebenfalls bewahrt geblieben sind.

Die Orgel des Klosters Thedinga befindet sich heute in der St.-Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche von Stellichte.

Im Jahr 1590 (vielleicht schon 1570) baute de Mare wahrscheinlich für das Kloster Thedinga (bei Leer) eine Orgel. Als das Instrument 1609 durch eine Schenkung von Graf Enno III. der Großen Kirche in Leer vermacht wurde, übernahm Martin de Mare Register für seinen dortigen Neubau, während er das prächtige Gehäuse mit den verzierten Prospektpfeifen 1610 in die Gutskapelle von Stellichte (heute: St.-Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche) überführte, wo es noch heute zu bewundern ist. Das innere Pfeifenwerk wurde im Stil des ursprünglichen Renaissanceinstruments 1985 von Jürgen Ahrend rekonstruiert. Ein wissenschaftliches Institut des Organeum unter Leitung von Winfried Dahlke untersuchte 2006–2008 die Inskriptionen (Tonbuchstaben) an den alten Pfeifen der Orgel in Leer, um den gewachsenen Zustand des Instruments geschichtlich zu erhellen. Offensichtlich stammt der Grundbestand noch von Andreas und Martin de Mare.[4]

Werkliste[Bearbeiten]

In der fünften Spalte bezeichnet die römische Zahl die Anzahl der Manuale, ein großes „P“ ein selbstständiges Pedal, ein kleines „p“ ein nur angehängtes Pedal und die arabische Zahl in der vorletzten Spalte die Anzahl der klingenden Register. Kursivierung zeigt an, dass die betreffende Orgel nicht mehr erhalten ist.

Jahr Ort Kirche Bild Manuale Register Anmerkungen
1542–1543 Groningen Martinikerk
Orgel Martinikerk Groningen.jpg
III/p Erweiterung der Orgel; Hauptwerk- und Oberwerk-Gehäuse und einige Register von de Mare erhalten; später erheblich erweitert → Orgeln der Martinikerk (Groningen)
1557 Uithuizermeeden Hervormde Kerk Niehove - kerk - orgel.jpg 1781 nach Uithuizen verkauft und 1908 nach Niehove, wo die Orgel teilweise erhalten ist[5]
1558 Groningen Aa-Kerk Umbau der Transeptorgel (um 1470); sieben Register erhalten → Orgeln der Der Aa-Kerk (Groningen)
1562 Loppersum Hervormde Kerk
4795327 Loppersum Orgel.jpg
II/p Zuschreibung; 1665 Neubau unter Verwendung älteren Materials durch möglicherweise Hendrick Huis; 1735/36 Pfeifenwerk des Hauptwerks durch Albertus Antonius Hinsz und 1803 Pfeifenwerk des Rückpositivs durch Heinrich Hermann Freytag ersetzt; Prospekt erhalten
1566–1567 Norden Ludgerikirche 2009 07 Norden Ludgerikirche Arp-Schnitger-Orgel.JPG III/p 18 Neue Chororgel, von der einige Register bei einem späteren Neubauten von Edo Evers und Arp Schnitger jeweils übernommen wurden und teils heute noch erhalten sind → Orgel der Ludgerikirche (Norden)
1578 Zuidbroek Hervormde Kerk Neubau; 1793-1795 durch einen Neubau von Franz Caspar Schnitger jr. und Heinrich Herman Freytag ersetzt[6]
1578–1582 Emden Große Kirche II/P 11 oder 12 Erweiterung der Orgel, die 1568 aus dem ehemaligen Kloster Blauhaus im heutigen Woltzeten übernommen wurde; nicht erhalten
1585–1587 Bremen St. Stephani Neubau; nicht erhalten
1589–1594 Hannover Marktkirche Vollendung des Neubaus von Henning Henke und Severin Krosche; um 1640 von Adolph Compenius erweitert; später ersetzt[7]
1590 (1570?) bei Leer Kloster Thedinga Leer Große Kirche Orgel.JPG I/p 9 1609 der Großen Kirche in Leer vermacht; de Mare verwendete einiges aus dieser Orgel für seinen dortigen Orgelneubau; einige Register erhalten, evtl. auch Teile des Hauptwerks-Gehäuses → Orgel der Großen Kirche (Leer)
1594–1599 Loccum Klosterkirche Loccum Neubau; nicht erhalten
1590er Stadthagen St.-Martini-Kirche Neubau (?); nicht erhalten

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Winfried Dahlke, Jürgen Ahrend: Die Dokumentation der Orgel in der Evangelisch-Reformierten Großen Kirche zu Leer - Das historische Pfeifenwerk. Noetzel, Wilhelmshaven 2011, ISBN 3-7959-0927-9 (Erste Fassung 2008 Print on Demand).
  •  Cornelius H. Edskes: Der Orgelbau im Ems-Dollart-Gebiet in Gotik und Renaissance. In: Ostfriesland. Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft und Verkehr. Nr. 2, 1978, S. 29–33.
  •  Walter Hans Kaufmann: Die Orgeln Ostfrieslands. Ostfriesische Landschaft, Aurich 1968.
  •  Ibo Ortgies: Die Praxis der Orgelstimmung in Norddeutschland im 17. und 18. Jahrhundert und ihr Verhältnis zur zeitgenössischen Musikpraxis. Göteborgs universitet, Göteborg 2004 (rev. 2007) (online (PDF; 5,4 MB)).
  •  Uwe Pape, Winfried Topp: Orgeln und Orgelbauer in Bremen. 3. Auflage. Pape Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-921140-64-1.
  •  Fritz Piersig: Die Orgeln der bremischen Stadtkirchen im 17. und 18. Jahrhundert. In: Bremisches Jahrbuch. 35, 1935, S. 379–425 (online).
  •  Harald Vogel, Günter Lade, Nicola Borger-Geweloh: Orgeln in Niedersachsen. Hauschild Verlag, Bremen 1997, ISBN 3-931785-50-5.
  •  Harald Vogel, Reinhard Ruge, Robert Noah, Martin Stromann: Orgellandschaft Ostfriesland. 2 Auflage. Soltau-Kurier-Norden, Norden 1997, ISBN 3-928327-19-4.
  •  Maarten Albert Vente: Die Brabanter Orgel. Zur Geschichte der Orgelkunst in Belgien und Holland im Zeitalter der Gotik und der Renaissance. H. J. Paris, Amsterdam 1963.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Pape, Topp: Orgeln und Orgelbauer in Bremen. 2003, S. 403.
  2. Bürgerbuch der Altstadt 1586–1609 Juni 19. Bremer Staatsarchiv, Bremen, Signatur: 2-P.8.A.19.a.2.a, S. 68.
  3. Vente, Brabanter Orgel, S. 133, 212.
  4. Dahlke, Ahrend: Die Dokumentation der Orgel in der Evangelisch-Reformierten Großen Kirche zu Leer. 2011.
  5. Klaas Bolt: Orgelarchiv, S. 134f. (niederl.) (PDF-Datei; 5,95 MB)
  6. Orgel in Zuidbroek
  7. Orgeln der Marktkirche Hannover, gesehen 23. Dezember 2011.