Orgel der Ludgerikirche (Norden)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Orgel der Ludgerikirche (Norden)
Orgel Blick vom Langschiff.jpg
Allgemeines
Ort Ludgeri-Kirche (Norden)
Orgelerbauer Arp Schnitger
Baujahr 1692
Letzte(r) Umbau/Restaurierung 1985 durch Jürgen Ahrend
Epoche Barock
Orgellandschaft Ostfriesland
Technische Daten
Anzahl der Pfeifen 3110
Anzahl der Register 46
Anzahl der Pfeifenreihen 76
Anzahl der Manuale 3
Windlade Schleifladen
Tontraktur mechanisch
Registertraktur mechanisch
Spieltisch, darüber geschlossene Türen des Brustpositivs

Die Orgel der Ludgerikirche (Norden) wurde 1686 bis 1692 von Arp Schnitger gebaut. Sie verfügt über 46 Register, fünf Werke, drei Manuale und Pedal und ist damit nach der Orgel der Jacobikirche in Hamburg Schnitgers zweitgrößtes erhaltenes Werk in Deutschland und die größte Orgel in Ostfriesland.[1] Historisch und musikalisch stellt sie ein Kunstwerk von internationalem Rang dar.[2]

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgelbauten von 1567 und 1618[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vorgängerorgel der ev.-lutherischen Ludgerikirche stammte von Edo Evers (1618), der teils Pfeifen aus der alten Orgel von Andreas de Mare (1567) übernahm. Sie wies 18 Register, drei Manuale und angehängtes Pedal auf.[3] Wie ihre Vorgängerin hing sie als Chororgel schwalbennestartig an der südlichen Chorwand (hinter dem jetzigen Standort) und erfüllte von dort aus ihre selbstständigen Aufgaben im Gottesdienst.[4]

Neubau durch Schnitger 1686–88/91–92[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Posaunenengel auf dem Pedalturm
Blick von der nördlichen Querschiffempore auf die Orgel, links übereinander Rückpositiv, Hauptwerk und Oberpositiv, rechts der Pedalturm

Als nach jahrelangen vergeblichen Reparaturarbeiten der inzwischen desolaten Orgel schließlich Arp Schnitger mit einem Orgelneubau beauftragt wurde, baute er eine niedrigere und größere Orgelempore, auf der seine neue Orgel bis in die Mittelachse des Chores und noch in die Vierung hinein reichte, wodurch er der seit Mitte des 17. Jahrhunderts neuen Aufgabenstellung der Orgeln, den Gemeindegesang zu begleiten, Rechnung trug. Denn nun konnte der Orgelklang außer der Abendmahlsgemeinde im Hochchor auch die Gemeinde der Predigtgottesdienste im Quer- und Langschiff gut erreichen. So entstand eine für seine Zeit sehr ungewöhnliche Orgelaufstellung im Kirchenraum mit der Platzierung um den südöstlichen Vierungspfeiler herum in zwei verschiedenen Raumteilen, den Manualwerken im Hochchor und dem Pedalwerk in der Vierung, das in diesem Falle zwangsläufig in einem einzigen Turm zusammengefasst werden musste.[5] Dieser Pedalturm bringt das Bassfundament für den Gemeindegesang nahe an das Langschiff heran und ist auch optisch dominierend für den von der Westseite her kommenden Kirchenbesucher. Acht alte Register von de Mare und Evers, die Schnitger in sein Werk integriert hat, sind noch erhalten und von besonderer klanglicher Qualität. Über den Kontrakt hinaus fügte Schnitger das Brustpositiv mit sechs Stimmen hinzu und ergänzte in einem zweiten Bauabschnitt (1691–92) ein Oberpositiv mit acht Stimmen, das an die Traktur des Brustpositivs angehängt, ebenfalls vom dritten Manual aus gespielt wird. Die neue Orgel verfügte nun über 46 Register und fünf Werke auf drei Manual-Klaviaturen und Pedal.[6]

Umbauten im 19. und frühen 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im Zuge von Reparaturen und Anpassungen an den Zeitgeschmack etliche Register, die Klaviaturen und Bälge in entstellender Weise ersetzt. 1917 mussten die Prospektpfeifen (die Prinzipale des Hauptwerks, Rückpositivs und Pedals, sowie die stummen Pfeifen an der Ostseite der Orgel) zu Kriegszwecken abgegeben werden.[7]

Restaurierungen im 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die lange Phase der Restaurierungen im 20. Jahrhundert begann 1927 zu Beginn der Orgelbewegung mit den Untersuchungen von Christhard Mahrenholz und Hans Henny Jahnn, worauf 1929/1930 durch die Firma P. Furtwängler & Hammer einiges nach den Erkenntnissen der damaligen Zeit wiederhergestellt wurde. Allerdings wurden die fehlenden Töne der kurzen Oktave und in der Höhe cis3–g3, im Pedal dis1–g1, auf pneumatischen Zusatzwindladen ergänzt und ein neuer, jetzt viermanualiger Spieltisch eingebaut, um Brust- und Oberpositiv separat spielen zu können. Oberwerk und Pedal erhielten durchgängig eine pneumatische Traktur. Nach kriegsbedingter Auslagerung der Orgel (1943) und Wiederaufbau (1945/48) führte Paul Ott 1948 und 1957–1959 verschiedene Restaurierungsarbeiten durch, die klanglich und technisch letztlich nicht befriedigen konnten. Aufgrund des abgesenkten Winddrucks wurden sogar Eingriffe ins Pfeifenwerk vorgenommen.[2]

Erst durch die 1981–1985 nach strengen denkmalpflegerischen Maßstäben erfolgte Restaurierung durch Jürgen Ahrend ist die alte Klangpracht wieder vollumfänglich hergestellt. Ahrend rekonstruierte 25 Register, die Klaviaturen, drei Keilbälge, Windkanäle, Sperrventile, Tremulanten und Teile der Mechanik.[8] Insbesondere seine Rekonstruktion der Prinzipale und Zungenregister gilt als meisterhaft. Der Norder Organist und damalige Kirchenkreiskantor Reinhard Ruge (* 1934) rekonstruierte eine dem ausgehenden 17. Jahrhundert entsprechende Stimmung mit teils noch mitteltöniger, teils schon wohltemperierter Charakteristik. Basierend auf sieben um 1/5-pythagoreisches Komma verringerten Quinten wird ohne Wolfsquinte eine große Reinheit des Orgelklangs erzielt. Diese Stimmung hat sich dermaßen bewährt, dass sie als Norder Stimmung auch bei mehreren anderen Orgelrestaurierungen und -neubauten zugrunde gelegt worden ist.[7]

Disposition seit 1985 (= 1693)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

I Rückpositiv CDE–c3
1. Principal 8′ A
2. Gedact 8′ E
3. Octav 4′ S
4. Rohrfloit 4' S
5. Octav 2′ E
6. Waldfloit 2′ S
7. Ziffloit 1′ S
8. Sexquialt II E
9. Tertian II S
10. Scharff VI A
11. Dulcian 8′ A
Tremulant
Cimbelstern
II Hauptwerk CDEFGA–c3
12. Quintadena 16′ E
13. Principal 8′ A
14. Rohrfloit 8′ E
15. Octav 4′ E
16. Spitzfloit 4′ A
17. Quinta 3′ A
18. Nasat 3′ A
19. Octav 2′ E
20. Gemshorm 2′ S
21. Mixtur VI A
22. Cimbel III A
23. Trommet 16′ A
Vogelgesang
III Brustpositiv CDEFGA–c3
24. Gedact 8′ S[Anm. 1]
25. Plockfloit 4′ S[Anm. 1]
26. Principal 2′ A
27. Quinta 112 S
28. Scharff IV S
29. Regal 8′ A


III Oberpositiv CDEFGA–c3
30. Hollfloit 8′ S[Anm. 1]
31. Octav 4′ S
32. Flachfloit 2′ S
33. Rauschpfeiff II A
34. Scharff IV–VI A
35. Trommet 8′ A
36. Vox humana 8′ A
37. Schalmey 4′ A
Tremulant
Pedal CD–d1
38. Principal 16′ A
39. Octav 8′ E
40. Octav 4′ A
41. Rauschpfeiff II A
42. Mixtur VIII A
43. Posaun 16′ A
44. Trommet 8′ A
45. Trommet 4′ A
46. Cornet 2′ A
Anmerkungen
  1. a b c Holz.

Orgelbauer:

E = Edo Evers oder älter (Andreas de Mare)
S = Arp Schnitger
A = Jürgen Ahrend

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 46 Register, 76 Pfeifenreihen, 3.110 Pfeifen
  • Traktur:
    • Tontraktur: Mechanisch
    • Registertraktur: Mechanisch
    • Fünf Ventilzüge
  • Windversorgung:
    • Winddruck: 71,5 mmWS
    • Drei Keilbälge mit Tretanlage
  • Stimmung:
    • Stimmtonhöhe: 5/8-Ton über a1 = 440 Hz
    • Stimmung: zwischen mitteltönig (1/5-Komma) und wohltemperiert

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Martin Balz: Göttliche Musik. Orgeln in Deutschland. Konrad Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 3-8062-2062-X (230. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde).
  • Ufke Cremer: Die Orgel in der Ludgerikirche. In: 400 Jahre Reformation in Norden. Verlag Heinrich Soltau, Norden 1926, S. 75 ff.
  • Ufke Cremer: Von den Orgeln und Organisten der Ludgerikirche zu Norden. In: Ostfriesenwart. Mitteilungen des Bundes ostfriesischer Heimatvereine. Band 3. Norden 1934, S. 58 ff. und 91 ff.
  • Cornelius H. Edskes, Harald Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. Hauschild, Bremen 2009, ISBN 978-3-89757-326-0 (Bildband der Arp-Schnitger-Gesellschaft und der Stichting Groningen Orgelland).
  • Gustav Fock: Arp Schnitger und seine Schule. Ein Beitrag zur Geschichte des Orgelbaues im Nord- und Ostseeküstengebiet. Bärenreiter, Kassel 1974, ISBN 3-7618-0261-7.
  • Walter Kaufmann: Die Orgeln Ostfrieslands. Ostfriesische Landschaft, Aurich 1968.
  • Reinhard Ruge, Ev.-luth. Kirchengemeinde Norden (Hrsg.): Arp-Schnitger-Orgel Ludgerikirche Norden 1686-1692, 1981-1985. Norden 1985.
  • Reinhard Ruge: Baugeschichte der Ludgeri-Orgel. In: Ev.-luth. Kirchengemeinde Norden (Hrsg.): Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche mit Arp-Schnitger-Orgel. Soltau-Kurier, Norden 1985.
  • Reinhard Ruge: Die Arp-Schnitger-Orgel in der Ludgerikirche zu Norden. Ein Orgelführer von Reinhard Ruge. Norden 2008.
  • Harald Vogel, Günter Lade, Nicola Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. Hauschild Verlag, Bremen 1997, ISBN 3-931785-50-5.
  • Harald Vogel, Reinhard Ruge, Robert Noah, Martin Stromann: Orgellandschaft Ostfriesland. 2. Auflage. Soltau-Kurier-Norden, Norden 1997, ISBN 3-928327-19-4.

Aufnahmen/Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörbeispiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arp Schnitger Orgel Norden, YouTube-Video, mit ausführlichen Erklärungen der Orgel durch den Organisten Thiemo Janssen (gesehen 30. Dezember 2012)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Orgel der Ludgerikirche Norden (Ostfriesland) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2009, S. 168.
  2. a b Vogel, Ruge u.a.: Orgellandschaft Ostfriesland. 1997, S. 31.
  3. Ruge: Arp-Schnitger-Orgel Ludgerikirche Norden. 1985, S. 11.
  4. Vogel, Ruge u.a.: Orgellandschaft Ostfriesland. 1997, S. 28.
  5. Ruge: Arp-Schnitger-Orgel Ludgerikirche Norden. 1985, S. 12.
  6. Vogel, Ruge u.a.: Orgellandschaft Ostfriesland. 1997, S. 29.
  7. a b Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2009, S. 169.
  8. Ruge: Arp-Schnitger-Orgel Ludgerikirche Norden. 1985, S. 16.

Koordinaten: 53° 35′ 44″ N, 7° 12′ 14″ O