Angloamerikanischer Modernismus

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Der Angloamerikanische Modernismus (auch Modernism oder gelegentlich Late Modernism) ist eine literarische Strömung des 20. Jahrhunderts, die durch Verfremdung, Negierung bestimmter Aspekte der Moderne und der Aufklärung, Zweifel am Fortschrittsglauben und den radikalen Willen zur Erneuerung gekennzeichnet ist. Der Modernismus zerstört oder ironisiert die traditionellen Erzähl- oder Gedichtformen, in denen sich die komplexen und ambivalenten Gefühle der Subjekte in einer Ära disparater Welterfahrung nicht mehr ausdrücken lassen.

Programmatik und Stilmittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Programmatisch für die Modernisten wurde Ezra Pounds Forderung Make It New!, die er aus ähnlichen Formulierungen in alten chinesischen Texten ableitete.[1] Als Wegbereiter der modernistischen Ästhetik unterhielt er enge Beziehungen zu den einflussreichsten Autoren und Poeten seiner Zeit. Mit seinen formalen Experimenten in The Cantos (zuerst 1917) prägte er das Bild der sich ständig selbst erneuernden Avantgarde und förderte die Abkehr von allen poetischen Konventionen und der (neo-)romantischen und symbolistischen Dichtung des bürgerlichen Mainstreams.

Ezra Pound (undatiertes Passbild)

Auch T. S. Eliot fordert in seinem Essay That Poetry is Made with Words (1939), dass sich die Grenzen des Geistes beständig über den Rand des bereits Gesagten, des „kultivierten Geländes“, ausdehnen müssen. Der moderne Poet müsse den immer wieder über diesen Rand hinauswuchernden „Dschungel“ der Emotionen mittels sprachlicher Objektivierung bändigen und dabei beständig mit dem menschlichen Denken der Vergangenheit in Kontakt treten. Das erfordere eine hohe Sensibilität dafür, wie etwas früher gesagt wurde oder noch nicht gesagt werden konnte. Diese Emotionen sind nicht mehr die privaten des Dichters, sondern die seiner Epoche.[2]

Die modernistische Dichtung schließt also durchaus den Rückgriff auf antike und mittelalterliche Stoffe und Traditionen ein. Die Reihe der intertextuellen Anspielungen in The Waste Land, dessen Titel auf antike Fruchtbarkeitskulte verweist, reicht von Ovid über Augustin, Dante und Shakespeare bis zu Charles Baudelaire, Paul Verlaine, Richard Wagner und die Gralslegende. James Joyce stützt sich im Ulysses auf den Odysseus-Mythos, der in der disparat zerfallenen Weltwahrnehmung die Einheit stiften soll.

Stilmittel der Modernisten sind die Abkehr vom Realismus, Depersonalisierung, Verfremdung, die Aufhebung der Trennung zwischen elaborierter gebundener Sprache, alltagsweltlicher Kommunikation und Jargon, die Einbeziehung nichtliterarischen Materials, die Zelebrierung des Hässlichen und sexuelle Anspielungen ebenso wie Parodie, Wiederholung und Zitat, Simultaneität des Ungleichzeitigen und Multidimensionalität des Geschehens, Intertextualität, Collage, Verwendung freier Rhythmen und Rhythmuswechsel sowie eine „Ästhetik des Rauschens“ als Reaktion auf die Präsenz einer urbanen und industriellen Geräuschkulisse, die nicht nur in der Literatur (z. B. bei Dos Passos oder James Joyce), sondern auch in der Musik (bei Charles Ives oder im Modern Jazz) an Bedeutung gewann.[3] Virginia Woolf schrieb 1940: I always think of my books as music before I write them, was darauf verweist, dass die Ästhetik des Modernismus nicht primär eine visuelle, sondern eine musikalisch-akustische ist.[4]

Zeitliche Abgrenzung und wichtige Vertreter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der angloamerikanische Modernismus ist in seinen Modernisierungsbestrebungen wesentlich radikaler als der ältere lateinamerikanische Modernismo, der noch vom Symbolismus beeinflusst und von der Vorstellung zweckfreier Schönheit geprägt ist.

Der Beginn des Modernismus wird meist in den 1920er Jahren angesetzt, sein Ende auf etwa 1950. Jedoch herrscht in bezug auf die Benennung und Datierung der Strömung bzw. Epoche eine gewisse Verwirrung. Cheryl Hindrichs[5] datiert die wichtigsten Werke der literarischen Strömung, die er als Spätmodernismus bezeichnet, auf 1930–1945. Demgegenüber geht Anthony Mellers davon aus, dass der Höhepunkt des Late Modernism erst nach 1945 nach dem Schock des Zweiten Weltkriegs erreicht wurde. Auch in Deutschland wird der Beginn einer literarischen Spätmoderne meist nach 1945 angesetzt, während Peter V. Zima[6] den Beginn der Modernismus, den er mit der gesamten Spätmoderne identifiziert, bereits auf das späte 19. Jahrhundert datiert.

Als wichtige Vertreter des angloamerikanischen Modernismus gelten neben Ezra Pound und T. S. Eliot (The Waste Land) William Butler Yeats (aufgrund seines Spätwerks), Basil Bunting (1900–1985), William Carlos Williams, Charles Olson oder der jüngere J. H. Prynne (* 1936). In Deutschland erreichte Alfred Döblin, in Argentinien Roberto Arlt ähnliche Effekte. Ein wichtiges Organ der US-amerikanischen modernistischen Autoren war die Zeitschrift The Dial, die von 1920 bis 1929 erschien.

Auch andere radikale Erneuerungsbewegungen der Kunst des 20. Jahrhunderts zeichnen sich durch die genannten Merkmale aus, so etwa der abstrakte Expressionismus in der Malerei oder der italienische Futurismus.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik wurde am Modernismus nicht nur von konservativer Seite wegen seiner ikonoklastischen Haltung gegenüber früheren Kunstformen geübt, sondern auch wegen seines elitären Charakters, der auf einer radikalen Trennung von Kunst und Leben, also letzten Endes auf einem konservativen L’art pour l’art-Prinzip beruhe (so Peter Carey). Andere Autoren kritisieren den Modernismus wegen seiner Distanzierung von der kapitalistischen Massenkultur, deren Trennung von der Hochkultur er durch seine Esoterik festschreibe.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anthony Mellers: Late modernist poetics: From Pound to Prynne. Manchester University Press 2011.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael North: The Making of “Make It New”. In: www.guernicamag.com, 15. August 2013.
  2. Zitiert nach Helen Vendler: Einleitung zu: T. S. Eliot: The Waste Land and other poems. Signet Classics, Penguin Books 1998, S. XVI f.
  3. Philipp Schweighauser: Das Rauschen modernistischer Form. In: Nicola Gess, Alexander Honold: Handbuch Literatur & Musik. Berlin 2016, S. 495 ff.
  4. Sarah Fekadu: Musik in Literatur und Poetik des Modernism: Lowell, Pound, Woolf. München 2013.
  5. Cheryl Hindrichs: Late Modernism 1928–1945: Criticism and Theory. In: Literature Compass, Volume 8, Issue 11, S. 840–855, November 2011.
  6. Peter V. Zima: Moderne/Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. 3. Auflage, Tübingen 2014, ISBN 978-3-8252-4175-9, S. 41 ff.
  7. Anne Quéma: The Agon of Modernism: Wyndham Lewis's Allegories, Aesthetics, and Politics. Bucknell University Press, 1999, S. 152 ff.