Anna Lehnkering

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Stolperstein für Anna Lehnkering

Anna Lehnkering (2. August 1915 in Sterkrade7. März 1940 in Grafeneck) war eine deutsche Frau, die vom NS-Regime im Zuge der Aktion T4 in einer Gaskammer ermordet wurde.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anna Lehnkering war das dritte Kind des Gastwirts Friedrich Lehnering aus Sterkrade, der 1921 starb. Anna wurde ein Jahr vom Schulbesuch zurückgestellt und bald nach ihrer Einschulung einer Hilfsschule überstellt, die sie im Alter von 14 Jahren verließ. Sie half anschließend im Elternhaus aus.

Nach dem Scheitern der zweiten Ehe ihrer Mutter zog die Familie nach Mülheim an der Ruhr. Auf Antrag des Oberhausener Kreisarztes Ludwig Fleischer und Beschluss des Erbgesundheitsgerichts Duisburg wurde Anna Lehnkering am 2. November 1935 im Evangelischen Krankenhaus der Stadt Mülheim an der Ruhr zwangssterilisiert. Als sie dort ein Jahr später wegen einer Nierenerkrankung behandelt wurde, veranlassten der behandelnde Arzt im Dezember 1936 ihre Einweisung in die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau. Dort wurde sie als „schwachsinnig“ diagnostiziert. Der „Schwachsinn“ sei angeboren und durch Erblichkeit verursacht.

In den folgenden drei Jahren in Bedburg-Hau entwickelte sich Anna Lehnkering, der 1929 noch Gutmütigkeit und Willigkeit attestiert worden waren, zu einer zunehmend schwierigen Patientin, die vom Anstaltspersonal als „lästig“ eingeschätzt wurde. Im März 1940 gehörte sie zu den fast 2.000 Patientinnen und Patienten, die aus Bedburg-Hau verlegt wurden, um Platz für ein Lazarett zu schaffen. Am 6./7. März 1940 kam sie mit mehr als 450 weiteren Männern und Frauen in die Tötungsanstalt Grafeneck, wo sie am 7. März 1940 vergast wurde.

Annas Spuren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Zufall stieß Sigrid Falkenstein im Internet auf den Namen ihrer Tante Anna Lehnkering auf einer „Liste von Personen, die von deutschen Ärzten ermordet wurden“ und begann zu recherchieren. Aus dem Familiengedächtnis, mithilfe alter Fotos und von Patientenakten rekonstruierte sie Annas Lebensgeschichte, die sie schließlich gemeinsam mit dem Psychiater Frank Schneider publizierte. In ihrem Buch zieht Falkenstein einen Bogen von ihrer persönlichen Spurensuche über den gesellschaftlichen Umgang mit Zwangssterilisation und „Euthanasie“ vom NS-Regime bis heute und schildert sie ihre Erinnerungsarbeit vom Ruhrgebiet, über Bedburg-Hau und Grafeneck bis hin zum „Euthanasie“ Gedenk- und Informationsort an der Philharmonie in Berlin. Der Spiegel konstatierte in einer Rezension, das Buch statte „die Hauptperson mit einer Würde aus, die ihr zu Lebzeiten nie zuerkannt worden ist.“

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Das war kein „Gnadentod“, sondern grausamer Massenmord. Die Opfer jedoch waren keine anonyme Masse. Sie alle hatten – wie Anna - Namen und Gesicht und jeder für sich ein einzigartiges, unwiederbringliches Leben.“

Sigrid Falkenstein

„Es ist an der Zeit, die Ermordeten namentlich zu ehren und ihre Lebensdaten in einer allgemein zugänglichen Datenbank zu nennen. Erst dann wird den lange vergessenen Opfern ihre Individualität und menschliche Würde wenigstens symbolisch zurückgegeben.“

Götz Aly: Die Belasteten. "Euthanasie" 1939–1945.

Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) von 2010 zitierte Sigrid Falkenstein in ihrer Rede als Angehörige von Anna Lehnkering, die folgenden Worte:[1]

„Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem Haus Düsseldorfer Straße 38 in Mülheim an der Ruhr wurde am 2. April 2009 ein Stolperstein für Anna Lehnkering angebracht.

Sigrid Falkenstein erinnerte[2] an ihre Tante Anna Lehnkering im Rahmen der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2017.[3]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sigrid Falkenstein: Annas Spuren. Ein Opfer der NS-„Euthanasie“. Unter Mitarbeit von Prof. Dr. Dr. Frank Schneider. München: Herbig Verlag 2012, ISBN 978-3-7766-2693-3
  • Sigrid Falkenstein: Annas Spuren. Ein Opfer der NS-„Euthanasie“. Kurzfassung in Einfacher Sprache v. Andreas Lindemann, Verlag Spaß am Lesen 2015, ISBN 978-3944668406
  • Götz Aly: Die Belasteten. "Euthanasie" 1939 - 1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. Frankfurt: S. Fischer 2013, S. 10

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rede von Sigrid Falkenstein, Angehörige eines Opfers: NS-Euthanasie und Zwangssterilisierung im Familiengedächtnis – Spiegel kollektiver Verdrängung und zunehmender Erinnerung. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, November 2010, abgerufen am 30. Januar 2011.
  2. Sigrid Falkenstein: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2017 / Rede von Sigrid Falkenstein. In: bundestag.de. 27. Januar 2017, abgerufen am 11. Februar 2017 (PDF).
  3. Bundestag erinnert an die Opfer der „Euthanasie“ im NS-Staat. Deutscher Bundestag, 27. Januar 2017, abgerufen am 11. Februar 2017.