Archivar

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Archivar bei der Arbeit

Der Archivar übernimmt, bewertet, erschließt und sichert Schriftgut, welches von öffentlichen und privaten Verwaltungen sowie von Privatpersonen zur langfristigen Aufbewahrung abgegeben wird. Der Archivar trägt damit wesentlich dazu bei, dass wichtige Informationen und Nachweise für Bürger, Institutionen und Forscher dauerhaft gewahrt werden und gleichzeitig deren Zugänglichkeit gewährleistet.

Ein Archivar kann darüber hinaus Kurator von privaten Nachlässen sowie von aufzubewahrendem Sammlungsgut sein.

Aufgaben des Archivars[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor der Übernahme des Archivgutes berät er die ablieferungspflichtigen Behörden und Dienststellen (die Registraturbildner), aber auch Firmen und in Einzelfällen Privatpersonen bei der Schriftgutverwaltung. Er bewertet das archivreife Schriftgut nach archivwissenschaftlichen Kriterien (Feststellung der Archivwürdigkeit). Mit der Übernahme des archivwürdigen Schriftguts wird aus dem Registraturgut Archivgut – damit geht auch eine Änderung des Rechtsbereichs einher. Nach der Übernahme des archivwürdigen Schriftgutes sowie anderer aufzubewahrender Dokumente (u. a. Pläne, Fotoaufnahmen, Filme) findet eine inhaltliche Erschließung des Archivgutes statt (u. a. Titelbildung, Enthält-Vermerke, Zustand). Die Verzeichnung der relevanten Inhalte der Unterlagen erfolgt heute überwiegend mit spezifischen EDV-Programmen. Mit der Erschließung entstehen Findhilfsmittel (Findbücher, umfangreiche Datenbanken), die eine gezielte Recherche nach bestimmten Informationen und Themen vereinfachen.

Kernaufgaben sind demnach:

  1. Übernahme archivreifen Schriftgutes (auch digitale Überlieferungen)
  2. Bewertung
  3. Erschließung der Informationen (Einordnung und Verzeichnung der Metadaten zum archivierenden Objekt)
  4. Beratung und Recherche
  5. Bewahrung (v. a. konservatorische Maßnahmen)
  6. Bereitstellung der Informationen für die Nutzung und Auswertung (z. B. für Nachweisführungen, Rechtewahrung und Öffentlichkeitsarbeit)

Archive werden zukünftig vermehrt elektronisches Schriftgut (E-Akten) sowie digital vorliegende Informationen übernehmen. Die Archivare beschäftigen sich daher verstärkt mit elektronischen Dokumentenmanagementsystemen sowie den komplexen Themenstellungen der Übernahme und langfristigen authentischen Erhaltung elektronisch gespeicherter Daten und Informationen.

Die Erstellung von Webseiten und die öffentliche Darstellung der Archive im Internet (Mitarbeit in Archivportalen und sozialen Netzwerken) sind von wachsender Bedeutung für die Öffentlichkeitsarbeit und die Nutzerfreundlichkeit. Viele Archivare haben neben den Bewertungs- und Erschließungsarbeiten die Aufgabe, sich durch eigene Beiträge sowie der Unterstützung von Ausstellungsprojekten an der Erforschung und Vermittlung der jeweiligen Sprengelgeschichte (Zuständigkeitsbereich) zu beteiligen oder geschichtliche Themenstellungen anzuregen. Die Arbeit in großen Archiven verlangt meist eine Ausdifferenzierung und damit die Spezialisierung der Tätigkeiten auf eines der oben genannten Aufgabengebiete. In kleinen Archiven muss ein Archivar die gesamte Bandbreite der auszuführenden Tätigkeiten abdecken.

Zur Aufgabe der "Bewertung" beschrieb der Vorsitzende des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare, (VdA), Michael Diefenbacher, anlässlich des 5. Tags der Archive, 2010, für den Kölner Stadtanzeiger in einem Interview zum Einsturz „des bedeutendsten kommunalen Archiv des Landes“ die Aufgaben eines Archivs wie folgt. Wollen die Archive eigentlich soviel wie möglich bewahren? Nein. Aufgabe der Archive ist es, zu bewerten und auszusondern. Unsere Hauptaufgabe ist das Wegwerfen. Was übrig bleibt, wird übernommen.[1]

Gesetzliche Regelungen in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für das staatliche Archivgut haben der Bund (für das Archivgut des Bundes) und alle Bundesländer in Deutschland spezielle Archivgesetze erlassen. Diese sind Rechts- und Handlungsgrundlage für die jeweiligen Archivverwaltungen. Kommunale Archive haben eine Archivsatzung. In den Archivgesetzen sind die Aufgaben des Archivs definiert. Zudem gibt es Regelungen zur Zugänglichmachung von Archivgut (Schutzfristen). Ein Archivar ist fachlich versiert bei der Anwendung des Datenschutzrechtes und der Persönlichkeitsrechte sowie die Anwendung und Durchsetzung des Kulturgutschutzgesetzes. Spezialkenntnisse im Umgang und der Anwendung des Urheberrechtes sind wichtige Bestandteile im Bereich der Auswertung und der Öffentlichkeitsarbeit. Vertiefte Kenntnisse auf dem Gebiet des Verwaltungsrechts sind vor allem in Tätigkeitsfeldern der staatlichen und kommunalen Archive unerlässlich.

Glaubensgemeinschaften regeln ihr Archivwesen eigenverantwortlich. Ein Beispiel hier für ist das Kirchengesetz zur Sicherung und Nutzung von kirchlichem Archivgut in der Evangelischen Kirche der Union.

Benutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Benutzung des Archivguts kommunaler und staatlicher Archive steht grundsätzlich jedem offen. Allerdings sehen die Archivgesetze der Länder und des Bundes bestimmte Benutzungsbeschränkungen (v. a. Schutzfristen, während derer das Archivgut in der Regel nicht eingesehen werden darf) vor. Private Archivträger können besondere Bestimmungen für die Benutzung des Archivgutes erlassen. Die Benutzung des Archivgutes erfolgt im Regelfall auf schriftlichen Antrag. Die Sichtung des Archivgutes erfolgt üblicherweise vor Ort.

Berufsanforderungen und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Archivare der staatlichen Archive müssen eine archivfachliche Ausbildung (Bachelor) absolviert haben.

Neben der gehobenen archivfachlichen Ausbildung kann der Abschluss des wissenschaftlichen Archivars (Master) für den höheren Dienst in einem Aufbaustudiengang nur im kostenpflichtigen Fernstudium erworben werden. Voraussetzung für diesen Ausbildungsweg ist ein bereits erfolgreich abgeschlossenes Studium (z. B. Master) in einem angrenzenden Studienfach und in der Regel die Promotion. Die durch die KMK in einem Positionspapier[2] geforderte Durchlässigkeit zu einem höheren Abschluss nach einer Fachhochschulausbildung/Bachelorabschluss (im Archivwesen) ist somit bisher nicht gegeben. Dadurch schränken sich Karriere- oder weitere Entwicklungsmöglichkeiten für Archivare (Bachelor) auf direktem Wege erheblich ein[3][4].

Ausbildungsstätten in Deutschland sind die Archivschule Marburg, die Fachhochschule Potsdam und die Bayerische Archivschule München. Der Umfang der angebotenen Studienplätze sowie der Studienangebote bleibt seit Jahren hinter dem steigenden Bedarf an entsprechend ausgebildeten Spezialkräften in der heutigen Informationsgesellschaft zurück.

Der Erwerb eines aufbauenden nicht konsekutiven bzw. weiterbildenden Masterabschlusses für Archivare des gehobenen Dienstes ist im Bereich Europäische Geschichte im Rahmen eines Direkt- oder Fernstudiums an der Fernuniversität Hagen seit 2017/18 möglich. An der FH Potsdam kann bisher ausschließlich im Direktstudium ein angrenzendes Masterstudium Informationswissenschaften angeschlossen werden, welches modulhaft Kenntnisse in der digitalen Archivierung sowie des Records-Managements vermittelt. Kostenpflichtige Weiterbildungsmöglichkeiten bestehen an der FH Potsdam (Zertifikatskurs), der Archivschule Marburg, der FU Berlin (Zertifikatskurs) und ab 2020 an der Humboldt-Universität Berlin.

In den Freistaaten Bayern und Sachsen besteht neben der Fachhochschulausbildung eine einschlägige Ausbildung für den mittleren Dienst (Archivassistent, FaMI-Archiv).

Als Voraussetzung für die Ausbildung im gehobenen Archivdienst gelten: Abitur; gute Allgemein- und Geschichtskenntnisse, komplexes Denkvermögen, Sprachkenntnisse (Englisch, Grundkenntnisse in Latein, Französisch oder auch Russisch), sicherer Umgang mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik, Interesse am Aufbau und der Arbeit mit umfangreichen und komplexen Datenbanken sowie Internetanwendungen, exakte Arbeitsweise, kommunikative Fähigkeiten und Überzeugungskraft.

Tarif[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz wesentlich gestiegener und komplexerer Anforderungen sowie umfassender und fundamentaler Veränderungen im Tätigkeitsprofil des Archivars, bewegen sich die Gehaltseinstufungen für Archivare vor allem im öffentlichen Bereich häufig am untersten Niveau möglicher Tarifeinstufungen (siehe v. a.:TVL, Entgeltordnung, Teil 2)[5].


Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Archivar, Historiker und Schriftsteller August Sperl, (1862–1926) schrieb das Gedicht:

Der alte Archivar

Der Archivar vor einem Berg Arbeit
Im kühlen Gewölbe, aufs Pult gebückt,
so weltverloren, so weltentrückt,
sitzet und forschet, so manches Jahr,
also auch heute der Archivar.


Das Aug' ist müd', und ihm schwimmen die Zeilen,
da faltet die Hände der alte Mann
und sinnt, wie so flüchtig die Jahre enteilen,
und wie sein eigenes Leben verrann.


Sie haben sich draußen gehetzt und gejagt
und haben sich mit dem Ehrgeiz geplagt
und haben die Spanne der Erdenzeit
geachtet für eine Unendlichkeit.


Er wusste das anders, der Archivar,
denn er sah immer, was vordem war.
Und an dem, was immer und immer gewesen,
war seine Seele zum Frieden genesen.


Was den andern die längste Vergangenheit,
das war ihm jüngst verflossene Zeit,
und was die Vielen noch nie gesehen,
er wusst' es: war immer und immer geschehen.


Die bunten Lappen der Erdenpracht,
sie sanken vor ihm in Staub und Nacht -
und von manchen Kaisers vergilbter Hand
blies er gelassen ein Restlein Sand.


Doch hat er in all' dem Kommen und Gehen
den Kern der Wahrheit schimmern gesehen,
und weiß es fürder unbeirrt,
was bleibend gewesen und bleiben wird.


Und wenn ihm vollends die Feder entsinkt,
dieweil es hienieden zum Ende geht,
wenn die letzte Recherche am Ziele steht,
und von Ferne die höchste Entschließung winkt -


Dann senkt er die Augen und bündelt in Ruh'
den Akt des Lebens und schnürt ihn zu.
Und hieß' es etwa nach einiger Zeit:
„Geh wieder zur Erde“ - so wär' ihm das leid.


Doch brächte ihn dann ein Engel hernieder
und sagte: „Nun wähle dein Glück!“
Er ginge in sein Gewölbe zurück
und würde fürwahr
das zweite Mal wieder ein Archivar.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sabine Brenner-Wilczek, Gertrude Cepl-Kaufmann, Max Plassmann: Einführung in die moderne Archivarbeit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006. ISBN 3-534-18190-5
  • Julia Brüdegam: Auswahlverfahren im Staatsarchiv Hamburg. In: Archivar, Jg. 61, 2008, Heft 1, S. 45–47. ISSN 0003-9500
  • Norbert Reimann (Hrsg.): Praktische Archivkunde. Ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Archiv. 3. überarbeitete Auflage, Ardey-Verlag, Münster 2014, ISBN 978-3-87023-366-

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Archivar – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. KStA vom 6./7. März 2010, S. 35
  2. https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/Bildung/AllgBildung/2008-10-22-Qualifizierungsinitiative.pdf
  3. https://archivamt.hypotheses.org/6807
  4. http://fernweiterbildung.fh-potsdam.de/?p=2231#respond
  5. http://www.vda.lvsachsen.archiv.net/workshops/die-kommunale-entgeltordnung-und-ihre-bedeutung-fuer-archivarinnen-und-archivare-chancen-und-risiken.html