Balder

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Balder (Begriffsklärung) aufgeführt.
Balder wird unter Lokis Anleitung von Hödur mit einem Mistelzweig getötet. Aus einer isländischen Handschrift des 18. Jahrhunderts

Balder (altnordisch baldr, altenglisch Bældæg, althochdeutsch Balder, Palter, Phol (Pfol), zu urgermanisch Nom. Sg. *balđraz ‚Herr, Held, Fürst‘[1]) ist ein Gott in der germanischen Mythologie. Eine konkrete Funktion bei der rituellen Kultpraxis in den germanischen Religionen ist ungewiss und wird in der fachwissenschaftlichen Forschung kontrovers diskutiert.

Balder ist nach der Prosa-Edda des Isländers Snorri Sturlusons Sohn des Odin und der Frigg, somit Bruder von Hödur und Hermodr. Mit seiner Gattin Nanna hat er den Sohn Forseti.

Die Theorie der Atlantischen Semitiden identifiziert ihn mit Baal, seine Gattin Nanna mit Ištar/Astarte, sumerisch Inanna.

Mythos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Balder lebt in Breidablik in Asgard und besitzt das Schiff Ringhorn. Er hat eines Tages einen Traum von seinem eigenen Tod, worauf seine Mutter Frigg zu jedem Tier und zu jeder Pflanze geht und sie auffordert, einen Eid abzulegen, dass sie Balder nicht verletzen werden. Nur der junge Mistelzweig scheint Frigg zu unbedeutend zu sein, als dass sie von ihm einen Eid abnehmen sollte. Es kommt zu einem Spiel der Asen, bei welchem sie den nunmehr unverwundbaren Balder mit Speeren, Steinen und anderen Waffen beschießen, ohne dass Balder etwas geschieht. Loki nutzt es aus, dass die Mistel keinen Eid abzulegen brauchte, und gibt Balders blindem Bruder Hödur einen Mistelzweig und bedeutet ihm, damit zu schießen. Der Zweig trifft Balder, und der Gott sinkt tot zusammen.

Der Leichnam wird auf einem Schiff aufgebahrt, das nur die Riesin Hyrrokkin ins Wasser stoßen kann. Unter der Wucht fangen die Rollen, auf denen das Schiff stand, Feuer und entzünden den Leichnam. Thor segnet den Leichenbrand mit seinem Hammer Mjölnir. Sein Vater Óðinn gibt den Ring Draupnir mit auf Balders letzte Fahrt gen Hel. Balders Gattin Nanna stirbt während der Bestattungsfeierlichkeiten an gebrochenem Herzen und wird zusammen mit Balder verbrannt.

Hermodr versucht vergeblich seinen Bruder aus dem Reich Hel zurückzuholen. Diese aber entlässt Balder erst aus ihrem Reich, wenn alle Dinge ihm nachweinen. Die Asen schicken Boten in alle Welt und erreichen, dass alle Lebewesen und sogar Steine und Metalle um Balder trauern. Nur Loki, in Gestalt der Riesin Þökk, verweigert ihnen den Gefallen. Folglich wird Balder die Rückkehr nach Asgard verweigert.

Später versöhnen sich Balder und Hödur miteinander und kehren nach Ragnarök einträchtig bei der Entstehung eines neuen Weltgebäudes zurück. Der Tod des Balder war aber nur der Anfang seiner Reise und sollte nicht sein Ende gewesen sein. In der epischen Schlacht am Tag des Ragnarök zerstörten sich Götter, Riesen, Mensch und Monster gegenseitig und weihten die Welt dem sicheren Untergang. Doch es wurde auch prophezeit,[2] dass die Lichtgestalt Balder am Ende des Ragnarök aus dem Totenreich Helheim wiederkehren und mit seinem Glanz das Zeitalter einer neuen Welt einleiten werde.

In dieser neuen Welt sollte es weder Verrat noch Lüge oder Mord geben. Ebenso wurde prophezeit,[2] dass ein Herrscher kommen würde, dessen alleinige Macht über alles gebieten solle. Ob hiermit das Christentum gemeint war, ist Spekulation – dennoch wird diese These heute immer noch unter Geschichtswissenschaftlern diskutiert.

Neuere Textuntersuchungen der Quellen und Vergleiche mit Darstellungen auf völkerwanderungszeitlichen Brakteaten lassen vermuten, dass in einer älteren Version der blinde Odin seinen Lieblingssohn tötete und so zu sich nahm. Die Darstellung in der Völuspá und bei Snorri sei eine humanisierte Fassung, in der Odin, der vorher in der Maske des Hödur auftrat, später von ihm geschieden wurde.[3] Das Spiel der Asen, auf Balder zu schießen, soll die alte mythische Formel einer rituellen Gemeintötung zum Opfer für das Gedeihen alles Lebendigen darstellen.[4]

Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Lichtgestalt Balder verschwinden Glück und Schönheit aus der Welt, womit das Götterende (auch Schicksal der Götter, Götterdämmerung oder Götternacht) Ragnarök näher rückt. Da Balder die Personifizierung der Sonne ist, steht sein Tod auch mit den Sonnenwenden in Verbindung. Balder wird zum Zeitpunkt scheinbarer Unverwundbarkeit getötet, wie auch die Sonne am Tag ihrer längsten Leuchtkraft – dem 21. Juni, der Sommersonnenwende – an Kraft verliert und dadurch die Tage wieder kürzer werden. Ab der Wintersonnenwende werden die Tage wieder länger. Die Sonne kommt wieder zu Kräften, was Balders kommende Wiedergeburt ankündigt.

Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Deutung J. Frazers in Mode, dass es sich bei Balder um einen Vegetationsgott gehandelt habe, dessen Tod notwendig gewesen sei, um die Fruchtbarkeit aufrechtzuerhalten.[5] Frazer fand viele Anhänger, jedoch wird seine Theorie heute nicht mehr vertreten. Der Grund hierfür liegt darin, dass Frazer sich wenig um die Quellen kümmerte. Balder wird in ihnen nirgends mit der Vegetation in Verbindung gebracht.[6] Der Baldermythos ist in der Völuspá, der Seherin Gesicht eindrücklich geschildert.

Atlantische Semitiden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Altgermanische Religion zeigt auffallende Parallelen zu semitischen Religionen. Dies war allgemeiner Kenntnisstand im 19. Jahrhundert.[7] Im 20. Jahrhundert geriet dieses Wissen in Vergessenheit. Die Parallelen werden in der vorliegenden Theorie der Atlantischen Semitiden durch Expansion von Eroberern aus dem Mittelmeerraum in den germanischen Norden gedeutet. Der Kontakt von Atlantischen Semitiden und indogermanischer Bevölkerung des Nordens findet möglicherweise seinen Widerhall in der germanischen Göttergeschichte, in der es zwei Göttergeschlechter gibt: die Asen und die Vanen. Diese führen Krieg gegeneinander, der unentschieden endet. Daraufhin kommt es zum Friedensschluss mit Geiseltausch. Die Asen sind die indogermanischen Götter der Vorbevölkerung, die Vanen sind die Götter der angreifenden Atlantischen Semitiden. Falls die Göttergeschichte einen wahren Hintergrund hat, so ist dieser Vorgang historisch im ersten Jahrtausend vor der Zeitenwende anzusiedeln, vermutlich im Zusammenhang mit der Expedition des Himilkon. Hierauf deutet auch eine Hypothese zur Entstehung der Runen hin.

Ba’al ↔ Balder / Phol[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. 136, fol. 85r mit den Merseburger Zaubersprüchen im oberen Teil (Zeilen 1–12). Am Anfang der fünften Zeile steht „Phol“.

Sowohl in der semitischen wie in der Germanischen Religion gibt es einen sterbenden Gott, im Semitischen ist das Baal, im Germanischen Balder. Die phonetischen Übereinstimmungen beider Götternamen sind beträchtlich.

Aus dem Punischen sind mehrere vokalisierte Inschriften (aus dem Zeitraum nach der römischen Eroberung, die punische Schrift hatte keine Vokale) mit dem Namen Baals erhalten, z. B. Deo patrio Baliddiri Aug[usto] sacrum (CIL VIII, Supplementum 2, 19121). Baal wird hier als „Allmächtiger Herr“ = 'BaʿalʾIddir' bezeichnet. Die Entlehnung dieses Wortes ins Germanische nach der ersten Lautverschiebung ergäbe regelgerecht „Balder“. Die Entlehnung des Wortes Baal vor der ersten Lautverschiebung ergäbe nach der zweiten Lautverschiebung „Pfol“. Ein Gott mit diesem Namen taucht tatsächlich an einer Stelle auf und zwar im 2. Merseburger Zauberspruch:

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister
     
Phol und Wodan begaben sich in den Wald
Da wurde dem Fohlen des Herrn/Balders sein Fuß verrenkt
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester der Sunna

Phol, wahrscheinlich als Pfol zu lesen, ist referenz-identisch mit dem Gott Balder, der in der folgenden Zeile genannt wird. Jacob Grimm geht davon aus, dass Phol nur ein anderer Name von Balder gewesen ist. Phol muss zum Zeitpunkt der Entstehung des Zauberspruches ein wichtiger Gott gewesen sein, da er vor Wodan genannt wird.[8]

Die Namen der beiden Ehefrauen von Ba’al und Balder sind Anat und Nanna. Das Endungs-t von Anat ist das semitische Femininisierungssuffix. Die phonetische Übereinstimmung ist gut, wenn auch nicht so gut wie bei den Ehemännern. Der Vater von Nanna heißt Nepr, was dem – rekurrent entwickelt – urgermanisch *Neb- entspricht. Ägyptisch 'Neb-' bedeutet ebenfalls „Herr“.[9] Erstaunlicherweise passt der sumerische Name der Ehefrau von Baal, Ištar/Astarte, sehr gut zu Nanna, sie heißt auf sumerisch Inanna. Es ist allerdings kein Vermittlungsrahmen bekannt, in dem der Name einer sumerischen Gottheit in den europäischen Norden gelangt sein könnte, sodass die Übereinstimmung wohl zufällig ist.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Hauck: Frühmittelalterliche Bildüberlieferung und der organisierte Kult. In: Karl Hauck (Hrsg.): Der historische Horizont der Götterbild-Amulette aus der Übergangsepoche von der Spätantike zum Frühmittelalter. Göttingen 1992, S. 433–577.
  • Anatoly Liberman: Some Controversial Aspects of the Myth of Baldr. In: Alvíssmál. Nr. 11, 2004. S. 17–54 PDF
  • Britt–Mari Näsström: Blot. Tro och offer i det förkristna Norden. Stockholm 2002.
  • Edward Otto Gabriel Turville–Petre: Myth and Religion of the North. The Religion of Ancient Scandinavia. London 1964.
  • Kurt Schier: Balder. In: Heinrich Beck, Herbert Jankuhn, Kurt Ranke, Reinhard Wenskus (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 2. De Gruyter, Berlin / New York 1976, ISBN 3-11-006740-4.
  • Kurt Schier: Gab es eine eigenständige Balder-Tradition in Dänemark? In: Edith Marold, Christiane Zimmermann (Hrsg.): Nordwestgermanisch. Ergänzungsband (Band 13) zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. De Gruyter, Berlin / New York 1995, ISBN 978-3-11-014818-3. S. 125–153
  • Rudolf Simek: Lexikon der Germanischen Mythologie. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-520-36803-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Balder – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Balder – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vladimir Orel: A Handbook of Germanic Etymology. Brill, Leiden/Boston 2003, ISBN 90-04-12875-1, S. 33
  2. a b Claudia Banck: Die Wikinger. Theiss Wissenkompakt, ISBN 3-8062-2152-9
  3. Turville–Petre S. 118 f.; Hauck S. 478.
  4. Hauck S. 479.
  5. J. Frazer: The Golden Bough. London 1936.
  6. Näsström S. 222.
  7. Sophus Bugge: Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensage, vom Verfasser autorisierte und durchgesehene Übersetzung von Oscar Brenner. Kaiser, München 1889.
  8. Theo Vennemann: Glauben wir noch an die Lautgesetze? Zur Etymologie von Phol und Balder im Zweiten Merseburger Zauberspruch. In: Gerhard Meiser, Olav Hackstein (Hrsg.): Sprachkontakt und Sprachwandel: Akten der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft, 17.–23. September 2000, Halle an der Saale. Ludwig Reichert, Wiesbaden 2005, ISBN 3-89500-475-8.
  9. Theo Vennemann: Phol, Balder, and the birth of Germanic. In: Germania Semitica, S. 344–359; Thesis 8.