Misteln

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Misteln

Weißbeerige Mistel (Viscum album)

Systematik
Klasse: Bedecktsamer (Magnoliopsida)
Eudikotyledonen
Kerneudikotyledonen
Ordnung: Sandelholzartige (Santalales)
Familie: Sandelholzgewächse (Santalaceae)
Gattung: Misteln
Wissenschaftlicher Name
Viscum
L.

Die Misteln (Viscum) sind eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Sandelholzgewächse (Santalaceae)[1], nach einer alternativen Klassifikation in einer wieder errichteten Familie Viscaceae[2]. Sie sind mit etwa 70 bis 120 Arten in der Alten Welt verbreitet, mit Verbreitungszentrum im südlichen Afrika und auf Madagaskar. Wenige Arten erreichen gemäßigte (temperate) Klimazonen.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weißbeerige Mistel (Viscum album)
2-jährige Weißbeerige Mistel (grün) und die Gewöhnliche Gelbflechte
Weibliche Blüten von Viscum rotundifolium
Früchte von Viscum pauciflorum

Vegetative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mistel-Arten sind immergrüne oder schuppenblättrige Halbschmarotzer, die auf Bäumen oder Sträuchern wachsen, meist Zweikeimblättrigen, wenige Arten auf Nadelhölzern. Etwa zehn Arten parasitieren auf Arten der Riemenblumengewächse, die selbst parasitisch auf Bäumen wachsen, sind also Hyperparasiten. Die größeren Arten erreichen eine Länge von etwa 2 Meter, die Europäische Mistel als eine der größten maximal etwa 2,5 Meter, daneben existieren Zwergpflanzen von wenigen Millimeter Länge.[3] Misteln sind im Wirtsgewebe durch ein Haustorium genanntes Organ verankert, das bei der Gattung aus der Keimwurzel (Radicula) hervorgeht, auf der Rinde kriechende (epikortikale) Wurzeln mit sekundären Haustorien werden nicht ausgebildet. Häufig werden aber Wurzelstränge im Holz des Wirts, oberhalb von dessen Kambium gebildet, von denen im Xylem verankerte Senkwurzeln abgehen. Aus diesen kann dann an anderer Stelle ein neuer exophyter Trieb aus dem Wirtsgewebe hervorbrechen.[4] Die endophytischen, im Wirtsgewebe verborgenen Teile der Pflanze sind bei Misteln ebenfalls grün gefärbt.[3] Die freien (exophyten) Triebe sind meist verholzt, aber leicht brüchig, bei einigen afrikanischen Arten krautig, bei sehr wenigen wie etwa Viscum capense sukkulent. Sie sind aufrecht oder hängend, grün gefärbt und unbehaart, stielrund, abgeflacht (oft bei unbeblätterten Arten) oder vierkantig und je nach Art unterschiedlich verzweigt, meist gabelteilig (dichotom). Bei vielen Arten, so bei der europäischen weißbeerigen Mistel, wird jedes Jahr aus einer Knospe ein neuer Triebabschnitt gebildet, der nur aus einem langen Internodium, am Ende mit zwei gegenständigen Blättern und einer terminalen Infloreszenz besteht; neue Triebe entstehen im nächsten Jahr aus den achselständigen Blattknospen (ein Dichasium). Dadurch resultiert ein sehr regelmäßiges Verzweigungsmuster. Die gegenständigen Laubblätter sind ganzrandig, bei manchen Arten zu Schuppenblättern reduziert.[4]

Im Extremfall (bei Viscum minimum) befindet sich mit Ausnahme der Blüten fast die gesamte Pflanze innerhalb des Wirtes. Die etwa drei Millimeter langen Triebe tragen winzige grüne Blätter. Die Frucht, eine einzelne Beere, besitzt ein Vielfaches der Größe der sie tragenden Pflanze.

Generative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viscum-Arten sind einhäusig (monözisch) oder zweihäusig (diözisch) getrenntgeschlechtig, also mit eingeschlechtigen, männlichen oder weiblichen, Blüten entweder auf derselben Pflanze oder getrennt auf verschiedenen. Die Blütenstände stehen im Grundplan endständig an den diesjährigen Trieben, sie bestehen aus drei Blüten, einer medianen und zwei seitlichen, die in den Blattachseln der beiden den Blütenstand einschließenden Schuppenblätter gebildet werden. Als Abwandlung verzweigt sich die Einheit ein zweites Mal, wodurch einen fünfblütige Zyme resultiert. Misteln besitzen besondere, ungestielte und kissenartig ausgebildete, mehrkammerige Staubblätter, die Staubbeutel sind sitzend und ungestielt, sie öffnen sich durch Poren. Selten, wie bei der Zwergmistel, sind alle Staubblätter zu einem zentralen, säulenartigen Synandrium verwachsen. Bei den einhäusigen Arten ist in der Regel die zentrale Blüte weiblich, die seitlichen männlich, bei den zweihäusigen besteht der Blütenstand bei den weiblichen Blüten oft nur aus einer einzelnen Blüte. Die Blüten der Mistelarten sind vierzählig (selten dreizählig, manchmal, wie bei Viscum minimum, beides auf derselben Pflanze).[4] Blüten sind nektarführend, die Nektardrüse umgibt ringförmig den Stempel der weiblichen Blüten. Die Blütenhülle ein einfaches Perianth, d. h. die Blütenblätter einfach und nicht in Kelch- und Kronblätter differenziert (Tepalen), diese gehen auf die Kronblätter zurück, die Kelchblätter sind vollständig verschmolzen und nicht mehr sichtbar. Die Blüten sind meist klein, selten größer als drei Millimeter. Die größten Blüten in der Gattung besitzt Viscum cruciatum mit etwa 6 bis 8 Millimeter Länge. Bei der Weißbeerigen Mistel werden etwa vier Millimeter erreicht.[5]

Die Beerenfrüchte sind oft weiß gefärbt, je nach Art auch gelb, orange, rosa oder rot. In den Beeren befinden sich meist nur ein einzelner Samen. Die Oberfläche ist bei einigen afrikanischen Arten nicht glatt, sondern durch zahlreiche Höcker rau.[4]

Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bestäubung erfolgt durch Insekten.

Eine Besonderheit der Mistel-Früchte und Samen liegt darin, dass keine Samenschale ausgebildet wird. Stattdessen bildet das Mesokarp eine klebrige Schicht aus Cellulose, Hemicellulosen und Pektinen, die als Viscin bezeichnet wird.[6] Die Samen werden von Vögeln verbreitet, die die Früchte fressen. Die klebrigen Samen können sich dabei z. B. an den Schnabel heften und werden später an Zweigen abgestreift oder passieren den Darm und werden mit dem Kot ausgeschieden.[7][8][9] Das Viscin wird nicht vollständig verdaut und sorgt dafür, dass die Samen auch nach der Passage durch den Vogeldarm an Zweigen haften. Für die Keimung der Samen ist das Verschlucken ohne Bedeutung.[10]

Bei der Keimung entsteht unter den winzigen Keimblättern ein „Schlauch“ mit endständiger Scheibe, aus der sich bei Kontakt mit einem geeigneten Wirt auf noch glatter Rinde ein Haustorium entwickelt, durch das der Keimling zu den Leitbahnen der Wirtspflanze vordringen kann.

Systematik und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gattung Viscum wurde 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus I, S. 1023 aufgestellt.[11]

Die Gattung Viscum gehört zur Familie der Santalaceae.[1] In der Literatur findet sich häufig die frühere Einteilung in die eigene Familie der Mistelgewächse (Viscaceae). Der US-amerikanische Botaniker und Mistel-Experte Daniel L. Nickrent favorisiert seit 1998 eine andere Phylogenie, die aber von der Angiosperm Phylogeny Group, bis einschließlich der APG III-Klassifikation nicht übernommen wurde. Er hat mit Kollegen im Jahr 2010 eine veränderte Klassifikation vorgestellt, bei der die Santalaceae aufgesplittet wurden, dabei hat er für die Gattung Viscum und sechs andere Gattungen die traditionelle Familie Viscaceae wieder aufgestellt.[2] Darin sind ihm zahlreiche Botaniker gefolgt. Nach den molekularen Untersuchungen ist die wahrscheinliche Schwestergruppe der Misteln die Gattung Notothixos, die mit acht Arten von Ostasien bis Australien verbreitet ist.

Viscum-Arten sind in der Alten Welt in den tropischen, subtropischen und gemäßigten Gebieten verbreitet.[1] Verbreitungszentrum der Gattung ist Afrika mit etwa 45 Arten, auch die Insel Madagaskar ist, mit etwa 30, d. h. einem Viertel aller Arten, artenreich besiedelt. Zweites Verbreitungszentrum ist das tropische Ostasien. Fast alle hier vorkommenden Arten sind einhäusig (die afrikanischen überwiegend zweihäusig), viele ohne grüne Blätter. Mit wenigen Arten werden Australien und Europa (je zwei Arten) erreicht. Zweite europäische Art neben der bekannten Weißbeerigen Mistel ist die rotbeerige Viscum cruciatum, die in Spanien, Marokko und im Nahen Osten vorkommt. In Ostasien erreichen mit Viscum nudum und Viscum coloratum auch zwei Arten die temperate Zone.

Die weißbeerige europäische Mistel wurde durch den bekannten amerikanischen Pflanzenzüchter Luther Burbank absichtlich in Kalifornien angesiedelt, wo sie nun als Neophyt etabliert ist.[4]

Zwergmistel (Viscum minimum)
Viscum rotundifolium aus Südafrika mit roten Beeren

Die Artenzahl wird je nach Autoren und Bearbeitungsjahr etwas unterschiedlich angegeben, mit 70[1], etwa 100[5][4] oder sogar 150[3]. Daniel Nickrent listet, im Jahr 2020, 130 Arten.[12]

Arten (Auswahl):

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Name Mistel (mhd. mistel, ahd. mistil) ist mit Mist (ahd. mist) verwandt. Mistelsamen werden von Vögeln gefressen und gelangen mit ihren Ausscheidungen („Vogelmist“) wieder auf die Bäume.[13] Zugrunde liegt eine urgermanische Wurzel „mihst“ (‚Mist; Harn, Kot, Dünger‘), deutbar auch als ‚(klebrige) Ausschwitzung bzw. krankhafter Auswuchs‘ (‚Saft, Pflanzenschleim, Sekretionsstoff‘) auf der Wirtspflanze.[14][15]

Der botanische Gattungsname Viscum ist identisch mit dem lateinischen Wort viscum für „Leim“. Von den Römern wurde aus den klebrigen Beeren Vogelleim hergestellt, der dem Vogelfang diente. Der Begriff Viskosität (Maß für Zähflüssigkeit) geht auf spätlateinisch viscosus „klebrig“ zurück und damit ebenfalls auf viscum, den klebrigen Schleim der Mistelbeeren (Mistelleim).[16]

Kulturgeschichte und Populärkultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe dazu den Hauptartikel Weißbeerige Mistel (Viscum album), da es dabei immer um diese eine Art geht.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m Huaxing Qiu, Michael G. Gilbert: In: Wu Zheng-yi, Peter H. Raven, Deyuan Hong (Hrsg.): Flora of China. Volume 5: Viscaceae. Science Press und Missouri Botanical Garden Press, Beijing und St. Louis 2010, ISBN 978-1-930723-91-7. Viscaceae Batsch. S. 240–245, - textgleich online wie gedrucktes Werk.
  2. a b Daniel L. Nickrent, Valéry Malécot, Romina Vidal-Russell, Joshua P. Der (2010): A revised classification of Santalales. Taxon 59 (2): 538–558. doi:10.1002/tax.592019
  3. a b c Henning S. Heide-Jørgensen: Parasitic Flowering Plants. Brill NV, Leiden, The Netherlands, 2008. ISBN 978 90 04 16750 6. Viscum auf S. 127–136.
  4. a b c d e f Job Kuijt: Family Viscaceae. In Job Kuijt & Bertel Hansen (editors): The Families and Genera of Vascular Plants. XII Flowering Plants, Eudicots: Santalales, Balanophorales. Springer International Publishing Switzerland 2015. ISBN 978-3-319-09295-9. S. 169–185.
  5. a b Donald W. Kirkup, Roger M. Polhill, Delbert Wiens: Viscum in the context of its family, Viscaceae, and its diversity in Africa. Chapter 2 in: Arndt Büssing (editor): Mistletoe. The Genus Viscum. (Medicinal and Aromatical Plants, Industrial Profiles). Harwood Academic Publishers, Amsterdam 2000. ISBN 90-5823-092-9
  6. Jun-ichi Azuma, Nam-Hun Kim, Laurent Heux, Roger Vuong, Henri Chanzy: The cellulose system in viscin from mistletoe berries. In: Cellulose. 7, S. 3–19, doi:10.1023/A:1009223730317.
  7. Nierhaus-Wunderwald, Dagmar, Lawrenz, Peter: Zur Biologie der Mistel. In: Merkblatt für die Praxis 28, 1997, S. 1–8. ISSN 1422-2876 Herausgeber: Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Birmensdorf
  8. Tony Hall, Steve Davis: Viscum album (mistletoe). (Nicht mehr online verfügbar.) Royal Botanic Garden Kew, archiviert vom Original am 21. Mai 2015; abgerufen am 7. Juni 2015.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kew.org
  9. Kahle-Zuber, Doris: Biology and evolution of the European mistletoe (Viscum album) Doktorarbeit, ETH Zürich, Zürich 2008
  10. Ana Mellado, Regino Zamora: Generalist birds govern the seed dispersal of a parasitic plant with strong recruitment constraints. In: Oecologia. 176, 2014, S. 139–147, doi:10.1007/s00442-014-3013-8.
  11. a b c d P. Uotila, 2011+: Loranthaceae. Viscum Datenblatt In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity.
  12. Viscaceae Batsch. The Parasitic Plant Connection, by Dan Nickrent.
  13. Duden online: Mistel
  14. Lars Hermodssin: Der Name der Mistel. In: Studia neophilologica 43, 1971, S. 173–179.
  15. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (1967), S. 481 f. (Mist und Mistel).
  16. Vgl. Duden online: viskos

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Christian Weber: Parasitismus von Blütenpflanzen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993.
  • H. S. Heide-Jorgensen: Parasitic Flowering Plants. Brill Academic Publishers, 2008, ISBN 978-90-04-16750-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Misteln (Viscum) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien