Berchtesgadener Weihnachtsschützen

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Bei den Berchtesgadener Weihnachtsschützen üblicher Handböller

Die Berchtesgadener Weihnachtsschützen umrahmen vorwiegend kirchliche Feste im Berchtesgadener Talkessel – dem Gebiet der ehemaligen Fürstpropstei Berchtesgaden im südlichen Teil des Landkreises Berchtesgadener Landes – durch ihre Böllerschüsse. Namensgebend ist das Schießen mit Handfeuerwaffen zu Weihnachten. Der Brauch wurde im Jahr 1666 erstmals urkundlich erwähnt. Christliches Brauchtum, Tradition und Heimatpflege sind zusammen mit Geselligkeit wichtige Wesensmerkmale.

Die Weihnachtsschützen sind heute in 17 Vereinen unter dem Dach der Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes e.V. organisiert. Sie tragen während des Schießens eine Variante der Berchtesgadener Tracht, die sich durch eine blaugraue Joppe sowie den Schützenhut mit Gamsbart oder Spielhahnfeder auszeichnet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste urkundliche Erwähnung und Beschreibung des Weihnachtsschützenbrauches geht auf das Jahr 1666 zurück.[1] Grundlage des Brauches waren die in den Höfen der damals eigenständigen Fürstpropstei Berchtesgaden vorhandenen Feuerwaffen zur Landesverteidigung. Im Gegensatz zu den direkt aus der Landesverteidigung hervorgegangenen Gebirgsschützen fehlten bei den Weihnachtsschützen die paramilitärischen Ausprägungen, sie waren eher im Kultischen einzuordnen. Über die Jahrhunderte hinweg trat die kultische Tradition zugunsten einer immer engeren Bindung an das christliche Brauchtum zurück. Trotz eines jahrhundertelangen Verbotes der Obrigkeit hielt sich das Schießen zu Weihnachten und in den anderen Rauhnächten bis zum Dreikönigstag am 6. Januar.

Berchtesgadener Weihnachtsschützen beim Weihnachtsschießen

1874 wurde in Strub der erste Weihnachtsschützenverein gegründet.[2] Als zweite gründeten 1887 die Oberherzogberger Weihnachtsschützen eine Weihnachtsschützengesellschaft.[3] 1925 schlossen sich dann zwölf Weihnachtsschützenvereine der Region zu den Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes zusammen.[4]

Während der Zeit des Nationalsozialismus widersetzten sich die Weihnachtsschützen einer Vereinnahmung ihres Brauchtums durch den Nationalsozialismus. Bereits wenige Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es zu Spannungen, als diese versuchten, die enge Bindung der Weihnachtsschützen an die kirchliche Tradition zu unterbinden. In ihrem Widerstand dagegen kam dem Verein zugute, dass er den seit 1923 zeitweise in Berchtesgaden präsenten Adolf Hitler 1933 kurz nach dessen Ernennung zum Reichskanzler zum Ehrenmitglied ernannt hatte. Hitler soll sich mehrfach positiv zu diesem Brauchtum geäußert haben. Aufgrund dieser hohen Protektion konnte sich der Verein dem Einfluss der lokalen und regionalen NSDAP-Parteifunktionäre weitgehend entziehen.

Einen ersten Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung, als sich der Vorstand der Weihnachtsschützen gegen die Auflösung des Franziskanerklosters Berchtesgaden aussprach. Auch mit Hilfe dieses Einsatzes des Vereins wurde der Konvent erhalten, die Franziskaner (OFM) blieben in Berchtesgaden und zelebrierten weiterhin ihre Gottesdienste; sie mussten aber vom Kloster in das Pfarrhaus übersiedeln. In der Folge wurde das Vorstandsmitglied Brandner als einziger Berchtesgadener Postbeamter zur Wehrmacht eingezogen.[5]

Bereits 1943 wurden in der Vereinsführung Überlegungen für die Zukunft Berchtesgadens in der Nachkriegszeit getroffen. So machte man sich im Vorstand unter maßgeblichem Einfluss von Rudolf Kriß Gedanken, welche Personen nach dem Ende des „Dritten Reiches“ geeignete Bürgermeister für die Gemeinden des Berchtesgadener Talkessels sein könnten. Der mit Lehrverbot belegte Akademiker Rudolf Kriß war Vordenker dieser Überlegungen. Er wurde nach dem Krieg Ehrenvorstand der Weihnachtsschützen. Seine Aktivitäten im Rahmen der Weihnachtsschützen sollen eine maßgebliche Ursache für seine 1944 erfolgte Verurteilung durch den Volksgerichtshof sein. Kriß wurde zum Tode verurteilt, später aber zu lebenslanger Haft begnadigt.

Kurz nach der kampflosen Übergabe Berchtesgadens an die Amerikaner ernannten diese Kriß zum Bürgermeister von Berchtesgaden. Mit der Auswahl der Bürgermeister in den Landgemeinden wurde tatsächlich der Vorstand Brandner beauftragt. Er selbst wurde zum Vorsitzenden des Kreistags bestimmt. Im Rahmen der Entnazifizierung wurden der Verein der Weihnachtsschützen als Ganzes als widerstandsähnliche Gruppe eingestuft.

Die Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes umfassen derzeit 17 Vereine mit insgesamt mehr als 3.100 Mitgliedern.[6]

Die einzelnen Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gelistet werden die einzelnen Vereine in der Reihenfolge ihres Gründungsjahres:[2]

Vereinigungsvorsitzende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1925–1933: Franz Reichlmeier sen., Berchtesgaden
  • 1934–1938: Franz Reichlmeier jun., Berchtesgaden
  • 1939–1949: Gotthard Brandner jun., Schönau, in den letzten Kriegsjahren vertreten durch Stefan Rasp und Rudolf Kriß
  • 1950–1965: Franz Kurz, Berchtesgaden
  • 1966–1978: Sebastian Rasp, Maria Gern[2]
  • 1979–1997: Felix Möschl, Berchtesgaden[7]
  • 1997–2006: Leonhard Angerer, Untersalzberg
  • seit 2006: Rudi Koller, Engedey[8]

Zu Ehrenvorsitzenden der Vereinigung wurden ernannt:[2]

  • Rudolf Kriß
  • Sebastian Rasp
  • Felix Möschl

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Berchtesgadener Poststraße wurde am 2. Juni 1945 nach einem Erlass der US-amerikanischen Militärregierung in „Weihnachtsschützenstraße“ bzw. „Weihnachtsschützenplatz“ umbenannt, wohl um die Widerstandsrolle der Weihnachtsschützen während der NS-Zeit zu würdigen.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Erst ein Verbot aus dem Jahre 1666 kann als unmittelbare Unterlage hierfür (das Weihnachtsschießen) herangezogen werden, weil es diese Dinge direkt beim Namen nennt.“ – wozu Kriß wiederum aus dem Fürstlichen Berchtesgadnerischen Ratsprotokoll von 1666, Blatt 17 zitiert: „... welcher gestalten zu Weihnachten, den 3 Rauhnächten, auch anderen Zeiten mit unaufhörlichen plenkhen des schiessens, gar nicht die Ehre Gottes befördert, sondern nur allerhand bubereyen inmittels verübt ...“ zitiert in: Rudolf Kriß: Die Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes und ihr Brauchtum. Berchtesgadener Anzeiger, Berchtesgaden 1966, S. 10
  2. a b c d Hellmut Schöner (Hrsg.): Berchtesgaden im Wandel der Zeit. Ergänzungsband I, Berchtesgaden 1982, S. 512.
  3. B.St.: Die »Extrigen« vom Oberherzogberg im Berchtesgadener Anzeiger vom 26. Juni 2012
  4. weihnachtsschuetzenverein-ramsau.de „Vereinschronik“ des Weihnachtsschützenvereins Ramsau zur Gründung der Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes – Aufgeführt sind als die zwölf Gründervereine:
    Au, Bischofswiesen, Almberg, Gern, Oberherzogberg, Obersalzberg, Königssee, Ramsau, Schönau, Stanggaß, Strub und Unterherzogberg
  5. Kriß, Rudolf: Die Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes und ihr Brauchtum. 4. Aufl. Berchtesgaden (Berchtesgadener Anzeiger) 1994, S. 93–95; Kommentierung der Quelle Rudolf Kriß zu dieser Frage in Elke Fröhlich und Martin Broszat: Bayern in der NS-zeit, S. 207, online unter books.google.de.
  6. Zu aktuellen Zahlen kp: Rudi Koller als 1. Vorsitzender im Amt bestätigt im Berchtesgadener Anzeiger vom 3. April 2009
  7. Christian Wechslinger: Einsatz für Brauchtum und Heimat, Meldung im Berchtesgadener Anzeiger vom 17. Januar 2015, online unter berchtesgadener-anzeiger.de
  8. Gauchronik des Gauverbands I, 2016
  9. 1945: "Entnazifierung" von Straßen, September 2016, online unter heimatkundeverein-berchtesgaden.de, abgerufen am 6. Januar 2018.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]