Rudolf Kriß

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Rudolf Kriß (* 5. März 1903 in Berchtesgaden; † 15. August 1973 ebenda) war Brauereibesitzer, Volkskundler und lokaler CSU-Politiker. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde er aufgrund regimekritischer Äußerungen zum Tode verurteilt, später jedoch begnadigt.

Leben[Bearbeiten]

Rudolf Kriß entstammte einer alteingesessenen Berchtesgadener Familie, der bis 1970 über mehrere Generationen hinweg das Hofbrauhaus Berchtesgaden gehörte. Nachdem sein Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war, nahm Kriß im Interesse der Brauerei zuerst ein Studium zum Diplomkaufmann auf. Sein eigentliches Interesse galt jedoch dem Studium der Volkskunde, worin er 1929 mit einer Dissertation über das „Gebärmuttervotiv“ promovierte. Ab 1933 fungierte er als Privatdozent in Wien und leitete die Sammlung für religiöse Volkskunde. 1935 wurde er zum Professor berufen, erhielt jedoch als religiöser Volkskundler und bekennender Gegner der nationalsozialistischen Diktatur nach dem Anschluss Österreichs ab 1938 Lehrverbot.

Kriß stand den Ideen des Nationalsozialismus grundsätzlich kritisch gegenüber. Die Zeit des Lehrverbots füllte er mit der Arbeit an einem Buch über die Berchtesgadener Weihnachtsschützen aus. Diese hatten sich bisher gegen die Vereinnahmung ihres Brauchtums durch das NS-Regime gewehrt. Kriß unterstützte die autonomen Bestrebungen der Vereinigung und galt den örtlichen Machthabern bald als deren intellektueller Anführer. Aufgrund ihm zugeschriebener regimekritischer Äußerungen[1] wurde er vom Volksgerichtshof am 25. September 1944 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Später wurde die Strafe zu lebenslänglicher Haft gemildert. Ursächlich für Kriß' Verfolgung war hingegen seine nach NS-Sicht „defätistische“ Aktivität im Vorstand der Berchtesgadener Weihnachtsschützen.[2] [3]

Nach Kriegsende war Rudolf Kriß von den Amerikanern bestellter Bürgermeister Berchtesgadens. Dieses Amt hatte er vom 28. Mai 1945 bis zum 13. März 1946 inne.[4] Danach gehörte er für die CSU dem Kreistag von Berchtesgaden an und war Gemeinderat der damals noch selbständigen Gemeinde Salzberg.

Kriß setzte seine wissenschaftliche Tätigkeit nach dem Krieg für kurze Zeit in Salzburg, dann in München fort. Dazu gehörten auch Forschungsreisen nach Nordafrika und die Erweiterung seiner privaten Sammlung. Diese umfasste zuletzt über 14.000 Votivgaben und andere Zeugnisse religiöser Volkskunst aus Mitteleuropa, mit dem Alpenraum als Schwerpunkt. Die Sammlung überließ er 1951 dem Bayerischen Nationalmuseum als Schenkung; sie war dort ab 1961 im volkskundlichen Teil zu sehen. Von 1995 bis 2006 war sie im Straubinger Herzogschloss, einer Zweigstelle des Nationalmuseums, untergebracht. Seit 2007 werden herausragende Werke der Sammlung im Museum Kloster Asbach ausgestellt.[5][6]

Die Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes ernannten ihn aus Dankbarkeit für seine Unterstützung gegen die nationalsozialistischen Vereinnahmungsversuche und nicht zuletzt auch wegen seiner wissenschaftlichen Begleitung ihres Brauches zum Ehrenmitglied. Ein Antrag, das 2004 eingeweihte neue Berchtesgadener Gymnasium nach Rudolf Kriß zu benennen, fand im Berchtesgadener Gemeinderat keine Mehrheit.

Sein Adoptivsohn Lenz Kriss-Rettenbeck war ebenfalls Volkskundler und wurde 1974 Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums.

Werke[Bearbeiten]

  • Das Gebärmuttervotiv. Benno Filser, Augsburg 1929
  • Volkskundliches aus altbayerischen Gnadenstätten. Benno Filser, Augsburg 1930
  • Die religiöse Volkskunde Altbayerns. Rohrer, Baden (Österreich) 1933
  • Bauernmalerei aus drei Jahrhunderten. 1936
  • Freiheit und Bindung. Saturn, Wien 1936
  • Die schwäbische Türkei. Schwann Verlag, 1937
  • Das Berchtesgadener Weihnachtsschießen und verwandte Bräuche. Hölzl, Wien 1941
  • mit Sebald Tewes: Sitte und Brauchtum im Berchtesgadener Land. Filser, München 1947
  • Im Zeichen des Ungeistes. Filser, München 1948
  • Wallfahrtsorte Europas . Hornung Verlag, 1950
  • Kultur und Volk. Österreichisches Museum für Volkskunde, 1954
  • mit Hubert Kriss-Heinrich: Peregrinatio neohellenika: Wallfahrtswanderungen im heutigen Griechenland u. in Unteritalien. Österreichisches Museum für Volkskunde, 1955
  • mit Lenz Kriss-Rettenbeck: Eisenopfer: Das Eisenopfer in Brauchtum u. Geschichte. Hueber Verlag, 1957
  • Volksglaube im Bereich des Islam.
    • Band 1: Wallfahrtswesen und Heiligenverehrung. Harrassowitz, Wiesbaden 1960
    • Band 2: Amulette, Zauberformeln und Beschwörungen. Harrassowitz, Wiesbaden 1962
  • Die Darstellung des Konzils von Trient in Hans Pfitzners musikalischer Legende „Palestrina“. Hans-Pfitzner-Gesellschaft, 1962
  • Die Berchtesgadener Tracht. Verlag Berchtesgadener Anzeiger, 1973
  • mit Hubert Kriss-Heinrich: Volkskundliche Anteile in Kult und Legende äthiopischer Heiliger. Harrassowitz, Wiesbaden 1975
  • Als Herausgeber: Berchtesgadener volkskundliche Schriften. Filser

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Die Worte entsprachen laut eigener Angaben durchaus seiner Haltung, waren im Wortlaut hingegen nicht gefallen...
  2. Kriß, Rudolf: Die Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes und ihr Brauchtum. 4. Aufl. Berchtesgaden (Berchtesgadener Anzeiger) 1994, S. 103, 106.
  3. Fröhlich, Elke und Broszat, Martin: Bayern in der NS-Zeit, S. 202 - 203.
  4. Helmut Schöner: Berchtesgaden im Wandel der Zeit. Ergänzungsband I, 1982. s. S. 168
  5. bayerisches-nationalmuseum.de Zur Stiftung von Rudolf Kriß an das Bayerische Nationalmuseum
  6. bayerisches-nationalmuseum.de Zum Umzug der Kriß-Sammlung in das Zweigmuseum Kloster Asbach

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Museum Kloster Asbach (mit Sammlung Kriß) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien