Bischleben

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Bischleben
Landeshauptstadt Erfurt
Koordinaten: 50° 55′ 57″ N, 10° 59′ 5″ O
Höhe: 210–233 m ü. NN
Fläche: 6,61 km²
Einwohner: 1633 (31. Dez. 2016)
Bevölkerungsdichte: 247 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Juli 1950
Postleitzahl: 99094
Vorwahl: 0361
Karte
Lage von Bischleben in Erfurt
St.-Benignus-Kirche von Norden (Lage→)
Kirche von Westen
Fachwerk-Gehöft (Lage→)
Eisenbahnunglück 1981

Bischleben ist ein Ortsteil der Landeshauptstadt Erfurt in Thüringen. Der zugehörige Stadtteil trägt den Namen Bischleben-Stedten und setzt sich aus den beiden Orten Bischleben und Stedten an der Gera zusammen, die inzwischen zu einem Siedlungsgebiet zusammengewachsen sind und bereits seit 1923 eine Gemeinde bildeten.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bischleben liegt etwa sechs Kilometer südwestlich des Stadtzentrums an der Gera in etwa 210 Metern Höhe. Die Gera bildet in diesem Gebiet einen Taldurchbruch zwischen den Hängen des Steigerwaldes im Osten und einer Hochfläche, die bis zu den Fahner Höhen im Nordwesten ansteigt. An der Schmiraer Höhe erreicht diese Hochfläche 312 Meter Höhe, während der Steigerwald bei Bischleben bis auf rund 330 Meter ansteigt. Nachbarorte im Geratal sind Hochheim im Norden und Möbisburg-Rhoda im Süden. Im Nordwesten liegt Schmira, während sich Ingersleben südwestlich befindet. Die Hänge des Geratals sind Standort zahlreicher Kleingartenanlagen und Gärtnereien. Weiter östlich befinden sich die Waldgebiete des Steigerwaldes, während Teile der Talfläche sowie die westliche Hochfläche landwirtschaftlich genutzt werden.

Der alte Ortskern Bischlebens liegt um die Kirche auf der Ostseite des Bahnhofs, während sich der Stedtener Dorfkern gut einen Kilometer weiter südlich am Westrand des Tals befindet.

Aufgrund seiner Tallage ist Bischleben vergleichsweise häufig von Hochwasser betroffen, wobei vor allem unbebaute Flächen in der Gera-Aue überschwemmt werden. Die Auenlandschaft hat eine wichtige Schutzfunktion für die flussabwärts gelegene Erfurter Innenstadt, sodass das Gebiet ein Schwerpunkt von Maßnahmen zur Verbesserung des Hochwasserschutzes in Erfurt ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bischleben wurde 1184 erstmals urkundlich erwähnt.[1]

Seit 1298 war der Ort Sitz der Herren von Bischofsleben. 1333 kam der Ort an die Grafen von Gleichen, 1385 an Gleichen-Tonna, 1403 bis 1423 pfandweise an Erfurt, 1426 wieder an die Grafen von Gleichen und 1444 an die Herzöge von Sachsen. Unter sächsischer Oberhoheit behielten die Grafen von Gleichen das Dorf und verliehen es weiterhin.[2] Nach der Leipziger Teilung kam der Ort zum Besitz der Ernestiner und wurde dem Amt Wachsenburg angegliedert. Zum ernestinischen Herzogtum und späteren Freistaat Sachsen-Gotha gehörte das Dorf bis 1920. Danach zählte es zum Landkreis Gotha und gehörte zu Thüringen, während das nur fünf Kilometer entfernt liegende Erfurt zur preußischen Provinz Sachsen gehörte. 1626 gab es in Bischleben eine schwere Pestepidemie, die fast 100 Einwohner tötete.

1847 erhielt Bischleben einen Eisenbahnanschluss an der Thüringer Bahn, die heute dreigleisig ausgebaut ist und auch dem Fernverkehr von Leipzig nach Frankfurt am Main dient. Die Bahnstrecke bescherte dem Ort im 19. Jahrhundert einen großen Aufschwung. So wurden zahlreiche neue Straßen angelegt und die Einwohnerzahl verfünffachte sich in der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg. Im Ort siedelten sich mehrere Industriebetriebe an, die die Wirtschaft belebten und für einen Aufschwung sorgten.

Bischleben war ein beliebtes Naherholungsziel der Erfurter. Als Ausflugsgaststätten gab es das "Bergschlösschen" (1945 durch Munitions-Explosion vernichtet), das "Cafe Bachstelzenweg", das "Schloss Lindenhöhe", das "Gasthaus zum Löwen", den Gasthof "Deutscher Kaiser", das "Cafe Friedenstein" und das "Gasthaus Stedten". Heute (2016) existiert nur noch das Bachstelzen-Cafe. Der "Deutsche Kaiser" wurde zum Lager einer Agrar-Genossenschaft.[3]

1923 folgte die Eingemeindung Stedtens nach Bischleben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Thüringen um die vormals preußischen Gebiete erweitert, sodass erstmals zwischen Erfurt und Bischleben keine Grenze mehr lag. So folgte 1950 die Eingemeindung Bischlebens (mit dem Ortsteil Stedten) nach Erfurt. Zuvor hatte der Ort sich bereits zu einem beliebten Wohnort mit guter Verbindung in die Stadt in reizvoller landschaftlicher Lage entwickelt.

In Bischleben ereignete sich auf der Bahnstrecke am 11. Juni 1981 das schwerste Zugunglück in der Geschichte Thüringens in Friedenszeiten [4] (siehe auch Eisenbahnunfall von Erfurt-Bischleben). Dabei fuhr der Interzonenzug 1453 von Düsseldorf nach Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) mit erlaubten 120 km/h auf eine durch zu große Sonneneinstrahlung entstandene Gleisverwerfung im Bahnhof auf und entgleiste trotz Schnellbremsung. Dabei starben 14 Menschen, 93 wurden zum Teil schwer verletzt.

Ein weiteres Unglück hatte sich bei Bischleben am 10. Mai 1945 ereignet, als im Bahnhof ein amerikanischer Munitionszug explodierte. Dabei starben zwei Menschen und es kam zu erheblichen Schäden an Gebäuden in Bahnhofsnähe. So wurde die hochgelegene Ausflugsgaststätte "Bergschlösschen" weggerissen, die den ganzen Raum zwischen Bahnhof, Kirche und Gera ausgefüllt hatte. Eine größere Katastrophe wurde nur durch die Geistesgegenwart des Eisenbahners Ernst Kühne verhindert, der unter Lebensgefahr einen Teil der Waggons entkoppelte.[5] Zu Ehren seines Handelns wurde 1999 eine Straße in Bahnhofnähe Ernst-Kühne-Straße benannt.

Zu DDR-Zeiten ging die Einwohnerzahl Bischlebens aufgrund der allgemeinen Landflucht wieder zurück. Nach der Wiedervereinigung stabilisierte sie sich dann bei rund 1.700. Anders als in den meisten anderen zu Erfurt gehörigen Dörfern wurden in Bischleben in dieser Zeit keine großflächigen Neubausiedlungen ausgewiesen, da die Landschaft durch die zahlreichen Gartenanlagen bereits in größerem Maße zersiedelt ist und ausreichend hochwassergeschützte Flächen nicht zur Verfügung stehen. 1994 führte die Gera ein großes Osterhochwasser, bei dem am Pegel im nahen Möbisburg ein Stand von 4,18 Meter gemessen wurde. Das Hochwasser richtete im Dorf erhebliche Schäden an.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1843: 0392 (Bischleben: 0270; Stedten: 122)[6]
  • 1910: 1326 (Bischleben: 1203; Stedten: 123)[7]
  • 1939: 2103[8]
  • 1990: 1624[9]
  • 1995: 1581
  • 2000: 1600
  • 2005: 1696
  • 2010: 1676
  • 2015: 1628[10]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bahnhof Erfurt-Bischleben (2018)

Nach der Stilllegung der meisten Industriebetriebe ist Bischleben-Stedten heute vor allem ein Wohnvorort. Darüber hinaus spielt der Gartenbau eine gewisse Rolle. Westlich des Bahnhofs bestand bis nach der Wiedervereinigung eine Fabrik des Unternehmens Artur Jungk KG bzw. des VEB Feuerungsanlagenbau Erfurt. Deren Areal wird heute teilweise gewerblich nachgenutzt, teilweise liegt es brach.

Bischleben verfügt seit 1847 über einen Bahnhof an der Thüringer Bahn. Dieser wird stündlich von den Regionalbahnen von Halle nach Eisenach und von Erfurt nach Ilmenau/Meiningen angefahren. Zusätzlich bestehen verschiedene Busverbindungen in andere Orte des Geratals und nach Erfurt. Straßen verbinden Bischleben mit Hochheim im Norden, Möbisburg im Süden, Ingersleben im Westen und Molsdorf im Südwesten. Über die Anschlussstelle Erfurt-West besteht eine Anbindung an die Bundesautobahn 4.

Durch Bischleben-Stedten führen der Radfernweg Thüringer Städtekette und der Gera-Radweg von Erfurt nach Gotha bzw. Arnstadt. Nordwestlich des Ortes verläuft die Schnellfahrstrecke Nürnberg–Erfurt mit dem Tunnel Augustaburg und der Geratalbrücke Bischleben.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Uwe Bremer (* 1940), Maler und Grafiker, geboren in Bischleben
  • Marion Walsmann (* 1963), Politikerin (CDU), wuchs als Marion Schau in Bischleben auf

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Otto Dobenecker (Bearb. und Hg.): Regesta diplomatica necnon epistolaria historiae Thuringiae (1152–1210). Band 2 Teil 1. Fischer, Jena 1898. Nr. 699
  2. P. Lehfeldt: Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, Heft VIII. Herzogthum Sachsen-Coburg und Gotha, Jena, 1891, S. 7
  3. Hartmut Schwarz: Mit einer Explosion war es vorbei. Thüringische Landeszeitung, 20. August 2016
  4. Jan Eik und Klaus Behling: „Verschlusssache. Die größten Geheimnisse der DDR“. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2008. ISBN 978-3-360-01944-8. S. 200
  5. Jubiläumsschrift „100 Jahre Reichsbahndirektion Erfurt 1882–1982“. Zitiert nach Helmut Wolf: „Erfurt im Luftkrieg 1939–1945“. Schriften des Vereins für Geschichte und Altertumskunde von Erfurt e.V., Glaux-Verlag Jena 2005. ISBN 3-931743-89-6. S. 252
  6. Johann Friedrich Kratzsch: Lexicon der sämmtlichen Ortschaften der Deutschen Bundesstaaten. Naumburg, 1843.
  7. gemeindeverzeichnis.de
  8. verwaltungsgeschichte.de
  9. Thüringer Landesamt für Umwelt und Geologie: Umwelt regional.
  10. Bevölkerung der Stadtteile

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bischleben-Stedten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien