Blick zurück im Zorn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Blick zurück im Zorn (Originaltitel: Look back in Anger) ist ein Schauspiel des britischen Dramatikers John Osborne in drei Akten, das am 8. Mai 1956 in London uraufgeführt wurde und literaturgeschichtlich als programmatisches Kernwerk der Angry Young Men gilt. Das Werk gab einen entscheidenden Anstoß für die Entfaltung des modernen englischen Theaters.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jimmy Porter ist ein 25-jähriger Akademiker, der einen Süßwarenstand betreibt und gemeinsam mit seiner Frau Alison, die ihn gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hat, in einer beengten Mansardenwohnung lebt. Zwischen den Ehepartnern bestehen große Standesunterschiede: Während Jimmy aus der Arbeiterklasse stammt, ist Alisons Familie eine der höheren Mittelschicht, ihr Vater arbeitet für das Militär. Auch im Charakter wird die Gegensätzlichkeit der beiden deutlich: Alison ist zurückhaltend und apathisch; Jimmy ist cholerisch und führte das auf die Gefühlskälte seiner eigenen Mutter zurück. Sie hat Jimmys Vater verlassen. Jimmys Wut richtet sich dabei vor allem gegen Repräsentanten der Mittelklasse, zu der auch Alison gehört.

In Akt 1 lesen Jimmy und Cliff, der bei den Porters wohnt, die Sonntagszeitung, während Alison bügelt. Im Verlauf des Aktes wird Jimmy zunehmend ausfallender ihr gegenüber und demütigt sie gegenüber Cliff regelrecht. Die ganze Situation wird immer unkontrollierbarer, bis der Unfug, den Jimmy treibt, damit endet, dass das Bügeleisen Alison am Arm verbrennt. Jimmy stürmt von der Bühne und spielt versteckt Trompete. In einem vertraulicheren Moment erklärt Alison Cliff, dass sie ungewollt schwanger ist und nicht weiß, wie sie es Jimmy mitteilen soll. Cliff ermutigt sie, dies in jedem Fall bald zu tun. Als Jimmy auf die Bühne zurückkommt, sagt Alison, dass ihre Freundin Helena vorbeikommen wird. Aus Jimmys zorniger Reaktion kann man schließen, dass er sie verachtet.

Akt 2 beginnt wieder an einem Sonntag. Helena und Alison sitzen zusammen in der Küche und Alison schildert, warum sie Jimmy erwählt hat: Durch seine rebellische Art erschien er ihr wie ein „Ritter“. Jimmy betritt die Bühne und schimpft auf die beiden Frauen, besonders auf Helena. Als die beiden gehen wollen, glaubt er, betrogen zu werden. Durch ein wichtiges Telefonat wird er abgelenkt, sodass Helena die Gelegenheit ergreift, ihrer Freundin zu erzählen, dass sie ihre Eltern angerufen hat, damit diese sie „retten“ mögen. Nach einem Bruch in der Szene sieht man Alison mit ihrem Vater, der einen sympathischen Charakter darstellt und sie wieder mit nach Hause nimmt. Helena taucht erneut auf und gibt Cliff eine Notiz für Jimmy, der jedoch lehnt die Übergabe ab. Dann stürmt Jimmy herein und bedroht sie, sie solle ihm aus dem Weg gehen. Sie wiederum erzählt ihm, dass Alison schwanger ist, was ihn zwar überrascht, aber nicht daran hindert, sich weiter aufzuregen. Doch schließlich beginnen die beiden einander leidenschaftlich zu küssen und lassen sich auf das Bett fallen.

Akt 3, der Monate später einsetzt, ähnelt Akt 1, nur dass Helena am Bügelbrett steht und von Jimmy sehr viel wohlwollender behandelt wird als Alison einst. Die beiden und Cliff gehen in ein Varieté und er erzählt ihnen, dass er ausziehen wird. Die drei wollen eine letzte Nacht unter Freunden verbringen, und als Jimmy dann die Wohnungstür öffnet, steht eine mitgenommen aussehende Alison dort. Doch er interessiert sich nicht für sie und geht. Es kommt zu einem weiteren Bruch, nach dem Alison Helena schildert, dass sie das Baby verloren habe – dies hatte ihr Jimmy im 1. Akt noch gewünscht. Die beiden versöhnen sich, aber Helena sieht ein, dass sie unmoralisch gehandelt hat, und beschließt zu gehen. Sie erklärt Jimmy die Situation und er verabschiedet sie sarkastisch.

Das Stück endet überraschend: Jimmy und eine durch den Kindsverlust gereifte Alison versöhnen sich wieder auf der vertrauten spielerisch-animalischen Ebene als „Super-Bär“ und „Eichhörnchen“. Der Dramenschluss lässt allerdings offen, ob sie mit der Wiederholung ihrer einstigen imaginären Spielidylle eine neue Basis für ein weiteres gemeinsames Leben gefunden haben.

Aufführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufführung in Tübingen 1958
  • Bei der Uraufführung 1956 am Royal Court Theatre in London spielte Kenneth Haigh Jimmy, Mary Ure Alison, Alan Bates Cliff, Helena Hughes Helena und John Welsh Colonel Redfern. Angeblich hörte man das Publikum nach Luft schnappen, als es des Bügelbretts auf der Bühne ansichtig wurde.[1]
  • Ein Jahr später zog das Stück zum Broadway um, wo es von Tony Richardson inszeniert wurde. Helena Hughes wurde durch Vivienne Drummond ersetzt, und das Stück erhielt im Folgenden drei Tony Awards-Nominierungen. Haighs Darstellung des Jimmy bewegte eine junge Zuschauerin so, dass sie die Bühne erklomm und ihn ohrfeigte.
  • Das Stück debütierte in Deutschland am 7. Oktober 1957 im Schlossparktheater in Berlin.
  • Bei der Gründungspremiere des Zimmertheater Tübingen am 6. Dezember 1958 spielte Werner Johst Jimmy, Anneliese Doll Alison, Tom Witkowski Cliff, Gerda Kramer Helena und Fred Raben Colonel Redfern.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Stück wurde verschieden aufgenommen. Einerseits wurde es geschmäht, da man der Figur Jimmy Porter vorwarf, selbstmitleidig und langatmig zu sein. Cecil Wilson von der Daily Mail kritisierte unter anderem, dass man Mary Ures Schönheit verplempert habe und die Darstellerin auf der Bühne ständig bügeln müsse. Alan Sillitoe, Autor der Erzählung Die Einsamkeit des Langstreckenläufers, der wie Osborne zu den Angry Young Men gezählt wurde, befand, Osborne habe „...nicht zum britischen Theater beigetragen, er hat eine Landmine ausgelöst und das meiste davon in die Luft gejagt.“

„Ich war wütend, weil es [das Stück] meine Zeit verschwendet hat.“

Journalist Ivor Brown für BBC Radio [2]

Andererseits erntete das Stück auch Lob durch seinen Blick auf die Jugend der damaligen Zeit.

„Ich gebe zu, daß Blick zurück im Zorn wohl ein Stück für den Geschmack der Minderheit bleiben wird. Ich zweifle, ob ich jemanden mögen könnte, der Blick zurück im Zorn nicht sehen möchte. Es ist das beste Jugendstück des Jahrzehnts.“

Theaterkritiker Kenneth Tynan[3]

„Es ist beeindruckend, zornig, fiebernd undiszipliniert und vor allem jung...“

Daily Express, Kritik nach der Uraufführung [4]

Inspiration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick zurück im Zorn wurde stark durch Osbornes eigene Biographie beeinflusst. In seiner Ehe mit Pamela Lane lebte er selber in einer engen Wohnung in Derby. Seine Ehefrau nahm seine Theaterambitionen nicht ernst. Madeline, Jimmys verlorene Liebe, basiert auf Stella Linden, einer Schauspielerin, die ihn erstmals zum Schreiben ermutigt hatte.

Einfluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Uraufführung wurde John Osborne der erste Schriftsteller, der als „angry young man“ bezeichnet wurde. Mit diesem journalistischen Schlagwort assoziierte man nach dem Erfolg des Stückes Schriftsteller, deren politische Ansichten radikal oder sogar anarchistisch waren und deren Werke sich durch Gesellschaftskritik auszeichneten und Themen wie soziale Entfremdung behandelten.

Osborne ging nach der Uraufführung eine Beziehung mit der Alison-Darstellerin Mary Ure ein und verließ seine Ehefrau für Ure (1957).

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1959 erschien eine Verfilmung des Stücks. Mary Ure nahm ihre Rolle wieder auf, Jimmy Porter wurde von Richard Burton gespielt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst Oppel: John Osborne: Look Back in Anger. In: Horst Oppel (Hrsg.): Das moderne englische Drama: Interpretationen., Erich Schmidt Verlag, 3. rev. Auflage Berlin 1976, ISBN 3-503-01230-3, S. 324–338.
  • Dietrich Peinert: «Bear» und «Squirrel» in John Osbornes Look Back in Anger. In: Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 1 (1968), S. 117–122.
  • John Russell Taylor (Hrsg.): Lock Back in Anger. A Casebook. Aurora Publishers, London 1970, ISBN 978-0876-95044-9.
  • Simon Trussler: Look Back in Anger. In: Simon Trussler: The Plays of John Osborne: An Assessment. Victor Gollancz, London 1969, S. 40–55.
  • Hubert Zapf: Das Drama in der abstrakten Gesellschaft. Zur Theorie und Struktur des modernen englischen Dramas. Niemeyer Verlag, Tübingen 1988, ISBN 3-484-66002-3, S. 61–86.

Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Look Back in Anger, May 1956. 21. Mai 2003, abgerufen am 3. April 2021 (englisch).
  2. Ivor Brown für The Critics von BBC Radio
  3. Knaurs großer Schauspielführer, 1985, S. 510
  4. Daily Express, Kritik nach der Uraufführung am 8. Mai 1956