Blindenpädagogik und Sehbehindertenpädagogik

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Die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik ist ein Teilgebiet der Sonderpädagogik und beschäftigt sich mit sonderpädagogischen sowie didaktisch-methodischen Fragestellungen der Erziehung und Bildung von Menschen, die auf Grund einer Sehschädigung einen sonderpädagogischen Förderbedarf aufweisen.

Hinzu kommen Kompetenzbereiche aus Nachbarwissenschaften z. B. auf Sehgeschädigte bezogene diagnostische und psychologische Aspekte sowie die Augenheilkunde.

Der Terminus Sehschädigung wird üblicherweise als Überbegriff für die beiden Begriffe Blindheit und Sehbehinderung verwendet. Er impliziert die Sehbehinderung, die hochgradige Sehbehinderung und die Blindheit. Mit den Auswirkungen hochgradiger Sehbehinderung befasst sich sowohl die Blinden- als auch die Sehbehindertenpädagogik, wobei sich die Blindendidaktik auf die Sekundärsinne (Tasten, Hören etc.) konzentriert. Die Sehbehindertendidaktik versucht, durch entsprechende Adaptationen den „Restsinn Sehen“ weitestgehend zu nutzen.

Neben dem Bezug auf medizinisch-augenheilkundliche Definitionen, die in der Regel die Funktionseinschränkungen des Sehens beschreiben, stützt sich die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik auf Faktoren, die über die visuellen Fähigkeiten (Visus, Gesichtsfeld, Licht- und Farbaufnahme) hinausreichen. Hier finden bei der Beschreibung des funktionalen Sehvermögens auch visuelle Außenreize (Farbe, Kontrast, Beleuchtung) und die individuellen Voraussetzungen (Kognition, Wahrnehmung, psychische und physische Konstitution) der Betroffenen Beachtung.

Geschichte[Bearbeiten]

Nach ersten Bemühungen im 18. Jahrhundert (Valentin Haüy, Gründer der ersten Blindenanstalt der Welt, 1784 in Paris) etablierte sich die Blindenpädagogik im Laufe des 19. Jahrhunderts. Durch die Gründung verschiedener Blindenschulen (Johann Wilhelm Klein 1804 in Wien, Johann August Zeune 1806 in Berlin etc.) wurden im deutschsprachigen Raum die Rahmenbedingungen einer institutionalisierten Blindenbildung gelegt, die durch erste Lehrbücher schulpraktisch und theoretisch untermauert wurden (z. B. durch J. W. Klein, Lehrbuch zum Unterrichte der Blinden, 1819).

Das erste Jahrhundert der institutionalisierten Blindenerziehung war durch den Streit um ein einheitliches Schriftsystem geprägt. Haüy, Zeune und Klein unterrichteten ihre Schüler im Hochdruck, einer erhabenen Schrift, die das Schriftsystem Sehender für Blinde zugänglich machen sollte. Probleme traten dabei nicht nur im Lesen auf. Nur einem Bruchteil Blinder gelang es, sich eine Handschrift anzueignen, die für Außenstehende verständlich war. Auf Basis einer Geheimschrift von Charles Barbier auf Basis von Punkten entwickelte Louis Braille 1825 ein 6-Punktschriftsystem, das genau einem Buchstaben in Schwarzschrift eine Punktkombination zuwies. Trotz seiner Vorteile für die schriftliche Kommunikation unter Blinden wurde die Brailleschrift unter den führenden Blindenpädagogen (siehe oben) lange Zeit wegen seiner desintegrierenden Wirkung abgelehnt. Im deutschsprachigen Raum brauchte es bis 1888, bis sich Braille als alleiniges Schriftsystem durchsetzte.

Zunächst war geplant, die Bildungsfähigkeit blinder Kinder nachzuweisen, die zumeist ab dem 10. Lebensjahr in sogenannten Blindenmusteranstalten unterrichtet wurden. An diesen sollten Volksschullehrer Anschauung nehmen, wie diese Kinder unterstützt werden können.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden blinde und sehbehinderte Schüler gemeinsam nur nach den Kriterien für Blinde unterrichtet. Grund war eine Hypothese J. W. Kleins, wonach der Sehrest geschont werden müsse. Erst danach setzte langsam eine separate Förderung der Sehbehinderten durch Bildung von Außenklassen an den Blindenanstalten und während der 1960er und 70er Jahre durch Gründung eigenständiger Sehbehindertenschulen ein.

Studium[Bearbeiten]

Das Studium sieht sich genauso wie die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik an sich, Veränderungen ausgesetzt. Auf eine Zunahme von sehgeschädigten Kindern mit mehreren Behinderungen muss auch im Rahmen der Ausbildung stärker eingegangen werden. Didaktische Prinzipien aus dem Bereich der Geistig- und Mehrfachbehindertenpädagogik müssen eine höhere Gewichtung erfahren.

Heute existieren die Blindenpädagogik und die Sehbehindertenpädagogik im schulischen und hochschulischen Kontext gleichwertig nebeneinander. Seminare werden zumeist übergreifend angeboten und sollen zu einer breiteren Perspektive führen.

Das Studium der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik ist in Deutschland an fünf Hochschulen möglich: an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Technischen Universität Dortmund, an der Universität Hamburg und an der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg. An der Philipps-Universität Marburg begann zum Wintersemester 2010/2011 eine berufsbegleitende Weiterbildung für Fachkräfte aus dem Bereich „Blinden- und Sehbehindertenpädagogik“ in Kooperation mit der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) als Masterstudiengang.[1]

Die Studierenden haben Zugriff auf Fachbibliotheken zur Pädagogik, Didaktik und Psychologie sowie Diagnostik der Blinden und Sehbehinderten. Die Ausbildungsstätten verfügen über Lehrmittelsammlungen, die sowohl historisch interessante als auch aktuelle Materialien enthalten; Werkstätten, in denen spezifische Materialien in professioneller Qualität für hochgradig Sehbehinderte hergestellt werden können und Arbeitsplätze, an denen sich blinde und sehbehinderte Studierende sowie Studierende der Fächer Blinden- und Sehbehindertenpädagogik im computerunterstützten Lesen und Schreiben üben können.

Die Studieninhalte sind in die Fächer Sonderpädagogik und Schulpädagogik (Didaktik), Psychologie, Diagnostik gegliedert. Neben diesen Studieninhalten belegen die Studierenden der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik (u. a. Augenheilkunde).

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Masterstudiengang „Blinden- und Sehbehindertenpädagogik“ ohne Auflagen akkreditiert vom 27. August 2010 auf uni-marburg.de, abgerufen am 26. Oktober 2010