Spezialisierung

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Als Spezialisierung (auch Spezialisation und als in der logisch zuordnenden Bedeutung nahe verwandter Begriff der Spezifikation) wird ganz allgemein die differenzierte Betrachtung bezeichnet, die einzelnen Aspekten sich zuwendende Besonderung, die Ausbildung und Beachtung von Verschiedenheiten sowie die logisch zuordnende Einteilung in Unterabteilungen ausgehend von einem gleichen Ursprung.[1][2]

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Eigenschaftswort speziell ist abgeleitet von lateinisch specialis = „besonders wert“, „vertraut“, „abgesondert“ „ausersehen“ oder „[ab]sonderlich“. Dieses Eigenschaftswort wieder gehört zur Bedeutung von lat. species = Aussehen, Schönheit, Ansehen, Unterabteilung einer Gattung. Allgemeiner Ursprung ist das lat. Verb spectare = „sehen“, [2][3][4][5][6]

Wissenschaftssystematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der griechischen Philosophie stammt ebenfalls die Untergliederung des 'Welt-Alls' in Fächer wie Onto- oder Theologie (Lehre vom Sein oder Gott), Physikologie (Körper) und Psychologie (Geist). Die übergeordneten, generelleren Gebiete integrieren bzw. umfassen die speziellereren: die Physik u. a. die Chemie und diese wiederum die Biologie. Innerhalb der verschiedenen Wissenschaftszweige gibt es weitere Systeme, u. a. das Standardmodell der Teilchenphysik, das der Kosmologie und das chemische Periodensystem der Elemente. Somit wird auch die systematische Unterscheidung der Vielfalt an biologischen Daseinsformen ('belebte Chemie') in Gattungs- und Artnamen, die Carl von Linné (1707–1778) eingeführt hat, nach logischen Kriterien vorgenommen und als Spezificationen oder Bestimmung bezeichnet (etwa die Abgrenzung des Pflanzen- vom Reich der Tiere).[7][8]

Biologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Evolution des Lebendigen haben sich differenzierte Formen mit spezialisierter Funktion oder Lebensweise zunächst immer aus undifferenzierten, einfach organisierten entwickeln müssen. Der Begründer der Theorie, Charles Darwin, betrachtete das von ihm postulierte „Prinzip der Divergenz“ principle of divergence, nachdem eine Stammlinie umso mehr Nachkommen habe, je verschiedener und mannigfaltiger diese spezialisiert sind, als einen Grundpfeiler seiner Theorie.[9] Spezialisierung kann dabei mehrere Funktionen haben:

  • Als funktionale Spezialisierung durch Arbeitsteilung ermöglicht sie bei der Kooperation von zunächst unspezialisierten Einzelelementen eine höhere Effektivität des Verbunds.[10] Auf diese Art wird etwa bei der Entwicklung von Einzellern zu Vielzellern die Differenzierung verschiedener Zelltypen und Gewebe durch funktionale Arbeitsteilung erklärt.[11] Evolution von Spezialisierung durch kooperative Arbeitsteilung hat die Tendenz, die vorher individuellen Einheiten wie Zellen oder Organismen zu einem Individuum höherer Einheit zu integrieren. Dies wurde etwa bei sozialen Insekten durch die Metapher des Superorganismus ausgedrückt. Auch Individuen verschiedener Arten können arbeitsteilig spezialisierend koadaptieren; dies führt oft dazu, dass Arten in Symbiose miteinander leben und unter Umständen völlig auf ihren Partner angewiesen sind.[12]
  • Bei nicht kooperierenden Individuen wird Spezialisierung in der Regel dadurch erklärt, dass spezialisierte Individuen gegenüber Generalisten in dem Bereich, auf den sie spezialisiert sind, die vorhandenen Ressourcen effektiver ausnutzen können. Dadurch sind sie hier in der Konkurrenz überlegen. Zwei konkurrierende Gruppen können sich auch gleichsam „aus dem Weg gehen“, indem sich jede von ihnen auf einen anderen Bereich spezialisiert, wodurch ie Konkurrenz zwischen ihnen vermindert wird. Diese Herangehensweise ist verwandt zum Konzept der ökologischen Nische.[13] Jede Spezialisierung ist dabei allerdings unvermeidlich mit Nachteilen erkauft (Konzept des Trade-off[14]) So ist der Vorteil eines Spezialisten im Lebensraum mit einer höheren Wahrscheinlichkeit seines Aussterbens verknüpft, wenn sich die Umweltbedingungen ändern. In der Evolution können sich daher, je nach Bedingungen, genauso gut Generalisten aus Spezialisten entwickeln wie umgekehrt, es gibt nicht so etwas wie eine Tendenz der Evolution. Spezialisierungen in evolutionären Zeiträumen benötigen meist Jahrtausende, können aber auch unerwartet rasch ablaufen. So haben auf eine isolierte Insel im Mittelmeer eingebürgerte Eidechsen der Art Ruineneidechse (Podarcis siculus) durch Anpassung an eine neue Ernährungsweise binnen weniger als 40 Jahren eine gegenüber der Ausgangspopulation völlig abweichende Schädelform evolviert, die sonst als ausreichend für die Beschreibung einer neuen Art angesehen worden wäre.[15]
  • Auch innerhalb einer Art können Individuen dauerhaft untereinander verschieden spezialisiert sein. So wird teilweise die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit mit persönlichen Vorlieben schon im Tierreich als Diversifizierung erklärt, durch die verschiedene Individuen durch Spezialisierung auf individuell unterschiedliche Ressourcen ihre persönliche Versorgung verbessern und dadurch den Nischenraum der Art insgesamt vergrößern.[16] Zu den innerartlichen Verschiedenheiten gehört der Sexualdimorphismus, durch den sich die Geschlechter, etwa durch Größenunterschiede[17] unterschiedlich einnischen können. Obwohl es etwa Pilzarten mit hunderten Paarungstypen gibt, konnte gezeigt werden, dass nur in Spezialfällen die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern von der natürlichen Selektion gefördert wird.[18] Meist, aber nicht immer, zeichnen sie sich durch unterschiedlich große Gameten aus (Anisogamie).[19] Diese ist in etwa zwei Drittel aller Tierarten außer den Insekten[20] auf verschiedene Geschlechter verteilt, die übrigen sind, wie der weit überwiegende Teil der Pflanzenarten, funktionale Hermaphroditen mit männlichen und weiblichen Keimzellen und Fortpflanzungsorganen auf demselben Individuum. Die Ausprägung und Verteilung der Geschlechter beruht dabei (auch bei hermaphroditischen Arten[21][22]) zu einem Großteil auf sexueller Selektion, ist also selbst keine Spezialisierung.

Turnen und Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das turnerische Ideal in den Olympiaden des klassischen Griechenlandes ist die Vielseitigkeit (Pankreon, Allkampf) im Sinne der militärischen (männlichen) Wehrtüchtigkeit; dem stellte sich am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland das sportliche Ideal der Spezialisierung gegenüber. Hierüber kam es zwischen Turnen und Sport (deren öffentliche Ausübung mittlerweile für Frauen zugelassen war) zeitweise zu einer reinlichen Scheidung, bei der sich die Athleten entscheiden mussten, für welchen Verband sie starten wollten und in welcher Disziplin. Eine Generalisten-Sportart wie Zehnkampf sollte vom Turnen abgesondert werden, da in dessen Disziplinen aufgrund Spezialisierung Spitzenleistungen erbracht werden können, die ein Zehnkämpfer nicht erbringen kann. Energie ist begrenzt, ein Tag hat 24 Stunden; viel Training auf einem Gebiet lässt weniger Kraft für die anderen.[23][24] In Deutschland wurde diese heilllos verfahrene Diskussion (welche viel Zeit und Energie absorbierte) durch den Nationalsozialismus kurzerhand beendet, da der Reichsbund für Leibesübungen bei den Olympischen Spielen möglichst sehr viele Medaillen gewinnen sollte und das ging nicht ohne Spezialisierung.[25]

Frühe Spezialisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da spitzensportliche Leistungen in der Regel sieben Jahre zielgerichtetes Training voraussetzen, ist für Sportarten, die bekanntlich einen sehr frühen Leistungshöhepunkt in der menschlichen Lebensspanne haben (u. a. Turnen, Schwimmen, Eiskunstlauf), eine Spezialisierung möglichst schon im frühen Kindesalter erforderlich. Dies ist aufgrund der vielseitig angelegten Interessen und Bedürfnisse der kindlichen Seele psychologisch überaus problematisch.[26] Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass von einer durch Zwang auferlegten Spezialisierung diesen Sinnes keine Schäden an der physischen Gesundheit zu befürchten sind, sofern das Training unter sportärztlich optimierten Bedingungen durchgeführt wird.[27]

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch in der Wirtschaftslehre kommt dem Phänomen der Spezialisierung eine besondere Bedeutung zu: Durch Maßnahmen dieser Art soll die Produktivität des jeweiligen Unternehmens gesteigert werden, respektive die Ökonomie optimiert und vor allem der Profit maximiert. Die damit einhergehende Eingrenzung der Funktionen auf bestimmte Produktionsunterbrereiche (die einander zuarbeiten) wird primär durch eine entsprechende Organisationsstruktur (Unternehmensstruktur) erzielt.[28] Spezialisierung geschieht allgemein im Rahmen einer Arbeitsteilung: ursprünglich bezogen auf Menschen und ihre Nutztiere (ggf. Sklaverei), im modernen Sinne aber auch auf maschinelle Systeme.

Berufsausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der beruflichen Ausbildung bezeichnet Spezialisierung die Ausrichtung oder Beschränkung auf ein bestimmtes Fachgebiet, mit dem Ziel, die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben. Teilweise wird auch im allgemeinen Sprachgebrauch eine beliebige Tätigkeit, die sich auf ein eng umschriebenes Gebiet begrenzt, als Spezialisierung verstanden.[8] Durch berufliche Ausbildungs- und Wettbewerbsprozesse kann ein höherer sozialer Status erzielt werden.[29] Dies sollte sich jedoch nicht zu Lasten der Allgemeinbildung vollziehen,[8] denn im abwertenden Sinne ist auch der sog. Fachidiot ein Spezialist.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abschnitt Spezialisierung und Generalisierung mittels is-a-Beziehung im Artikel Entity-Relationship-Modell

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Spezifikation. und Differenzierung. In: Georgi Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 21. Auflage. Alfred-Kröner, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5, S. 656 und S. 129.
  2. a b Günther Drosdowski: Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache; Die Geschichte der deutschen Wörter und der Fremdwörter von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart. 2. Auflage. Dudenverlag, Band 7, Mannheim, 1997, ISBN 3-411-20907-0; zu Wb.-Lemma „spezial“ mit Unterabschnitt „spezialisieren“, S. 690.
  3. Spezialisierung – Eintrag im Duden (abgerufen am: 3. März 2014).
  4. Spezialisation – Eintrag im Duden (abgerufen am: 3. März 2014).
  5. speziell – Eintrag im Duden (abgerufen am: 3. März 2014).
  6. Spezifikation – Eintrag im Duden (abgerufen am: 26. Januar 2015).
  7. Species. In: Zetkin-Schaldach: Wörterbuch der Medizin. dtv, München 1980, ISBN 3-423-03029-1, S. 1319.
  8. a b c Der Große Brockhaus. Kompaktausgabe in 26 Bänden. 18. Auflage. F. A. Brockhaus, Wiesbaden 1983, ISBN 3-7653-0353-4; (Stellenangabe: S. x/y = Seite/Band), (a) zu Lemma „Spezialisierung“, S. 323/20; (b) zu Lemma „Allgemeinbildung“, S. 197/1; (c+d) siehe (a); (e) zu Lemma „Spezifikation“, S. 324/20.
  9. David Kohn: Darwin´s Keystone. The Principle of Divergence. Chapter 6 in Michael Ruse, Robert J. Richards: The Cambridge Companion to the «Origin of Species». Cambridge University Press, 2009. ISBN 978-0-521-87079-5.
  10. Carl Simpson (2012): The evolutionary history of division of labour. Proceedings of the Royal Society B 279: 116–121. doi:10.1098/rspb.2011.0766
  11. Iaroslav Ispolatov, Martin Ackermann, Michael Doebeli (2012): Division of labour and the evolution of multicellularity. Proceedings of the Royal Society B 279: 1768–1776. doi:10.1098/rspb.2011.1999
  12. Guy A. Cooper & Stuart A. West (2018): Division of labour and the evolution of extreme specialization. Nature Ecology & Evolution 2: 1161–1167. doi:10.1038/s41559-018-0564-9
  13. Vincent Devictor, Joanne Clavel, Romain Julliard, Sébastien Lavergne, David Mouillot, Wilfried Thuiller, Patrick Venail, Sébastien Villéger, Nicolas Mouquet (2010): Defining and measuring ecological specialization. Journal of Applied Ecology 47: 15–25. doi:10.1111/j.1365-2664.2009.01744.x
  14. Anurag A. Agrawal (2020): A scale-dependent framework for trade-offs, syndromes, and specialization in organismal biology. Ecology 101 (2), article e02924. doi:10.1002/ecy.2924
  15. Anthony Herrel, Katleen Huyghe, Bieke Vanhooydonck, Thierry Backeljau, Karin Breugelmans, Irena Grbac, Raoul Van Damme, Duncan J. Irschick (2008): Rapid large-scale evolutionary divergence in morphology and performance associated with exploitation of a different dietary resource. PNAS Proceedings of rhe National Academy of Sciences USA 105 (12): 4792–4795. doi:10.1073/pnas.0711998105
  16. Ralph Bergmüller & Michael Taborsky (2010): Animal personality due to social niche specialisation. TREE Trends in Ecology and Evolution 25 (9): 504-511.doi:10.1016/j.tree.2010.06.012
  17. Wolf Blanckenhorn: Sexual Size Dimorphism. Oxford Bibliographies, last modifier: 27. Juni 2018. doi:10.1093/obo/9780199941728-0110
  18. Janet L. Leonard: The Evolution of Sexes, Anisogamy, and Sexual Systems. Chapter 3 in: Janet Leonard, Alex Cordoba-Aguilar (editors): The Evolution of Primary Sexual Characters in Animals. Oxford University Press, 2010. ISBN 978-0-19-532555-3.
  19. Graham Bell (1978): The Evolution of Anisogamy. Journal of theoretical Biology 73: 247-270.
  20. Philippe Jarne & Josh R. Auld Animals Mix It up Too: The Distribution of Self-Fertilization among Hermaphroditic Animals. Evolution 60 (9): 1816-1824. doi:10.1111/j.0014-3820.2006.tb00525.x (open access)
  21. Janet L. Leonard (2006): Sexual selection: lessons from hermaphrodite mating systems. Integrative and Comparative Biology 46 (4): 349–367. doi:10.1093/icb/icj041
  22. Madeleine Beekman, Bart Nieuwenhuis, Daniel Ortiz-Barrientos, Jonathan P. Evans (2016): Sexual selection in hermaphrodites, sperm and broadcast spawners, plants and fungi. Proceedings of the Royal Society B 371, article 20150541. doi:10.1098/rstb.2015.0541
  23. Arnd Krüger: Is there any sense in competition, specialization and the striving for records? The struggle between Turnen, sports and Swedish gymnastics in Germany, in: Guy Bonhomme (Hrsg.): La place du jeu dans l'éducation. Histoire et pédagogie. Paris: FFEPGV 1989, 123 – 140.
  24. Sandra Heck: Von Spielenden Soldaten und kämpfenden Athleten. Die Genese des Modernen Fünfkampfes. V & R Unipress, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8471-0201-4.
  25. Karl Krümmel: Athletik: ein Handbuch der lebenswichtigen Leibesübungen. München: Lehmann 1930.
  26. Kyung-Won Kim,: Wettkampfpädagogik : Pädagogik des sportlichen Leistungshandelns im Kinder-Wettkampfsport. Berlin: Tischler, 1995. ISBN 3-922654-39-8
  27. Arnd Krüger (2019): Jugendsport, in: Leistungssport 49(4), 29–30.
  28. Spezialisierung. In: Gabler Wirtschaftslexikon. 14. Auflage.
  29. Sozialer Status. In: Johannes Siegrist: Lehrbuch der Medizinischen Soziologie. 3. Auflage. Urban & Schwarzenberg, München 1977, ISBN 3-541-06383-1, S. 228.