Chain Home

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Chain Home/AMES Type 1 (Air Ministry Experimental Station; deutsch Experimentalstation des Luftfahrtministeriums) war der Deckname für einen Ring von Küstenradarstationen, der in Großbritannien vor und während des Zweiten Weltkrieges errichtet wurde. Das System bestand aus zwei Typen von Radargeräten: den Chain-Home-Meterwellen-Geräten, die für die Frühwarnfunktion im Weitbereich zuständig waren, und den Chain Home Low/AMES-Type-2-Zentimeterwellen-Geräten, die eine geringere Reichweite hatten, aber auch tieffliegende Flugzeuge erfassen konnten.

Überblick[Bearbeiten]

Radarreichweite 1939-1940
Der Chain Home-Mast in Great Baddow

Von Mai bis August 1939 unternahm das deutsche Luftschiff LZ130 Flüge entlang der britischen Küstenlinie, um zu untersuchen, ob die über 100 m hohen, von Portsmouth bis Scapa Flow errichteten Türme der Funkortung von Flugzeugen dienten. Von LZ130 aus wurde eine Reihe von Tests durchgeführt, vom Empfang von Radiowellen, Analyse der Magnetfelder und Radiofrequenzen bis zur Aufnahme von Fotos. Auf Grund der nicht ausreichenden Ausrüstung mit Messgeräten konnte kein arbeitsfähiges, britisches Chain-Home-Radar festgestellt werden, somit war das Ergebnis der LZ130-Untersuchungen, dass die britischen Türme nicht zu einem Radarnetz gehören würden, sondern ein Funknetz der Marine bzw. zur Unterstützung von Rettungsmaßnahmen sei.

Die Chain-Home-Stationen waren entlang der britischen Küste aufgestellt, zuerst im Süden und Osten von England, später aber entlang der ganzen Küstenlinie, inklusive der Shetland-Inseln. Den ersten Belastungstest bildete die Luftschlacht um England (Battle of Britain) im Jahre 1940, als anfliegende Bomber der deutschen Luftwaffe frühzeitig genug erkannt werden konnten.

Das Chain-Home-System war sehr einfach ausgelegt, und zur Sicherstellung der Gefechtsbereitschaft wurde es eilig von der Forschungsstation Bawdsey des Luftfahrtministerium von Robert Watson-Watt in Betrieb genommen. Der Pragmatiker Watson-Watt war der Meinung, dass die drittbeste, aber verfügbare einer nicht verfügbaren zweitbesten und einer niemals verfügbar werdenden besten Lösung vorzuziehen sei. Chain Home war sicherlich das drittbeste System und litt an Ausfällen und Fehlalarmen, aber es war das beste verfügbare System und lieferte dringend notwendige Informationen.

Während der Kämpfe wurden die Chain-Home-Stationen, insbesondere in Ventnor auf der Isle of Wight zwischen dem 12. und 18. August 1940 mehrfach angegriffen. Einmal wurde der Radarbereich von Kent inklusive der Station in Dover durch einen Treffer auf die Stromversorgung funktionsunfähig. Die Holzhäuser mit der Radarausrüstung wurden beschädigt, aber die Türme blieben aufgrund ihrer Stahlfachwerkkonstruktion funktionsfähig. Und weil die Türme unbeschädigt blieben und die Signalanbindung bald wiederhergestellt werden konnte, ging die Führung der Luftwaffe davon aus, dass es schwierig sei, die Stationen mit Bomben zu zerstören und ließen sie für den Rest des Krieges unbehelligt. Der deutschen Luftwaffenführung war die Bedeutung der Chain Home Radarstationen für die britische Luftverteidigung entweder nicht bewusst, oder sie hat sich durch das Verhalten der Briten täuschen lassen, denn sonst wären sicherlich verstärkte Versuche einer (Zer-)Störung unternommen worden.

Das Chain-Home-System wurde nach dem Krieg abgebaut, nur einige Stahlgittermasten sind übriggeblieben und einer neuen Verwendung im 21. Jahrhundert zugeführt worden.

Einer dieser 110 m hohen Sendemasten befindet sich heute auf dem Werksgelände von BAE Systems in Great Baddow in Essex. Dieser Mast stammt ursprünglich aus Canewdon, und es ist vermutlich der letzte, der unverändert erhalten ist.

Chain Home verwendete getrennte Sende- und Empfangsantennen. Die Sendeantennen wurden von 110 Meter hohen, freistehenden Stahlfachwerktürmen getragen, während die Empfangsantennen von 73,15 Meter hohen Holztürmen getragen wurden.

Das Chain-Home-System ist mit dem deutschen Freya-Radar vergleichbar.

Technische Daten[Bearbeiten]

  • Frequenz: 20–30 MHz
  • Ausgangsleistung: 350 kW (später 750 kW)
  • Pulswiederholungsfrequenz: 25 Hz und 12,5 Hz
  • Pulslänge: 20 Mikrosekunden
  • Reichweite: 200 km
  • Suchsektor: 120 Grad, nicht schwenkbar [1]
  • Anzahl der Stationen: 18 (zur Vermeidung von Interferenzen zeitsynchronisiert vom Stromversorgungsnetz)
  • Quelle math.la.asu.edu [2]

Standorte Chain Home/Ames Type 1[Bearbeiten]


Literatur[Bearbeiten]

  • Bragg, Michael: RDF1 The Location of Aircraft by Radio Methods 1935–1945. Hawkhead Publishing, Paisley 1988, ISBN 0-9531544-0-8, Die Geschichte des Luftüberwachungsradars in Großbritannien während des Zweiten Weltkrieges (englisch)
  • Latham, Colin & Stobbs, Anne: Radar A Wartime Miracle. Sutton Publishing Ltd, Stroud 1996, ISBN 0-7509-1643-5, Geschichte des Radars in Großbritannien während des Zweiten Weltkrieges, erzählt von den Männern und Frauen, die dabeigewesen sind (englisch)
  • Zimmerman, David: Britain's Shield Radar and the Defeat of the Luftwaffe. Sutton Publishing Ltd, Stroud 2001, ISBN 0-7509-1799-7 (englisch)
  • Brown, Louis: A Radar History of World War II. Institute of Physics Publishing, Bristol 1999, ISBN 0-7503-0659-9 (englisch)
  • Bowen, E.G.: Radar Days. Institute of Physics Publishing, Bristol 1987, ISBN 0-7503-0586-X (englisch)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. geschichtsspuren.de (vormals lostplaces.de): Die Entwicklung der Funkmesstechnik, Markus Scholz, 14.Juni 2005
  2. Präsentation Geschichte des Radars (PDF; 4,8 MB)(englisch)