Orgelton

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Der Orgelton (auch Chorton oder Kirchenton) ist diejenige Stimmung, die im 16. bis 18. Jahrhundert für die Orgeln gebräuchlich war und sich vom so genannten Kammerton unterschied.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Michael Praetorius lag der Chorton, der der Kirchenmusik zugrunde lage, bis zu einem ganzen Ton tiefer als der übliche Stimmton.[1] Leonhard Euler erläuterte im Jahre 1739 ein Berechnungsverfahren, nach welchem die „Zahl der Vibrationen, so in einer Secundminute zu Ende gebracht werden“ (vgl. die spätere Maßeinheit Hertz) mit der Zahl 392 angegeben werden müsse. Diese Tonhöhe käme mit demjenigen Ton überein, „der auf dem Instrument mit a bezeichnet wird“.[2] Folgt man den Angaben von Michael Praetorius, so hätte Euler mit seinen Berechnungen den tieferen Chorton definiert, der um einen großen Ganzton unter der Stimmung von 441 Schwingungen pro Sekunde liegt.
Folgt man hingegen der Definition von Johann Gottfried Walther, so hätte Euler mit seinen Berechnungen den „Cammerton“ definiert.[3] Walther kannte das Werk von Praetorius und folgte ihm in der Begründung für die Einführung des tieferen Tons, denn man könne die erwachsenen Sopranisten damit in der hohen Lage etwas schonen.[4] Praetorius bezeugt, dieser tiefere Ton würde allerdings nur „in der Kirchen“ gebraucht. Walther begründet die tiefere Stimmung weiterhin, damit würden auch die Saiten der Instrumente nicht so schnell reißen. Die Begriffsgeschichte des Chortons ist aber insgesamt problematisch, denn schon Praetorius wies darauf hin, dass seine Zeitgenossen „an den meisten Ortern“ den „gewönlichen Cammerthon“ irrtümlich mit dem alten „Chor Thon“ gleichsetzen würden.[5] Diese Verwirrung hat offenbar dazu geführt, dass Walther die ursprüngliche Bedeutung der beiden Begriffe „Cammerton“ und „alter Chor- oder Cornett-Tone“ verwechselt hat, zumal er den Chor- und Cornettton gleichsetzt.

Die Aussagen von Praetorius zur Stimmtonhöhe sind umstritten und lassen keine in sich geschlossene Deutung zu.

Aufgrund des sehr niedrigen französischen Kammertons, der bis zu einem Ganzton unter der heutigen Norm lag (a1 = 408–392 Hz), erschien der Chorton als verhältnismäßig hoch und wurde zu einem Synonym für einen hohen Stimmton.[6]

Heutige Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach heute gebräuchlicher Definition wird der Chorton mit dem Cornettton gleichgesetzt. Der Chorton liegt einen halben bis zu einem Ganzton über der heute normierten Stimmtonhöhe von a1 = 440 Hz. Alte Orgeln in Nord- und Mitteldeutschland waren und sind überwiegend im Chorton gestimmt.[7] Besonders in der Barockzeit war der hohe Chorton gebräuchlich.[8] Bei einem Halbton über der heutigen Norm entspricht a1 = 466 Hz, bei einem Ganzton a1 = 494. Als Grund für die höhere Stimmung der Orgeln gibt man an, dass die großen Kirchenräume eines durchdringenderen Tons bedurft hätten als Zimmer oder Konzertsäle. Der Chorton führe zu einer größeren Brillanz. Gottfried Silbermanns Chorton der große Orgel im Freiberger Dom liegt bei a1 = 476 Hz (ursprünglich etwa 473 Hz), Arp Schnitgers Orgel der Hauptkirche Sankt Jacobi (Hamburg) bei a1 = 495 Hz.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alan Davis: Bach’s Recorder Parts: Some Problems of Transposition. In: Recorder and Music Magazine. 4, no. 2, Juni 1972, ISSN 0034-1665, S. 47–50.
  • Hans Gebhard: Praktiesche Anleitung zur Aufführung der Vokalmusik des 16. bis 18. Jahrhunderts. C. F. Peters, Frankfurt am Main u. a. 1998, ISBN 3-87626-170-8.
  • J. K. Rhodes. Schlick, Praetorius, and the History of Organ Pitch. In: Organ Yearbook. Nr. 2, 1971, S. 58–76.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2: De Organographia (1619). Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 978-3-7618-1527-4, S. 14–17 (online).
  2. „Huic autem sono congruere deprehendi in instrumento clauem signatam a“, Leonhard Euler:Tentamen novae theoriae musicae 1739, Cap. I, § 10, S.7; deutsche Übersetzung und Kommentierung: Lorenz Christoph Mizler, Musikalische Bibliothek, III.1 [1746], S. 89, online-Quelle, vgl. Lutz Felbick: Lorenz Christoph Mizler de Kolof – Schüler Bachs und pythagoreischer „Apostel der Wolffischen Philosophie“. (Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig – Schriften, Band 5), Georg-Olms-Verlag, Hildesheim 2012, S. 141f.
  3. Johann Gottfried Walther: Musicalisches Lexicon. Leipzig, 1732; S. 130 ff.
  4. Michael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2: De Organographia (1619). Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 978-3-7618-1527-4, S. 15 (online).
  5. Michael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2: De Organographia (1619). Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 978-3-7618-1527-4, S. 16 (online).
  6. Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Bd. 8 Sachteil, Sp. 1820 f.
  7. Z.B. Festorgel des Stiftes Klosterneuburg (1642), Orgel von St. Marien (Buttforde) (1681), Orgel der Pilsumer Kreuzkirche (1694), Orgel der Watzendorfer Marienkirche (1734) etc.
  8. Wolfgang Adelung: Einführung in den Orgelbau. 2. Auflage. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2003, ISBN 3-7651-0279-2, S. 30.
  9. Christoph Wolff, Markus Zepf: Die Orgeln J. S. Bachs. Ein Handbuch. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006, ISBN 3-374-02407-6, S. 23.
Meyers Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888 bis 1890.
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