Christine Reinle

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Christine Reinle (* 10. Januar 1962 in Mannheim) ist eine deutsche Historikerin.

Christine Reinle studierte 1981/82 zunächst Humanmedizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Von 1982 bis 1987 absolvierte sie das Studium der Fächer Geschichte und Germanistik an der Universität Mannheim. Von 1988 bis 1990 war sie Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Von 1990 bis 1995 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin (bis 31. August 1993) bzw. Assistentin (ab 1. September 1993) am Lehrstuhl von Hanna Vollrath an der Ruhr-Universität Bochum. Reinle wurde 1992 mit einer von Karl-Friedrich Krieger betreuten Arbeit über den gelehrten Rat Ulrich Riederer im Dienste Friedrich III. promoviert. Ihre Studie leistete einen wichtigen Beitrag zu einer Neubeurteilung der Herrschaftszeit Friedrichs III.[1] Von 1995 bis 2000 war sie Wissenschaftliche Assistentin bzw. Mitarbeiterin für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim. Im Jahr 1999 erfolgte dort ihre Habilitation mit einer Untersuchung der Fehdeführung Nichtadliger im römisch-deutschen Reich unter besonderer Berücksichtigung der bayerischen Herzogtümer (13.–16. Jahrhundert). Die Arbeit wurde ein Standardwerk. Dabei konnte sie nachweisen, dass die Fehde nicht nur von Ritteradeligen, sondern auch von Bauern intensiv genutzt wurde.[2]

Im Wintersemester 2000/01 lehrte sie als Vertretungsprofessorin für Mittelalterliche Geschichte mit dem Schwerpunkt Spätmittelalter an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Reinle lehrte von 2001 bis 2004 als Professorin für Mittelalterliche Geschichte, insbesondere Geschichte des Späteren Mittelalters, an der Ruhr-Universität Bochum. Seit Dezember 2004 lehrt sie als Nachfolgerin von Peter Moraw als Professorin für Deutsche Landesgeschichte/ Geschichte des Spätmittelalter an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Reinle ist Mitglied der Hessischen Historischen Kommission, Darmstadt (seit 2005), der Historischen Kommission für Hessen, Marburg (seit 2005), der Historischen Kommission Nassau (seit 2009) und Mitglied im Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte (seit April 2014).

Reinles Forschungsschwerpunkte sind die kaiserliche und königliche Herrschaftspraxis im Spätmittelalter, die Adels- und Fehdeforschung, die spätmittelalterliche Ausprägung der Landesherrschaft, die „Geheimwissenschaften“ und Politik im Spätmittelalter sowie Jeanne d’Arc. Besonders eindringlich hat Reinle die Fehde im Spätmittelalter untersucht, die sie in zahlreichen Untersuchungen unter den verschiedensten Aspekten erforscht hat. In ihrer Habilitation geht sie von der Annahme aus, „daß im Rahmen des Fehdewesens Ansprüche, die Rückhalt im gewohnheitsrechtlichen Normensystem der Gesamtgesellschaft oder eines integrierten Teils der Gesellschaft fanden, durch ein gewaltsames Selbsthilfeverfahren durchgesetzt werden sollten, das ebenfalls durch dieses Normensystem legitimiert war“.[3] Nach ihrer Definition war die Fehde „ein Segment aus dem breiten Spektrum von Gewalt, deren Einsatz als Mittel des Konfliktaustrags in der mittelalterlichen Gesellschaft anerkannt war“.[4] Nach bisheriger Forschungsmeinung stand die Fehde ausschließlich dem Adel zu. Die der Adelsherrschaft unterworfene Bevölkerung hatte abgesehen von der Blutrache („Totschlagargument“) keinen eigenen Anspruch auf außergerichtliche Selbsthilfe. In ihrer Mannheimer Habilitationsschrift konnte Reinle jedoch bayerischen Herzogtümern im 15. und 16. Jahrhundert nachweisen, dass die Fehde als soziale Praxis und Form der Konfliktregelung in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet war.[5] Mit ihrer Arbeit leistete Reinle „einen wesentlichen Beitrag zur mittelalterlichen Konfliktforschung“.[6] Weitere Forschungen widmen sich dem mittelalterlichen Amazonenbild,[7] den stereotypen Vorstellungen von Jugendlichen bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts,[8] und dem männlichen Umfeld der Heiligen Elisabeth von Thüringen.[9] Reinle konzipierte und organisierte im Januar 2014 eine internationale Tagung zum Forschungseinfluss des 2013 verstorbenen Gießener Mediävisten Peter Moraw auf die deutsche Mediävistik. Die Ergebnisse der Tagung gab Reinle 2016 heraus.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monographien

  • Bauernfehden. Studien zur Fehdeführung Nichtadliger im spätmittelalterlichen römisch-deutschen Reich, besonders in den bayerischen Herzogtümern (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Bd. 170). Steiner, Stuttgart 2003, ISBN 3-515-07840-1 (Zugleich: Mannheim, Universität, Habilitations-Schrift, 1999–2000).
  • Ulrich Riederer (ca. 1406–1462). Gelehrter Rat im Dienste Kaiser Friedrichs III. (= Mannheimer historische Forschungen. Bd. 2). Palatium Verlag im J-und-J Verlag, Mannheim 1993, ISBN 3-920671-09-0. (Zugleich: Mannheim, Universität, Dissertation, 1992/93).

Herausgeberschaften

  • Stand und Perspektiven der Sozial- und Verfassungsgeschichte zum römisch-deutschen Reich. Der Forschungseinfluss Peter Moraws auf die deutsche Mediävistik (= Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters. Bd. 10). Didymos-Verlag, Affalterbach 2016, ISBN 3-939020-30-3.
  • mit Stefan Esders: Rechtsveränderung im politischen und sozialen Kontext mittelalterlicher Rechtsvielfalt (= Neue Aspekte der europäischen Mittelalterforschung. Bd. 5). Lit, Münster 2006, ISBN 3-8258-8541-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. dazu die Besprechungen von J. Friedrich Battenberg in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 112 (1995), S. 519–522; Claudia Märtl in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters Bd. 50, S. 721 (online); Heinrich Koller in: Historisches Jahrbuch 116 (1996), S. 219.
  2. Vgl. die Besprechung von Karl Borchardt in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters Bd. 61, S. 357–358 (online).
  3. Christine Reinle: Bauernfehden. Studien zur Fehdeführung Nichtadliger im spätmittelalterlichen römisch-deutschen Reich, besonders in den bayerischen Herzogtümern. Stuttgart 2003, S. 61.
  4. Christine Reinle: Bauernfehden. Studien zur Fehdeführung Nichtadliger im spätmittelalterlichen römisch-deutschen Reich, besonders in den bayerischen Herzogtümern. Stuttgart 2003, S. 45 f.
  5. Vgl. dazu die Besprechungen von Alexander Jendorff in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 92 (2005), S. 516–517; Volker Dotterweich in: Das Historisch-Politische Buch 56 (2008), S. 151; Steffen Krieb in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte. Bd. 55 (2005), S. 391–393; Heinrich Koller in: Historisches Jahrbuch 116 (1996), S. 219; Stefanie Rüther in: Zeitschrift für historische Forschung 33 (2006), S. 281–283.
  6. Vgl. dazu die Besprechung von Stefanie Rüther in: Zeitschrift für historische Forschung 33 (2006), S. 281–283, hier: S. 283.
  7. Christine Reinle: Exempla weiblicher Stärke? Zu den Ausprägungen des mittelalterlichen Amazonenbildes. In: Historische Zeitschrift 270 (2000) S. 1–38.
  8. Christine Reinle: Jugend als Typus - Jugend als Topos. Stereotype Vorstellungen über Jugendliche bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. In: Iris Kwiatkowski, Michael Oberweis (Hrsg.): Recht, Religion, Gesellschaft und Kultur im Wandel der Geschichte. Ferculum de cibis spiritualibus. Festschrift für Dieter Scheler. Hamburg 2008, S. 393–414.
  9. Christine Reinle: Männliche Religiosität im Umfeld Elisabeths. In: Andreas Meyer (Hrsg.): „Elisabeth und kein Ende…“. Zum Nachleben der heiligen Elisabeth von Thüringen. 5. Tagung der Arbeitsgruppe „Marburger Mittelalterzentrum (MMZ)“. Marburg, 1. Juni 2007. Leipzig 2012, S. 173–214