Rudolf Schieffer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Rudolf Schieffer (* 31. Januar 1947 in Mainz) ist ein deutscher Historiker, der die Geschichte des frühen und hohen Mittelalters erforscht. Schieffer lehrte als Professor für Mittelalterliche und Neuere Geschichte an der Universität Bonn (1980–1994). Er war von 1994 bis 2012 Präsident der Monumenta Germaniae Historica (MGH), des bedeutendsten Instituts, das sich der Erforschung des Mittelalters und der Edition mittelalterlicher Quellen widmet. Zugleich war er Professor für Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn des Historikers Theodor Schieffer besuchte von 1953 bis 1966 Schulen in Mainz und Bad Godesberg. Das Abitur legte er 1966 am Aloisiuskolleg in Bad Godesberg ab. Er studierte von Sommersemester 1966 bis Sommersemester 1971 Geschichte und Latein an den Universitäten Bonn und Marburg. Nach der ersten Staatsprüfung 1971 in Bonn für das höhere Lehramt wurde er dort 1975 bei Eugen Ewig über Die Entstehung von Domkapiteln in Deutschland promoviert. Von 1971 bis 1975 war er wissenschaftlicher Angestellter im DFG-Projekt „Spätantike Reichskonzilien“ bei Johannes Straub in Bonn. Von 1975 bis 1980 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica (MGH). Von 1976 bis 1979 war Schieffer Lehrbeauftragter für Historische Hilfswissenschaften an der Universität Regensburg. Im Jahr 1979 erfolgte dort seine Habilitation über Die Entstehung des päpstlichen Investiturverbots für den deutschen König. Ab 1980 war er Professor für Mittelalterliche und Neuere Geschichte an der Universität Bonn, bevor er 1994 an die Ludwig-Maximilians-Universität in München ging und als Nachfolger von Horst Fuhrmann die Leitung der Monumenta Germaniae Historica übernahm. Das Amt des Präsidenten der MGH hatte er bis 2012 inne. Schieffer lebt wieder in Bonn.

Schieffers wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte sind die politische Geschichte sowie die Kirchen- und Rechtsgeschichte von der Spätantike bis zum Hochmittelalter, die Quellenkunde und die Textedition. Schieffer konnte nachweisen, dass das im päpstlichen Archiv aufbewahrte Briefregister des Papstes Gregor VII. entgegen bisheriger Behauptungen tatsächlich das Original darstellt. Schieffer gilt als Spezialist für die Karolingerzeit. Sein erstmals 1992 erschienenes Werk Die Karolinger gilt als Standardwerk zur Geschichte der Karolingerzeit und wurde bis 2014 fünfmal aufgelegt. Schieffer ist der Verfasser des Bandes über die Karolinger der neuesten Ausgabe des klassischen Lehrbuchs der deutschen Geschichte, des „Gebhardt“. Schieffer legte 1980 eine kommentierte Edition des Traktats De ordine palatii von Erzbischof Hinkmar von Reims vor. Seine Forschungen sorgten für ein besseres Verständnis über den Verlauf des Investiturstreites. Im Jahr 1981 legte er eine Studie über das Investiturverbot vor. Bei seinen Beobachtungen der Investiturpraxis vertrat er die These, dass die Investitur im Konflikt zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. im Jahre 1076 noch nicht verboten war. Erst nach dem im Januar 1077 von Heinrich durchgeführten Gang nach Canossa trat das Problem hervor. Das für die ganze Kirche geltende Investiturverbot datiert von der römischen Herbstsynode von 1078.[1] Bis dahin ging die Forschung noch davon aus, dass Gregor VII. auf der Fastensynode des Jahres 1075 Heinrich IV. das Investiturrecht entzogen hatte. Über Papst Gregor VII. legte er 2010 eine knappe Biographie vor. Im Jahr 2013 veröffentlichte er eine Darstellung über die Christianisierung und Reichsbildungen in Europa von 700 bis 1200. Schieffer war mit Johannes Fried von 1994 bis zum Erscheinen des Heftes 68/2 (2012) langjähriger Herausgeber des Deutschen Archivs für Erforschung des Mittelalters, einer der angesehensten mediävistischen Fachzeitschriften.

Schieffer ist Mitglied der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde (seit 1981), Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica (seit 1983), ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste (seit 1992), Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1994), corresponding fellow der Royal Historical Society (seit 1995), corresponding fellow der Medieval Academy of America (seit 1997), Mitglied des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte (seit 1992), korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (seit 1998), Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt (seit 1998), korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (seit 2003) und ist Socio straniero der Accademia dei Lincei (seit 2004). Er ist auch Mitglied der Görres-Gesellschaft. Seit 2012 ist er Mitglied des Direktoriums des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft. Im Jahr 2008 wurde ihm von der Stadt Magdeburg der Eike-von-Repgow-Preis für seine Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte Mitteldeutschlands verliehen. Im selben Jahr wurde Schieffer mit dem Winfried-Preis von der Stadt Fulda für die Erforschung des Lebens und Wirkens des Hl. Bonifatius geehrt. Als akademischer Lehrer betreute er 28 Dissertationen. Zu seinen Schülern gehören u. a. Bernd Schütte, Claudia Zey, Caspar Ehlers, Martina Giese, Jochen Johrendt, Martina Hartmann und Alheydis Plassmann.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quelleneditionen

  • mit Thomas Gross: Hinkmar von Reims, De ordine palatii (= Monumenta Germaniae Historica Fontes iuris Germanici antiqui in usum scholarum separatim editi. Band 3). Hannover 1980, ISBN 3-7752-5127-8. (Digitalisat)
  • Die Streitschriften Hinkmars von Reims und Hinkmars von Laon 869–871 (= Monumenta Germaniae Historica Concilia. Band 4, Supplementum 2). Hannover 2003, ISBN 3-7752-5355-6. (Digitalisat)

Monographien

  • Die Entstehung von Domkapiteln in Deutschland (= Bonner Historische Forschungen. Band 43). Röhrscheid, Bonn 1976, ISBN 3-7928-0378-X (Zugleich: Bonn, Universität, Dissertation, 1974/75).
  • Die Entstehung des päpstlichen Investiturverbots für den deutschen König (= Schriften der MGH. Band 28). Hiersemann, Stuttgart 1981, ISBN 3-7772-8108-5 (Zugleich: Regensburg, Universität, Habilitations-Schrift, 1979).
  • Die Karolinger (= Urban-Taschenbücher. Band 411). Kohlhammer, Stuttgart 1992, 5., aktualisierte Auflage, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-17-023383-6.
  • Die Zeit des karolingischen Großreichs (714–887) (= Handbuch der deutschen Geschichte. Bd. 2). 10., völlig neu bearbeitete Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-60002-7.
  • Papst Gregor VII. Kirchenreform und Investiturstreit (= Beck'sche Reihe. Band 2492). C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-58792-4.
  • Christianisierung und Reichsbildungen. Europa 700–1200 (= Beck'sche Reihe. Band 1981). C. H. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-65375-9.

Herausgeberschaften

  • mit Peter Moraw: Die deutschsprachige Mediävistik im 20. Jahrhundert. (= Vorträge und Forschungen. Band 62). Thorbecke, Ostfildern 2005, ISBN 3-7995-6862-X (Digitalisat).
  • Beiträge zur Geschichte des Regnum Francorum. Referate beim Wissenschaftlichen Colloquium zum 75. Geburtstag von Eugen Ewig am 28. Mai 1988 (= Beihefte der Francia. Band 22). Thorbecke, Sigmaringen 1990, ISBN 3-7995-7322-4. (Online auf perspectivia.net)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eintrag Rudolf Schieffer. In: Jürgen Petersohn (Hrsg.): Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Die Mitglieder und ihr Werk. Eine bio-bibliographische Dokumentation (= Veröffentlichungen des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte aus Anlass seines fünfzigjährigen Bestehens 1951–2001. Band 2). Thorbecke, Stuttgart 2001, ISBN 3-7995-6906-5, S. 341–347 (Digitalisat).
  • Schieffer, Rudolf. In: Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender. Bio-bibliographisches Verzeichnis deutschsprachiger Wissenschaftler der Gegenwart. Band 3: M – SD. 26. Ausgabe. de Gruyter, Berlin u. a. 2014, ISBN 978-3-11-030256-1, S. 3175.
  • Patrick Bahners: Der Jüngling an der Quelle. Dem Historiker Rudolf Schieffer zum Sechzigsten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Januar 2007, Nr. 24, S. 36. (online)
  • Patrick Bahners: Ordnung darf sein. Dem Historiker Rudolf Schieffer zum Siebzigsten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Januar 2017, Nr. 26, S. 12.
  • Wer ist wer? Das deutsche Who's Who. XLVII. Ausgabe 2008/2009, S. 1101.
  • Würdigung der neuen Mitglieder: Rudolf Schieffer. In: Bayerische Akademie der Wissenschaften Jahrbuch 1990. München 1991, S. 145–146.
  • Würdigung der neuen Mitglieder: Rudolf Schieffer. In: Bayerische Akademie der Wissenschaften Jahrbuch 1997. München 1998, S. 141–142.
  • Erich Meuthen: Laudatio auf Prof. Dr. Rudolf Schieffer. In: Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften Jahrbuch 1992. Opladen 1992, S. 98–101.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rudolf Schieffer: Die Entstehung des päpstlichen Investiturverbots für den deutschen König. Stuttgart 1981, S. 171.