Blutrache

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Dieser Artikel erklärt den Rechtsbegriff. Für die im Deutschen gleichnamigen Filme siehe Blutrache (1941), Sizilianische Blutrache und Blutrache – Dead Man’s Shoes. Für weitere Verwendungen des äquivalenten italienischen Begriffs siehe Vendetta. Für die mittelalterliche oder neuzeitliche Regulierung von Rechtsbrüchen direkt zwischen Geschädigtem und Schädiger siehe Fehde.
Demonstration der albanischen Nichtregierungsorganisation Mjaft! gegen die Blutrache. Auf dem Transparent steht Genug der Blutrache

Die Blutrache oder Vendetta (Synonym) ist ein Prinzip zur Sühnung von Verbrechen, bei dem Tötungen oder andere Ehrverletzungen durch Tötungen gerächt werden. Sie stellt die Ultima Ratio der Konfliktbewältigung innerhalb der Fehde dar.

Hierbei straft die Familie des Opfers den Täter und seine Familie oftmals auch aus der Absicht heraus, die vermeintlich verlorene Familienehre wiederherzustellen. Unter Familie ist dabei mancherorts nicht nur die biologische Verwandtschaft zu verstehen, sondern auch ein Clan oder eine Verbrecherbande. Ein Ausgestoßener, für den sein Clan keine Blutrache üben würde, ist in diesem System schutzlos.

In Süditalien wird die Blutrache als „Vendetta“ bezeichnet. In abgelegenen Regionen Nordalbaniens regelt der Kanun (örtliche gewohnheitsmäßige Vorschrift) die Blutrache.

Archaische Wurzeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blutrache ist ein wesentliches Element vieler archaischer Gewohnheitsrechts-Ordnungen auf der ganzen Welt. Theoretisch gilt hierbei das Talionsprinzip: Es weist das Opfer oder seine Vertreter an, dem Täter „Gleiches mit Gleichem“ zu vergelten beziehungsweise dessen Vergehen zu sühnen („Wie du mir, so ich dir“). Der Ehrenkodex der Blutrache verlangt aber auch, nicht „ein Mehr“ heimzuzahlen. Durch den Tod des Mörders sollte der Konflikt beendet werden. Dabei ist es nicht unüblich, dass beide Familien unter Hinzuziehung eines Schlichters oder eines Richters in einem Treffen das Vorgehen abklären. Allerdings gibt es auch Berichte von Blutrache, die sich über viele Jahre und sogar Generationen hinzieht.

In der Tradition verschiedener Völker ist die Strafe dagegen oftmals schlimmer als das vorangegangene Verbrechen. Die Blutrache kann dann zu langen, blutigen Auseinandersetzungen führen, wenn, da die bestrafte Familie meist Rache für die Strafe nimmt, die andere Familie wiederum dafür Rache nimmt.

Die erste, mit Einschränkungen verknüpfte Erlaubnis zur Blutrache findet sich bereits in verschiedenen babylonischen Gesetzessammlungen (ca. 2000 v. Chr.) wie dem Codex Hammurapi und dem Codex Eschnunna (ca 3000 v. Chr.)

Textbeispiel aus dem Codex Hammurapi:

§196 Wenn ein Bürger ein Auge eines (anderen) Bürgers zerstört, soll man ihm ein Auge zerstören.

Für Palastangehörige wird allerdings keine Metapher gewählt, sondern ein genauer Preis festgesetzt:

§198 Wenn er ein Auge eines Palastangehörigen zerstört oder einen Knochen eines Palastangehörigen bricht, so soll er eine Mine Silber zahlen.

Unter dem gleichen Gesichtspunkt ist auch die Bibelstelle Lev 24,20 EU zu lesen:

Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Schaden, den [jemand] einem Menschen zugefügt hat, soll ihm zugefügt werden. (vgl. auch Ex 21,24-25 EU)

Im Neuen Testament wird dann dieses Vergeltungsgesetz von Jesus bereits deutlich abgelehnt:

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses will, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. (Mt 5,38f EU)

Im Koran wird die Blutrache durch im Gerichtsverfahren Qisās geregelt.[1]

Vorkommen in der Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Das neuzeitliche Vorkommen der Blutrache ist nicht fest an bestimmte Gebiete gebunden. Auf dem Balkan in Griechenland auf Kreta und in Mani (Peloponnes), in Albanien[2] und in einigen Ländern Ex-Jugoslawiens wie in Kosovo und Bosnien-Herzegowina sowie in der Region Sandžak und in Montenegro,[3] in östlichen Teilen der Türkei (kan davası: „Blutstreit“) und bei gewissen Völkern des Nordkaukasus wie Tschetschenen und Osseten[4] wird die Blutrache zum Teil noch heute praktiziert. Das Clansystem der Somali in Nordostafrika beinhaltet ebenfalls Blutrache-Elemente.

Vendetta ist der italienische Begriff für Blutrache. Sie ist die in Süditalien vorkommende Variante des Talions, so in Sizilien, in Kalabrien und auf Sardinien (als Vindicau). Auch im französischen Korsika ist dieser Begriff das Synonym für die bis ins 19. Jahrhundert belegte Blutrache.

In Albanien wird die Blutrache als Gjakmarrja bezeichnet. In den 1990er Jahren war insbesondere Nordalbanien wegen Blutrache und Ehrenmorden in die Schlagzeilen geraten. Die Täter halten sich aber meist nicht mehr an die detaillierten Vorschriften des mündlich überlieferten Gewohnheitsrechts Kanun, das unter anderem die Blutrache regelte. Oft werden auch kriminelle Absichten als Blutrache kaschiert. Das Nationale Versöhnungskomitee und andere Vermittler versuchen, zwischen den Familien zu schlichten.[5] In den Jahren 2004 bis 2006 wurden im nordalbanischen, am stärksten betroffenen Gebiet Qark Shkodra aber nur noch ein oder zwei Blutrache-Morde pro Jahr registriert,[6] wobei die amtlichen Zahlen aber in Frage gestellt werden müssen[7]. Nach wie vor müssen sich aber noch viele Menschen – insbesondere auch Kinder, die nach Kanun nicht von der Blutrache bedroht sind – seit Jahren in ihren Häusern verstecken, weil sie nur dort geschützt sind. Viele sind auch ins Ausland geflohen[5][7]. Die Zahl dieser Familien „im Blut“ betrug nach Angaben des albanischen Armeeobersten Xhavit Shala im Jahr 2001 etwa 2500. Die Fälle sind, auch durch Binnenmigration bedingt, über das ganze Land verteilt.[8]

Blutrache und rechtsstaatliche Gesetzgebung sind nicht vereinbar.[9][10][11][12] In den betroffenen Ländern sind zum Teil Menschen von Blutrache bedroht, obwohl sie von ordentlichen Gerichten zu Strafen verurteilt worden sind.[5] Migranten aus Gebieten, in denen Blutrache vorkommt, bringen nebst anderen Sitten immer auch ihre Vorstellung von Ehrgefühl mit, so dass es auch in Westeuropa zu verschiedenen Blutrache-Fällen kam. Westliche Gerichte beurteilen diese Selbstjustiz in der Regel als Mord oder Totschlag.

Am 1. Juli 2002 kam es bei Überlingen aufgrund mehrerer unglücklicher Faktoren zu einem Flugzeugabsturz. Der zu jener Zeit diensthabende Fluglotse Peter Nielsen wurde am 24. Februar 2004 von Witali Kalojew, der bei dem Unglück Frau und Kinder verlor, erstochen. Kalojew bezeichnete diesen Mord selbst nicht als Blutrache, sondern lediglich als Bestrafung des Fluglotsen. Jedoch wurde er nach seiner Haft in seiner Heimat Nordossetien als Held der Blutrache gefeiert. Heute ist er stellvertretender Bauminister in Nordossetien.[13]

Dichtung und Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jonas Grutzpalk: Blood Feud and Modernity. Max Weber’s and Émile Durkheim’s Theory. In: Journal of Classical Sociology 2 (2002); S. 115-134.(PDF; 176 kB) (Memento vom 19. Juli 2011 im Internet Archive)
  • Karl Kaser: Familie und Verwandtschaft auf dem Balkan. Analyse einer untergehenden Kultur. Wien 1995, ISBN 3-205-98345-9; Einzelfälle (Međugorje): S. 230 ff.
  • Péter Krasztev: The Price of Amnesia. Interpretations of Vendetta in Albania. In: Journal for Politics, Gender and Culture. 1(2002), Heft 2, S. 33-63.
  • Klementin Mile/Albanian Institute for International Studies: Gjakmarrja: Mes Kanunit dhe Shtetit (The Blood Feud: Between Kanun and State). Tirana 2007.
  • Die Tora in jüdischer Auslegung Ex 20,19-21,36 Literarische Auslese: S. 249, ISBN 978-3-579-05493-3 (Band II)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Blutrache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Kaukasische Civilisation – A. M., illustriert, in Die Gartenlaube (1867), Heft 29

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Blutrache aus Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: Beck 2001. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2002.
  2. Bericht über die Blutrache in Albanien
  3. Christopher. H. Boehm: Blood Revenge. The Enactment and Management of Conflict in Montenegro and Other Tribal Societies. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 1984
  4. Michail Pawlow: Bräuche der Völker Russlands: Die Osseten. In: Radio Stimme Russlands. 2. Dezember 2010, abgerufen am 2. Dezember 2015.
  5. a b c Weltbilder: Albanien: Tradition der Blutrache ungebrochen. In: NDR. 21. August 2013, abgerufen am 2. Dezember 2015.
  6. Klementin Mile/Albanian Institute for International Studies: Gjakmarrja: Mes Kanunit dhe Shtetit, Tirana 2007 – gestützt auf Auskünfte der Polizei des Qarks Shkodra
  7. a b Thomas Fuster: Albaniens vom Leben ausgesperrte Kinder. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 133, 12. Juni 2010, S. 9.
  8. Daten und Fakten zur Blutrache in Albanien. In: Albanische Hefte. Nr. 2, 2003, S. 6 f (Scan des Hefts (PDF) [abgerufen am 19. November 2015] zitiert aus der Wochenbeilage „Reportazh“ der Tageszeitung Gazeta Shqiptare vom 11. Februar 2003).
  9. Werner Sarstedt: Rechtsstaat als Aufgabe. Hrsg.: Gisela Sarstedt, Werner Hamm. de Gruyter, Berlin 1987, ISBN 3-11-011058-X (Leseprobe des Buchs bei Google Books).
  10. Peter Forstmoser, Walter R. Schluep: Einführung in das Recht. Stämpfli, Bern 1992, ISBN 3-7272-0868-6 (§6 N. 135).
  11. Eno Trimçev (Hrsg.): The Blood Feud: Between Kanun and State. Albanian Institute for International Studies, Tirana 2007.
  12. Franziska Harnisch, Anja Bruhn: Ehrenmorde als mutierte Blutrache. In: Jonas Grutzpalk (Hrsg.): Beiträge zu einer vergleichenden Soziologie der Polizei. Universitätsverlag Potsdam, Potsdam 2009, ISBN 978-3-940793-74-4, S. 33–54 (Artikel in Google Books).
  13. Frank Krause: 10 Jahre Überlingen: „Es regnet Leichen“, heißt es über Funk. In: Stuttgarter Nachrichten. 30. Juni 2012, abgerufen am 1. Juli 2012.