Comes Britanniarum

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Notitia Dignitatum: Die symbolische Darstellung des Castrum Britannia als Zeichen der Zuständigkeit dieses Comes für alle Provinzen der Insel
Die spätantiken Provinzen in Britannien (400 n.Chr.)
Porträt Gratianus des Älteren (16. Jahrhundert)
Magnus Maximus
Solidus mit dem Porträt des Usurpators Konstantin III.

Der Comes Britanniarum ("Graf der Britannien") war ein hoher Offizier (comes rei milites) in der spätrömischen Armee des Westens und Inhaber einer der höchsten Kommandostellen im Aufgebot des spätantiken Britanniens des 4. bis 5. Jahrhunderts n. Chr.

Namentlich bekannte Amtsinhaber:

Der Zuständigkeitsbereich (tractus) des Comes Britanniarum erstreckte sich im Gegensatz zu seinen Kollegen, dem

über die ganze Insel und beinhaltete das Oberkommando über die Eliteverbände des mobilen Feldheeres (Comitatenses). In der Notitia Dignitatum (ND) wird der Verantwortungsbereich (tractus) des Comes Britanniarum nicht als mehrere Städte oder Kastelle, sondern als ein 'Castrum Britannia' dargestellt. Am kaiserlichen Hof gehörte er als vir spectabilis zur höchsten Rangklasse des Reichsadels. Seine direkten Vorgesetzten waren der Magister peditum (Infanterie) und der Magister equitum (Kavallerie).

Entwicklung[Bearbeiten]

Es scheint sich dabei anfangs nicht um ein fix eingerichtetes Amt gehandelt zu haben und wurde wohl nicht vor 368 dauerhaft besetzt.[1] Möglicherweise wurde es unter Constantius Chlorus, nach der Wiedereroberung Nordgalliens und Britanniens von Carausius, etabliert. Im frühen 4. Jahrhundert wird Gratianus der Ältere, der Großvater des späteren Kaisers Gratian, als Amtsinhaber erwähnt.

Magnus Maximus diente schon 368-369 unter Flavius Theodosius in Britannien. Bald danach stieg er zum Oberbefehlshaber in Britannien auf. Als sich die Provinztruppen, die in ständige, verlustreiche Kleinkriege mit Pikten, Skoten und Iren verwickelt waren, von Kaiser Gratian deswegen im Stich gelassen fühlten, erhoben sie im Frühjahr 383 ihren Comes Maximus zum Imperator. Er könnte aus diesem Grund der Verantwortliche für den Abzug der meisten römischen Garnisonen aus Wales gewesen sein. Maximus’ anschließender Gallienfeldzug hatte jedoch sicher zur Folge, dass ein großer Teil der römischen Truppen von der Insel abgezogen wurde, um am Bürgerkrieg gegen den Regenten im Osten, Theodosius I., teilzunehmen. Ein Großteil seiner Armee sollte jedoch nicht mehr nach Britannien zurückkehren. Nach seiner Niederlage und Hinrichtung im Jahre 388, siedelten sich die romano-britischen Soldaten in der Bretagne an.[2]

Bis ins Jahr 402 hatte man zahlreiche Einheiten aus der britischen Provinzarmee herausgezogen um mit ihrer Hilfe das Kernland des Reiches, Italien, gegen die Gotenarmee Alarichs zu verteidigen; unter den verbliebenen Soldaten, die vermutlich auch nicht mehr regelmäßig von der Regierung in Ravenna besoldet wurden, wuchs der Unmut darüber immer mehr an. Anders als noch zur Zeit des frühen und mittleren Kaiserreiches galt ihre Loyalität nicht mehr der Armee und dem regierenden Kaiser, sondern hauptsächlich ihrer Heimatprovinz. Viele von ihnen waren auf der Insel geboren und aufgewachsen. Da sie durch die spätantiken Armeereformen auch oft zu einem kleinen Stück Land gekommen waren, auf dem sie ihre Höfe steuerfrei bewirtschaften konnten, wollten sie in erster Linie ihre Familien und ihren Besitz verteidigen. 407 wurde Konstantin III. von den Soldaten und örtlichen Magnaten zum Kaiser ausgerufen. Wahrscheinlich hatte er aber schon vor seiner Usurpation das Amt des obersten Heerführers der Provinzstreitkräfte bekleidet. Er erhielt aber vermutlich seine neue Würde nur dazu, um mit seiner kleinen aber kampfstarken Feldarmee die britannischen Grenztruppen gegen die zunehmenden Angriffe der nördlichen Piktenstämme, sowie irischer, scotischer und angelsächsischer Piraten zu unterstützen. Sein Imperium sollte sich auf Britannien beschränken und die ihm zufließenden Steuereinnahmen mutmaßlich ausschließlich zum Unterhalt seiner Streitkräfte verwendet werden. Konstantin verfolgte jedoch andere Pläne. Entweder folgte er einem Hilferuf der gallischen Nobilität oder die dortige Anarchie weckte in ihm den Ehrgeiz, die Schwäche und Handlungsunfähigkeit des Kaisers in Ravenna auszunutzen und sein kleines Reich (wie einst auch Carausius) auf seine Kosten weiter auszudehnen. Möglich wäre auch, dass er befürchtete, sich in Britannien nicht lange halten zu können ohne die gallischen Küstenländer und ihre Häfen zu kontrollieren. Er überquerte den Kanal und landete seine Truppen bei Bononia (Boulogne) an. Dieses Ereignis markiert das Ende der römischen Herrschaft über Britannien. Seine Armee bestand aber wohl nur aus der (wahrscheinlich ohnehin auf ihn persönlich eingeschworenen) mobilen Einheiten (comitatenses) und (wenn überhaupt) aus wenigen Grenzsoldaten (limitanei). Möglicherweise zog er für seinen Feldzug die letzten Besatzungen aus den Kastellen in Wales ab, so dass die Insel nur noch von den Truppen am Hadrianswall im Norden und denen der Sachsenküste im Südosten verteidigt wurde. Der Befehlshaber der Nordgrenze, der Dux Britanniarum und sein Kollege im Südosten, der Comes litoris Saxonici per Britanniam, weigerten sich vermutlich ihre Garnisonen wegen des kontinentalen Abenteuers ihres - ohnehin nur nominell - übergeordneten Kollegen zu schwächen.[3]

Verwaltungsstab[Bearbeiten]

Das Officium (Verwaltungsstab) des Comes umfasste folgende Ämter:[4]

  • Principem ex officiis magistrorum militum praesentalium alternis annis. (Kanzleileiter, wird jedes Jahr vom Heermeister neu bestellt)
  • Numerarios ex utrisque officiis omni anno (zwei Zahlmeister aus dem Stab des Heermeisters, werden jedes Jahr neu bestellt)
  • Adiutorem (Assistent)
  • Commentariensem ut supra (= wie oben, Buchführer und Rechtskundiger aus der Armee)
  • Subadiuuam (Hilfskraft)
  • Regrendarium (Verwalter)
  • Exceptores (Juristen)
  • Singulares et reliquos officiales (Leibwächter und sonstige Beamte)

Truppen[Bearbeiten]

Die Herkunft der Infanterieeinheiten des Comes ist in den meisten Fällen unklar. Dies gilt auch für seine Kavallerieeinheiten. Die britische Feldarmee war erst relativ spät aufgestellt worden. Ihre Einheiten wurden wohl fast zur Gänze aus der gallischen Armee herausgezogen. Aber nur wenig später mussten die meisten von ihnen wegen der dortigen militärisch prekären Lage wieder zurück nach Gallien geschickt werden. Viele von ihnen standen unter dem Befehl des Magister Equitum und waren zuerst den Limitanei des Dux Britanniarum an der Nordgrenze oder dem Befehlshaber der Sachsenküste (litus saxonicum) dem Comes litoris Saxonici per Britanniam zugeteilt gewesen. Danach wurden die Soldaten in die Feldarmee des Comes Britanniarum als Pseudocomitatenses eingegliedert um dann wiederum in die gallische Armee zurücktransferiert zu werden. Der Dienst in der britischen Feldarmee könnte somit auch eine Art Bewährungsprobe für eine Aufwertung zu Comitatenses gewesen sein. Vermutlich zwischen dem Zeitraum als die Notitia in ihrer Erstfassung zusammengestellt wurde – also in den frühen 390er Jahren – und dem ihrer letzten Aktualisierung um 425. Dies würde erklären warum so viele gallische Einheiten auch bei der britischen Feldarmee vorkommen. Die folgende Truppenliste findet sich in der ND Occ. im Kapitel VII (Magister peditum):[5]

Einheit Bemerkung Abbildung
Infanterie:
Victores luniores Britanniciani (auxilia palatinae) Die Forschung setzt sie mit den Victores iuniores gleich von der auch eine Kohorte in Spanien stationiert war.
Schildzeichen der Iuniores Britanniciani
Primani luniores (legiones comitatenses)
Secundani luniores (legiones comitatenses) Sie scheinen, wie die Secunda Britannica, in der Liste der des Magister Peditum eine Einheit der Legiones comitatenses zu sein, die auch in Gallien als Secundani Britones aufscheint. Die Bezeichnung Secunda in ihrem Namen läßt annehmen, dass sie wohl alle aus derselben Legion hervorgingen. Diese Einheit könnte eine Vexillation der britischen Stammlegion Legio II Augusta unter dem Comes Litoris Saxonici per Britanniam in Rutupiae (Richborough) gewesen sein.
Schildzeichen der Secunda Britannica
Kavallerie:
Equites Catafractarii iuniores Sie sind in der ND nicht in der Liste des Magister Equitum verzeichnet. In der Liste des Dux Britanniarum findet man jedoch einen Präfekten der Equites catafractarii befehligt, also steht die Anwesenheit einer Panzerreitereinheit in Britannien fest. Sie scheint der Armee des Comes Britanniarum viel später zugeordnet worden zu sein und gab damit auch ihren festen Stationierungsort auf.
Equites Scutarii Aureliaci Vermutlich dieselbe Einheit wie die der Numerus Maurorum Aurelianorum. Sie zählen zu den Limitanei, befehligt von einem Praefectus unter dem Dux Britanniarum. Die Einheit ist noch aus einer anderen Quelle bekannt ist. Eine Inschrift, die aus dem Kastell Burgh by Sans stammt (253–258), nennt einen Numerus Maur(o)rum Aur(elionorum) Valeriani Gallienia(ue). Der Begriff ‚Numerus‘ unterscheidet aber nicht, ob es sich um Legionäre oder Auxiliare handelt, zu Fuß oder zu Pferd; es bezeichnet einfach nur eine Schar Soldaten. Gallienus löste die Legionskavallerie in den 250er-Jahren aus dem Grenzheer und stellte mit ihnen neue Einheiten auf, diese ist offenbar eine von ihnen.
Equites Honoriani Seniores Eine Vexillation der Comitatenses. Die Reitereinheit stammt wohl ursprünglich aus der Armee des Magister Equitum per Gallias. Die Einheit findet sich auch in der gallischen Feldarmee.
Equites Stablesiani Es gibt zwei Einheiten der Gardereiterei die beide ursprünglich unter dem Befehl des Magister Equitum, stationiert in Afrika, in der ND Occ. verzeichnet werden. Die Equites italicani stablisiani und die Equites stablisiani seniores. Die britischen Equites stablisiani sind vielleicht eine von diesen beiden. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass deren Angehörige vom Praepositus equitum stablesianorum Gariannonensium befehligt wurden, also ursprünglich als unter dem Kommando des Comes Litoris Saxonici per Britanniam standen.
Equites Syri Die syrischen Reiter sind in ihrer Zuordnung ebenfalls ein Problem, da sie ebenfalls nicht in der Armee des Magister Equitum zu finden sind. Der Text von einem heute verschollenen Weihealtar aus Barboniaco (Kirkby Thore) enthält u.a. die Kürzel "NMSS".[6] Sie werden in der Forschung als N [umerus] M [ilitum] S [yorum] S [agittariorum] interpretiert. Berittene Bogenschützen würden auch gut zu einer orientalischen Einheit passen. Die Kopisten im Mittelalter könnten aber auch Syrien mit sagittarii verwechselt haben. In diesem Fall könnten sie Reiter einer der Ala-Einheiten sein, die vorher unter dem Kommando des Dux Britanniarum standen.
Equites Taifali Vermutlich eine der Einheiten die auch unter dem Dux Britanniarum verzeichnet werden. Es gibt sonst keinen schriftlichen Beweis für eine andere Taifalentruppe in Britannien. Sie sind vermutlich dieselben, die als Equites Honoriani iunores unter dem Kommando des Magister Equitum in Gallien angegeben sind.[7]
Schildzeichen der Equites Taifali

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  • RIB = Roman inscriptions in Britain
  1. A. H. M. Jones, The Later Roman Empire, 284–602, S. 1424; Ammianus Marcellinus 28,8 I.
  2. Michael Grant 1997, S. 346, Doel/Lloyd 2000, S.
  3. Doel/Lloyd, 2000, S. 22
  4. Officium autem habet idem vir spectabilis comites Britanniarum
  5. Intra Britannias cum uiro spectabili comite Britanniarum
  6. [1] RIB 764
  7. ND Occ. VII