Dieser Artikel existiert auch als Audiodatei.

Conradi-Affäre

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Conradi-Affäre war eine diplomatisch-politische Affäre zwischen der Schweiz und der damaligen, von der Schweiz noch nicht anerkannten Sowjetunion, die als Folge eines Racheaktes einer Privatperson zu Verstimmungen zwischen der Schweiz und der Sowjetunion beitrug.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infolge der russischen Oktoberrevolution von 1917 und des Schweizer Generalstreiks von 1918 herrschte im politische Klima in der bürgerlich geprägten Schweiz eine ausgesprochen antikommunistische Stimmung.[1]

Tat und Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. Mai 1923 erschoss der mindestens angetrunkene[2] Moritz Conradi (* 1896 in St. Petersburg[3]; † 1947 in Chur[4]) im Hotel Cécil in Lausanne den sowjetischen Diplomaten Wazlaw Worowski (russisch Вацлав Вацлавович Воровский).

Conradi entstammte der wohlhabenden Familie eines Bündner Schokoladenfabrikanten mit 500 Angestellten (siehe auch Engadiner Zuckerbäcker) und war in dritter Generation in Sankt Petersburg aufgewachsen. Er diente von 1914 bis 1921 während des Ersten Weltkrieges bei der russischen Armee und danach bei den Weissen Garden. Im 1921 floh er in die Schweiz. Der Mordanschlag war ein Racheakt als Folge der Entrechtung der Familie, der Verstaatlichung des Familienbesitzes und des folgenden Todes seines Vaters an Hunger und Krankheit. Sein Onkel und seine Tante waren erschossen worden.[5][2]

Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da der getötete Diplomat bei der Meerengen-Konferenz keine offizielle Akkreditierung besass, wurde der Mordfall von der Justiz des Kantons Waadt als normale Strafsache beurteilt. Der Genfer Rechtsanwalt Théodore Aubert plädierte 1923 als Verteidiger für einen Freispruch seines Mandaten, indem er das in der Schweiz von russischen Emigranten und repatriierten Russlandschweizern geprägte Klima zu einer Verurteilung der Bolschewiki als Täter ummünzte.[6] In der Folge wurde Moritz Conradi unter Zustimmung der Öffentlichkeit von den Geschworenen freigesprochen.[7]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl der Bundesrat das Urteil kritisierte,[8] schadete es der Schweiz als Völkerbund-Sitz und als Gastgeberin diverser internationaler Konferenzen. Zudem verschlechterten sich die Beziehungen der Schweiz zur Sowjetunion weiter, hatte doch die Sowjetunion unmittelbar nach der Tat die Schweizer Regierung direkt verantwortlich gemacht.[2]

Der Verteidiger Théodore Aubert gründete die rechtsbürgerliche «Entente internationale contre la IIIe Internationale», die auch als Liga Aubert bezeichnet wurde.

Wazlaw Worowski wurde unter grosser Anteilnahme in Form eines Staatsakts an der Nekropole an der Kremlmauer in Moskau bestattet.

Im Jahr 1945 entschuldigte sich die Schweiz und nahm 1946 mit der Sowjetunion diplomatische Beziehungen auf.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Annetta Gattiker: L’affaire Conradi. Herbert Lang, Bern 1975.
  • Alfred Erich Senn: Assassination in Switzerland: The murder of Vatslav Vorovsky. Madison, 1981, ISBN 0-299-08550-3.
  • Georges Capol: Die Affaire Conradi, 1923. Bündner Jahrbuch, Chur 2002, S. 159–171.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Urs P. Engeler: Grosser Bruder Schweiz, 1990
  2. a b c Die Conradi-Affäre, BAZ, 29. März 2017
  3. Thomas Widmer: Er glaubte, er sei Wilhelm Tell. In: Tages-Anzeiger vom 21. März 2017.
  4. Simon Hehli: Affäre Conradi. Sieben Kugeln gegen den Bolschewismus. In: Neue Zürcher Zeitung vom 9. Mai 2016.
  5. Die Affäre Conradi – Der Attentäter, Russland und die Schweiz, SRF, 29. März 2017
  6. Aubert, Théodore. Historisches Lexikon der Schweiz, abgerufen am 2. Januar 2010.
  7. Der falsche Tell aus Petersburg, NZZ, 29. März 2017
  8. Urs P. Engeler: Grosser Bruder Schweiz, 1990