Danzers Orpheum

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Danzers Orpheum, erhaltene Fassade in der Wasagasse 33
Die Bühne nach Gabor Steiners Renovierung seit 1900

Danzers Orpheum ist ein ehemaliges Theater im 9. Wiener Gemeindebezirk Alsergrund an der Wasagasse 33. Es fasste nach 1900 etwa 900 Sitzplätze, 20 Logen und 450 Stehplätze. Die Bühne wurde hauptsächlich als Theater für die Operette, Varieté und Revue bekannt.

Harmonietheater[Bearbeiten]

Ein Konsortium von Börsenspekulanten, deren gemeinsames Kapital unter dem Titel Harmonie gebündelt war, erbaute die „stattliche“, Liechtensteinstraße und Wasagasse verbindende Harmoniegasse. Nach deren Fertigstellung erwarben die Finanziers im Wege der Schauspielerin und Theaterdirektorin Amalia von Pasqualati (1818–1903) eine „sehr ausgedehnte“ Theaterkonzession[1] mit dem Ziel, durch das Einrichten eines „Kunsttempels“ dem Häuserensemble größeren Wert zu verleihen.[2]

Das Theater wurde 1864/65 von Otto Wagner anstelle des sogenannten Engelhauses erbaut und, als sechste Bühne Wiens,[2] am 20. Jänner 1866 unter dem sich auf die Verkehrsfläche beziehenden Namen, Harmonietheater, eröffnet.[3] Bis Mai 1867 stand es unter der Leitung der Konzessionsinhaberin.[4] Die „recht geschmackvoll dekorierte“ Bühne fasste bei nur einer Galerie und 20 Logen 800 Zuschauer.[5] Am Eröffnungsabend wurden vier einaktige „Novitäten“, zwei Lustspiele sowie zwei Operetten gegeben, darunter Ein Abenteuer auf Vorposten von Hippolyth Kneissler (1831–1883; Pseudonym für Erik Nessl) und der Musik von Francisco Asenjo Barbieri.

Erster Kapellmeister des Hauses war Carl Ferdinand Konradin (1833–1884), Zweiter Kapellmeister Carl Millöcker. Ludwig Anzengruber trat hier als Schauspieler auf. Im Spielplan waren Possen und Wiener Operetten.

Das Theater hatte eine Singspielhallen-Konzession und durfte nur Einakter aufführen. Gegenüber dem Theater an der Wien, das die vornehmen Operetten für das Großbürgertum aufführte, waren hier die leichteren Operetten wie etwa von Ernst Reiterer zu sehen, ähnlich wie im Strampfer-Theater oder im Fürst-Theater.

Danzers Orpheum[Bearbeiten]

1872 wurde es von dem Gastwirt Eduard Danzer übernommen, der ihm den Namen Danzers Orpheum gab und hauptsächlich Varieté-Programme veranstaltete.

Um 1900 wurde das Theater von Gabor Steiner übernommen, im neubarocken Stil glänzend ausstaffiert und als Winterspielstätte des Vergnügungsparks Venedig in Wien eingerichtet. Eröffnet wurde es mit der Operette Venus auf Erden von Paul Lincke in Anwesenheit des Bürgermeisters Karl Lueger. Die Konzession wurde erweitert, und es konnten auch Revuen mit größerem Bühnenaufwand gegeben werden. Edmund Eysler arbeitete hier als Korrepetitor. 1903 wurde hier die Operette Die schöne Griechin des späteren Hollywood-Komponisten Max Steiner aufgeführt. Bis 1904 wurde hier Fritzi Massary zum Star.

Neue Wiener Bühne[Bearbeiten]

1908 erhielt das Theater den Namen Neue Wiener Bühne und widmete sich fortan dem Schauspiel. Zum Beispiel erlebte hier im Januar 1910 ihre Uraufführung die Tragödie Der Moloch von Leo Birinski. Der Regisseur Emil Geyer machte es ab 1912 zu einer literarischen Bühne für das expressionistische Drama und führte Autoren wie Georg Kaiser und Ferdinand Bruckner auf. Eine der 11 gleichzeitigen Premieren erlebte hier am 28. September 1912 die Tragikomödie Narrentanz von Leo Birinski. Als Schauspieler wirkte hier etwa Alexander Moissi. Nachdem das Theater 1925 nochmals erfolglos zum Unterhaltungstheater umfunktioniert worden war, wurde es 1928 geschlossen. – Neue Wiener Bühne wurde auch ein Kleintheater an der Josefsgasse 8 genannt, das 1957–1960 in Betrieb war.

Literatur[Bearbeiten]

 Commons: Neue Wiener Buehne – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Andrea Harrandt: Harmonietheater. In: Oesterreichisches Musiklexikon. Online-Ausgabe, Wien 2002 ff., ISBN 3-7001-3077-5; Druckausgabe: Band 2, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2003, ISBN 3-7001-3044-9.
  • Hans Pemmer: Das Harmonietheater. 14. Sonderausstellung des Heimatmuseums Alsergrund vom 22. Mai bis 26. Juni 1966. In: Beiträge zur Heimatkunde des IX. Wiener Gemeindebezirks, Nr. 1. Heimatmuseum Alsergrund, Wien 1966, OBV.
  • Norbert Rubey, Peter Schoenwald: Venedig in Wien. Theater- und Vergnügungsstadt der Jahrhundertwende. Ueberreuter, Wien 1996, ISBN 3-8000-3542-1, S. 27 f.
  • Gotthard Böhm: Geschichte der Neuen Wiener Bühne. Zwei Bände. Dissertation. Universität Wien, Wien 1966, OBV.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kratz & (Alexander) StrakoschAn die P. T. Bewohner Wiens!. In: Das Vaterland, Nr. 294/1865, 24. Dezember 1865, S. 6 (unpaginiert), unten links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/vtl.
  2. a b Die Eröffnung des Harmonietheaters. In: Das Vaterland, Nr. 18/1866 (VII. Jahrgang), 24. Jänner 1866, S. 1 (unpaginiert) unten. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/vtl.
  3. Harmonietheater. In: Wiener Zeitung, Nr. 18/1866, 21. Jänner 1866, S. 221, Mitte oben. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wrz
  4. E(dgar) Marktl: Pasqualati und Osterberg, Amalia Freifrau von. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 7. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1978, ISBN 3-7001-0187-2, S. 334.
  5. Wiener Local-Zeitung. (…) Das sechste Theater Wiens. In: Das Vaterland, Nr. 9/1866 (VII. Jahrgang), 13. Jänner 1866, S. 3 (unpaginiert), Spalte 3 unten. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/vtl.

48.219561816.3589146Koordinaten: 48° 13′ 10″ N, 16° 21′ 32″ O