Die letzte Welt

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Ovid wird aus Rom verbannt. Gemälde von William Turner, 1838

Die letzte Welt ist ein Roman von Christoph Ransmayr, der 1988 veröffentlicht wurde.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cotta, ein Bewunderer des Ovid, reist nach Tomi (heute Constanța) ans Schwarze Meer, um Gerüchte zu untersuchen, dass Ovid dort im Exil verstorben sei.

Er stößt auf eine Stadt, die mit den Figuren aus Ovids Metamorphosen bevölkert ist, und findet zwar Spuren des Dichters, nicht jedoch ihn selbst. Cotta verbringt einige Zeit in der eisernen Stadt Tomi und erlebt, wie ein zweijähriger Winter endet und durch den Frühling langsam die Natur Tomi zurückgewinnt. Cotta beginnt eine Beziehung zu der entstellten Echo, die ihm von den Geschichten Ovids, der angeblich Geschichten in erlöschenden Feuern lesen konnte, erzählt. Diese Geschichten enden – bis auf eine – mit der Verwandlung der Protagonisten in Steine, weshalb Cotta beschließt, Nasos Erzählungen zu sammeln und im Buch der Steine wiederzugeben, nachdem Ovids Werk von ihm selbst vor Antritt seiner Reise verbrannt worden war.

Im Laufe der Erzählung verändert sich Cottas Leben auf bizarre Weise. Ihm droht der Verlust des Selbst. Schließlich begibt er sich auf den Weg in das nahe Tomi gelegene Gebirge. An dieser Stelle endet die Erzählung.

In Rückblenden wird im Verlauf des Romans erzählt, wie Ovids Leben und seine literarischen Veröffentlichungen durch eine Verkettung von Ereignissen zu seiner Verbannung aus Rom führten: Bereits seine ersten Werke, die den streng geordneten Machtapparat Roms kritisieren, lassen die Staatsoberhäupter auf ihn aufmerksam werden. Trotz seines literarischen Erfolges unter der Bevölkerung wird er verbannt, nachdem er bei der Eröffnung eines Stadions eine gewagte Rede hält, die sämtliche Ehrerbietung gegenüber dem Imperator vermissen lässt.

Kapitel 1

Die Suche Cottas nach Naso bzw. den Metamorphosen beginnt. Mit dem Schiff kommt er nach einer siebzehntägigen Reise in Tomi an. Dort will er das Gerücht untersuchen, dass Naso tot sei. Cotta lernt die Dorfbewohner kennen. Dann macht er sich auf nach Trachila, wo Naso ein Haus gehabt haben soll. Dort angekommen befindet er sich zwischen Ruinen. Nur ein einziges Haus ist noch heil. Er betritt es und durchsucht es. Nach einiger Zeit findet er einen verstörten Mann unter der Treppe sitzen – zuerst denkt er, dass es sich um Naso handelt, dann allerdings erkennt er, dass es sich nur um seinen Knecht Pythagoras handelt, der geistig verwirrt ist und wirres Zeug vor sich hin redet. Cotta erzählt Pythagoras von Nasos letztem Tag in Rom.

Kapitel 2

Cyparis, der Liliputaner, ist neben Cotta die zentrale Figur des zweiten Kapitels. Alljährlich im August besucht er Tomi, um von seinen Reisen zu berichten. Immer dabei ist sein alter Planwagen, begleitet von einem Hirsch, um seine Lichtspiele vorzuführen. Die Bewohner der Stadt werden detailliert beschrieben.

Kapitel 3

Cotta trifft auf der Suche nach dem Buch Metamorphoses auf Nasos Knecht Pythagoras, der Cotta in Nasos Garten führt. Dort befinden sich Steine mit einer zerstückelten Botschaft Nasos. Daraufhin erinnert sich Cotta an Nasos Verbannung aus Rom durch den Imperator Augustus, aufgrund seiner Respektlosigkeit gegenüber dem Imperator und der freien Interpretation seiner Texte.

Kapitel 4

Cotta findet das Haus Nasos, übernachtet dort und flieht im Fieberwahn zurück nach Tomi. Auf dem Weg glaubt er Naso zu sehen, aber es ist Battus.

Kapitel 5

Es wird Frühling. Cotta lernt Echo im Seilerhaus kennen und bemerkt ihre Krankheit. Im Laufe der Zeit entdeckt er ihre wahre Schönheit und verliebt sich in sie. Cotta fragt sie über Nasos Flucht aus.

Kapitel 6

Die Veränderungen der Stadt Tomi werden während des Frühlings deutlich. Cotta und Echo nähern sich an und er erfährt viele Geheimnisse über die Stadt Tomi und ihre Bewohner von ihr. Es geht um Nasos Auflehnung gegen den Imperator und seine Verbannung sowie die Auswirkungen auf die römische Gesellschaft.

Kapitel 7

Der Erzähler berichtet von der Verbannung Nasos und wie es dazu kam, dass Cotta den Weg nach Tomi auf sich nahm, um die Wahrheit über Naso herauszufinden. Cotta erhält durch Echos Hilfe genauere Hinweise zu den Metamorphosen. Basis ihrer Unterhaltung sind die Geschichten Nasos, die Echo Cotta anvertraut. Nach einem starken Unwetter, welches sehr an eine der Geschichten erinnert, ist Echo verschwunden.

Kapitel 8

Nasos Knecht Pythagoras kommt in die Stadt, um seine Vorräte aufzufüllen, erinnert sich jedoch nicht an Cotta und dessen Besuch. Dieser begleitet den Knecht daraufhin nach Trachila und erfährt, dass die Weberin Arachne Nasos Erzählungen in ihren Teppichen mit Himmels- und Vogeldarstellungen festhält. Durch einen Besuch Arachnes kommt Cotta der Gedanke, dass die Metamorphosen eine Geschichte der Natur seien.

Kapitel 9

Der August bringt einen heißen Sommer und viel Ungeziefer mit sich. Als die Argo auftaucht, kaufen die Bewohner viele der mitgebrachten Waren. Fama erhält endlich ihr Episkop. Die Bewohner sind fasziniert, besonders Battus ist besessen von dem Gegenstand. Eines Nachts verwandelt sich Battus vor dem Episkop in Stein.

Kapitel 10

Thies und Tereus versuchen vergeblich, die Verwandlung des versteinerten Battus rückgängig zu machen. Nach erfolglosen Versuchen sperrt Fama sich wütend in ihrem Laden ein und verlässt ihn erst wieder nach acht Tagen, in denen sie Battus schmückt. Vorerst ist der Versteinerte eine Sensation, aber nach und nach gewöhnen sich die Einwohner an ihn. Cotta macht sich nun, nach längerer Zeit, die er im Haus des Seilers verbrachte und wo ihn merkwürdige Träume verfolgten, auf den Weg nach Trachila, um Naso zu finden.

Kapitel 11

Cotta ist im Gebirge unterwegs nach Trachila. Der kräftezehrende Weg bringt ihn an seine Grenzen. Aufgrund eines Umweges trifft er auf die untergegangene Stadt Limyra und bleibt über Nacht. Am nächsten Tag macht er sich wieder entschlossen Richtung Trachila auf und erreicht sein Ziel.

Kapitel 12

Cotta besucht erneut die Ruinenstadt Trachila. Dort sieht er Naso und Pythagoras. Als sich herausstellt, dass es sich dabei um eine Einbildung handelt, hält er sich für verrückt und verfällt in Verzweiflung. Er irrt zwei Tage durch die Trümmer der Stadt und kehrt anschließend nach Tomi zurück.

Kapitel 13

Die Gebirgsbewohner flüchten vor Steinlawinen in die Stadt. Während Tomi immer mehr verwildert, übernimmt Cotta das Haus des Seilers und ordnet dort die gefundenen Stofffetzen mit Nasos Geschichten. Zudem verbringt er viel Zeit in Famas Laden, die ihm die einzelnen Geschichten der Bewohner erzählt.

Kapitel 14

Die Stadt Tomi vollzieht die vollendete Metamorphose zum Urwald. Es kehrt die totgeglaubte Schwester von Procne zurück, deren Zunge vom Schlachter Tereus herausgerissen wurde, weshalb sie verstummt ist.

Kapitel 15

Als Tereus nachts ins Dorf zurückkehrt, findet er seinen Sohn Itys tot auf. Für Tereus steht fest, dass es sich bei dem Mörder nur um seine Frau handeln kann. Er beschließt diese aufzusuchen, um sie zu töten. Als er sie findet, verwandeln sich Tereus, Procne und die anderen Bewohner Tomis in Vögel.

Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auffällig ist die Vermischung der Zeitebenen der Antike (genaue Zeitspanne: 8 bis 17 n.Chr.) und der Gegenwart. Beispielsweise führt der zwergwüchsige Cyparis Filme vor, und Ovid schickt seiner Frau Cyane ein Foto der Stadt Tomi.

Neben der Chronologie bildet der Autor auch die Geographie realitätsfremd ab. Beispielsweise liegt Tomi/Constanța an einer flachen Küste, die in starkem Kontrast zur beschriebenen Steilküste mit dahinter liegendem Gebirge steht. Auch Rom ist in seinen geographischen Eigenschaften ein Kontrast zur historischen Hauptstadt des römischen Reiches.

Charaktere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Charaktere der letzten Welt sind mythologischen oder historischen Ursprungs und teilweise aus Ovids Werken entnommen.

  • Alcyone, Figur eines Dramas, das Cyparissus vorführt
  • Arachne, Taubstumme Weberin von Tomi
  • Augustus, Kaiser Roms
  • Battus, fallsüchtiger Sohn der Krämerin Fama
  • Ceyx, Figur eines Dramas, das Cyparissus vorführt
  • Cotta, Hauptfigur, die sich auf der Suche nach Ovid nach Tomi begibt
  • Cyane, Frau des verbannten Ovids
  • Cyparissus (orig. Cyparis), zwergwüchsiger wandernder Filmvorführer
  • Echo, Vertraute Cottas, die ein wandernder Schuppenfleck entstellt
  • Fama, Krämerin von Tomi und Mutter von Battus
  • Itys, Sohn des Schlachters Tereus und seiner Frau Procne
  • Lykaon, Seiler von Tomi, vermietet Cotta ein Zimmer
  • Naso, Cognomen Ovids, mit dem der Dichter im Roman bezeichnet wird
  • Procne, kränkliche Frau von Tereus, dem Schlachter
  • Proserpina, Verlobte des Totengräbers von Tomi, Thies
  • Pythagoras, verwirrter Knecht Nasos
  • Tereus, brutaler Schlachter Tomis und Ehemann Procnes
  • Thies (Dis Pater), Salbenrührer und Totengräber, der im Krieg von Deutschland nach Tomi verschlagen wurde

Rezension[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die letzte Welt war eines der erfolgreichsten literarischen Werke 1988. Der Roman wurde zunächst von Zeitungen wie dem Spiegel, der taz oder Zeit gelobt.

Einige führten den Erfolg des Romans ausschließlich auf die geschickte Vermarktung des Werkes durch den Greno Verlag und die Unterstützung Hans Magnus Enzensbergers zurück. Die letzte Welt erschien zuerst in der von Enzensberger herausgegebenen Reihe Die Andere Bibliothek.

Politische Brisanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dass der Roman politisch brisant ist, beweist ein Vorfall in Rumänien: Die dortigen Autoritäten wollten Die letzte Welt nicht in einer Anthologie zulassen, da „darin zu deutlich auf die rumänischen Verhältnisse und die Rolle des großen Conducators (Nicolae Ceaușescu) Bezug genommen werde.“ Ransmayr äußerte sich selbst dazu: „Ich habe damals eine fast kindliche Genugtuung darüber empfunden, dass immerhin ein Betroffener, der Zensor, eine Passage der Letzten Welt durchaus richtig verstanden hat.“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erstausgabe: Die letzte Welt. Roman. Mit einem Ovidischen Repertoire. Ziffernzeichnungen von Anita Albus. In: Die andere Bibliothek. Herausgegeben von Hans-Magnus Enzensberger. Greno, Nördlingen 1988, ISBN 3-89190-244-1.
  • Taschenbuchausgabe: Fisch Tb 1690. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-596-29538-6.
  • Gebundene Ausgabe: Fischer, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-10-062939-5.
  • Hörbuch: Christoph Ransmayr liest Christoph Ransmayr: Die letzte Welt. Ungekürzte Autorenlesung. ORF. Regie: Harald Krewer. Argon, Berlin 2008, ISBN 978-3-86610-431-0. 8 CDs mit Booklet.

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Oldenbourg Interpretationen Nr. 59, Die letzte Welt, München 1992, ISBN 3-486-88658-4.
  • Martin Kiel: Nexus. Postmoderne Mythenbilder. Vexierbilder zwischen Spiel und Erkenntnis. Mit einem Kommentar zu Christoph Ransmayrs „Die letzte Welt“. Frankfurt 1996, ISBN 3-631-30055-7.
  • Uwe Wittstock (Hrsg.): Die Erfindung der Welt – Zum Werk von Christoph Ransmayr. Fischer tb, 2004.
  • Thomas Neukirchen: "Aller Aufsicht entzogen": Nasos Selbstentleibung und Metamorphose. Bemerkungen zum (Frei-)Tod des Autors in Christoph Ransmayrs Roman ‚Die letzte Welt‘. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift 52 (2002) (FS Conrad Wiedemann), S. 191-209.