Dieter Giesing

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Dieter Giesing (* 21. Mai 1934 in Memel/Ostpreußen, heute Klaipėda in Litauen) ist ein deutscher Theaterregisseur.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1944 floh Giesings Familie vor den russischen Truppen nach Tübingen. An der dortigen Eberhard-Karls-Universität sowie an der Ludwig-Maximilians-Universität München studierte Giesing Romanistik, Germanistik und Kunstgeschichte. Er leitete die Studentenbühne Tübingen und inszenierte erste Stücke von Ionesco, Adamov und Günter Grass. Bereits während des Studiums arbeitete Giesing als Regieassistent von Erwin Piscator bei dessen Inszenierungen an verschiedenen Theatern. Er erhielt ein festes Engagement als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen.

1964 debütierte er als Regisseur mit Harold Pinters Stück „Kollektion“ im Werkraum der Münchner Kammerspiele und arbeitete mit Hans Schweikart zusammen. In diese Jahre fiel der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft mit Peter Stein und dem Maler Gerhard Richter. Weitere überregional beachtete Inszenierungen Giesings waren unter anderem die von Harold Pinters „Heimkehr“ und Mrozeks „Tango“ mit der jungen Hannelore Elsner.

Von 1968 bis 1972 war Giesing Oberspielleiter an den Münchner Kammerspielen (Chefdramaturg: Ivan Nagel). Im Anschluss war er bis 1976 Schauspieldirektor am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Intendant: Ivan Nagel). Mit seinen Regiearbeiten, insbesondere mit den Inszenierungen von Stücken Wedekinds, Sternheims und Gorkis, bezog Giesing eine differenzierte Position gegen einen ideologischen Realismus dieser Zeit und belebte so die ästhetische Diskussion der 1970er Jahre. In Hamburg begann seine Zusammenarbeit mit Hans-Michael Rehberg, u.a. in Kipphardts „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ und in der Uraufführung von „Trilogie des Wiedersehens“ von Botho Strauß. Dieses Stück inszenierte Giesing auch als amerikanische Erstaufführung in San Francisco. Das Werk von Botho Strauß nimmt in Giesings Regielaufbahn eine wichtige Rolle ein, wie weitere Inszenierungen, u.a. „Die Zeit und das Zimmer“ (mit Catrin Striebeck) am Schauspielhaus Bochum und „Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia“ (mit Johanna Wokalek) am Burgtheater, beweisen. Am Bayerischen Staatsschauspiel spielte Hans-Michael Rehberg in der von Dieter Giesing inszenierten Uraufführung von Kipphardts Stück „Bruder Eichmann“. In Stuttgart inszenierte Giesing, ebenfalls mit Hans-Michael Rehberg als Darsteller, David Mamets „Hanglage Meerblick“ und die Deutschsprachige Erstaufführung von Harold Pinters „Noch einen Letzten“. Mit „Gunst der Stunde“ an der Freien Volksbühne Berlin inszenierte Giesing ein weiteres Stück des von ihm favorisierten Autors David Mamet (mit Gerd Böckmann und Hans-Michael Rehberg).

Über Giesings Inszenierung von Isaak Babels „Sonnenuntergang“ 1993 am Akademietheater (Wien) schrieb Sigrid Löffler in Theater heute, 1993/6: „Es gelingt dem Regisseur Dieter Giesing die ganze Vielschichtigkeit dieses selten gespielten Stücks ebenso kraftvoll wie behutsam zum Vorschein zu bringen – die leuchtend-bunte Oberfläche und alles Tiefersitzende, Abseitige, Nächtige. Giesing inszeniert den Reichtum und die vitale Farbigkeit des Ostjudentums - samt Rebbe, Schammes und Schadchen. (...) Und Giesing lässt immer auch den archetypischen Konflikt, den Menschheitsmythos mit durchschimmern, den uranoshaften Göttersturz, den Urfrevel – den Urmord der Urhorde am Urvater.“

Unter der Intendanz von Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum inszenierte Giesing 2001 die Deutschsprachige Erstaufführung von Martin Crimps „Auf dem Land“ und 2003 die Deutschsprachige Erstaufführung von Fosses „Schönes“. In beiden Inszenierungen spielte Burghart Klaußner, mit dem Giesing zuvor schon in Zürich gearbeitet hatte, die männliche Hauptrolle. 2011 inszenierte Giesing am Burgtheater Arthur SchnitzlersProfessor Bernhardi“ mit Joachim Meyerhoff in der Titelrolle und Caroline Peters in der Rolle des Professor Cyprian. In der ZEIT vom 20. April 2011 schrieb Peter Kümmel: „Das Burgtheater entdeckt Schnitzlers Komödie „Professor Bernhardi“ neu. Dieter Giesing nimmt sich in Wien die Zeit, ein kompliziertes soziales Kunstwerk mimetisch zu erschaffen und zu durchleuchten: eine Intrige. Er zeigt, wie aus ihr Politik und schließlich, mit einem „Na“, ein Verbrechen wird. Man hat das schon lange nicht mehr so klar gesehen wie hier.“

2012 wandte sich Giesing wieder einem zeitgenössischen Autor zu und inszenierte am Schauspiel Köln die deutsche Erstaufführung von Simon Stephens' „Wastwater“ (unter der Intendanz von Karin Beier).

Giesing lebt mit der Drehbuchautorin Maria Scheibelhofer in Hamburg und in Wien.

Wichtige Inszenierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Förderungspreis der Stadt München (1967)
  • Einladung zum Berliner Theatertreffen mit:
    • Lars Noréns „Dämonen“ (1985)
    • David Mamets „Hanglage Meerblick“ (1986)
    • Isaak Babels „Sonnenuntergang“ (1994)
  • Bayerischer Staatspreis für die Beste deutschsprachige Aufführung 1998 („Die Schwärmer“ von Robert Musil; Schauspielhaus Zürich)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]