Eberhard Lämmert

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Eberhard Lämmert (* 20. September 1924 in Bonn; † 3. Mai 2015 in Berlin) war ein deutscher Germanist und Komparatist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eberhard Lämmert begann zunächst ein Studium der Bergbauwissenschaften Mineralogie und Geologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dann studierte er Germanistik, Geschichte und Geografie an den Universitäten München und Bonn. 1952 wurde Lämmert durch die von Günther Müller betreute Dissertation Aufbauformen und Fügemittel des Erzählens promoviert.[1] 1960 folgte seine Habilitation für mittelalterliche und neuere Deutsche Philologie in Bonn. Wegweisend war sein Vortrag beim Deutschen Germanistentag 1966 über „Germanistik – eine deutsche Wissenschaft“ als Plädoyer für „die endgültige Verabschiedung ihrer Tradition als nationale Wissenschaft“.[2] Lämmert lehrte in Heidelberg und Berlin. Auf die rebellierenden Studenten während der Proteste von 1967 reagierten Eberhard Lämmert und sein Kollege Peter Szondi "mit einer bemerkenswerten Noblesse".[3] Von 1977 bis zu seiner Emeritierung 1992 war Lämmert als Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin tätig. Parallel zur Lehre und Forschung hat sich Lämmert institutionell engagiert:

Als Nachfolger von Rolf Kreibich war er von 1976 bis 1983 Präsident der Freien Universität Berlin. In diesem Amt setzte sich Lämmert für eine Gruppenuniversität und für eine Kultur des Dialogs ein. Und er war ein Gegner des Radikalenerlasses.[3]

Von 1992 bis 1996 leitete Lämmert den Forschungsschwerpunkt Literaturwissenschaft innerhalb der Fördergesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben, der die Arbeit des Zentralinstituts für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR fortführte.[3] Die Fördergesellschaft wurde damals von der Max-Planck-Gesellschaft betreut. Daraus entstand in Berlin das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, dessen Gründungsdirektor Lämmert von 1996 bis 1999 war.

Von 1998 bis 2004 war Lämmert Ko-Direktor am Forschungszentrum Europäische Aufklärung in Potsdam und von 1988 bis 2002 Präsident der Deutschen Schillergesellschaft – verbunden mit der Leitung des Literaturarchivs in Marbach.[3]

Eberhard Lämmert starb am 3. Mai 2015 im Alter von 90 Jahren in Berlin.[4]

Position[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eberhard Lämmert hat sich durch seine Dissertation, die 1955 unter dem Titel Bauformen des Erzählens erschien, einen Rang unter den Erneuerern der deutschen Germanistik der 1950er Jahre erarbeitet. Als einer der ersten Literaturwissenschaftler versuchte er, eine systematische Beschreibung der epischen Erzählung zu liefern. Gemeinsam mit Franz Karl Stanzel und Käte Hamburger stellte Lämmert in der deutschen Literaturwissenschaft einer werkimmanenten Interpretation nunmehr eine analytisch-funktionale Methodik entgegen. Der analytische Kern war dabei die differenzierende und systematisierende Darlegung der „Beziehung von Erzählzeit und erzählter Zeit“: Lämmert unterschied zwischen zeitraffendem, zeitdehnendem und zeitdeckendem Erzählen. Er trug weiterhin verschiedene, vielfach kombinierbare Raffungsformen und Raffungsintensitäten zusammen, die das Erzähltempo eines Textes bestimmen.[5]

Lämmerts analytische Begrifflichkeit galt seit den 1960er Jahren als literaturwissenschaftliches Elementarwissen und wurde erst in neuerer Zeit durch die systematischere und trennschärfere Terminologie des französischen Literaturtheoretikers Gérard Genette verdrängt, der ebenfalls den Zeitstrukturen besonderes Gewicht einräumt.[6]

Seine Arbeitsschwerpunkte waren Literaturtheorie, Geschichte der literarischen Gattungen, Erzählkunst, Literatur des späten Mittelalters, Geschichte des freien Schriftstellers vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Wissenschaftsgeschichte und Bildungspolitik.[7]

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lämmert hat von 1954 bis 2003 ca. 190 Aufsätze zur Literaturtheorie und Literaturgeschichte, zur Wissenschaftsgeschichte und zur Bildungspolitik veröffentlicht.

Monografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bauformen des Erzählens. Zugleich Dissertation von 1952. Metzler, Stuttgart 1955.
  • Reimsprecherkunst im Spätmittelalter. Eine Untersuchung der Teichnerreden. Metzler, Stuttgart 1970.
  • Die Entfesselung des Prometheus. Selbstbehauptung und Kritik der Künstlerautonomie von Goethe bis Gide. 1985.
  • Die Geisteswissenschaften im Industriezeitalter. Hagen 1986.
  • Das überdachte Labyrinth. Ortsbestimmungen der Literaturwissenschaft 1960–1990. Metzler, Stuttgart 1991, ISBN 3-476-00694-8.
  • Coping with the ever growing body of human knowledge. Instituto de Estudos Avançados, Universidade de São Paulo 1994.
  • Vorreden. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach 1999.
  • Respekt vor den Poeten. Studien zum Status des freien Schriftstellers. Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0526-7.
  • Erfahrung mit Literatur: Gesammelte Schriften. Weidmann, Hildesheim 2012, ISBN 978-3-615-00401-4.

Herausgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Werner Richter: Wilhelm Scherer, Erich Schmidt. Briefwechsel. Erich Schmidt, Berlin 1963.
  • Friedrich von Blanckenburg. Versuch über den Roman. Faksimileausgabe mit Inhaltsübersicht, Register, Nachwort u. Biographischer Notiz. Metzler, Stuttgart 1965.
  • mit Walter Killy, Karl Otto Conrady u. Peter von Polenz: Germanistik – eine deutsche Wissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1967.
  • mit Hartmut Eggert, Karl-Heinz Hartmann, Gerhard Hinzmann, Dietrich Scheunemann u. Fritz Wahrenburg: Romantheorie. Dokumentation ihrer Geschichte in Deutschland. 2. Bde., Kiepenheuer & Witsch, Köln 1971 u. 1975, ISBN 3-462-00789-0.
  • mit Lieselotte Maas: Handbuch der Deutschen Exilpresse 1933–1945. Hanser, München/ Wien 1981.
  • Erzählforschung. Ein Symposion. Metzler, Stuttgart 1982, ISBN 3-476-00472-4.
  • mit Horst Denkler: „Das war ein Vorspiel nur …“. Berliner Colloquium zur Literaturpolitik im 'Dritten Reich'. Frölich und Kaufmann, Berlin 1985, ISBN 3-88331-936-8.
  • mit Jörn Rüsen u. Peter Glotz: Die Zukunft der Aufklärung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988.
  • mit Justus Fetscher, Jürgen Schutte: Die Gruppe 47 in der Geschichte der Bundesrepublik. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991.
  • Die erzählerische Dimension. Über eine Gemeinsamkeit der Künste. Akademie Verlag, Berlin 1999.
  • „Für Viele stehen, indem man für sich steht.“ Formen literarischer Selbstbehauptung in der Moderne. Akademie-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-05-004007-6.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Winfried Menninghaus, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Literaturwissenschaft und politische Kultur. Für Eberhard Lämmert zum 75. Geburtstag. Metzler, Stuttgart 1999, S. 1 u. 303.
  2. Lothar Müller: Aufbruch in die Weltliteratur. Der Germanist Eberhard Lämmert ist gestorben. In: Süddeutsche Zeitung, 5. Mai 2015, S. 14.
  3. a b c d Winfried Menninghaus, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Literaturwissenschaft und politische Kultur. Für Eberhard Lämmert zum 75. Geburtstag. Metzler, Stuttgart 1999, S. 2–3.
  4. Germanist Eberhard Lämmert gestorben: Langjähriger FU-Präsident. In: Focus vom 4. Mai 2015 (abgerufen am 4. Mai 2015).
  5. Helga Bleckwenn: Morphologische Poetik und Bauformen des Erzählens. In: Wolfgang Haubrichs (Hrsg.): Erzählforschung, Band 1, Göttingen 1976, S. 184–223.
  6. Universität Duisburg-Essen, Gattungen und Textstrukturen I
  7. Zentrum für Literatur- und Kulturforschung