Franz Karl Stanzel

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Franz Karl Stanzel (* 4. August 1923 in Molln) ist ein österreichischer Anglist und Literaturwissenschaftler.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Frühjahr 1940 schloss sich Stanzel, damals ein begeisterter junger Nationalsozialist, der Kriegsmarine des Deutschen Reichs an. Um dem Kleinstadtleben und der Strenge der Schule zu entgehen, meldete er sich freiwillig. 1942 geriet er nach der Versenkung seines U-Bootes im Mittelmeer in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung aus Kriegsgefangenenlagern in England und Kanada[1] begann er in Graz, u.a. bei Herbert Koziol, Anglistik zu studieren.

Stanzel habilitierte sich 1955 und erhielt eine Dozentur in Göttingen. 1959 wurde er auf ein Ordinariat in Erlangen berufen, 1962 auf die Koziol-Nachfolge in Graz. Heute ist er ein emeritierter Professor der Anglistik an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Seit den 1950er Jahren erarbeitete Stanzel eine analytische Typologie für die Untersuchung der Erzählperspektive narrativer Texte. Sein Typologisches Modell der Erzählsituationen wird (trotz häufiger Kritik) innerhalb der Germanistik nach wie vor als Bestandteil von Einführungskursen in die Analyse erzählender Texte für Studienanfänger der philologischen Fächer gelehrt (siehe zum Beispiel die Einführungen von Ansgar Nünning). Erst seit den späten 1990er Jahren gibt es eine stärkere Konkurrenz durch das Erzählmodell des französischen Narratologen Gérard Genette im deutschsprachigen Raum.

Stanzel steht wissenschaftsgeschichtlich neben Käte Hamburger und Eberhard Lämmert. Er war von der anglo-amerikanischen Tradition (Percy Lubbock, Melvin Friedman) geprägt. Das Grundmodell seiner Erzähltypologie stammt aus der Habilitationsschrift Die typischen Erzählsituationen im Roman (1955). Es wurde unter dem Einfluss der modernen Sprachwissenschaft überarbeitet und 1979 in seiner Theorie des Erzählens (2. veränd. Aufl. 1982) publiziert. Eine international stark rezipierte englische Übersetzung mit dem Titel A Theory of Narrative erschien 1984 bei der Cambridge University Press.

Das von Stanzel vorgelegte Erzählmodell zeichnet sich durch drei sogenannte Erzählsituationen aus: die Icherzählung (hier ist der Erzähler auch gleichzeitig Protagonist auf der Handlungsebene der Geschichte -- Beispiel: Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull); die auktoriale Erzählungsituation (hier ist der Erzähler, der durchaus auch mit 'ich' auf sich referieren kann, keine der handelnden Figuren, sondern steht über der erzählten Welt, daher dem Autor näher ('auktorial'), und kommentiert als Autorität die fiktionale Welt, zum Beispiel: Wilhelm Meisters Lehrjahre); und die personale Erzählsituation (hier scheint es keine Erzählerfigur zu geben, die fiktionale Welt wird durch die Augen einer oder mehrerer Figuren geschildert, häufig unter Anwendung von erlebter Rede oder von innerem Monolog, als Beispiel: Hermann Brochs Der Tod des Vergil).

Die drei Erzählsituationen sind als typisch in Vorwegnahme der prototypischen Kategorien der kognitiven Linguistik konzipiert: einzelne Romane entsprechen jeweils nur teilweise einer typischen Erzählsituation oder mischen auch mehrere dieser in ihrem Text. Die Erzählsituationen sind auf einem Kreis (dem typologischen Kreis) angeordnet, um zu zeigen, dass es in der Geschichte der Literatur alle möglichen Ausformungen der Erzählung gibt und dass die Felder zwischen den Erzählsituationen ineinander übergehen. So ist der periphere Icherzähler (z. B. Serenus Zeitblom in Thomas Manns Doktor Faustus) ein Ich-Erzähler, der nur mehr marginal als handelnde Person tätig ist und sich daher bereits der Funktion eines Herausgebers und in weiterer Folge eines auktorialen Erzählers annähert.

In der überarbeiteten Form der Theorie in Theorie des Erzählens werden die drei Erzählsituationen mit drei Achsen kombiniert. So ist die Icherzählsituation mit der Achse Person (Identität – Nicht-Identität der Seinsbereiche zwischen Erzähler und Figurenwelt) assoziiert; das konstituierende Merkmal der Icherzählsituation ist, dass sie am Typenkreis um den Pol Identität der Seinsbereiche platziert ist. Die auktoriale Erzählsituation wird durch den Pol Außenperspektive der Achse Perspektive konstituiert (Außen- vs. Innenperspektive); die personale Erzählsituation durch den Pol Reflektor der Achse Modus (Erzähler- vs. Reflektormodus). Die unter anderem auf linguistischen Einsichten des germanistischen Linguisten Roland Harweg basierende Unterscheidung von emischen und etischen Textanfängen basierende Unterscheidung zwischen Erzähler- und Reflektormodus stellte seinerzeit eine wesentliche Erweiterung erzähltheoretischer Erkenntnisse dar. Sie entwickelt frühere Unterscheidungen zwischen telling und showing (Percy Lubbock) und erklärt die erst seit dem späten 19. Jahrhundert existierende personale Erzählsituation als eine Illusion unmittelbarer Teilhabe am Geschehen durch den Wegfall einer sich als Vermittler in den Vordergrund drängenden Erzählerfigur.

Neben seinen narratologischen Forschungen hat F. K. Stanzel auch wichtige Arbeiten in der Stereotypenforschung (Imagologie), zu den k.u.k.-monarchischen historischen Hintergründen von Leopold Bloom in James Joyce' Roman Ulysses und zum Versehen (Telegonie – Fernzeugung, 2008) geliefert.

2015 erhielt Stanzel die Ehrendoktorwürde der Philipps-Universität Marburg.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die typischen Erzählsituationen im Roman. Dargestellt an Tom Jones, Moby Dick, The Ambassadors, "Ulysses" u.a. Wien 1955
  • Typische Formen des Romans. Göttingen 1964 (Neuauflagen)
  • Theorie des Erzählens. Göttingen 1979 (8. Aufl. 2009)
  • Europäer: ein imagologischer Essay. 2., akt. Aufl. Winter, Heidelberg 1998
  • Unterwegs. Erzähltheorie für Leser. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002 ISBN 978-3-525-20823-6
  • Telegonie. Fernzeugung. Böhlau, Wien 2008 ISBN 3-205-77695-X
  • Welt als Text: Grundbegriffe der Interpretation. Königshausen & Neumann 2011 ISBN 978-3-8260-4669-8
  • Verlust einer Jugend. Autobiographie. 2013

Als Stifter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • "Förderpreis Franz Karl Stanzel" am Bundesrealgymnasium Steyr Michaelerplatz, erstmals verliehen 2017, dotiert mit 1000 €. Dieser Preis an seiner alten Schule lehrt die Jugendlichen, wie wichtig es ist, aktuelle politische und gesellschaftliche Strömungen zu reflektieren sowie Meinungen nicht kritiklos zu übernehmen.[2]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Literatur von und über Franz Karl Stanzel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Franz K. Stanzel: Warum Milly blond ist. (Memento vom 29. Dezember 2014 im Internet Archive) Feldkirch und Mürzsteg, Weininger und Mozart: Was man als „matter of Austria“ in James Joyce' „Ulysses“ und auch in dessen Lebensgeschichte bezeichnen könnte, ist viel komplexer, als von der Joyce-Kritik und von Joyce-Biographen bisher registriert wurde. In: Die Presse, Spectrum, 9. Juni 2001
  • Nichts gegen Joyce! In seinem "Joyce-Alphabet" führt Kurt Palm seine Joyce-Kenntnisse samt Sekundärliteratur vor, angereichert durch eine amüsante Assoziationsfreudigkeit. Von F. K. S. In: Die Presse, Spectrum, 15. November 2003
  • "Falls wir reisen ab". War es ein Missverständnis? Oder hat der ungepflegte Herr aus Dublin in Zürich schlicht nur nicht entsprochen? Zum 100. Bloomsday am 16. Juni: wie Joyce nach Österreich kam - und warum er blieb. Von F. K. S. In: Die Presse, Spectrum, 29. Mai 2004
  • Bloomsday-Feiern und kein Ende? Der Gedenktag zu Ehren von James Joyce' herausragendem Roman "Ulysses", der am 16. Juni spielt, wird weltweit sowohl mit Symposien wie mit Straßenfesten begangen: die Geschichte eines Phänomens. Von F. K. S. In: Die Presse, Spectrum, 15. Juni 2010
  • Vom Zufall beglückt. Er wollte zur See fahren, stattdessen wurde die englische Literatur seine Leidenschaft: Österreichs bekanntester Anglist wird 90. Gefangenenlager in England und Kanada waren meine Universitäten. In Kleine Zeitung, 2. August 2013

Notizen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Über die Verlegung solcher Kriegsgefangenen nach Kanada und das schwierige gemeinsame Leben in den dortigen Lagern mit Flüchtlingen aus dem Reich, überwiegend Juden, ausführlich: Annette Puckhaber, Ein Privileg für wenige. Die deutschsprachige Migration nach Kanada im Schatten des Nationalsozialismus. Lit, Münster 2002, passim, in Google books einsehbar. Es gab unter den Flüchtlingen etliche frühere Lehrkräfte und Professoren, die in den kanadischen Lagern für alle Insassen Unterricht gaben.- Im übrigen ist Stanzel einer der wenigen deutschsprachigen Akademiker überhaupt, die im Rückblick ihr jugendliches Engagement für den Faschismus öffentlich bedauern, siehe auch seine Autobiographie. Quelle: Website des BRG Steyr zum Franz Karl Stanzel-Preis.
  2. Details 2017, von Harald Gebeshuber.