Franz Karl Stanzel

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Franz Karl Stanzel (* 4. August 1923 in Molln) ist ein österreichischer Anglist, Literaturwissenschaftler und Komparatist.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon während seiner Schulzeit in Steyr erlebte Stanzel 1934 sowohl den sozialistischen Schutzbundaufstand wie auch im Juli den Naziputsch hautnah. Als Mitglied einer Schülerorganisation der Vaterländischen Front demonstrierte er 1938 für Schuschniggs Volksbefragung für die Unabhängigkeit Österreichs, die dann durch den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht verhindert wurde. Am 15. März 1938, also zwei Tage nach dem Einmarsch, wurde er zusammen mit zwei Mitdemonstranten nachts aus dem Schlafsaal des Franziskaner-Konvikts Vogelsang zu einem Verhör durch einen SS-Offizier gerufen, der die drei Schüler „verwarnte“.

Im Frühjahr 1940 meldete sich Stanzel zur deutschen Kriegsmarine, motiviert vom jugendlichen Wunsch zur See zu fahren. Es war aber auch eine Flucht-Reaktion auf Jahre der klösterlichen Erziehung und wenig inspirierenden Schulalltag. Nach Versenkung seines U-Bootes U 331 1942 im Mittelmeer geriet er als einer der wenigen Überlebenden in britische Kriegsgefangenschaft in England und Kanada. Nach seiner Entlassung begann er in Graz ein Studium der Anglistik und Germanistik. Er promovierte 1950 mit der Dissertation Das Amerikabild Thomas Wolfes 1900–1938. Die Nachkriegszustände an der Uni Graz nach dem Krieg schildert er in Die typischen Erzählsituationen 1955–2015, wie auch die ganz andere Erfahrung als Fulbright-Student 1950/51 an der Harvard-Universität: „Eine intellektuelle Wiedergeburt.“ Im Jahr 1955 habilitierte er in Graz für englische Philologie bei Herbert Koziol mit Die typischen Erzählsituationen im Roman.

Bereits 1957 erhielt er eine Dozentur für Anglistik in Göttingen und 1959 den Ruf als ordentlicher Professor für Anglistik nach Erlangen (Nachfolge Levin Ludwig Schückings). 1962 erfolgte die Rückberufung nach Graz, wo er 1993 emeritiert wurde. Während seiner Aktivzeit Gastprofessuren an englischen, kanadischen und amerikanischen Universitäten.

Besonders erfolgreich waren Stanzels Arbeiten zur Narratologie, wie aus den hohen Auflagen und den zahlreichen Übersetzungen (siehe Werke) zu entnehmen ist. Neben Strukturalismus und amerikanischem New Criticism war es die aktive Teilnahme an der Kontroverse, ausgelöst von Käte Hamburgers Logik der Dichtung (1957), die ihn zur Abfassung einer erweiterten Theorie des Erzählens (1979) veranlasste. Seine Einwände an Hamburgers Thesen fanden einen Niederschlag in ihrer „stark veränderten“ Neuauflage der Logik 1968. Stanzels „Typische Erzählsituationen“ haben auch Aufnahme in Einführungen zur Literaturwissenschaft von Monika Fludernik, Ansgar Nünning, Jochen Vogt u. a. gefunden. Was seinen Ansatz besonders auszeichnet ist Textnähe, strukturalistische Systematik, binäre Oppositionen wie Erzähler- und Reflektormodus, und Absicherung durch linguistische Begriffe wie erlebte Rede, episches Präteritum, emische und etische Textanfänge.

Das von Stanzel vorgelegte Erzählmodell zeichnet sich durch drei sogenannte Erzählsituationen aus: die Icherzählung (hier ist der Erzähler auch gleichzeitig Protagonist auf der Handlungsebene der Geschichte, Beispiel: Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull); die auktoriale Erzählungsituation (hier ist der Erzähler, der durchaus auch mit ‚ich‘ auf sich referieren kann, keine der handelnden Figuren, sondern steht über der erzählten Welt, daher dem Autor näher (‚auktorial‘), und kommentiert als Autorität die fiktionale Welt, Beispiel: Wilhelm Meisters Lehrjahre); und die personale Erzählsituation (hier scheint es keine Erzählerfigur zu geben, die fiktionale Welt wird durch die Augen einer oder mehrerer Figuren geschildert, häufig unter Anwendung von erlebter Rede oder von innerem Monolog, Beispiel: Hermann Brochs Der Tod des Vergil).

Die drei Erzählsituationen sind als typisch in Vorwegnahme der prototypischen Kategorien der kognitiven Linguistik konzipiert: Einzelne Romane entsprechen jeweils nur teilweise einer typischen Erzählsituation oder mischen auch mehrere dieser in ihrem Text. Die Erzählsituationen sind auf einem Kreis (dem „typologischen Kreis“) angeordnet, um zu zeigen, dass es in der Geschichte der Literatur alle möglichen Ausformungen der Erzählung gibt und dass die Felder zwischen den Erzählsituationen ineinander übergehen. So ist der periphere Icherzähler (z. B. Serenus Zeitblom in Thomas Manns Doktor Faustus) ein Ich-Erzähler, der nur mehr marginal als handelnde Person tätig ist und sich daher bereits der Funktion eines Herausgebers und in weiterer Folge eines auktorialen Erzählers annähert.

In der überarbeiteten Form der Theorie in Theorie des Erzählens werden die drei Erzählsituationen mit drei Achsen kombiniert. So ist die Icherzählsituation mit der Achse Person (Identität – Nicht-Identität der Seinsbereiche zwischen Erzähler und Figurenwelt) assoziiert; das konstituierende Merkmal der Icherzählsituation ist, dass sie am Typenkreis um den Pol Identität der Seinsbereiche platziert ist. Die auktoriale Erzählsituation wird durch den Pol Außenperspektive der Achse Perspektive konstituiert (Außen- vs. Innenperspektive); die personale Erzählsituation durch den Pol Reflektor der Achse Modus (Erzähler- vs. Reflektormodus). Die unter anderem auf linguistischen Einsichten des germanistischen Linguisten Roland Harweg basierende Unterscheidung von emischen und etischen Textanfängen basierende Unterscheidung zwischen Erzähler- und Reflektormodus stellte seinerzeit eine wesentliche Erweiterung erzähltheoretischer Erkenntnisse dar. Sie entwickelt frühere Unterscheidungen zwischen telling und showing (Percy Lubbock) und erklärt die erst seit dem späten 19. Jahrhundert existierende personale Erzählsituation als eine Illusion unmittelbarer Teilhabe am Geschehen durch den Wegfall einer sich als Vermittler in den Vordergrund drängenden Erzählerfigur.

Neben seinen narratologischen Forschungen hat sich Stanzel auch der literarischen Imagologie und Stereotypenforschung (Ausländercharaktere) gewidmet und 1991 ein international besetztes Symposium im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften organisiert. Als wichtigstes Ergebnis kann die Erkenntnis bezeichnet werden, dass unsere Vorstellung vom Fremden mehr von traditionellen, literarisch überlieferten Vorstellungen (Hetero-Stereotypen) als von tatsächlichen historischen Erfahrungen der Völker miteinander bestimmt werden (siehe Werke Europäer und Völkerspiegel). Mit Telegonie- Fernzeugung (2008) legte Stanzel eine originelle Motivgeschichte des Zentralthemas von Goethes Wahlverwandtschaften von der Antike über Shakespeare bis zur Moderne (Ibsen, Schnitzler, Joyce, Katzanzakis u. a.) vor. Mit James Joyce, vor allem mit Ulysses und dem sogenannten Subtext, dem Echo von Joyces Jahren in diesem Roman in Alt-Österreich, 1904–1915, hat sich Stanzel von Anbeginn beschäftigt. Eine Zusammenfassung der verstreuten Arbeiten darüber befindet sich im Druck.

Stanzel erhielt 1985 die Ehrendoktorwürde der Schweizer Universität Fribourg und 2015 der Philipps-Universität Marburg.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die typischen Erzählsituationen im Roman. Dargestellt an Tom Jones, Moby Dick, The Ambassadors, Ulysses u. a., Wien 1955.
  • Typische Formen des Romans. Göttingen 1964 (Neuauflagen).
  • Theorie des Erzählens. Göttingen 1979 (8. Aufl. 2008).
  • Europäer: ein imagologischer Essay. 2., akt. Aufl., Winter, Heidelberg 1998.
  • Unterwegs. Erzähltheorie für Leser. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 978-3-525-20823-6.
  • Telegonie. Fernzeugung. Böhlau, Wien 2008, ISBN 3-205-77695-X.
  • Welt als Text: Grundbegriffe der Interpretation. Königshausen & Neumann, 2011, ISBN 978-3-8260-4669-8.
  • Verlust einer Jugend. Autobiographie, Königshausen & Neumann, 2013, ISBN 978-3-8260-5234-7.
  • James Joyce in Kakanien 1904–1915. Königshausen & Neumann, 2018, ISBN 978-3-8260-6615-3.

Als Stifter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2002 errichtete Stanzel beim Deutschen Anglistenverband die Stiftung In Memoriam Helene Richter 1861–1942, welche die Erinnerung an die anglistische Privatgelehrte Helene Richter, die 1942 im KZ Theresienstadt ums Leben kam, wach halten soll. Es war die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Ernst Bloch) des Todes von Helene Richter im KZ und seine Rettung nach Versenkung von U 331 im November 1942, die ihn zur Stiftung dieses Förderpreises veranlasst hat. Der Preis in der Höhe von 2000 Euro wird seit 2003 jährlich von einer Jury des Deutschen Anglistenverbandes für eine ausgezeichnete Arbeit aus englischer Literaturwissenschaft vergeben.
  • Förderpreis Franz Karl Stanzel am Bundesrealgymnasium Steyr Michaelerplatz, erstmals verliehen 2017, dotiert mit 1000 Euro. Dieser Preis an seiner alten Schule lehrt die Jugendlichen, „wie wichtig es ist, aktuelle politische und gesellschaftliche Strömungen zu reflektieren sowie Meinungen nicht kritiklos zu übernehmen“.[1]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über seine Erfahrung von sechs Jahren Krieg und Gefangenschaft berichtet Stanzel in Verlust einer Jugend. Rückschau eines Neunzigjährigen auf Krieg und Gefangenschaft, Würzburg 2013, die Versenkung von U 331 mit Verlust von 2/3 der Besatzung wird aus deutscher und britischer Sicht dargestellt. Ein besonders literarhistorisch interessantes Kapitel ist Totalverlust – eine ominöse Leerstelle der Kriegsliteratur. Der Band enthält auch eine kritische Analyse der Zweideutigkeit des Laconia-Befehls von Admiral Dönitz betreffs Rettung Schiffbrüchiger, weiters detaillierte Beschreibungen der Routine des Lebens im kanadischen POW-Camp 44: Programm der Lager-Universität, Sport und Musik, Ausbruchsversuche, „Triebabfuhr und Sex hinterm Stacheldraht“ usw.

Die Vorträge eines Symposiums, organisiert 1991 von Stanzel für die Österreichische Akademie der Wissenschaften, wurden zusammen mit M. Löschnigg herausgegeben als Intimate Enemies. English and German Literary Reactions to the Great War 1914–1918, Heidelberg 1993. Im Übrigen ist Stanzel einer der wenigen deutschsprachigen Anglisten, die sich kritisch mit der Geschichte des Faches Anglistik während der NS-Zeit auseinandergesetzt haben, in Anglistik in der GRM 1933–1945, in Germanisch-Romanische Monatsschrift N.F. 52 (2002), 381–399, und Autobiographisches in Welt als Text, Würzburg 2011.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Literatur von und über Franz Karl Stanzel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Franz K. Stanzel: Warum Milly blond ist. (Memento vom 29. Dezember 2014 im Internet Archive)Feldkirch und Mürzsteg, Weininger und Mozart: Was man als „matter of Austria“ in James Joyce’ Ulysses und auch in dessen Lebensgeschichte bezeichnen könnte, ist viel komplexer, als von der Joyce-Kritik und von Joyce-Biographen bisher registriert wurde.“ In: Die Presse, Spectrum, 9. Juni 2001.
  • Nichts gegen Joyce! „In seinem „Joyce-Alphabet“ führt Kurt Palm seine Joyce-Kenntnisse samt Sekundärliteratur vor, angereichert durch eine amüsante Assoziationsfreudigkeit.“ Von Franz K. Stanzel. In: Die Presse, Spectrum, 15. November 2003.
  • Falls wir reisen ab. „War es ein Missverständnis? Oder hat der ungepflegte Herr aus Dublin in Zürich schlicht nur nicht entsprochen?“ Zum 100. Bloomsday am 16. Juni: Wie Joyce nach Österreich kam – und warum er blieb. Von Franz K. Stanzel. In: Die Presse, Spectrum, 29. Mai 2004.
  • Bloomsday-Feiern und kein Ende? Der Gedenktag zu Ehren von James Joyce’ herausragendem Roman Ulysses, der am 16. Juni spielt, wird weltweit sowohl mit Symposien wie mit Straßenfesten begangen: Die Geschichte eines Phänomens. Von Franz K. Stanzel. In: Die Presse, Spectrum, 15. Juni 2010.
  • Vom Zufall beglückt. „Er wollte zur See fahren, stattdessen wurde die englische Literatur seine Leidenschaft: Österreichs bekanntester Anglist wird 90. Gefangenenlager in England und Kanada waren meine Universitäten.“ In: Kleine Zeitung, 2. August 2013.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Details 2017, von Harald Gebeshuber.