Erhard Jöst

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Erhard Jöst (* 22. November 1947 in Mannheim) ist ein deutscher Autor, Kabarettist und ehemaliger Lehrer aus Heilbronn.

Erhard Jöst (2014)

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erhard Jöst wuchs in Heddesheim auf. Von 1954 bis 1958 besuchte er dort die Volksschule und anschließend das Moll-Gymnasium Mannheim, an dem er 1966 die Abiturprüfung ablegte.

Ab 1969 studierte er Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, machte 1974 das Erste Staatsexamen und wurde 1976 mit der Arbeit Bauernfeindlichkeit. Die Historien des Ritters Neithart Fuchs über spätmittelalterliche Schwankliteratur zum Dr. phil. promoviert. 1977 schloss er sein Referendariat mit dem Zweiten Staatsexamen ab. Von 1976 bis 2011 unterrichtete er als Gymnasiallehrer die Fächer Deutsch, Geschichte, Politik und Ethik, von 2008 bis 2011 war er zudem Bezirkspersonalrat der Lehrkräfte an Gymnasien beim Regierungspräsidium in Stuttgart.

Seit 1980 ist er mit Christel Banghard-Jöst verheiratet; aus der Ehe ging eine Tochter hervor.

Publizist[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jöst veröffentlichte viele literarische und literaturwissenschaftliche Bücher und Aufsätze in Zeitschriften, Anthologien, Sammelbänden, Jahrbüchern und Nachschlagewerken, außerdem Journalistische Beiträge in Tages- und Wochenzeitungen. Rezensionen schrieb er vor allem für literaturkritik.de.

Seit einem Seminar bei Eberhard Lämmert zur Lyrik der Befreiungskriege im Wintersemester 1972/73 befasst er sich mit Theodor Körner. 1997 wirkte er bei der Neugestaltung der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin mit und hielt die Rede anlässlich der Neueröffnung des Theodor-Körner-Museums.[1] Im Mai 2012 hielt er beim Verein für corpsstudentische Geschichtsforschung auf der Rudelsburg einen Vortrag über Körners Rezeptionsgeschichte.[2] 2013 entlarvte Jöst ein angebliches Körner-Zitat ("Noch sitzt ihr da oben ihr feigen Gestalten..."), das von nationalistischen Kreisen in den Medien und bei Pegida-Demonstrationen verbreitet wurde, über Rundfunksendungen (DLF, MDR) und in einem in "Dichtung und Wahrheit" publizierten Aufsatz als Fälschung.

Er war Mitglied der wissenschaftlichen Kommission, die nach der Öffnung des Wiener Neidhartgrabes 2000 die Funde auswertete, und er publizierte zwei Aufsätze in dem von Gertrud Blaschitz herausgegebenen Sammelband Neidhartrezeption in Wort und Bild, der die Ergebnisse der Neidhartforschung präsentiert.[3] Er lieferte Beiträge für den Deutschlandfunk.[4]

Jöst veröffentlicht Satiren, Lyrik, Essays, literaturwissenschaftliche Untersuchungen, Kabarett-Texte, Kurzgeschichten in den Zeitschriften Die Horen (Morawietz), kunst + kultur, Kürbiskern, Orbis litterarum, Der Deutschunterricht, Diskussion Deutsch, Litfass, päd. extra, Demokratische Erziehung, Österreich in Geschichte und Literatur, Kultur und Gesellschaft, Informationen zur Deutschdidaktik, Die Unterrichtspraxis, bildung und wissenschaft, Die Pointe, Ossietzky, Wiener Geschichtsblätter und publiziert Beiträge im LehrerInnen-Kalender sowie in Anthologien und Jahrbüchern.

Erhard Jöst 2008

Kabarett und Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1988 gründete er das Kabarett-Ensemble GAUwahnen.[5] Die Bundesvereinigung Kabarett und Oberbürgermeister Andreas Michelmann verliehen ihm 2012 den Kleinkunstpreis der Stadt Aschersleben.[6] Bei den Spielfilmen "Wer aufgibt, ist tot" (ARD, Degeto, 2015, Regie: Stephan Wagner) und "Die Freibadclique" (ARD, Ziegler-Film, 2016, Regie: Friedemann Fromm, nach einem Roman von Oliver Storz) spielte Jöst als Komparse mit.

Beruf, Engagement und Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Juso-Vorsitzender leitete Jöst in Bad Mergentheim Veranstaltungen, von denen zwei für Furore sorgten. Bei einer Vorstellung des Kabarettisten Dieter Hildebrandt musste man 1979 in das evangelische Gemeindezentrum ausweichen, weil der Stadtrat die für den Auftritt vorgesehene Aula der Volkshochschule zusperrte, und über einen Vortrag geriet General Gert Bastian 1980 ins Rampenlicht, als er sich hinter die These des SPD-Politikers Herbert Wehner stellte, wonach die Rüstung der Sowjetunion defensiv sei. (Erhard Jöst: Kulturkampf in der Provinz. In: Kürbiskern 2/1981, S. 148–157; Generalmobilmachung gegen Gert Bastian. Eine Dokumentation. Vorwort von Walter Jens, PDI-Sonderheft 14, 1981, ISBN 3-88206-024-7). Aufgrund seiner satirischen Publikationen und Kabarett-Nummern wurde Jöst vom baden-württembergischen Kultusministerium gemaßregelt und zweimal „strafversetzt“: Die erste Versetzung von Bad Mergentheim nach Heilbronn erfolgte 1981 wegen der öffentlichen Verwendung eines Zweizeilers von Heinrich Heine[7], die zweite erfolgte 1995 innerhalb von Heilbronn wegen Personalratstätigkeit. Die Mergentheimer Provinzposse wurde in zwei Büchern festgehalten, die Erhard Jöst zusammen mit der Journalistin Ruth Broda herausgab.[8] Das ZDF verarbeitete sie zu dem satirischen Film Heinrich Heine und die deutsche Gegenwart.[9] 1987 wurde der Lehrer als Verfasser einer Landeshymnen-Persiflage in einer „Staatsaktion“ auf Verfassungstreue überprüft.[10]

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bauernfeindlichkeit. Die Historien des Ritters Neithart Fuchs. Kümmerle, Göppingen 1976, ISBN 3-87452-328-4.
  • Agitation durch Kriegslyrik. Heinz, Stuttgart 1978, ISBN 3-88099-053-0
  • Die Historien des Neithart Fuchs (Hrsg.). Kümmerle, Göppingen 1980, ISBN 3-87452-354-3.
  • Grüß Spott. Provinzpossen und Satiren. Heinz, Stuttgart 1988, ISBN 3-88099-621-0.
  • mit Ruth Broda (Hrsg.): Wintermärchen in der Provinz. Dreisam, Freiburg 1981, ISBN 3-921472-49-0.
  • GAUerkundung Stuttgart: Heinz, 1990, ISBN 3-88099-626-1.
  • Kultus und Spott. Schulsatiren. Heinz, Stuttgart 1997, ISBN 3-88099-639-3.
  • (mit Eckhard Lück): Auf die Bühne, fertig, los! AOL, Lichtenau 2004, ISBN 3-89111-078-2.
  • Mützen am Baum. Mein Buch, Hamburg 2002, ISBN 3-936128-13-8 (2. erweiterte Auflage. Print & Media, Offenburg 2007, ISBN 978-3-936128-13-0).
  • Friedenskämpfe. Print & Media, Offenburg 2006, ISBN 3-9810973-0-0.
  • „Vaterland! dir woll’n wir sterben!“ – Theodor Körner: Dichter, Freiheitskämpfer, Patriot und Idol. Einst und Jetzt, Bd. 58 (2013), S. 13–48
  • Opfertod fürs Vaterland. Der literarische Agitator Theodor Körner. In: Dichtung und Wahrheit. Jahrbuch Krieg und Literatur XXI/2015, S. 7–46, ISBN 978-3-8471-0487-2
  • Blauer Trost - Gedichte. freiheitsbaum edition Spinoza, Reutlingen 2015, ISBN 978-3-922589-60-0.

CD der GAUwahnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kraft und Leben! Die GAUwahnen präsentieren Ludwig Pfau. Bretzfeld (scb-music) 2002, 10503
  • www.wahnsinn.de, Bretzfeld (scb-music) 2003, 10504
  • Viagra im Glas. Freche Kabarett-Lieder. Bretzfeld (scb-music) 2005, 10506
  • Geklonte Bohnen. Kabarett-Lieder. Bretzfeld (scb-music) 2009, 10779

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Erhard Jöst – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Kunst verlangt ein Vaterland Broschüre, hrsg. von der Projektgruppe Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 1997.
  2. VfcG
  3. Den Bawrn zu leyd fahr ich dahere In: Gertrud Blaschitz (Hrsg.): Neidhartrezeption in Wort und Bild, Krems 2000; Wiltu neithart wissen. Der Reliefzyklus an der Meißener Albrechtsburg In: ebd., S. 210–218.
  4. vgl. Mit Leyer und Schwert. Über Theodor Körner. DLF Journal am Vormittag am 7. Oktober 1991 bzw. Gähnen bei Goethe? Die Klassiker im Unterricht. DLF am 3. Februar 1992
  5. GAUwahnen
  6. Erhard Jöst mit Kleinkunstpreis ausgezeichnet (STIMME.de)
  7. Im Auge behalten. In: Der Spiegel. Nr. 25, 1981, S. 85–87 (online).
  8. vgl. Wintermärchen in der Provinz, 1981, Der Schulfriede ist in Gefahr, 1982
  9. 1981 in Kennzeichen D (Fernsehen)
  10. Südwestpresse vom 6. Oktober 1987