Ethnisch-religiöse Gruppe

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Männliche Angehörige der religiösen Ethnie der Sikhs in Indien sind an ihrem Dastar-Turban erkennbar (im Hintergrund ihr höchstes Heiligtum Harmandir Sahib)

Die nicht genau definierte Bezeichnung ethnisch-religiöse Gruppe (oder ethno-religiöse Gruppe sowie weitere Varianten) wird verwendet, um Gruppen zu bezeichnen, für deren Abgrenzung ethnische und religiöse Aspekte maßgeblich sind. In der Pluralform ethnisch-religiöse Gruppen können sie solche Gruppen in einem Zusammenhang bezeichnen, der sowohl ethnisch als auch religiös fragmentiert ist, beispielsweise in Bezeichnungen wie „ethnisch-religiöse Gruppen im Irak“[1]. Im engeren Sinne bezeichnen sie Gruppen (meist Minderheitsgruppen) mit ethnischen Attributen, die aber nach der sozialen (nicht notwendig spirituellen) Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft abgegrenzt werden.

In der Soziologie wird diese Definition weiter präzisiert: Es ist entscheidend, dass sich der Einzelne – unabhängig von seinem persönlichen Glauben – insbesondere Symbolen, Objekten und gemeinsamen Handlungen der traditionellen Religionsgemeinschaft verpflichtet fühlt, um seine Zugehörigkeit zur Ethnie zum Ausdruck zu bringen. Dieses Verhalten dient dem Erhalt der ethnischen Identität sowie der Abgrenzung von anderen Gemeinschaften.[2][3]

Identitätsbildung und -wahrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amish-People in den USA grenzen sich unter anderem durch ihre Kleidung von der Mehrheitsbevölkerung ab

Ethnisch-religiöse Gemeinschaften definieren ihre ethnische Identität über eine gemeinsame, regelmäßig durch Abstammung vermittelte Religion. Zudem in der Regel durch eine gemeinsame Geschichte, eine eigene kulturelle Tradition mit gemeinsamer Sprache und Literatur, eine gemeinsame geografische Herkunft und/oder eine (auch fingierte) Abstammung von einem oder einer Vielzahl von gemeinsamen prominenten Vorfahren. Oft stellen ethnisch-religiöse Gruppen sowohl religiöse Minderheiten als auch ethnische Minderheiten innerhalb einer größeren Gemeinschaft oder eine durch eine dominante oder Staatsreligion unterdrückte Gruppe dar. So entstehen ethnisch-religiöse Gruppen auch immer wieder neu in der Diaspora[4], insbesondere durch Migration und Flucht wie die Hugenotten, lösen sich aber auch oft wieder auf.

Jonathan Fox, ein Erforscher religiöser Konflikte, schlägt als operationales Abgrenzungskriterium vor, dass 80 Prozent der Mitglieder einer ethnischen Minderheitsgruppe einem von der in ihrem Staat vorherrschenden Religion abweichenden Glauben anhängen sollen, damit man sie als ethnisch-religiöse Minderheitsgruppe bezeichnen könne.[5] Oft wird jedoch die individuelle Selbstzuordnung als Kriterium der Zugehörigkeit betrachtet, da objektive Daten über die Herkunft schwer zu ermitteln sind (so in Kanada).

Symbolische Identitätsbildungsstrategien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Charakteristisch für ethnisch-religiöse Gruppen ist, dass sie die symbolische Abgrenzung (durch Rituale, Kleidung, eigene Feiertage usw.) von der Umwelt zur Wahrung ihrer Identität mit teils hoher Energie betreiben. Diese Aktivitäten gehen über die Ausübung religiöser Kulte hinaus („symbolische Ethnizität/Religiosität“),[6][7] werden aber in Verfolgungssituationen natürlich kaum gezeigt. Herbert J. Gans unterscheidet dabei genauer zwischen symbolischen Identitätsbildungsstrategien von religiös-ethnischen (z. B. der Juden oder Parsen, sog. Sakralisierung der Ethnie) und ethnisch-religiösen Gruppen (z. B. der russisch-orthodoxen Christen in den USA, sog. Ethnisierung der Religion). Mit den Aktivitäten der Identitätswahrung gehen gelegentlich Strategien der strikten Kontaktvermeidung, hohes Misstrauen gegenüber der Umwelt und Fundamentalismus einher.[8][9]

In einer ethnisch-religiösen Gruppe wird besonderer Wert auf religiöse Eheschließung (Innenheirat, sog. religiöse Endogamie) als Mittel zur Erhaltung der Stabilität und historischen Langlebigkeit der Gemeinschaft und Kultur gelegt. Dieses Festhalten an religiöser Endogamie kann mit ethnischem Nationalismus verbunden sein. Donabed und Mako weisen in einer Studie über die syrisch-orthodoxen Christen darauf hin, dass Eliten eine Identität als ethnisch-religiöse Gruppe auch „erträumen“ und versuchen können, diese soziale Konstruktion mit politischen Mitteln durchzusetzen.[10]

Während Tanja Wettach-Zeitz den Dogmatismus nationalistisch-klerikaler Eliten als Bedingung für die Stabilität vieler solcher Gruppen betont, [11] sehen Dorothea Lüddeckens und Rafael Walthert die besondere Stabilität und den Konservatismus vieler ethnisch-religiöser Gruppen darin begründet, dass die Zugehörigkeit zu ihnen unabhängig von individuellen Entscheidungen ist und dass kollektive Akteure fehlen, die die Gemeinschaft durch Entscheidungen verändern könnten. Gekoppelt an Ethnizität könne die religiöse Gemeinschaft ihre traditionelle Praxis unabhängig von solchen Entscheidungen wahren.[12]

Ethnisierung von Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der amerikanischen Gesellschaft gilt Religion geradezu als identity marker von Kultur oder Ethnizität. Von einer Ethnisierung der Religion spricht man, wenn Migranten-Communities sich religiöse Traditionen verstärkt aneignen und pflegen, um ihre ethnische Identität zu reproduzieren, vor allem im Übergang von der ersten zur zweiten und den folgenden Generationen.[13] Von einer Ethnisierung der Religion kann man auch sprechen, wenn ethnische Gemeinschaften von Migranten im Zielland eine neue Religion annehmen, um sich von der Umwelt abzugrenzen und eine Assimilation z. B. an ein liberales Wertesystem zu vermeiden. Das gilt etwa für extrem konservative evangelikale Gruppen koreanischer Einwanderer in den USA[14] oder für freikirchliche Russlanddeutsche in Deutschland.[15]

Eine Ethnisierung der Religionszugehörigkeit kann auch der Vermeidung von religiöser Diskriminierung dienen, wenn in den betreffenden Ländern kein Diskriminierungsverbot aus religiösen Gründen gesetzlich festgeschrieben ist, wie das im angelsächsischen Recht teilweise der Fall ist. Sie kann auch der Entschärfung religiöser Konflikte dienen, die dann freilich die Tendenz haben, sich zu Nationalitätenkonflikten zu entwickeln. So waren die seit den 1970er Jahren verstärkten Versuche des jugoslawischen Staates, den bosnischen Muslimen (den Bosniaken) einen eigenständigen ethnischen Status zuzusprechen und damit eine säkulare bosniakische Identität zu fördern, langfristig nicht geeignet, den latenten Religionskonflikt aus der Welt zu schaffen und den Panislamismus einzudämmen.

Der Politikwissenschaftler Olivier Roy nutzt den Begriff Neo-Ethnizität für das Streben (zumeist junger) Angehöriger einer Religion (etwa Moslems oder Mormonen) nach einer „erneuerten, gemeinsamen Grundlage“. Dabei werden die Inhalte der Religion in einer eigenen Auslegung interpretiert, um damit eine neue ethnische Identität zu konstituieren.[16] In diesem Kontext steht auch die Ideologie der radikal-archaischen Auslegung des Islams im sogenannten Islamischen Staat.

Sakralisierung der Ethnie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von einer Sakralisierung einer Ethnie spricht man, wenn eine religiöse Erfahrung exklusiv von einer biologischen oder sozial konstruierten Abstammungsgemeinschaft beansprucht wird, die für sich und für ihr Glaubenssystem einen herausgehobenen Status gegenüber anderen Gruppen beansprucht und diese von ihrem Territorium oder aus der Gesellschaft zu exkludieren versucht (sog. „Stammesexklusivismus“).[17] Eine solche Sakralisierung der Ethnie wird oft durch existenzbedrohende Situationen und Unterdrückungserfahrungen hervorgerufen und führt zur Radikalisierung der Theologie und ihrer Vermischung mit weltlich-politischen Zielen. Ethnische oder religiös motivierte Säuberungen können die Folge sein.[18]

Heutige ethnisch-religiöse Gruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele für ethnisch-religiöse Gemeinschaften sind die bosnischen Muslime, die Jesiden und die Schabak im Nordirak, die Mandäer im Südirak, die Drusen der Levante, die Sikhs in Indien, die Anhänger des Zoroastrismus im Iran und in Indien (Parsen), die Amischen in den USA, die Kopten in Ägypten, die Juden, die Hui-Chinesen oder die Samaritaner.

"Ethnoreligious group" als Rechtsbegriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großbritannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Schutz gegen Diskriminierung aufgrund der Religion wurde in England nicht auf gesetzlicher Grundlage, sondern nur teilweise durch Rechtsprechung entwickelt. Bis zum Jahr 2000 kannte man nur einen punktuellen Diskriminierungsschutz in Bezug auf Geschlecht, Rasse und Behinderung. Der britische Antidiskriminierungsgesetzgebung (Anti-Discrimination Act) wurde 1994 nach einem Rechtsstreit ergänzt, in dem es 1983 darum ging, ob ein Sikh-Schüler einen Dastar tragen durfte. Das Gesetz schuf die Voraussetzungen für die Erweiterung des Merkmals „Rasse“ (race) durch die Einbeziehung ethnischer Gruppen mit engen Bindungen an eine Religion und bot daher einen Diskriminierungsschutz zumindest für Juden und Sikhs. Ethno-religious groups sind durch folgende Merkmale definiert:

  • eine lange gemeinsame Geschichte, die die Gruppe von anderen unterscheidet, und deren sie sich Gruppe bewusst ist und deren Andenken sie erhält;
  • eine besondere kulturelle Tradition, die oft, aber nicht notwendigerweise verbunden ist mit der Beachtung religiöser Gebräuche.

Relevant sind weiterhin ein gemeinsamer regionaler Ursprung, eine gemeinsame Literatur, eine Religion, die sie von den Gruppen der Umgebung unterscheidet und ein Minderheitenstatus bzw. das Merkmal der Unterdrückung durch die Umgebung.[19] Auch wenn der gemeinsame ethnische Ursprung einer solchen Gruppe selten belegbar ist, gelten doch eine geringe Zahl von Austritten aus und Übertritten zu der jeweiligen Religion sowie das Fehlen von Missionierung als Indikatoren für eine hohe ethnische Geschlossenheit.

Australien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch die Gesetzgebung in Neusüdwales schließt in einer Ergänzung von 1994 zum Antidiskriminierungsgesetz von 1977 ethnoreligiöse Gruppen in das Diskriminierungsverbot aufgrund des Merkmals „Rasse“ ein. Eine Diskriminierung aus rein religiösen Gründen ist im Gesetz hingegen nicht explizit berücksichtigt,[20] was wiederum im tasmanischen Antidiskriminierungsgesetz von 1998 der Fall ist.[21]

USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim US-Zensus dürfen sich Menschen nicht nach ihrer Religion, sondern nur nach dem Kriterium „Rasse“ sechs vorgegebenen Kategorien zuordnen (neben denen auch die der Hawaiianer informell akzeptiert wird). Hier kämpfen die Sikh, die sich in erster Linie religiös definieren, ersatzweise für die Einführung einer neuen „Rassen“kategorie „Sikh“, die ihnen eine größere Sichtbarkeit und Anerkennung im ethnischen und Religionsmix der USA ermöglichen würde.[22] Damit wird die Anerkennung als „Rasse“ zum Behelfsinstrument einer ursprünglich religiös motivierten Identitätspolitik.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Victoria Arakelova: Ethno-Religious Communities: To the Problems of Identity markers. In: Iran and the Caucasus, 14, 2010, S. 1–18
  • Benjamin T. Phillips, Shaul Kelner: Reconceptualizing Religious Change: Ethno-Apostasy and Change in Religion among American Jews. In: Sociology of Religion, Vol. 67, No. 4 (The National Jewish Population Survey 2000–1) Winter 2006, S. 507–52

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Übersicht: Karte: Ethnisch-religiöse Gruppen im Irak. In: Planet-schule.de. SWR 2016, abgerufen am 19. Juli 2018.
  2. Dorothea Lüddeckens, Rafael Walthert, Christoph Uehlinger (Hrsg.): Die Sichtbarkeit religiöser Identität. Repräsentation – Differenz – Konflikt (= CULTuREL. Band 4). Plane, Zürich 2013, ISBN 978-3-290-22022-8, S. ??.
  3. Christine Müller: Zur Bedeutung von Religion für jüdische Jugendliche in Deutschland. (= Beiträge zu einer dialogischen Religionspädagogik. Band 11). Waxmann, Münster 2007, ISBN 978-3-8309-1763-2, S. 144–145 und 151–157.
  4. Marta Wozniak: From religious to ethno-religious: Identity change among Assyrians/Syriacs in Sweden. [1], 2013.
  5. Jonathan Fox: The Influence of Religious Legitimacy on Grievance Formation by Ethno-Religious Minorities. In: Journal of Peace Research, Vol. 36, No. 3 (May, 1999), S. 289–307.
  6. Herbert J. Gans: Ethnic and Racial Studies Vol. 2 Nr. 1 (1979), S. 1–19.
  7. Herbert J. Gans: Symbolic ethnicity and symbolic religiosity: Towards a comparison of ethnic and religious acculturation. In: Ethnic and Racial Studies, Vol. 17, Nr. 4 (1994), S. 577–592.
  8. Menandro Sarion Abanes: Ethno-religious Identification and Intergroup Contact Avoidance: An Empirical Study on Christian-Muslim Relations in the Philippines. Münster 2014, S. 7.
  9. Stuart Hall: Introduction: Who needs identity?, in: Stuart Hall, Paul du Gay (Hrsg.): Questions of Cultural Identity. London 1996.
  10. Sargon Donabed, Shamiran Mako: Ethno-Cultural and Religious Identity of Syrian Orthodox Christians. In: Chronos, University of Balamand, Vol. 19, 2009.
  11. Tanja Wettach-Zeitz: Ethnopolitische Konflikte und interreligiöser Dialog: die Effektivität interreligiöser Konfliktmediationsprojekte analysiert am Beispiel der World Conference on Religion and Peace Initiative in Bosnien-Herzegowina. München 2008, S. 46 f.
  12. Dorothea Lüddeckens, Rafael Walthert: Religion als religiös-ethnische Gemeinschaft: Das Beispiel der Parsi Zoroastrier in Indien. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Volume 65 (2013), Zusatzband 1, S. 333–357.
  13. H. R. Ebaugh, J. S. Chafetz: Religion and the new immigrants: Continuities and adaptations in immigrant congregations. Walnut Creek 2000.
  14. F. Yang, H. R. Ebaugh: Transformations in new immigrant religions and their global implications. In: American Sociological Review 66 (2001) 2, S. 269–288.
  15. Frederik Elwert: Religion als Ressource und Restriktion im Integrationsprozess: Eine Fallstudie zu Biographien freikirchlicher Russlanddeutscher. Berlin/Heidelberg 2015.
  16. Olivier Roy: Holy Ignorance: When Religion and Culture Part Ways. Oxford University Press, 2014. ISBN 978-0-19-932802-4. S. 70, 73, 78–87, 165, 177, 180.
  17. Tanja Wettach-Zeitz: Ethnopolitische Konflikte und interreligiöser Dialog: die Effektivität interreligiöser Konfliktmediationsprojekte analysiert am Beispiel der World Conference on Religion and Peace Initiative in Bosnien-Herzegowina. München 2008, S. 47.
  18. Mathias Hildebrandt: Einleitung. In Mathias Hildebrandt, Manfred Brocker: Unfriedliche Religionen?: Das politische Gewalt- und Konfliktpotenzial von Religionen. Berlin/Heidelberg 2015, S. 29.
  19. [2] Dokument zum Prozess Mandla v Dowell-Lee 1983
  20. Anti-Discrimination (Amendment) Bill: Second Reading. Parliament of New South Wales. 12. Mai 2007
  21. Anti-Discrimination Act 1998, Part 3.
  22. Memorandum der United Sikhs anlässlich des US-Zensus 2010