Diaspora

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Der Begriff Diaspora ([diˈaspoʀa], altgriechisch διασπορά Verstreutheit) bezeichnet religiöse, nationale, kulturelle oder ethnische Gemeinschaften in der Fremde, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und mitunter über weite Teile der Welt verstreut sind. Über viele Jahrhunderte bezog sich der Begriff Diaspora ursprünglich nur auf das Exil des jüdischen Volkes und seine Zerstreuung außerhalb des historischen Heimatlandes. Seit der frühen Neuzeit bezog er sich auch auf lokale Minderheiten der christlichen Diaspora. Seit den 1990er Jahren wird der Begriff Diaspora zunehmend auch in die semantische Nähe der Konzepte des Transnationalismus beziehungsweise der Transmigration gerückt.[1]

Ursprung und Bedeutung

Das Wort stammt aus der Übersetzung der Septuaginta (5. Mose 28, 64, der griechischen Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel (Tanach): „Der Herr wird dich unter alle Völker verstreuen, vom einen Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde“.) Es wird dabei als Metapher gebraucht, die eine Auflösung des Volkes beziehungsweise Trennung und Entfernung von seinem Heimatland umschreibt.

Hauptartikel: Jüdische Diaspora

Ursprünglich wurden mit Diaspora geschlossene Siedlungen der Juden bezeichnet, die nach dem Untergang des Reiches Juda 586 v. Chr. zunächst im Babylonischen Exil entstanden und sich in den folgenden Jahrhunderten von hier und von Palästina aus ausbreiteten. Nach der Vertreibung der Juden aus Palästina 135 n. Chr. durch Kaiser Hadrian trat eine neue Situation ein: Anders als andere Flüchtlinge, die auf der Suche nach einem neuen Lebensraum aufbrachen, war für die vertriebenen Juden kennzeichnend, dass sie aus religiösen Gründen an eine Rückkehr in ihre Heimat in Palästina glaubten. Dieser Glaube an das Gelobte Land war sowohl schriftlich in der hebräisch-aramäischen Bibel wie im Hauptgebet der Juden verankert. Das Ende der Diaspora sollte durch die Ankunft des Messias herbeigeführt werden (Jes 11,12 EU; Jes 27,12f EU). Diese einzigartige Situation, die auf Juden sicherlich identitätsstiftend wirkte, motivierte manche Wissenschaftler, die Bedeutung des Begriffs Diaspora allein auf das jüdische Exilleben in der Zeit vom ersten Babylonischen Exil bis zur Vertreibung aus Palästina 135 n. Chr. zu beschränken. Dagegen soll das Leben der Juden in der Zeit nach der Vertreibung 135 bis zur Gründung des Staates Israel 1948 als Galut bezeichnet werden. Diese Definition wurde in der Judaistik einflussreich, weil sie als einzige in der Encyclopaedia Judaica angegeben wird.[2]

Der Begriff wird aber heute oft auf verschiedene Erscheinungsformen von Leben außerhalb der Heimat angewandt, auch dann, wenn dies nicht an einen Glauben an einen Messias gebunden ist. Dennoch ist die jüdische Diaspora mit 8.074.300 Menschen (Stand 1. Januar 2016) trotz des inflationären Gebrauchs immer noch eine relativ große und bedeutende Diaspora.[3]

Schon seit der frühen Neuzeit wird der Begriff auch auf lokale Minderheiten der christlichen Diaspora bezogen.

Hauptartikel: Christliche Diaspora

Während der Begriff der Diaspora im religionshistorischen Kontext gemeinhin negativ konnotiert ist, ist der Diasporabegriff des aktuellen Theoriediskurses nicht mehr zwingend primär negativ besetzt. Die diasporische Situation – das Leben als ethnische oder kulturelle Gemeinschaft in der Fremde – erweist sich als Paradigma der globalisierten Welt. Die Diaspora situiert sich im Spannungsfeld zwischen kosmopolitischer Losgelöstheit und einem radikalen Nationalismus, der sich nicht länger rein territorial definiert. Diasporische Kulturen und Gruppen sind vielfältig und heterogen geworden. Im Kontext verwendete Begriffe wie Exil, Immigrant, Ausgestoßener, Flüchtling, Expatriate oder Minderheit und Transnationalität zeigen die Probleme auf, eine allgemein gültige Definition des Begriffs Diaspora aus heutiger Sicht zu erstellen.[4]

William Safran hat sechs Regeln zur Unterscheidung von Diasporen von Migrantengemeinden festgelegt. Sie halten ein Mythos aufrecht oder behalten eine kollektive Erinnerung an ihre Heimat. Sie betrachten ihre angestammte Heimat als ihre wahre Heimat, zu der sie schließlich zurückkehren werden. Sie fühlen sich der Wiederherstellung oder Erhaltung dieser Heimat verpflichtet. Und sie beziehen sich persönlich oder stellvertretend auf die Heimat bis zu einem Punkt, an dem sie ihre Identität prägt.[5]

Über die materiellen Probleme hinaus stellt die Diasporasituation die Menschen vor die Frage der kulturellen Identität. Oft betonen und überhöhen sie die Werte ihres Ursprungslandes. Freiwillige oder erzwungene Ab- und Ausgrenzung einerseits, Assimilation bis zum Verlust der eigenen Ethnosprache oder Religion andererseits sind die Extreme, zwischen denen Diasporabevölkerungen ihren Weg suchen. Die dabei seit Jahrhunderten gewonnenen Erfahrungen können wertvoll sein für eine Welt, in der kulturelle Vielfalt zur Normalsituation wird. Insgesamt entwickeln Minderheiten, die lange Zeit nirgends hoffen dürfen, eine Mehrheit zu werden, durchaus spezifische Politik-Konzepte; auch gegenüber anderen Minderheiten.

Robin Cohen unterscheidet in seinem Buch über den Begriff der Diaspora verschiedene Konzepte von Diaspora. Zunächst die Opfer-Diaspora, für die er als Beispiel die Armenier, die Juden oder auch die afrikanischen Sklaven nennt. Er führt ferner die Diaspora von Arbeitsmigration und Bevölkerungsbewegungen in imperialen Kolonialreichen auf und nennt dort als Beispiel die Inder im Commonwealth. Er spricht von der Diaspora des Handels und untersucht diese am Beispiel der Chinesen und der Libanesen. Er beschreibt eine kulturelle Diaspora und bespricht dies am Beispiel der karibischen Diaspora. Und schließlich beschäftigt er sich mit jenen Vorstellungen von Diaspora, die vor allem eine starke Sehnsucht nach einem Heimatland artikulieren oder die einen Mythos eines solchen Heimatlandes pflegen.[6] Die letzten Spuren der kulturellen Zugehörigkeit von Menschen in einer Diaspora finden sich oft in der im Exil lebenden Gemeinschaft im Widerstand gegen einen Wechsel der Sprache und in der Aufrechterhaltung der traditionellen religiösen Praxis.

Liste der Diasporas

Der Begriff Diaspora wird wie folgt differenziert angewendet:

Moderne Diaspora

Das 20. Jahrhundert ist als Jahrhundert der Migration durch zahllose Flüchtlingsströme gekennzeichnet, die ihre Ursachen in Krieg, Nationalismus, Armut und Rassismus haben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sahen zahlreiche Flüchtlinge aus Europa, Asien und Nordafrika ihr Heil in Amerika.

Zu den Flüchtlingsethnien zählen u. a.:

Die größte Zahl durch Flucht entwurzelter ethnischer Gruppen befindet sich in Afrika.

Literatur

  • Gavriʾel Sheffer: Diaspora Politics. At Home Abroad. Cambridge University Press, New York 2003, ISBN 0-521-81137-6.
  • Ruth Mayer: Diaspora. Eine kritische Begriffserklärung. Transcript, Bielefeld 2005, ISBN 3-89942-311-9.

Weblinks

 Commons: Diasporas – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Diaspora – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Jenny Kuhlmann, Exil, Diaspora, Transmigration, Bundeszentrale für politische Bildung, 6. Oktober 2014. Abgerufen am 4. Juli 2017.
  2. Encyclopaedia Judaica, Second Edition, Volume 5: Coh-Doz, S. 637–643.
  3. Sergio DellaPergola: World Jewish Population, 2016. In: Arnold Dashefsky, Ira M. Sheskin (Hrsg.): American Jewish Year Book 2016. Springer, 2017. ISBN 978-3-319-46121-2 (E-Book: doi:10.1007/978-3-319-46122-9). S. 274, 311–317. Eingeschränkte Vorschau in Google Books.
  4. Ruth Mayer, Diaspora – Eine kritische Begriffsbestimmung. transcript Bielefeld, 10/2005. ISBN 978-3-89942-311-2 Eingeschränkte Vorschau.
  5. William Safran: Diasporas in Modern Societies: Myths of Homeland and Return. In: Diaspora: A Journal of Transnational Studies. 1, 1991, S. 83–99. doi:10.1353/dsp.1991.0004.
  6. Robin Cohen: Global Diasporas: An Introduction. Routledge, 2008, ISBN 978-0-415-43550-5.
  7. http://www.demoscope.ru/weekly/2006/0251/tema02.php (russisch-kyrillischer Text)
  8. V. G. Makarov; V. S. Christoforov: «Passažiry ‹filosofskogo paroxoda›. (Sud’by intelligencii, repressirovannoj letom-osen’ju 1922 g.)». In: Voprosy filosofii Nr. 7 (600) 2003, S. 113–137 [russ.: «Die Passagiere des ‹Philosophenschiffs›. (Die Schicksale der im Sommer/Herbst 1922 verfolgten Intelligenzija)»; enthält eine Liste mit biographischen Angaben zu allen 1922–1923 aus Russland exilierten Intellektuellen].
  9. Serben in Deutschland, Serbien-Montenegro.de Wayback Archiv