Diaspora

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für andere Bedeutungen siehe Diaspora (Begriffsklärung)

Der Begriff Diaspora ([diˈaspoʀa], griechisch διασπορά Verstreutheit) bezeichnet religiöse, nationale, kulturelle oder ethnische Gemeinschaften in der Fremde, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und mitunter über weite Teile der Welt verstreut sind. Über viele Jahrhunderte bezog sich der Begriff Diaspora ursprünglich nur auf das Exil des jüdischen Volkes und seine Zerstreuung außerhalb des historischen Heimatlandes. Seit der frühen Neuzeit bezog er sich auch auf lokale Minderheiten der christlichen Diaspora. Seit den 1990er Jahren wird der Begriff Diaspora zunehmend auch in die semantische Nähe der Konzepte des Transnationalismus beziehungsweise der Transmigration gerückt.[1]

Ursprung und Bedeutung

Hauptartikel: Jüdische Diaspora

Ursprünglich wurden mit „Diaspora“ geschlossene Siedlungen der Juden bezeichnet, die nach dem Untergang des Reiches Juda 586 v. Chr. zunächst im Babylonischen Exil entstanden und sich in den folgenden Jahrhunderten von hier und von Palästina aus ausbreiteten.

Das Wort stammt aus der Übersetzung der Septuaginta (5. Mose 28, 64, der griechischen Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel (Tanach): „Der Herr wird dich unter alle Völker verstreuen, vom einen Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde“.) Es wird dabei als Metapher gebraucht, die eine Auflösung des Volkes beziehungsweise Trennung und Entfernung von seinem Heimatland umschreibt.

Die jüdische Diaspora ist Stand 1. Januar 2016 mit 8.074.300 Menschen die weltweit größte Diaspora.[2]

Seit der frühen Neuzeit wird der Begriff auch auf lokale Minderheiten der christlichen Diaspora bezogen.

Hauptartikel: Christliche Diaspora

Während der Begriff der Diaspora im religionshistorischen Kontext gemeinhin negativ konnotiert ist, ist der Diasporabegriff des aktuellen Theoriediskurses nicht mehr zwingend primär negativ besetzt. Die diasporische Situation – das Leben als ethnische oder kulturelle Gemeinschaft in der Fremde – erweist sich als Paradigma der globalisierten Welt. Die Diaspora situiert sich im Spannungsfeld zwischen kosmopolitischer Losgelöstheit und einem radikalen Nationalismus, der sich nicht länger rein territorial definiert. Diasporische Kulturen und Gruppen sind vielfältig und heterogen geworden. Im Kontext verwendete Begriffe wie Exil, Immigrant, Ausgestoßener, Flüchtling, Expatriate oder Minderheit und Transnationalität zeigen die Probleme auf, eine allgemein gültige Definition des Begriffs Diaspora aus heutiger Sicht zu erstellen.[3]

William Safran hat sechs Regeln zur Unterscheidung von Diasporen von Migrantengemeinden festgelegt. Sie halten ein Mythos aufrecht oder behalten eine kollektive Erinnerung an ihre Heimat. Sie betrachten ihre angestammte Heimat als ihre wahre Heimat, zu der sie schließlich zurückkehren werden. Sie fühlen sich der Wiederherstellung oder Erhaltung dieser Heimat verpflichtet. Und sie beziehen sich „persönlich oder stellvertretend“ auf die Heimat bis zu einem Punkt, an dem sie ihre Identität prägt.[4]

Über die materiellen Probleme hinaus stellt die Diasporasituation die Menschen vor die Frage der kulturellen Identität. Oft betonen und überhöhen sie die Werte ihres Ursprungslandes. Freiwillige oder erzwungene Ab- und Ausgrenzung einerseits, Assimilation bis zum Verlust der eigenen Ethnosprache oder Religion andererseits sind die Extreme, zwischen denen Diasporabevölkerungen ihren Weg suchen. Die dabei seit Jahrhunderten gewonnenen Erfahrungen können wertvoll sein für eine Welt, in der kulturelle Vielfalt zur Normalsituation wird. Insgesamt entwickeln Minderheiten, die lange Zeit nirgends hoffen dürfen, eine Mehrheit zu werden, durchaus spezifische „Politik“-Konzepte; auch gegenüber anderen Minderheiten.

Robin Cohen unterscheidet in seinem Buch über den Begriff der Diaspora verschiedene Konzepte von Diaspora. Zunächst die Opfer-Diaspora, für die er als Beispiel die Armenier, die Juden oder auch die afrikanischen Sklaven nennt. Er führt ferner die Diaspora von Arbeitsmigration und Bevölkerungsbewegungen in imperialen Kolonialreichen auf und nennt dort als Beispiel die Inder im Commonwealth. Er spricht von der Diaspora des Handels und untersucht diese am Beispiel der Chinesen und der Libanesen. Er beschreibt eine kulturelle Diaspora und bespricht dies am Beispiel der karibischen Diaspora. Und schließlich beschäftigt er sich mit jenen Vorstellungen von Diaspora, die vor allem eine starke Sehnsucht nach einem Heimatland artikulieren oder die einen Mythos eines solchen Heimatlandes pflegen.[5] Die letzten Spuren der kulturellen Zugehörigkeit von Menschen in einer Diaspora finden sich oft in der im Exil lebenden Gemeinschaft im Widerstand gegen einen Wechsel der Sprache und in der Aufrechterhaltung der traditionellen religiösen Praxis.

Liste der Diasporas

Der Begriff Diaspora wird wie folgt differenziert angewendet:

Moderne Diaspora

Das 20. Jahrhundert ist als Jahrhundert der Migration durch zahllose Flüchtlingsströme gekennzeichnet, die ihre Ursachen in Krieg, Nationalismus, Armut und Rassismus haben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sahen zahlreiche Flüchtlinge aus Europa, Asien und Nordafrika ihr Heil in Amerika.

Zu den Flüchtlingsethnien zählen u. a.:

Die größte Zahl durch Flucht entwurzelter ethnischer Gruppen befindet sich in Afrika.

Literatur

  • Gavriʾel Sheffer: Diaspora Politics. At Home Abroad. Cambridge University Press, New York 2003, ISBN 0-521-81137-6.
  • Ruth Mayer: Diaspora. Eine kritische Begriffserklärung. Transcript, Bielefeld 2005, ISBN 3-89942-311-9.

Weblinks

 Commons: Diasporas – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Diaspora – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Jenny Kuhlmann, Exil, Diaspora, Transmigration, Bundeszentrale für politische Bildung, 6. Oktober 2014. Abgerufen am 4. Juli 2017.
  2. Sergio DellaPergola: World Jewish Population, 2016. In: Arnold Dashefsky, Ira M. Sheskin (Hrsg.): American Jewish Year Book 2016. Springer, 2017. ISBN 978-3-319-46121-2 (E-Book: doi:10.1007/978-3-319-46122-9). S. 274, 311–317. Eingeschränkte Vorschau in Google Books.
  3. Ruth Mayer, Diaspora – Eine kritische Begriffsbestimmung. transcript Bielefeld, 10/2005. ISBN 978-3-89942-311-2 Eingeschränkte Vorschau.
  4. William Safran: Diasporas in Modern Societies: Myths of Homeland and Return. In: Diaspora: A Journal of Transnational Studies. 1, 1991, S. 83–99. doi:10.1353/dsp.1991.0004.
  5. Robin Cohen: Global Diasporas: An Introduction.. Routledge, 2008, ISBN 978-0-415-43550-5.
  6. http://www.demoscope.ru/weekly/2006/0251/tema02.php (russisch-kyrillischer Text)
  7. V. G. Makarov; V. S. Christoforov: «Passažiry ‹filosofskogo paroxoda›. (Sud’by intelligencii, repressirovannoj letom-osen’ju 1922g.)». In: Voprosy filosofii Nr. 7 (600) 2003, S. 113–137 [russ.: «Die Passagiere des ‹Philosophenschiffs›. (Die Schicksale der im Sommer/Herbst 1922 verfolgten Intelligenzija)»; enthält eine Liste mit biographischen Angaben zu allen 1922-1923 aus Russland exilierten Intellektuellen].
  8. Serben in Deutschland, Serbien-Montenegro.de Wayback Archiv