Europäische Wirtschaftsgemeinschaft

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Gründungsmitglieder der EWG

Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) war der ursprüngliche Name eines Zusammenschlusses europäischer Staaten zur Förderung der gemeinsamen Wirtschaftspolitik im Rahmen der europäischen Integration. Am 25. März 1957 wurde die EWG mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge durch Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland gegründet.

Durch den am 7. Februar 1992 unterzeichneten Vertrag von Maastricht wurde die EWG angesichts ihrer mittlerweile erweiterten Aufgabenstellung mit Wirkung zum 1. November 1993 in Europäische Gemeinschaft (EG) umbenannt; am 1. Dezember 2009 wurde sie mit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon aufgelöst.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Europaflagge, offizielles Symbol der EWG ab 1986

Die Idee zur Schaffung eines Gemeinsamen Marktes reicht bis in die Zeit der gescheiterten EVG-Verträge 1952 zurück. Verschiedene europäische Politiker wie Jean Monnet, der belgische Außenminister Paul-Henri Spaak sowie sein niederländisches Pendant Willem Beyen waren maßgeblich an der Wiederbelebung des europäischen Gedankens beteiligt. Sie sahen die beste Möglichkeit der europäischen Kooperation auf wirtschaftlichem Gebiet, da nach der Ablehnung der EVG durch die Französische Nationalversammlung (30. August 1954) diese Form der europäischen Zusammenarbeit im militärischen und politischen Bereich vorerst fehlgeschlagen war.

Auf der Konferenz von Messina im Juni 1955 beschlossen die Außenminister der EGKS eine allgemeine wirtschaftliche Einigung der Volkswirtschaften, die Schaffung gemeinsamer supranationaler Institutionen, eine Sozialharmonisierung durch Verwirklichung allgemeiner Sozialstandards und eine Zusammenarbeit auf dem Nuklearsektor. Man beschloss auf der Konferenz von Messina die Einsetzung eines Regierungsausschusses unter Vorsitz von Paul-Henri Spaak („Spaak-Kommission“) zur Ausarbeitung der Grundlagen und Möglichkeiten des Gemeinsamen Marktes (Frage nach Einbeziehung verschiedener Wirtschaftssektoren). Innerhalb der deutschen Bundesregierung gab es unterschiedliche Strömungen; zwei dominierten:

  • die Institutionalisten wollten die wirtschaftliche Integration Europas durch Wirtschaftsbestimmungen und eine zentrale Hohe Behörde verwirklichen;
  • die Funktionalisten hingegen wollten sie durch Freihandel und möglichst wenig Eingriffsmöglichkeiten eines europäischen Organs verwirklichen.

Die sechs Staaten der EGKS einigten sich bei den Regierungsverhandlungen auf Grund des Berichts der Spaak-Kommission auf die Vereinheitlichung des Gemeinsamen Marktes

  • durch Abschaffung von Kontingentierungen (mengenmäßige Ein- und Ausfuhrbeschränkungen) und Zollschranken,
  • durch freien Dienstleistungs-, Personen- und Kapitalverkehr,
  • durch eine gemeinsame Handelspolitik gegenüber Drittstaaten und
  • durch die Schaffung europäischer Institutionen.

Man erreichte auch eine Einigung hinsichtlich der zivilen Nutzung der Atomenergie (Euratom). Die Verhandlungen über den Gemeinsamen Markt standen unter dem Eindruck des Ungarnaufstandes (1956) und der Suezkrise; diese führten den Regierungschefs die Notwendigkeit der europäischen Zusammenarbeit eindringlich vor Augen. Der Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG-Vertrag) und jener der Europäischen Atomgemeinschaft (EAG-Vertrag/Euratom) wurden am 25. März 1957 in Rom von den sechs Mitgliedern der MontanunionFrankreich, Italien, Bundesrepublik Deutschland, Belgien, Niederlande und Luxemburg – unterzeichnet (Römische Verträge)[1]. Am 1. Januar 1958 traten die Verträge in Kraft[1]; Walter Hallstein wurde erster Präsident der EWG-Kommission.

Zum 1. Januar 1961 kam es zu einer ersten Teilangleichung der nationalen Zollsätze der EWG-Staaten mit dem Ziel eines einheitlichen Außenzolls. Die Verwirklichung der Zollunion und die Einführung eines gemeinsamen Außenzolls erfolgte am 1. Juli 1968. Im Juni 1961 wurde ein Assoziierungsabkommen der EWG mit Griechenland unterzeichnet.

Im Sommer 1961 stellten die drei Staaten Irland (31. Juli), Großbritannien (9. August) und Dänemark (10. August) den Antrag auf Beitritt zur EWG. Am 30. April 1962 beantragte auch Norwegen den Beitritt. Am 14. Januar 1963 sprach sich der französische Staatspräsident de Gaulle gegen Großbritanniens EWG-Beitritt aus.[2] Sein Veto überraschte die EWG-Kommission und die fünf anderen Mitgliedsstaaten. Am 29. Januar 1963 wurden die Beitrittsverhandlungen der EWG mit Großbritannien abgebrochen. Am 20. Juli 1963 wurde das Yaoundé-Abkommen (ein Assoziierungsabkommen frankophoner afrikanischer Staaten und Madagaskar mit der EWG) unterzeichnet und am 12. September 1963 mit der Türkei. Am 8. April 1965 wurde Vertrag zur Einsetzung eines gemeinsamen Rates und einer gemeinsamen Kommission der Europäischen Gemeinschaften („Fusionsvertrag“) unterzeichnet; damit wurden die Exekutivorgane der Europäischen Gemeinschaften (EGKS, EWG und Euratom) zusammengelegt.

1967 beantragten Großbritannien (10. Mai), Dänemark (11. Mai) und Norwegen (24. Juli) zum zweiten Mal den Beitritt zur EWG und Schweden am 28. Juli erstmals. Ein Assoziierungsabkommen der EWG mit Marokko und Tunesien wurde am 4. März 1969 geschlossen. Am 29. Juli 1969 wurde ein zweites Yaoundé-Abkommen unterzeichnet, das am 1. Januar 1971 in Kraft trat.

Am 1. und 2. Dezember 1969 fassten die Staats- und Regierungschefs der EG (inzwischen war Georges Pompidou französischer Staatspräsident) auf ihrem Gipfeltreffen in Den Haag Beschlüsse zur beschleunigten Integration, zur Einführung einer Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) bis 1980 und zur politischen Zusammenarbeit sowie die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Dänemark, Großbritannien, Irland und Norwegen. Diese Verhandlungen begannen am 30. Juni 1970. Bei einer Volksabstimmung im September 1972 lehnten 53,5 Prozent der Abstimmenden einen EWG-Beitritt Norwegens ab. Dänemark, Großbritannien und Irland traten zum 1. Januar 1973 bei.

Mit dem Vertrag von Maastricht wurde 1992 die EWG, eine der drei Europäischen Gemeinschaften (EG), in Europäische Gemeinschaft (EG) umbenannt und war eine der drei Säulen der Europäischen Union.

Mitgliedstaaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Europa zwischen 1986 und 1990, blau eingefärbt die EWG
Staat Beitritt Bevölkerung (1990)[3]
BelgienBelgien Belgien 25. Mär. 1957 10.016.000
DanemarkDänemark Dänemark [Anm. 1] 01. Jan. 1973 5.146.556
FrankreichFrankreich Frankreich 25. Mär. 1957 56.718.000
DeutschlandDeutschland Bundesrepublik Deutschland 25. Mär. 1957 63.254.000
GriechenlandGriechenland Griechenland 01. Jan. 1981 10.120.000
IrlandIrland Irland 01. Jan. 1973 3.521.000
ItalienItalien Italien 25. Mär. 1957 56.762.700
LuxemburgLuxemburg Luxemburg 25. Mär. 1957 384.400
NiederlandeNiederlande Niederlande 25. Mär. 1957 14.892.300
PortugalPortugal Portugal 01. Jan. 1986 9.862.500
SpanienSpanien Spanien 01. Jan. 1986 38.993.800
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich 01. Jan. 1973 57.681.000
Anmerkungen dazu
  1. Aufgrund der Zugehörigkeit zu Dänemark war Grönland ebenfalls Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, trat aber nach erfolgreichen Autonomiebestrebungen und nach einer Volksabstimmung 1982 aus. Siehe Grönland-Vertrag

Zeitliche Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterz.
In Kraft
Vertrag
1948
1948
Brüsseler
Pakt
1951
1952
Paris
1954
1955
Pariser
Verträge
1957
1958
Rom
1965
1967
Fusions-
vertrag
1986
1987
Einheitliche
Europäische Akte
1992
1993
Maastricht
1997
1999
Amsterdam
2001
2003
Nizza
2007
2009
Lissabon
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Europäische Gemeinschaften Drei Säulen der Europäischen Union
Europäische Atomgemeinschaft (EURATOM)
Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) Vertrag 2002 ausgelaufen Europäische Union (EU)
    Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) Europäische Gemeinschaft (EG)
      Justiz und Inneres (JI)
  Polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen (PJZS)
Europäische Politische Zusammenarbeit (EPZ) Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP)
Militärbündnis Westeuropäische Union (WEU)    
aufgelöst zum 1. Juli 2011
                     

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Oliver Bange: The EEC Crisis of 1963. Kennedy, Macmillan, de Gaulle and Adenauer in Conflict (= Issues of Contemporary History). Mit einem Vorwort von Peter Catterall. Palgrave Macmillan, Basingstoke 1999, ISBN 978-0-312-22018-1 (englisch).
  • Alexander Berens: Der Weg der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zur Politik des leeren Stuhls und zum Luxemburger Kompromiss. Diss., Universität Düsseldorf 2002.
  • Pierre Gerbet: La naissance du marché commun. Éditions Complexe, Brüssel 1987, ISBN 2-87027-222-7 (französisch).
  • Franz Knipping: Rom, 25. März 1957 – Die Einigung Europas. dtv 30609, München 2004, ISBN 3-423-30609-2.
  • Franz Knipping, Matthias Schönwald (Hg.): Aufbruch zum Europa der zweiten Generation. Die europäische Einigung 1969–1984. Wissenschaftlicher Verlag (WVT), Trier 2004, ISBN 3-88476-652-X.
  • Jürgen Mittag: Kleine Geschichte der Europäischen Union. Von der Europaidee bis zur Gegenwart. Aschendorff, Münster 2008, ISBN 978-3-402-00234-6.
  • Guido Thiemeyer: Vom „Pool vert“ zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Europäische Integration, Kalter Krieg und die Anfänge der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik 1950–1957. Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56427-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b "Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, EWG-Vertrag - ursprünglicher Text (nicht konsolidierte Fassung)". Abgerufen am 18. September 2011.
  2. Video der Pressekonferenz
  3. Zahlen nach Populstat.info