Europid

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Europide (griech. für „den Europäern ähnlich, nach Art der Europäer“; engl. Caucasoid, Europid) ist eine rassenkundliche Sammelbezeichnung für die ursprünglichen Bewohner Europas, Nordafrikas, des Horns von Afrika, Vorder- und Teilen Zentral- und Südasiens sowie deren Abkömmlinge. Die Bezeichnung Europide geht auf die Rassentheoretiker Egon von Eickstedt und dessen Schüler Hermann Peters zurück[1]. Sie wurde auch durch die Veröffentlichungen des Oxforder Biologen und Anthropologen John R. Baker populär, stand hier aber in Konkurrenz zur auf Johann Friedrich Blumenbach zurückgehenden Bezeichnung „kaukasische“ Rasse (Caucasian).[2]. Trotz ihrer Herkunft aus der Rassentheorie des Nationalsozialismus wurde die Bezeichnung Europide bis in die 1980er Jahre in der Anthropologie weiterbenutzt.

Die typologische Beschreibung nennt als hervortretende Charakteristika ein reliefreiches Gesicht, schlichtes bis lockiges Haar und eine schmale hohe Nase, bei nördlichen Bevölkerungen außerdem eine wenig pigmentierte Haut, aufgrund derer die Europiden auch als Weiße bezeichnet wurden und werden. Einzigartig ist dabei die Vielfalt an Augen- und Haarfarben.[3] Europide gehörten nach veralteten Rassentheorien neben Mongoliden und Negriden zu den drei grundlegend unterschiedlichen Großrassen. 1997 wurde im Gegensatz zu den drei starren Großrassen von sieben Großgruppen der Menschheit mit fließenden Übergängen ausgegangen, von denen die Europäer eine Gruppe sind.[4]

Semantischer Bereich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1795 von Blumenbach gefundene georgische Schädel, der auf eine kaukasische Herkunft der Europäer hinwies.

Die Bezeichnung europid wird meist in der Diskussion über die stammesgeschichtliche Entwicklung des Menschen sowie in der gerichtsmedizinischen Analyse menschlicher Überreste verwendet. Das Suffix -id zeigt „eine Ähnlichkeit an, nicht notwendigerweise eine genaue Entsprechung zu etwas anderem“, also kann sich europid auf einen weiteren, oder engeren Bereich erstrecken als die als europid bezeichneten Gruppen.

Es wird auch die Bezeichnung caucasoid verwendet, um eine vermeintliche Urheimat der Europiden im Kaukasus anzudeuten. In den englischsprachigen Ländern sind die entsprechenden Begriffe white oder caucasian auch in offiziellen Dokumenten wie zum Beispiel Formularen der Verwaltung oder Volkszählungsunterlagen nach wie vor üblich.

Anatomische und genetische Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Molekulargenetische Untersuchungen bestätigen die genetische Nähe der europäischen und der genannten asiatischen Bevölkerungen, aber nicht die Einteilung der Art Homo sapiens in sogenannte „Großrassen“.[5][6]

Der Versuch, den Ursprung und die Geschichte der Europiden auf genetische oder andere Ursachen zurückzuführen, ist problematisch, da das Bild durch neue Beweise und Deutungen einem ständigen Wandel unterliegt. Vor kurzem stellte man durch mtDNA die These auf, Europäer und Westasiaten hätten entfernte Wurzeln in Südasien, die auf eine Migration vor 20–30.000 Jahren von Südasien nach Mittel- und Westasien sowie Europa deuteten. Diese südasiatischen Vorfahren entstammten ihrerseits zusammen mit den Mongoliden einer früheren Migration von Menschen aus Afrika vor 50–70.000 Jahren (afrikanische Ursprungshypothese), der entweder alle Nichtafrikaner entsprungen wären, oder sie seien der größere und nördlichere Teil zweier Hauptmigrationen.

Rassensystematische Untergliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Europiden wurden nach der Rassensystematik – die bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus gebräuchlich war – in verschiedene „Kleinrassen“ untergliedert, deren Abgrenzung natürlich noch weitaus problematischer ist als die der drei „Großrassen“. Trotz der enormen Datenmengen über diverse körperliche Merkmale, die zur Rassenbestimmung zusammengetragen wurden, blieb die Beurteilung immer subjektiv, eurozentrisch und so dermaßen künstlich konstruiert, dass die Ergebnisse den vorher formulierten Erwartungen entsprachen.[7][8]

Die folgende Einteilung fand sich noch 1978 im Führer durch die anthropologische Schauausstellung des Naturhistorischen Museums Wien.[9]

Nordide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Skandinavien, Nord-Deutschland, Baltische Staaten, Niederlande, Finnland, Nord-Polen, England, Schottland, Irland, Nord-Frankreich, Belgien, Süd-Deutschland, Österreich.

Merkmale: hochwüchsig, schlank; langer, schmaler Kopf; hohes, schmales, reliefreiches Gesicht; mäßig zurückweichende, hohe Stirn; mittelgroße Lidspalte; hohe, gerade Nase mit anliegenden Flügeln und spitzer Kuppe; schmale Lippen; kräftiges, deutlich vorspringendes Kinn; sehr helle Haut; hellblaue bis blaugraue Augen; hellblondes bis hellbraunes, schlichtes Haar.

Osteuropide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: östliches Europa, Russland, Mittel-Polen, Finnland, Baltische Staaten, Ost-Deutschland, Süd-Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Österreich.

Merkmale: mittelgroß, gedrungen; kurzer, kantiger Kopf; breites Gesicht; leicht hervortretende Jochbeine; hohe, mäßig zurückweichende Stirn; kleine, oft schräg stehende Lidspalte; gering hohe, konkave Nase; mittelbreite Lippen; niedriges, wenig ausgeprägtes Kinn; fahlrötliche Haut; graue Augen; aschblondes bis aschbraunes Haar.

Lappide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Nord-Finnland, Nord-Schweden, Nord-Norwegen, Nordwest-Russland.

Merkmale: untersetzt, kleinwüchsig; kurzer, runder Kopf; niedriges, breites und eckiges Gesicht; leicht hervortretende Jochbeine; leicht zurückweichende Stirn; gelegentlich enge und schräg stehende Lidspalte; breite, stumpfe, leicht konkave Nase; mäßig breite Lippen; niedriges, häufig fliehendes Kinn; leicht bräunliche Haut; dunkelbraune Augen; braunschwarzes Haar.

Alpinide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Mitteleuropa, West-Alpen, Zentralfrankreich, Mittelitalien, Tschechoslowakei, Ungarn, Oberbayern, Franken.

Merkmale: mittelgroß, rundlich grazil; kurzer, runder Kopf; niedriges, rundes Gesicht; gewölbte Stirn; mittelgroße Lidspalte; mittelhohe, kurze Nase mit runder Kuppe; schmale bis mäßig breite Lippen; kleines, gerundetes Kinn; mittelhelle Haut; Augen und Haar braun.

Dinaride[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Mittel- und Südost-Europa, West- Ukraine, Karpatenbogen, Ost-Alpen, Süd-Deutschland.

Merkmale: hochwüchsig, schlank, hager; kurzer, hoher Kopf; steiles Hinterhaupt; hohes, nach unten zu schmales Gesicht; mäßig zurückweichende Stirn; mittelgroße Lidspalte; hohe, hakenförmige Nase; schmale Lippen; großes, kräftiges Kinn; mittelhelle Haut; Augen und Haar braun.

Mediterranide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Süditalien, Südgriechenland, Schwarzmeerküste, Nordafrika, Ägypten, Mesopotamien, Südfrankreich, Spanien, Portugal.

Merkmale: mittel- bis untermittelgroß, vollschlank, grazil; mittellanger Kopf; ausladendes Hinterhaupt; ovales, feinknochiges Gesicht; steile bis leicht zurückweichende Stirn; mittelgroße Lidspalte; mittelhohe, meist gerade, schmale Nase; mäßig breite Lippen; kleines, kräftiges Kinn; leicht bräunliche Haut; Augen und Haar dunkelbraun.

Orientalide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Arabien, Mesopotamien, Nordafrika, Palästina, Syrien, Iran.

Merkmale: mittelgroß, grazil; langer Kopf; hohes, ovales Gesicht; mäßig zurückweichende Stirn; mandelförmige Lidspalte; hohe, leicht gebogene Nase; mäßig breite Lippen; profiliertes Kinn; bräunliche Haut; dunkelbraune Augen; schwarzes, meist gelocktes Haar.

Berberide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Nordafrika.

Merkmale: hochwüchsig, schlank; mittellanger Kopf; ausladendes Hinterhaupt; ovales, feinknochiges Gesicht; hohe, leicht zurückweichende Stirn; mittelgroße, weite Lidspalte; mittelhohe, meist gerade Nase; breite Lippen; kleines, kräftiges Kinn; bräunliche Haut; Augen und Haar dunkelbraun.

Indide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Indien.

Merkmale: mittelgroß, schlank, grazil; langer, schmaler Kopf; hohes, ovales Gesicht; steile Stirn; große, mandelförmige Lidspalte; gerade Nase; mäßig breite Lippen; mäßig profiliertes Kinn; hellbraune Haut; dunkelbraune Augen; schlichtes, schwarzbraunes Haar.

Zigeuner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Europa.

Merkmale: mittelgroß, schlank; mittellanger und mittelbreiter Kopf; mittelhohes und mittelbreites Gesicht; leicht zurückweichende Stirn; große, mandelförmige Lidspalte; gerade, mäßig breite Nase; breite Lippen; hellbraune Haut; dunkelbraune Augen; schlichtes, schwarzbraunes Haar.

Weddide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Waldgebiete Vorderindiens, Parkdschungel Ceylons, Außenzone Hinterindiens, Indonesien bis Timor und Molukken.

Merkmale: kleinwüchsig, grazil, untersetzt; langer, schmaler Kopf; rundliches, niedriges Gesicht; hohe, steile Stirn; große Lidspalte; mäßig breite, stumpfe Nase; breite Lippen; rundliches Kinn; mittelbraune Haut; dunkelbraune Augen; schwarzes, welliges Haar.

Armenide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: Armenien, Iran, östlicher Mittelmeerraum.

Merkmale: mittelgroß, untersetzt, derb; sehr kurzer, breiter und sehr hoher Kopf; hohes, schmales, rautenförmiges Gesicht; breite, mäßig hohe Stirn; mäßig weite Lidspalte; kolbige Nase; breite Lippen; niedriges, markant profiliertes Kinn; bräunliche Haut, dunkelbraune Augen; schlichtes, schwarzbraunes Haar.

Turanide[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung: südliches West-Turkestan, Ost-Turkestan.

Merkmale: mittelgroß, schlank; kurzer, mittelbreiter, hoher Kopf; mittelhohes, ovales Gesicht; ziemlich hohe, steile Stirn; enge, leicht geschlitzte Lidspalte; mäßig hohe, gerade oder leicht konvexe Nase; schmale Lippen; kleines, kräftiges Kinn; bräunliche Haut; dunkelbraune Augen; schlichtes, braunschwarzes Haar.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Luigi Luca Cavalli-Sforza: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation, Carl Hanser Verlag, 1999
  • John R. Baker: Die Rassen der Menschheit, Deutsche Verlags - Anstalt, 1976

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Europider – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. John R. Baker: Race. Oxford University Press, 1974 auf Seite 204.
  2. Bernard J. Freedman (1984): Caucasian. British Medical Journal Vol.288: 696-698.
  3. Peter Frost: Why Do Europeans Have So Many Hair and Eye Colors?, abgerufen am 29. Januar 2014 (englisch).
  4. Marvin Harris, Menschen.Wie wir wurden was wir sind. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997, S.108
  5. Lexikon der Biologie, Band 9, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-0334-0, S. 170–177 (Artikel: Menschenrassen)
  6. Lexikon der Biologie, Band 5, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2000, ISBN 3-8274-0330-8, S. 267–268 (Artikel: Europide)
  7. Ulrich Kattmann: Warum und mit welcher Wirkung klassifizieren Wissenschaftler Menschen? In: Heidrun Kaupen-Haas und Christian Saller (Hrsg.): Wissenschaftlicher Rassismus: Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften. Campus, Frankfurt a.M. 1999, ISBN 3-593-36228-7, S. 65–83.
  8. Oliver Trey: Die Entwicklung von Rassentheorien im 19. Jhdt.: Gobineau und sein Essai „Die Ungleichheit der Menschenrassen“. disserta, Hamburg 2014, ISBN 978-3-95425-684-6. S. 13, 28–29, 43.
  9. Johann Szilvassy u. Georg Kentner: Anthropologie. Entwicklung des Menschen Rassen des Menschen. Naturhistorisches Museum, Wien 1978, Online-Version.S. 120–122.