Rasse

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Rasse (Begriffsklärung) aufgeführt.

Rasse ist ein abstrakter Ordnungsbegriff, vergleichbar mit der Klasse in der Logik oder der Sorte, der Art im umgangssprachlichen Sinne. Er bezeichnet beliebige Zusammenfassungen von nach subjektivem Ermessen gruppierten Lebewesen einer Art. Seine fachlich korrekte Verwendung beschränkt sich auf die Klassifikation von Zuchtformen; frühere Anwendungen, etwa in den biologischen oder anthropologischen Wissenschaften, sind weitgehend obsolet. In der Biologie hat sich seit dem 19. Jahrhundert anstelle der „Rasse“ allmählich die Unterart durchgesetzt, die weniger Raum für willkürliche Unterteilungen bietet, da sie deutlich strenger definiert ist.

Der Rassebegriff avancierte insbesondere im 19. Jahrhundert zu einer anpassungsfähigen und flexiblen Ordnungskategorie fast beliebiger sozialer und kultureller Entitäten, keineswegs nur im biologistischen Sinne. Christian Geulen sieht den Rassebegriff in Zusammenhang mit Zeiten verunsicherter Zugehörigkeitsgefühle, so aktuell in der Globalisierung. Der jeweilige Rassebegriff wird demnach benutzt, um zunächst hergebrachte oder neue Grenzen von Zugehörigkeit theoretisch zu begründen und diene praktisch, im Rassismus, dazu, die erfahrbare Wirklichkeit diesen Vorgaben anzupassen. Er geht damit über statisch affirmative Vorurteilsstrukturen, Animositäten und ideologische Feindbilder hinaus.[1]

Etymologie und Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Die genaue Herkunft des Wortes „Rasse“ ist unklar; es werden unterschiedliche, stark voneinander abweichende Erklärungen vertreten. In der Literatur werden häufig Ableitungen vom lateinischen „radix“ (Wurzel im genealogischen Sinne), von „generatio“ (Geschlecht im genealogischen Sinne, aber auch „Art“, im Sinne von „Wesen eines Dings“), sowie „ratio“ (ebenfalls in der Bedeutung „Wesen eines Dings“ oder „Art und Weise“) beschrieben.[2] Eine alternative Herleitung des Wortes führt nach Spanien und wird als Hispanisierung des arabischenرأس‎ / raʾs / ‚Kopf, Ursprung‘ zu raza gedeutet.[3] Belegt sind einzelne Verwendungen in den romanischen Sprachen seit dem frühen 13. Jahrhundert.[2]

Die früheste bislang bekannte Verwendung in der spanischen Literatur erfolgte 1438 durch den Priester Alfonso Martínez de Toledo:

„Man nehme zwei Söhne an, den eines Bauern und den eines Ritters: Beide wüchsen im Gebirge unter der Erziehung eines Mannes und eines Weibes auf. Du wirst sehen, dass der Bauer sich weiterhin über die Dinge eines Dorfes, so wie ackern, graben und Holz mit dem Vieh einsammeln, erfreuen wird; und der Sohn des Ritters wird sich nur dann erfreuen, wenn er reitend Waffen zu horten vermag und Messerstiche erteilen darf. Dies beabsichtigt die Natur, so wirst Du dieses in jenen Orten, in denen Du leben wirst, Tag für Tag beobachten können, so dass der Gute einer guten Rasse [rraça] von seiner Herkunft angezogen wird und der Benachteiligte, einer gemeinen Rasse [rraça] und Herkunft angehörig, unabhängig wer er ist und wie reich er sein mag, sich niemals von einer anderen Herkunft angezogen fühlen wird, als woher er ursprünglich stammt.[4]

Dieser frühe Text beinhaltet bereits die Vorstellung unveränderlicher, durch Natur und Abstammung festgelegter Wesenszüge.[5] Abweichend von der späteren naturwissenschaftlichen Bedeutung einer durch gemeinsame somatische Merkmale gekennzeichneten Gruppe lag hier die Vorstellung einer langen Ahnenreihe zugrunde, innerhalb derer sich hervorragende Qualität nicht notwendigerweise gebunden an erkennbare physische Charakteristika vererbt.[2] In entsprechender Weise wurde die Bezeichnung parallel auch in der Pferdezucht gebräuchlich.[6]

Eingang in das Recht erfuhr die Bezeichnung in den „Estatutos de limpieza de sangre“ (Statuten von der «Reinheit des Blutes»), die erstmals 1449 in Toledo erlassen wurden und als Vorläufer der Nürnberger Rassegesetze gelten. Sie existierten an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Versionen bis ins 19. Jahrhundert.[7]

„[…] es wurde ein Kirchenstatut von unserem Erzbischof von Toledo vorgeschlagen, welches forderte, dass seit jenem Tage alle Kirchenpfründe jener Heiligen Kirche sowie Würdenträger wie etwa Domherren, Kostverteiler, Kapläne und Kleriker Altchristen sein müssen, also ohne Rasse eines Juden, Mauren oder Häretikers […].“[8]

In Frankreich trug im 16. Jahrhundert der Streit zwischen dem Geburts- (frz. noblesse de race) und dem Amtsadel (noblesse de robe) dazu bei, dass die Bezeichnung race gebräuchlich wurde.[9] In der Folgezeit breitete sie sich auch in anderen Ländern aus.[10]

Im 17. Jahrhundert benutzte der französische Forscher François Bernier die Bezeichnung noch synonym zu „espèce“ (Art). Er gilt als der erste Forscher, der die Bezeichnung im Rahmen einer anthropologischen Taxonomie zum Zwecke der Klassifikation von Menschen verwendete.[11]

Ab der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Rasse als „ein naturgeschichtlicher Ordnungsbegriff zur Bezeichnung einer Tier- beziehungsweise Pflanzengruppe mit übereinstimmenden typischen (vererbbaren) Merkmalen des äußeren Erscheinungsbildes“ verwendet, oft im eingeschränkten Sinne eines durch Züchtung gewonnenen „edlen Geschlechts mit ausgeprägten, hervorragenden Eigenschaften“.[12]

Im Deutschen war vom 18. Jahrhundert bis etwa 1900 die Schreibweise Race üblich, abgeleitet von franz. race mit der weiten Bedeutung von „Geschlecht, Stamm, Abstammung, Nachkommenschaft, Gattung, Sorte, Art (von Menschen und Tieren), also für eine Gruppe von Individuen mit bestimmten gemeinsamen Eigenschaften.“[12]

Nach Christian Geulen[13] ist so gut wie jede denkbare Gemeinschaft bereits als Rasse beschrieben worden: Familien, Nationen, Völker, die Menschheit als Ganzes, Kulturen, Religionsgemeinschaften und ethnische Gruppen sowie Klassen, Schichten und Eliten. Entscheidend für die Entwicklung im 19. Jahrhundert sei gewesen, dass der Begriff begann „ein zunehmend abstraktes und andere politische Ideologien häufig überformendes Prinzip“ zu werden und der Rassenbegriff den komplexer werdenden Sozialformationen des 19. Jahrhunderts angepasst wurde und werden konnte. [14]

Der um 1900 praktizierte Rassendiskurs etablierte den Begriff damit als eine flexible soziokulturelle Ordnungskategorie von sozialen und kulturellen Entitäten, keineswegs nur im biologistischen Sinne.[15] Auf diese Weise avancierte laut Wolfram Pyta der Rassenbegriff unter anderem zu einer Schlüsselkategorie für eine bestimmte Sicht der Zivilisationsgeschichte, die etwa bei Karl May und Richard Coudenhove-Kalergi[15] in der friedlichen Verbindung und Verschmelzung von Rassen einen zivilisatorischen Motor erblickte. Ähnlich wurde beim damals breit rezipierten esoterischen Begriff Wurzelrasse unter anderem von Helena Blavatsky eine gemeinsame, monogenetische Wurzel aller Menschen(rassen) angenommen, die explizit an einer gemeinsamen Oberseele teilhaben und so eine gemeinsame Höherentwicklung einschließt.[16] Dieser monogenetische Rassenbegriff unterscheidet sich deutlich vom polygenetischen Rassebegriff etwa Georges Cuviers oder Voltaires ab [17], die wie etliche andere Aufklärer auch Schwarzen und Weißen eine unüberbrückbar unterschiedliche biologische Herkunft konstatierten.

In der Umgangssprache wurde Rasse noch im 1933 erschienenen Roman Die Feuerzangenbowle positiv verwendet, dort für die (körperlichen) Eigenschaften einer jungen Frau; heute ist diese Bedeutung weitgehend verschwunden; rassig wird weiterhin in Bezug auf Wein gebraucht, in seiner allgemeineren Bedeutung würzig, scharf stellt das Adjektiv einen Helvetismus dar; in der Schweiz wird es auch im übertragenen Sinne in anderen Lebensbereichen gebraucht.

Zuchtwesen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Rasse (Züchtung)

Im Zuchtwesen wird die Bezeichnung Rasse bei Haustieren zur Differenzierung innerhalb einer Art verwendet.

Biologie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Unterart und Rasse (Botanik)

Der Terminus „Rasse“ gelangte aus der Tierzucht in die frühe Biologie. Dort wurde er dann lange Zeit zur Klassifizierung und Einordnung von Organismen, auf verschiedenen taxonomischen Ebenen auf oder unterhalb des Artniveaus, verwendet. Definition und Gebrauch der „Rasse“ erfolgten nicht einheitlich, was eine Vielzahl unterschiedlicher Typen von Rassen zur Folge hatte, die weder gegeneinander noch klar gegen höhere oder niedere Taxa abgrenzbar waren. Zusätzlich erschwert wurde die Situation dadurch, dass man Rassen als Arten niederen taxonomischen Ranges begriff und sie entsprechend dem damals vorherrschenden Artkonzept völlig typologisch definierte und behandelte, was viel Spielraum für Willkür und subjektive Einschätzung ließ. Lediglich die „geographische Rasse“ erlangte eine gewisse Bedeutung, als Vorläufer der Unterart. Heute spielt die Bezeichnung „Rasse“ in der Biologie kaum noch eine Rolle; sie ist weitgehend der Bezeichnung „Unterart“ gewichen. Die einzige Ausnahme bildet die Zuchtlehre. Darin wird sie zur infrasubspezifischen Klassifikation von Haustieren verwendet, die eine Sonderstellung in der biologischen Systematik einnehmen und in ihrer Gesamtheit zu einer Unterart der jeweiligen Stammart zusammengefasst werden. In aktueller Literatur tauchen „Rassen“ kaum noch auf, und wenn doch, dann fälschlicherweise als Synonym für Unterart oder Varietät, oder sie bezeichnen mehr oder weniger willkürliche Zusammenfassungen phänotypisch ähnlicher Individuen einer Art, deren taxonomischer Rang unklar ist, bzw. Populationen und Teilpopulationen ohne eigenen taxonomischen Rang. Andere Verwendungen, z. B. im Sinne von „Art“ oder „Gattung“ sind historisch.

Rassen, aber auch Unterarten, sind nicht objektivierbar, sie beruhen lediglich auf Konvention. Es handelt sich dabei um Kategorien des Denkens und nicht etwa um Einheiten der Evolution. Wie der Evolutionsbiologe Ernst Mayr betont, basieren alle rassistischen Theorien darauf, Rassen nicht als Abstraktion, sondern als Realität aufzufassen.[18]

Anthropologie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Rassentheorie, Rassismus, Unterart und Population (Anthropologie)

In verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Milieus und zu verschiedenen Zeiten erfuhr die Bezeichnung „Rasse“ jeweils unterschiedliche Verwendungen. Derartige Untergliederungen der Menschheit waren zum Teil nur neutrale Versuche einer Klassifizierung, zum anderen Teil aber auch mit Wertungen verbunden und wurden daher als scheinbare wissenschaftliche Grundlagen für den Rassismus missbraucht.

Der älteste Nachweis dieses Sprachgebrauchs ist François Berniers Schrift Nouvelle division de la terre par les différentes espèces ou races qui l'habitent von 1684.[11] Ins Deutsche führte diesen Sprachgebrauch Immanuel Kant 1775 mit seiner Schrift Von den verschiedenen Racen der Menschen ein. Vom späten 17. Jahrhundert bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde Rasse als anthropologische Bezeichnung zur Klassifizierung von Menschen verwendet, seit dem 19. Jahrhundert vielfach synonym mit Volk[12]. Insbesondere während der Zeitspanne von 1850 bis 1950 – die von dem Historiker Patrik von zur Mühlen als „anthropologisches Jahrhundert“ charakterisiert wurde – war der Rassebegriff ein zentraler Bestandteil zahlreicher Ideologien.[19] Rassekonzepte dienten hier oft zur Ab- und Aufwertung von Bevölkerungsgruppen. Unter anderem wurden in Anthropologie, Ethnologie und Soziologie auf den Menschen bezogene Rassekonzepte entwickelt.

Wie bereits beschrieben, wird der Begriff „Rasse“ in der Biologie nicht mehr verwendet und wurde durch die Bezeichnung „Unterart“ (Subspezies) ersetzt. Bezogen auf die Art „Homo sapiens" haben molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen seit den 1970er Jahren gezeigt, dass eine systematische Unterteilung des Menschen in Unterarten der enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der größte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist.[20]

Die Einteilung des Menschen in Rassen entspricht daher nicht mehr dem Stand der Wissenschaft.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Rasse – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Rasse – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christian Geulen : Geschichte des Rassismus. München 2007 u.a. S. 13, S. 69 ff
  2. a b c Werner Conze, Antje Sommer: Rasse. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Klett-Cotta, Stuttgart 2004 (1. A. 1984), ISBN 3-608-91500-1, Bd. 5, S. 135–178, hier: S. 137.
  3. Nabil Osman: Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunf. C.H. Beck, 6. Aufl., München 2002, ISBN 3-406-47584-1.
  4. Zitiert nach Hering Torres, Max Sebastián: Rassismus in der Vormoderne. Die „Reinheit des Blutes“ im Spanien der Frühen Neuzeit. Campus Verlag, Frankfurt/Main 2006, ISBN 3-593-38204-0, S. 219.
  5. Torres & Sebastián, S. 219.
  6. Christian Geulen: Geschichte des Rassismus, C.H. Beck, München 2007, S. 13 f.
  7. Georg Bossong: Die Sepharden: Geschichte und Kultur der spanischen Juden, C.H. Beck, 2008, ISBN 3-406-56238-8, S. 66.
  8. Zitiert nach Torres & Sebastián, S. 221.
  9. Geulen, S. 36.
  10. Geulen, S. 36 f.
  11. a b Imanuel Geiss: Geschichte des Rassismus, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-11530-8, S. 16 f.
  12. a b c Wolfgang Pfeifer (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München 1995, S. 1084–1085, ISBN 3-423-03358-4.
  13. Christian Geulen : Geschichte des Rassismus. München 2007 zum erweiterten Rassismusbegriff u.a. S.69 ff
  14. Christian Geulen : Geschichte des Rassismus. München 2007 zum erweiterten Rassismusbegriff u.a. S.75 ff
  15. a b Empor ins Reich der Edelmenschen, Karl Mays Vorstellungen von Rassenverbrüderung von Wolfram Pyta, Tagungsvortrag Karl – May – Gesellschaft Leipzig 2012
  16. Die wunderbare Welt der Sekten: Von Paulus bis Scientology, von Gerald Willms Vandenhoeck & Ruprecht, 2012, S. 117 ff
  17. "We Hold These Truths to be Self-evident-- ": An Interdisciplinary Analysis of the Roots of Racism and Slavery in America, Kenneth N. Addison University Press of America, 2009, S.306
  18. Vgl. Ernst Mayr: Evolution und die Vielfalt des Lebens, Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 1979, ISBN 3-540-09068-1, S. 36 f.
  19. Bernhard Streck (Hrsg.): Wörterbuch der Ethnologie. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000.
  20. R.C. Lewontin: Confusions about Human Races, im Webforum Is Race „Real“? des Social Science Research Councils, 2006.