Fango

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Vulkanische Thermalquelle mit Schlamm-Anreicherung auf Island

Fango (italienisch fango, Plural fanghi: Schlamm, Schlick) ist ein, mit zahlreichen Mineralien angereicherter, Mineralschlamm vulkanischen Ursprungs und wird in der Peloidtherapie verwendet. Obwohl sie ähnlich in Anwendung und Wirkungsweise sind, werden aufgrund unterschiedlicher Aufbereitung und Zusammensetzung grundsätzlich zwei Arten von Fango unterschieden: organischer und anorganischer Fango.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahlreichen Kulturkreisen sind die medizinischen Eigenschaften von Schlick, Schlamm und Heilerde bereits seit Jahrhunderten bekannt. Vorbereitete Packungen mit dem erwärmten Vulkanschlamm fanden in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals in Kuranstälten sowie in der Bädertherapie Anwendung.[1]

In Deutschland wurde in Landstuhl (Landkreis Kaiserslautern) bereits 1896 ein Moorbad mit Wasserheilanstalt eröffnet, welches durch seine Fangoanwendungen überregionale Bekanntnaheit erlangte. Das erste und einzige Fangoheilbad in Deutschland trug ab 1902 den Namen Sanatorium Moorbad und Wasserheilanstalt Sickingen und verwendete für seine Moorschlamm mitvulkanischer Schlammerde, der überwiegend zur Behandlung von Gelenkerkrankungen und sogenannten „Frauenleiden“ angewendet wurde.[2]

Auch in Wien gab es seit 1898 eine Fango-Heilanstalt, das sogenannte Bründlbad. Hier kam vulkanischer, graubrauner Fango aus dem italienischen Badeort Battaglia (Venetien) zum Einsatz, der mit Thermalwasser erwärmt wurde. Für die Anwendung strich man den Fango in dicker Lage auf Leinwand, die, für 30 bis 60 Minuten, auf die zu behandelnden Körperpartien aufgelegt wurden. Anwendungsbereiche waren Erkrankungen des Bewegungsapparats und des Nervensystems, aber auch der der Verdauungs- und der Atmungsorgane sowie der Harnwege, Stoffwechsel- und Bluterkrankungen, Haut- und Geschlechtskrankheiten. Außerdem behandelte man chronische Vergiftungen mit Fangoanwendungen.[3]

Der organische bzw. gereifte Fango[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italien gilt als das Ursprungsland des Fangos und nimmt somit auch eine Sonderstellung ein. Historische Quellen belegen, dass schon römische Legionäre die Heilkräfte des vulkanischen Heilschlamms zu schätzen wussten. Der italienische Fango setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Thermalwasser, Fangoschlamm (Lehm bzw. Ton) und der Zugabe von Algen und Mikroorganismen, welche für den biologischen Reifeprozess (Maturation) verantwortlich sind. Dieser Reifeprozess dauert mindestens 60 Tage an.

Eine Sonderstellung nimmt die wohl bekannteste Fangoregion Italiens ein, die Euganeischen Hügel bzw. das Euganeische Becken mit seinen Kurorten Abano, Montegrotto, Galzignano Terme und Battaglia. Diese Region wird mit einem besonderen Thermalwasser versorgt, dessen Quellen in den Alpen entspringen und sich dann ihren Weg unterirdisch durch die verschiedenen Gesteinsschichten bis in die Ebene des Euganeischen Beckens suchen, um dort als Artesischer Brunnen an die Oberfläche zu gelangen. Das Thermalwasser ist salz-, iod- und bromhaltig und hat eine Ausgangstemperatur von 80 bis 85 °C. Mit dieser Temperatur wird das Wasser permanent über die mit dem Fangoschlamm gefüllten Reifebecken geleitet, was den Reifeprozess der Algen und Mikroorganismen begünstigt. Der Fangoschlamm wird direkt aus dem Euganeischen Becken gewonnen und besteht aus hellblauem Naturlehm (Aluminiumsilikat). Ist der entsprechende Reifegrad erreicht, wird der Fango portionsweise in Eimern durch speziell geschultes Personal (italienisch: fanghini) entnommen und für die therapeutischen Zwecke eingesetzt.

Nach der Anwendung wird der Fango wiederverwertet; das heißt, er wird in die Reifebecken zurückgeführt und der Reifeprozess beginnt von neuem. Diese Art der Fangoaufbereitung ist sehr platz- und lohnintensiv: platzintensiv deshalb, weil durch den langen Reifeprozess mehrere Becken vorhanden sein müssen, die wiederum den wechselnden Zyklus der Fangoentnahme gewährleisten müssen; lohnintensiv deshalb, weil bei dieser Form der Aufbereitung ein Großteil der Arbeiten in Handarbeit durchgeführt wird. Im deutschsprachigen Raum geschieht die Fangoaufbereitung seit Jahrzehnten maschinell mit einer speziell dafür entwickelten Aufbereitungstechnik.

Die übrigen italienischen Kurorte wie z. B. Montecatini Terme in der Toskana und Castel San Pietro Terme in der Emilia-Romagna nutzen ihr eigenes, ortsgebundenes Thermal- bzw. Mineralwasser. Dieses erreicht jedoch nicht die hohe Temperatur des Thermalwassers aus dem Euganeischen Becken. Der Fangoschlamm wird aus einem Gesteinsmehl hergestellt, das von auswärts eingeführt wird.

Der anorganische Fango[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im restlichen Europa, explizit im deutschsprachigen Raum, wird bei der Aufbereitung des Fangos auf den Reifeprozess verzichtet. Hier sind die Zusammensetzung der Mineralien und die thermophysikalischen Eigenschaften maßgeblich für die Wirkungsweise des Fangos. Ausgangsprodukt des Fangos ist ein Gestein vulkanischen Ursprungs. Diese Definition bzw. Assoziation von Fango mit „vulkanogen“ wurde erstmals 1916 von dem Geologen und Begründer der Balneologie, Konrad Keilhack (1858–1944), verwendet und hat seitdem ihren festen Bestand im deutschen Sprachgebrauch. In seiner Untersuchung zum Thema „Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen“ präzisiert Gerd Lüttig den Begriff Fango wie folgt:

„Der Autor unterstützt die Bestrebung, der Name Fango solle für (Para-) Peloidmaterial gebraucht werden, welches vulkanogenen Ursprungs ist, macht aber gleichzeitig darauf aufmerksam, dass in der klassischen „Fango“-Region keine fanghi, sondern Mudden (und zwar Diatomeengyttjen) appliziert werden. Damit bleiben nur zwei Typregionen für die Verwendung des Namens Fango übrig, nämlich die Eifel und der Kaiserstuhl (Eifel-Fango und Freiburger Fango). In der Praxis entsteht durch die Richtigstellung keinerlei Verwirrung, zumal da die italienischen Balneotherapeuten ihr Material schon seit längerer Zeit ‚Thermalschlamm‘ und nicht Fango nennen.“[4]

Abgebaut wird das Vulkangestein in Deutschland u. a. in Bötzingen am Kaiserstuhl (Phonolith), etwa 15 km westlich von Freiburg, und in Mendig im Bereich des Laacher Sees. In Österreich wird der „Gossendorfer Fango“ in der Region Steirisches Vulkanland gewonnen.

Das Ausgangsmaterial wird gebrochen, erhitzt und dann feinst aufgemahlen. Hierbei handelt es sich um ein anorganisches Naturprodukt, welches an seinem jeweiligen Bestimmungsort mit ortsgebundenem Brauch-, Mineral- oder Thermalwasser aufgemischt wird. Mancherorts wird es noch angereichert, z. B. mit Radon, Sole oder Schwefel (Schwefelberg-Bad).

Jede Schlammpackung wird nur einmal verwendet, und der verbrauchte Fango wird anschließend umweltgerecht entsorgt. Aufgrund der in ihm enthaltenen Mineralstoffe ist er geeignet für eine ökologische Rückführung in den Gartenbau, in die Landwirtschaft sowie zur Kompostierung.

Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fangotherapie erfolgt entweder durch direkten Auftrag auf die Haut, oder das Auflegen einer vorbereiteten „Fangopackung“

Nach einer vorausgegangenen Heilbehandlung mit Fango erfolgt oftmals eine Massage, Manuelle Therapie oder Krankengymnastik. Die durch die Wärmebehandlung lassen sich die behandelten Körperregionen besser auflockern, was sich günstig auf physiotherapeutische Maßnahmen auswirkt.[5]

Vor der Anwendung wird das Gesteinspulver entweder mit Wasser zu einem homogenen Brei aufgemischt, oder in einer vorbereiteten, formbaren Packung verwendet, die sich in einer teilweise durchlässigen Plastiktüte befindet[6] oder in einem Tuch aus Leinen[7] aufgelegt wird.

Die Schlammpackung wird auf eine Temperatur von 45 bis 52 °C erhitzt und (bei direktem Auftrag) in einer Schichtdicke von etwa 3 cm auf die erkrankten Bereiche des Körpers aufgetragen. Anschließend wird der Körper zwecks optimaler Wärmespeicherung in Folie, Leinentücher oder Wolldecken eingehüllt. Die Anwendungsdauer solch einer Behandlung liegt zwischen 20 und 40 Minuten, sodass die abgegebene Wärme des Fangos auch in tiefer liegendes Gewebe eindringen kann und dieses lang anhaltend und wirkungsvoll erwärmt.[8][9]

Medizinische Anwendungsbereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fango wird unter anderem bei Bindegewebs- und Muskelrheumatismus, chronisch rheumatischen Gelenkerkrankungen, Fibromyalgie, Hexenschuss, Ischialgie, Rücken-, Schulter- und Nackenschmerzen, Spasmen glattmuskulärer Organe, traumatischen Kontusionen und Distorsionen, Sehnenscheidenentzündung, Menstruationsbeschwerden, Muskelverhärtung, Muskelkater, Neurodermitis und Ekzemen angewendet.[5][9][10]

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die tief eindringende Wärme fördern Fangopackungen die Durchblutung von Haut, Bindegewebe und Muskulatur, so dass sich die Muskulatur entspannt, das Bindewewebe sich lockert und Schmerzen gelindert werden.[5]

Eine sogenannte „Stärkung des Immunsystems“ ist nicht plausibel und wäre auch nicht immer wünschenswert (z. B. bei Autoimmunerkrankungen). Eine erhöhte Ausschüttung von Endorphinen oder ACTH ist nicht nachgewiesen, letztere wäre auch nicht immer wünschenswert.

Recycling als Gartendünger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Anwendung lässt sich der Inhalt von gebrauchten Fangopackungen gut als natürlicher Dünger für den Garten einsetzen[6]. Sandige Böden profitieren dabei besonders von einer Bodenverbesserung durch Heilschlamm, durch die Pflanzen, wie beispielsweisen Rhododendren, besser gedeihen und üppiger blühen.[11]

Wärmepackung mit Fangozusatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Kostengründen ist man zum Teil dazu übergegangen, Paraffinfangopackungen (Parafango) zu verwenden. Ausgangsstoff hierzu ist ein Paraffinwachs, welches mit einem natürlichen Peloid, z. B. Fango oder Moor, versetzt wurde. Diese Packungen sind kostengünstiger, da sie mehrfach verwendbar sind und man ggf. auf die anschließende Dusche verzichten kann. Sie haben jedoch in Bezug auf Modellierfähigkeit und thermophysikalische Eigenschaften klare Defizite gegenüber dem Naturfango.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerd Lüttig: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 2 und 3. Herausgegeben von Gundolf Keil. Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV), Baden-Baden 2006/07, ISBN 978-3-86888-005-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Fango – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fangopackung - Heilmittel der Physiotherapie mit heissem Vulkanschlamm Ratgeber Wellness, aufgerufen am 8. Mai 2022
  2. Moorbad und Wasserheilanstalt Sickingen in Landstuhl Westpfalz, aufgerufen am 8. Mai 2022
  3. Fango-Heilanstalt Wiener Stadt- und Landesarchiv, aufgerufen am 8. Mai 2022
  4. Gerd Lüttig: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 2/3 (2006/07). Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV), S. 435.
  5. a b c Fangopackung DRK Krankenhaus Lichtenstein, aufgerufen am 8. Mai 2022
  6. a b Bodenverbesserung: Fango für sandige Böden – Recycling-Idee zum weiter sagen! Das wilde Gartenblog, aufgerufen am 8. Mai 2022
  7. Graubraune Masse mit heilender Wirkung Stuttgarter Nachrichten, aufgerufen am 8. Mai 2022
  8. Fangopackung: Alles was Sie wissen sollten! Trendmoor, aufgerufen am 8. Mai 2022
  9. a b Fango-Anwendung Therapie- und Gesundheitszentrum Dentl, aufgerufen am 8. Mai 2022
  10. Fango-Packung - Wirkung und Anwendung für die Massage Sport & Wellness, aufgerufen am 8. Mai 2022
  11. Fango-Packungen lassen den Rhododendron blühen Das wilde Gartenblog, aufgerufen am 8. Mai 2022