Figurengedicht

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Figurengedicht in einer Handschrift von 1638

Ein Figurengedicht (auch Kalligramm oder Carmen figuratum) ist ein Gedicht, das nicht nur als „literarischer Text“ funktioniert, sondern darüber hinaus auch noch in optischer Hinsicht eine weitere Bedeutungsebene aufbaut, zum Beispiel durch Formung des Textkörpers.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Griechische und lateinische Figurengedichte, Technopaignia (Einzahl Technopaignion, aus τέχνη/techne „Kunst“ und παίγνιον/paignion „Spiel“, „Spielzeug“, „Scherzgedicht“), deren Textform den inhaltlichen Gegenstand abbildet, sind seit der Antike bekannt.[1]

Die überlieferten griechischen Technopaignia sind in einer Sammelhandschrift zusammengestellt und aus ihr in das Buch 15 der Anthologia Palatina übernommen. Berühmte Beispiele[2] sind:

  • Simias: Pteryges („Flügel“), Pelekys („Axt“), Oion („Ei“)
  • (Pseudo-)Theokrit: Syrinx („Panflöte“, in einer verrätselten Sprache verfasst)
  • Dosiadas: Bomos („Altar“, in Rätselsprache)
  • Besantinos: Bomos („Altar“, in Rätselsprache).

Antike Autoren lateinischer Figurengedichte sind Publilius Optatianus Porfyrius oder Venantius Fortunatus.

Als Figurengedichte werden auch Gittergedichte aus Ägypten verstanden. Ferner wurden Zauberformeln oder Inschriften (beispielsweise in Pompeji) oft in kunstvoller, z T. rätselhafter Form geschrieben oder gezeichnet.

Vor allem christliche Denker der Spätantike und des frühen Mittelalters verfassten Figurengedichte als religiös inspirierte Gittergedichte. Die Gittergedichte bestanden aus einem Buchstabenraster, wie man es heute von Wortsuch-Rätseln in Zeitschriften kennt. Sogenannte „In-Texte“ mit besonders wichtigen Aussagen wurden in diesem Raster häufig besonders hervorgehoben. Sie hatten häufig die Form eines Kreuzes oder eines anderen christlichen Motivs. Die Anzahl der verwendeten Buchstaben ging zudem häufig auf zahlenmystische Überlegungen zurück, so dass in einem einzigen Figurengedicht oftmals mehrere Sinnebenen zu finden sind.

In byzantinischer Zeit nannte man die Gittergedichte, wegen ihrer ineinander verwobenen Intexte, „gewebte Verse“ (στίχοι υφαντοί).[3]

Zu den besonders bedeutenden Beispielen gehört das Buch De laudibus sanctae crucis („Vom Lob des heiligen Kreuzes“, 825/826) mit 28 Kreuzgedichten, verfasst vom Gelehrten Rabanus Maurus (780-856).

Ihre größte Blütezeit erlebten die Figurengedichte jedoch erst in der manieristischen Lyrik des Barock, und zahlreiche damalige Dichter wie z. B. Catharina Regina von Greiffenberg und Theodor Kornfeld wetteiferten auf diesem Gebiet.

Beispiele aus neuerer Zeit finden sich bei den französischen Dichtern Guillaume Apollinaire und Stéphane Mallarmé (Un coup de dés jamais n'abolira le hasard (1897)), bei Autoren der konkreten Poesie wie etwa Eugen Gomringer, bei Ernst Jandl, Erich Fried (z. B. „Taktfrage“) sowie bei Christian Morgenstern:

Die Trichter

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u. s.
w.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jeremy Adler u. Ulrich Ernst: Text als Figur. Visuelle Poesie von der Antike bis zur Moderne. Weinheim 3. Aufl. 1990. ISBN 3-527-17816-3
  • Adelheid Beckmann: Motive und Formen der deutschen Lyrik des 17. Jahrhunderts. Tübingen 1960 (Hermaea, n.F. 5)
  • Ulrich Ernst: Carmen figuratum. Geschichte des Figurengedichtes von den antiken Ursprüngen bis zum Ausgang des Mittelalters, Köln 1991 (Pictura et poesis 1). ISBN 3-412-03589-0
  • Ulrich Ernst: Figurengedicht. A. Einleitung; B. Mittelalter; C. Frühe Neuzeit; D. Konkrete Poesie. In: Der Neue Pauly, Bd. 13 (1999), Sp. 1115–1123.
  • Gisela Febel: Figurengedicht. In: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Darmstadt: WBG 1992ff, Bd. 3 (1996), Sp. 282–289 (zahlr. Abb.).
  • Stephanie Haarländer: Rabanus Maurus zum Kennenlernen.. Mainz 2006. ISBN 3-934450-24-5. (Darin S. 112–129: Übersetzung von Rabanus' Figurengedichten 1, 4, 15, 16, 28 sowie S. 102–106 des Widmungsgedichtes für Ludwig den Frommen)
  • Hans-Jürgen Kotzur (Hg.): Rabanus Maurus. Auf den Spuren eines karolingischen Gelehrten. Mainz 2006. ISBN 3-8053-3613-6. (Darin Farbfotos aus dem Codex Vat. Reg. lat. 124 von Rabanus Figurengedichten 1–4, 7, 10, 12, 13, 15, 16, 22–25, 28 sowie des Widmungsgedichtes für Ludwig den Frommen)
  • Seraina Plotke: Figurengedichte. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 4 (1998), Sp. 516f. [zur Antike].
  • Robert G. Warnock u. Roland Folter: "The German Pattern Poem. A Study in Mannerism of the Seventeenth Century", in: Festschrift Detlev Schumann, München 1970, S. 40–73

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kalligramme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anders als die Bezeichnung „Technopaignion“ nahelegt ist das Wort im antiken Griechisch nicht belegt. Es begegnet zum ersten Mal als Titel eines Gedichts (technopaegnion oder technopaegnium - „Kunstspiel“) bei Ausonius. Möglicherweise hat er das Wort geprägt, wenn auch die Verbindung von „Spiel“ und „Kunst“ älter ist.
  2. Die hier zusammengestellten Gedichte sind (in griechischer Sprache) enthalten in: A. S. F. Gow (Herausgeber): Bucolici Graeci. Oxford 1922 (= Oxford Classical Texts). Seite 171 ff.
  3. Lilia Diamantopoulou: Griechische visuelle Poesie. Von der Antike bis zur Gegenwart. In: Maria A. Stassinopoulou, Olga Katsiardi-Hering, Andreas E. Müller (Hrsg.): Studien zur Geschichte Südosteuropas. Band 18. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien 2016, ISBN 978-3-631-69583-8.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]